1916

Der Wille Gottes und der Krieg

260

DER WILLE GOTTES UND DER KRIEG

1916

Barths Vortrag in Rohr gehörte zum Bildungsprogramm, das die Sozialdemokratische Partei des Kantons Aargau im Winter 1915/16 durchführte.1 Die Gemeinde Rohr ist etwa 12 km nordöstlich von Safenwil gelegen. 1916 zählt das eher arme bäuerliche Dorf an die 900 Einwohner, von welchen viele in Industriebetrieben des benachbarten Aarau arbeiteten. Der bereits 1916 angestrebte Zusammenschluss mit der Kantonshauptstadt wurde erst 2010 verwirklicht. Der Arbeiterverein von Rohr, die lokale Basisorganisation der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, hatte 1916 20 Mitglieder.2

Am Tag nach seinem Vortrag schrieb Barth an Eduard Thurneysen, er sei im Anschluss daran von Zuhörern «in rührender Weise» in ihr Haus eingeladen worden. «Ich sah da in eine mir ganz neue Welt hinein, allerlei Chaotisches, aber viel unmittelbares Leben und Kraft und vor allem ein erstaunliches Begreifen- und Ergreifenwollen der innernVoraussetzungen im Gegensatz zur offiziellen Partei-Art.»3

Der Wille Gottes und der Krieg.

Vortrag im Arbeiterverein Rohr
5. III 16

I

Ist es nicht zu kühn[,] vom Willen Gottes reden zu wollen? Ist der nicht verborgen? Dann möchte ich nicht leben, bes. in dieser Zeit nicht, am Allerwenigsten als Pf[arre]r. Warum beten wir denn: Dein Wille geschehe? [Mt. 6,10 par.] An was sollen wir uns denn halten? Der Wille Gottes ist kein dunkles Schicksal, hat einen klaren Inhalt.

261 Woher wissen wir von ihm? Das Gewissen protestiert gegen Unreinheit, Gewaltherrschaft, Mammonswesen, Krieg, weiß von etwas Anderem u. ruft danach, wie ein Kind nach seiner Mutter. Jesus giebt dem Gewissen recht u. giebt seinen Forderungen Kraft. Seit Jesus ist der Wille Gottes hell in der Welt, ja er lebt in den Menschen als Kraft, wenn auch erst als Samenkorn. Von einem dunklen Willen Gottes reden, heißt Jesus verleugnen.

[Warum gerade Jesus? geh hin u. vergleiche sein Leben u. Reden u. Sterben mit den Heidenreligionen, Buddha, Mohammed – oder mit der Lehre moderner Propheten – du mußt mit deinem Gewissen ausmachen, daß gerade Jesus den W[illen] G[ottes] in Klarheit u. Kraft zeigt.]4

Was zeigt uns denn Jesus?

Die rechte Religion? Lehre u. Gottesdienst u. Gefühl? Viel mehr als das! Nicht Regenbogen[,] sondern Sonne: das was eigentlich ernst u. eigentlich Freude macht, das wirkliche Leben, die Wahrheit, das Kindliche.

Die rechte Moral? Das hieße seine «Gebote» leichtsinnig nehmen, sie fordern das Unermeßliche, wecken die Sehnsucht und den Glauben an ein anderes göttliches Leben der Menschen.

Die rechte Politik? Jesus hat sich nicht damit abgegeben. Er bildet keine Partei u. schlägt keine Verbesserungen vor. Aber er ruft nach lebendigen Menschen u. bildet sie als Keimzelle einer zukünftigen Welt

Jesus geht dem Leben auf den Grund u. findet als das eigentlich Wahre u. Siegreiche eine ewige Güte. Von da aus sieht er das Leben an.

Was sind Not, Schmerzu. Tod? Sie können nicht bestehen vor dem[,] was eigentlich wahr ist. Als Sieger tritt er ihnen entgegen. Angst davor ist Unglaube. Die rechte Haltung heißt Vertrauen auf ihre Überwindung (nicht Ergebung!)

Was ists mit dem Bösen in der Welt? Selbstsucht, Gewalt, Mammon. Jesus anerkennt sie nicht als notwendig. Das ist die Herrschaft des Satans auf der Erde. Aber sie ist gebrochen. Gott ist Meister u. will es zeigen.

262 Was ists mit der menschl[ichen] Schwachheit? Sie wissen nicht, was sie tun [Lk. 23,34]. Wir sind blind. Wir wollen ohne Luft atmen. Die Sünde ist das Unmögliche. Nicht der Trost: wir sind alle Sünder. Nicht: es macht nichts! Sondern: dir sind deine Sünden vergeben! [Mt. 9,2 par.; Lk. 7,48] wenn ein Mensch stürmisch vordringt zur Wahrheit. Aus dem «schwachen» Menschen wird ein Kämpfer für Gott.

Was sollen wir tun? Keine äußerliche Gerechtigkeit erfüllen, nicht sich trösten mit Beten u. Liebeswerken u. Moral, hungern u. dürsten nach der Gerechtigkeit Gottes [vgl. Mt. 5,6], uns darauf bereit machen, daß völlige Bruderschaft u. Barmherzigkeit unter den Menschen sein kann.

Wie wird es kommen? Hindernisse sind da. Die Gewalt des Satans wird noch viel größer werden. Aber fürchtet euch nicht. Zuletzt triumphiert die Liebe. Wachet u. betet [Mt. 26,41 par.], übt Liebe[,] wo ihr könnt, dann triumphiert ihr schon jetzt und auch wenn ihr leiden müßt.

Der Wille Gottes ist die Überwindung des Bösen u. das Kommen des Himmelreichs auf die Erde durch neue Menschen .

Für den W[illen] G[ottes]  hat Jesus gelebt in so einzigartiger Weise[,] daß er sich den Sohn (> Kraft!) Gottes nennen konnte.

In seinem Kreuz siegt scheinbar der Tod, das Böse, die Sünde, die falsche Gerechtigkeit, der Satan

In Wirklichkeit bricht gerade hier der W. G. siegreich hervor

Und unser Gewissen muß bekennen: hier ist der W. G. offenbar

II

Was hat der Krieg mit dem W. G. zu thun?

Drei oberflächliche Antworten:

Der Krieg ein unerforschlicher Ratschluß Gottes, ein Schicksal, eine Naturnotwendigkeit. Wenn das wahr wäre, wäre es besser jetzt Atheist zu werden. Nehmen wir Jesus ernst, so können wir nicht so reden. Die Religion Elis [vgl. 1.Sam. 1–4].

Der Krieg Gottes Absicht, Gott wollte die Nationen, für diese Krieg unvermeidlich, also Gott im Kriege für das Vaterland. Rückfall in die Vielgötterei u. begreifliche Meinung: jetzt hat der Teufel das Wort. Jesus am Maschinengewehr?

263 Der Krieg eine göttl. Strafe für die Sünden der Völker. Hieran etwas Richtiges. Aber es spukt noch immer der falsche Gedanke, daß Gott uns Klötze in den Weg werfe, wo er uns doch gerade frei machen will.

Gegen diese Antworten [*] wehrt sich das Gewissen und das christl. Bewußtsein. Es ist nicht Glaube[,] sondern Unglaube, der daraus spricht. Der Groll gegen eine solche Religion ist begreiflich, denn bei dieser Gesinnung muß es immer wieder Krieg geben.[**]

________

So müssen wir als Christen gegen den Krieg protestieren? Pazifisten werden? Vielleicht den Weg eines Baudraz5 gehen? Wehret ihnen nicht [vgl. Mt. 19,14 par.].

Aber eine ruhige Vertiefung in den W. G. wird auf einen andern Weg führen.

Der Krieg ist nur ein Stück der vom W. G. noch nicht beherrschten Welt überhaupt. Kapitalismus! Machttrieb! Gewalt! Diese Welt- u. Menschheitstatsachen wieder [?] kann man nicht durch Reform beseitigen, weil sie im Menschen wurzeln, ihre Überwindung setzt neue M[enschen] voraus[.] Haben wir die?

Andrerseits sind wertvolle Güter der Menschheit vielfach nur durch Krieg zu retten (Russen! Italiener! Asien!) Ohne ihn rechtfertigen zu wollen, in tiefem Leid müssen wir vorsichtigerweise in gewissen Fällen bekennen: er ist unentbehrlich, solange nicht hüben u. drüben neue M. sind. Wo sind die?

Der Ausbruch des Krieges hat gezeigt, daß die Völker noch nicht reif waren, ihn zu vermeiden, die internationale Einigkeit nicht stark genug, ihn zu verhindern

So ist der Protest gegen den Krieg zunächst zwecklos, ebenso die vielen Proteste gegen den Militarismus. Es muß also geschehen u. jetzt hat der Teufel das Wort. Wir müssen Alle mit.

264 Warum müssen wir? Weil es der Wille Gottes ist? Nein, aber weil der Wille Gottes noch nicht geschieht. Weil die neuen Menschen[,] die neue Menschheit noch nicht da ist. Im Krieg rächt sich der Ungehorsam gegen den W. G. Es zeigt sich, daß unser Weg falsch war. Pazifismus u. Antimilitarismus kommen zu spät, sind nicht radikal genug. Insofern ist der Krieg eine Strafe, eine göttl. Führung, aber nie sehr klar.

Und nun? Nun nicht die Nebenfragen (Vaterlandsverteidigung u. Antimilitarismus) wichtig nehmen,[***] nun Eingehen auf den W. G.[,] der nicht Reform, sondern Revolution[.] Als Sozialisten uns vertiefen in unsern Idealen, in unsern Kampfmitteln, in unsern nächsten Zielen. Das Samenkorn des W. G. reifen lassen.

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 211.↩
2
Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, pro 1915 (s. oben S. 211, Anm. 2), S. 100 📖. ↩
3
Bw.Th.I, S. 126. 📖↩
4
Eckige Klammern von Barth.↩
[*]
[Bleistiftzusatz:] Kraftvergeudung!↩
[**]
[Bleistiftzusatz:] Es ist aber auch nicht wahr, daß Gott wegen des K[rieges] angeklagt werden kann.↩
5
Zur Kriegsdienstverweigerung von J. Baudraz vgl. oben S. 177f.↩
[***]
[Bleistiftzusatz:] Nun nicht die Menschheit anklagen, sondern sich selbst verantwortlich fühlen.↩