Der Wille Gottes und der Krieg
DER WILLE GOTTES UND DER KRIEG
Am Tag nach seinem Vortrag schrieb Barth an
Der Wille Gottes und der Krieg.
I
Ist es nicht zu kühn[,] vom Willen Gottes reden zu wollen? Ist der nicht verborgen? Dann möchte ich nicht leben, bes. in dieser Zeit nicht, am Allerwenigsten als Pf[arre]r. Warum beten wir denn: Dein Wille geschehe? [
261 Woher wissen wir von ihm? Das Gewissen protestiert gegen Unreinheit, Gewaltherrschaft, Mammonswesen, Krieg, weiß von etwas Anderem u. ruft danach, wie ein Kind nach seiner Mutter. Jesus giebt dem Gewissen recht u. giebt seinen Forderungen Kraft. Seit Jesus ist der Wille Gottes hell in der Welt, ja er lebt in den Menschen als Kraft, wenn auch erst als Samenkorn. Von einem dunklen Willen Gottes reden, heißt Jesus verleugnen.
Was zeigt uns denn Jesus?
Die rechte Religion? Lehre u. Gottesdienst u. Gefühl? Viel mehr als das! Nicht Regenbogen[,] sondern Sonne: das was eigentlich ernst u. eigentlich Freude macht, das wirkliche Leben, die Wahrheit, das Kindliche.
Die rechte Moral? Das hieße seine «Gebote» leichtsinnig nehmen, sie fordern das Unermeßliche, wecken die Sehnsucht und den Glauben an ein anderes göttliches Leben der Menschen.
Die rechte Politik? Jesus hat sich nicht damit abgegeben. Er bildet keine Partei u. schlägt keine Verbesserungen vor. Aber er ruft nach lebendigen Menschen u. bildet sie als Keimzelle einer zukünftigen Welt
Jesus geht dem Leben auf den Grund u. findet als das eigentlich Wahre u. Siegreiche eine ewige Güte. Von da aus sieht er das Leben an.
Was sind Not, Schmerzu. Tod? Sie können nicht bestehen vor dem[,] was eigentlich wahr ist. Als Sieger tritt er ihnen entgegen. Angst davor ist Unglaube. Die rechte Haltung heißt Vertrauen auf ihre Überwindung (nicht Ergebung!)
Was ists mit dem Bösen in der Welt? Selbstsucht, Gewalt, Mammon. Jesus anerkennt sie nicht als notwendig. Das ist die Herrschaft des Satans auf der Erde. Aber sie ist gebrochen. Gott ist Meister u. will es zeigen.
262 Was ists mit der menschl[ichen] Schwachheit? Sie wissen nicht, was sie tun [
Was sollen wir tun? Keine äußerliche Gerechtigkeit erfüllen, nicht sich trösten mit Beten u. Liebeswerken u. Moral, hungern u. dürsten nach der Gerechtigkeit Gottes [vgl.
Wie wird es kommen? Hindernisse sind da. Die Gewalt des Satans wird noch viel größer werden. Aber fürchtet euch nicht. Zuletzt triumphiert die Liebe. Wachet u. betet [
Der Wille Gottes ist die Überwindung des Bösen u. das Kommen des Himmelreichs auf die Erde durch neue Menschen .
Für den W[illen] G[ottes] hat Jesus gelebt in so einzigartiger Weise[,] daß er sich den Sohn (> Kraft!) Gottes nennen konnte.
In seinem Kreuz siegt scheinbar der Tod, das Böse, die Sünde, die falsche Gerechtigkeit, der Satan
In Wirklichkeit bricht gerade hier der W. G. siegreich hervor
Und unser Gewissen muß bekennen: hier ist der W. G. offenbar
II
Was hat der Krieg mit dem W. G. zu thun?
Drei oberflächliche Antworten:
Der Krieg ein unerforschlicher Ratschluß Gottes, ein Schicksal, eine Naturnotwendigkeit. Wenn das wahr wäre, wäre es besser jetzt Atheist zu werden. Nehmen wir Jesus ernst, so können wir nicht so reden. Die Religion
Der Krieg Gottes Absicht, Gott wollte die Nationen, für diese Krieg unvermeidlich, also Gott im Kriege für das Vaterland. Rückfall in die Vielgötterei u. begreifliche Meinung: jetzt hat der Teufel das Wort. Jesus am Maschinengewehr?
263 Der Krieg eine göttl. Strafe für die Sünden der Völker. Hieran etwas Richtiges. Aber es spukt noch immer der falsche Gedanke, daß Gott uns Klötze in den Weg werfe, wo er uns doch gerade frei machen will.
Gegen diese Antworten [*] wehrt sich das Gewissen und das christl. Bewußtsein. Es ist nicht Glaube[,] sondern Unglaube, der daraus spricht. Der Groll gegen eine solche Religion ist begreiflich, denn bei dieser Gesinnung muß es immer wieder Krieg geben.[**]
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So müssen wir als Christen gegen den Krieg protestieren? Pazifisten werden? Vielleicht den Weg eines
Aber eine ruhige Vertiefung in den W. G. wird auf einen andern Weg führen.
Der Krieg ist nur ein Stück der vom W. G. noch nicht beherrschten Welt überhaupt. Kapitalismus! Machttrieb! Gewalt! Diese Welt- u. Menschheitstatsachen wieder [?] kann man nicht durch Reform beseitigen, weil sie im Menschen wurzeln, ihre Überwindung setzt neue M[enschen] voraus[.] Haben wir die?
Andrerseits sind wertvolle Güter der Menschheit vielfach nur durch Krieg zu retten (Russen! Italiener! Asien!) Ohne ihn rechtfertigen zu wollen, in tiefem Leid müssen wir vorsichtigerweise in gewissen Fällen bekennen: er ist unentbehrlich, solange nicht hüben u. drüben neue M. sind. Wo sind die?
Der Ausbruch des Krieges hat gezeigt, daß die Völker noch nicht reif waren, ihn zu vermeiden, die internationale Einigkeit nicht stark genug, ihn zu verhindern
So ist der Protest gegen den Krieg zunächst zwecklos, ebenso die vielen Proteste gegen den Militarismus. Es muß also geschehen u. jetzt hat der Teufel das Wort. Wir müssen Alle mit.
264 Warum müssen wir? Weil es der Wille Gottes ist? Nein, aber weil der Wille Gottes noch nicht geschieht. Weil die neuen Menschen[,] die neue Menschheit noch nicht da ist. Im Krieg rächt sich der Ungehorsam gegen den W. G. Es zeigt sich, daß unser Weg falsch war. Pazifismus u. Antimilitarismus kommen zu spät, sind nicht radikal genug. Insofern ist der Krieg eine Strafe, eine göttl. Führung, aber nie sehr klar.
Und nun? Nun nicht die Nebenfragen (Vaterlandsverteidigung u. Antimilitarismus) wichtig nehmen,[***] nun Eingehen auf den W. G.[,] der nicht Reform, sondern Revolution[.] Als Sozialisten uns vertiefen in unsern Idealen, in unsern Kampfmitteln, in unsern nächsten Zielen. Das Samenkorn des W. G. reifen lassen.