Das Gewissen
DAS GEWISSEN
Über das selbstgewählte Thema «Das Gewissen» sprach
Im ersten Teil des Vortrags referiert Barth das von
Das Gewissen.
Und das Licht scheinet in der Finsternis [vgl.
Nikolaj Iwanowitsch Sarynzew war der glückliche Besitzer eines ausgedehnten russischen Landgutes, gewesener Offizier, Gatte einer liebenswürdigen pflichtgetreuen Gemahlin, Vater von sieben Kindern. 20 Jahre seiner Ehe lagen hinter ihm. Er hatte das Leben eines vornehmen Mannes gelebt, gelebt von den Erträgnissen der Arbeit seiner Bauern, gelebt ohne besondere Tugenden u. ohne besondere Laster, in den Tag hineingelebt wohlzufrieden mit sich selbst u. seinen Mitmenschen.
Da starb seine Schwester, die ihm bes[onders] nahegestanden hatte[,] und ihn selbst brachte eine Typhuserkrankung an den Rand des Grabes. Von da an war eine merkwürdige Unruhe in ihm. Er schloss sich ganze Tage ein, um das Evangelium zu lesen, er erhob sich |251 des Nachts zu ruhelosem Nachdenken. Er suchte Bischöfe und Einsiedler auf, um mit ihnen über religiöse Fragen zu disputieren, er ging nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder zum Abendmahl, er wurde ein fleissiger Kirchgänger. Aber nicht lange. Mit einem Male erklärte er Kirche u. kirchliche Übungen für entschieden unnötig u. ging nie mehr hin. Aber zum Entsetzen seiner Verwandtschaft u. Bekanntschaft geschieht nun etwas Anderes: er will die Bedienung durch die häuslichen Dienstboten nicht mehr annehmen[,] weil er weiss[,] dass er Gottes Kind ist u. alle Menschen Brüder u. dass darum Alle die gleichen Ansprüche auf das Leben haben.2 Er fängt an, mit beiden Händen zu verschenken und scheint sich um das Leben seiner Bauern u. Tagelöhner unendlich viel mehr zu interessieren als um das seiner Familie. Er verweigert seinem Sohne die Mittel zum Eintritt in die Armee, denn der Militärdienst ist ihm jetzt eine rohe grausame Tätigkeit u. freiwilliger Militärdienst gar einfach eine Niederträchtigkeit. Es ereignet sich ein Holzdiebstahl in seinen Wäldern, er macht alle Anstrengungen zugunsten des Diebs u. ist trostlos, als er zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt wird[,] denn «ich habe kein Recht auf den Wald. Die Erde gehört Allen. Ich habe keine Arbeit hineingelegt»!3 Er lässt unzweideutig durchblicken, dass er noch ganz andre Dinge im Sinn trägt, nämlich sozusagen sein ganzes Vermögen u. Land unter die Bauern zu verteilen, im Gutshaus eine Schule zu errichten u. sich mit seiner Familie als einfacher Arbeiter in die Gärtnerwohnung zurückzuziehen. –
Seine Verwandten u. Bekannten stehen völlig ratlos vor dieser Erscheinung. Schrecklich, schrecklich! jammert seine Frau, es ist Alles so unbestimmt!4 Ja es ist wirklich Alles sehr unbestimmt. Er handelt nicht nach einem Plan oder Programm oder System. Es ist für alle Andern zunächst völlig unerkennbar[,] woher u. wohin sein Weg führt. Er hat es sich wie zum Grundsatz gemacht, nicht mehr nach Grundsätzen zu leben. Er rät es auch Andern: [«]Du musst nicht handeln, nachdem du überlegt u. das Bestimmte zu thun für nötig befunden hast, sondern dann, wenn dich dein ganzes Herz, dein gan|252zes Wesen dazu drängt, u. wenn du fühlst, dass es nicht anders sein kann[.]»5Aber sein Herz u. sein Wesen treiben ihn in eine ganz bestimmte Richtung. Seit er an Gott glaubt, sind ihm einfach die Augen geöffnet für das Leben, für die Grundlagen u. Voraussetzungen des Lebens u. er hat erkannt, dass der Wille Gottes ein anderer ist als der Wille des Menschen. Der Gedanke wird ihm furchtbar, dass er dem Schweiss u. der Not des Volkes sein Brot, seine Ruhe, seinen Genuss verdankt, unerträglich der offene Gegensatz zwischen der sauren Arbeit seiner Bauern und der geistreich-tändelnden Unterhaltung seiner Gäste u. Kinder, unerträglich die Ordnungen der Gesellschaft[,] des Staates u. der Kirche, die alle nur darauf angelegt scheinen[,] die grosse Ungerechtigkeit des Lebens zu verhüllen u. aufrechtzuerhalten. Was thun? Den Andern, den armen entrechteten Brüdern nützlich sein, solange diese Ordnungen noch gelten, das kann man im Grunde nicht. Das Übel sitzt zu tief. Aber ebensowenig kann man warten auf die Lösung durch allgemeine Massnahmen, jedenfalls nicht ohne zu leiden unter dem innern Zwiespalt.6 So giebt es im Grunde nur eines: sehen, sehen muss es der Einzelne, wie es um ihn steht, bis es ihm ganz klar wird: ich kann dieses Leben nicht mehr fortsetzen, bis die Erkenntnis u. der Wille in ihm durchbricht: ich für mich kann nicht mehr mitmachen, nicht mehr teilnehmen, nicht mehr dabei sein, um Gottes Willen nicht mehr dabei sein. Auf diesem Punkt steht Nikolaj, von da aus handelt er. «Mein Leben ist nicht mehr meines, ich bin da für Gottes Werk.»7 «Ist es denn nicht wahr, dass wir in jeder Minute sterben können und entweder ins Nichts oder zu Gott eingehen, der ein Leben nach seinem Gebot von uns verlangt? Was kann ich denn in diesem Leben anderes tun, als nur das allein, was der höchste Richter in meiner Seele, Gott, von mir verlangt? Und das Gewissen, Gott, verlangt, dass ich alle Wesen gleich achten, alle lieben, allen dienen soll.»8 So ist Nikolaj mit seiner Erkenntnis u. seinem Willen kraft seines Gewissens durchgebrochen in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes [vgl.
253 An der Wahrheit u. Wucht dieses inneren Durchbruchs scheitert zunächst aller Widerspruch der Welt. Die wohlfeilen Argumente der Gesellschaftsmenschen um ihn her, die leidenschaftlichen Proteste seiner Frau zerknicken wie Strohhalme an seiner Gewissheit: man kann so nicht leben. Der Vertreter der Religion, der Vater Gerassim erinnert ihn im Namen u. mit der Autorität der Kirche an seine Christenpflichten u. bezichtigt ihn des Hochmuts u. des Eigendünkels. Was ist Nikolaj leichter, als der Autorität der Kirche die Autorität Christi entgegenzustellen?
Er will zwar niemanden überreden dazu, seinen Weg mit ihm zu gehen. Er weiss zu gut: von der Wahrheit kann man niemand überzeugen, mit Worten ist da nichts auszurichten. Er weist die Aufmerksamkeit der Andern ausdrücklich zurück, soweit sie ihm selbst gilt: du musst nicht mich verstehen, du musst dich selbst, musst das Leben verstehen. Du musst dich selber fragen: ist das ein Leben, dieses Dasein auf Kosten Anderer, als Schmarotzer, im Grunde freudlos u. unglücklich? Aber er ist auch dessen vollkommen sicher: die Wahrheit selbst muss eigentlich alle Menschen überzeugen, es giebt da keinen Widerstand. Er steht seiner verängsteten nur auf ihren Haushalt u. ihre Kinder bedachten Frau gegenüber in der ruhigen Gewissheit: unbedingt wird sie einmal verstehen. Er sagt es seiner hoffnungslos weltlichen u. oberflächlichen Schwägerin ins Gesicht: auch für dich wird der Tag einmal kommen, wo du verstehen wirst. Er ist im Innersten vollkommen ruhig darin, dass er in der Wahrheit lebt, die sich selbst beweist.
Und sie beweist sich, nicht nur darin, dass keine Einrede gegen sie aufkommen kann. Sie wirbt u. gewinnt tatsächlich Anhänger und Bekenner. Sie droht eine Macht zu werden. «Diese Kraft der Überzeugung muss man aber doch bewundern»9[,] stottert die Schwägerin, u. man spürt ein heimliches Zittern des Bodens[,] auf dem die ganze scheinbar so kluge u. sichere Gesellschaft steht. Sie hat ihren Feind u. Erlöser erkannt, das selbständige Gewissen[,] das reden muss u. reden darf. Ein junger Priester kann eines Tages nicht mehr widerstehen, muss einsehen, dass er betrogen wurde u. betrogen hat[,] u. verlässt seinen Beruf u. die Kirche. Ein junger Fürst, Boris Tscheremschanow, |254 der um Nikolajs Tochter wirbt[,] öffnet die Augen u. sieht[,] dass es nicht geht mit diesem Leben, dass er nicht mehr mitmachen kann. Mit jugendlicher Kraft tritt er den neuen Weg an. Nur nicht die Entscheidung hinausschieben, die doch einmal fallen muss! Nur nicht länger zaudern damit, den Andern zu dienen. Er verweigert den Militärdienst. Wiederum dieselbe Ratlosigkeit auch um ihn herum. Was versteht der General, der nur gehorsame Soldaten oder Arrestanten kennen will, was versteht der Gerichtsbeamte, der nach revolutionären Umtrieben wittert, was versteht der Feldprediger[,] der die Soldaten
Aber wohin soll der Weg solcher Menschen führen? Er kann nicht anders endigen als mit der äussern Niederlage, mit der Lächerlichkeit u. dem Misserfolg, mit dem Leiden u. mit dem Kreuz. Der Mensch[,] der sich gegen die Götter dieser Welt erhebt im Namen des lebendigen Gottes[,] muss schliesslich wie
In seiner Seele u. in der Seele seiner mit ihm erlegenen Freunde ist allerdings etwas geschehen. Das ist das Ende dieser Geschichte[,] die doch kein Ende hat u. keines haben kann.
Und das Licht scheinet in der Finsternis [vgl.
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Nun hat uns
Das Gewissen steht in unsrer Welt drin als erster schlichtester aber auch sicherster Zeuge einer andern Welt. Handel und Wandel, Menschenfreude u. Menschenleid, Krieg u. Friede, Pflicht, Beruf, Familie, |256 Moral, Kirche u. Vaterland. Das Alles steht auf der einen Seite, das Gewissen auf der andern. Es hat seine eigenen Gründe u. Notwendigkeiten, es hat seine Wahrheit in sich selbst. Was es will u. meint, kann von der Vernunft nicht errechnet u. von keinem Menschen einem Andern gelehrt werden. Klein u. schwach u. ungewiss scheinbar steht es da gegenüber unsrer ganzen grossen selbstverständlichen und konsequenten Welt und hat uns eigentlich nichts zu sagen als wie
Das ist seine Stärke, das[,] was nach ihm kommt, das[,] was hinter ihm steht. Darin liegt seine Macht, dass es nur ein Vorposten ist, dem das gewaltigste Heer folgen [muss], dass wir spüren, es zeugt von der Welt[,] die die wahre Welt ist. Im Gewissen redet eben Gott. Das Gewissen ist geradezu Gott in uns. So sicher wir nicht im Stande sind, uns von Gott loszureissen, so sicher können wir auch das Gewissen nicht verleugnen. Und so sicher wir das Gewissen walten lassen, so sicher treibt Gott sein Werk in uns. Du kannst an Allem irregeworden sein, an Gott u. an den Menschen u. an dir selbst, solange das Gewissen in dir redet, solange bist du kein Ungläubiger, sondern ein Gläubiger. Du kannst tief gesunken sein[,] weit abgekommen von deiner Bestimmung auf thörichte Nebenweglein, schwer dich verwickelt haben in die allgemeine Schuld, die auf uns lastet, du bist nicht verloren, solange das Gewissen auf seinem Posten steht. Und die Menschheit ist nicht verloren, trotz all ihrer Irrgänge ins Niedrige Tierische hinein, trotz ihrer Verleugnung ihres Besten, trotz all dem Blut u. all den Thränen, die Tag für Tag zum Himmel schreien; sie bleibt doch der Ort, wo Gott seine Hütte bauen will [vgl.
Was ist das Gewissen? Keine Erkenntnis, kein Entschluss, keine Lebensregel, kein Reformprogramm. Nur ein ungeheurer einheitlicher |257 Trieb in uns, das Tiefste[,] was im Menschen ist, das Gewaltigste[,] was über ihn kommen kann[.] Was dann an den Tag kommt von Worten u. Taten aus der Kraft des Gewissens, das sind nur die Lavamassen, die von dem unterirdischen Vulkan an die Oberfläche geschleudert werden. Das Gewissen erschöpft sich nie in dem[,] was die Menschen[,] die von ihm bewegt sind, sagen u. tun können. Das Gewissen kann auch daraus allein nie verstanden werden. Dieser Trieb selber ist immer grösser, klarer, heiliger als das[,] was er hervorzutreiben vermag. Wie sollen wir ihn schildern? Er ist das Heimweh nach dem verlorenen Paradies, nach dem Leben mit Gott u. in der Liebe[,] in dem wir eigentlich zu Hause sind. Er deckt uns auf, wie wir eigentlich alle mit allen unsern Kräften die Gewichte vermehren helfen, die uns aus diesem wahren Leben[,] für das wir bestimmt sind, hinweg u. in die Tiefe ziehen. Er stellt vor uns hin als Ziel u. als Notwendigkeit die Herrschaft, das Reich Gottes, die Wiederaufrichtung jenes Lebens nach seinem Willen[.] Er macht uns selber persönlich verantwortlich: du bist der Mensch[,] der es bisher ohne Gott gemacht hat! du hast dieses Leben gelebt! du hast diese falsche Welt gebaut! du hast keinen Rückweg noch Ausweg als den, dich für die ganze Welt Gott wieder in die Arme zu werfen! Du musst die Augen öffnen! Du musst merken! Du musst handeln! Du musst es wagen[,] den zerrissenen Faden des wahren Lebens wieder aufzunehmen. Du kannst nicht anders! Dieser Trieb[,] der von Gott her kommt u. zu Gott hin leitet, ist das Gewissen.
Wie schafft es? Es schafft in uns, wie eben ein Trieb schaffen muss, hinter dem die Ewigkeit steht. «Ist es denn nicht wahr, dass wir in jeder Minute sterben können und entweder ins Nichts oder zu Gott eingehen?»14 Rücksichtslos ergreift u. führt es das Wort. Es fragt nicht nach unsrer Zufriedenheit oder Traurigkeit, nicht nach guten u. bösen Folgen, nicht nach persönlicher Würdigkeit oder Unwürdigkeit. Es weiss nichts Anderes u. will auch nicht[,] dass du etwas Anderes wissest, als dass Gott recht haben will. Strafendes, mahnendes, gutes Gewissen: es ist im Grunde nur eins u. will nur eins von dir: hin zu Gott u. dem wahrhaftigen Leben! Und lässt sich nie einschüchtern durch Alles was man gegen es vorbringen mag. Es lässt sich immer viel einwenden gegen die Meinungen des Gewissens. Du liebe Zeit, wie trotzig u. |258 unvermittelt stellt es das so hin: das ist nicht recht! so kann man nicht leben! das muss anders werden! Da kommen wir gelaufen mit der Vernunft u. spinnen wichtige Ansichten u. Theorien, mit einerseits – andrerseits etc.[,] um das Gewissen einzuspinnen. Da kommen wir mit der Notwendigkeit der Tatsachen u. Verhältnisse u. bauen hohe Mauern: es muss so sein! man kann nicht anders! Da kommen wir u. schleppen die ganze Geschichte daher u. beweisen sonnenklar, das Gewissen müsse Unrecht haben, denn seit Anbeginn der Welt sei es nicht anders gewesen[,] u. hängen ihm Bleiklumpen an den Hals: es war! es war! es war! Und das Gewissen kann dagegen so wenig machen u. hält auch wirklich ganz still u. wehrlos hin u. lässt alles über sich ergehen wie der schlafende
Was thun? Hören! Aufreissen lassen! Parole vernehmen, Verwirrung sehen[,] in der wir sind, Botschaft hören. Alles erleben u. durchmachen. In Alles hinein. Aufrichtig werden, damit Thüren weit, Thore hoch werden, der König der Ehren einziehen kann [vgl.
Das Licht scheinet in der Finsternis [