1916

Unsre Stellung zur Kirche

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UNSRE STELLUNG ZUR KIRCHE

1916

Laut Eintragung Barths in seinem Taschenkalender hielt er dieses Referat am 24. Januar 1916 nachmittags in Rümlingen bei Gelterkinden in einem kleinen Kreis von (religiös-sozialen) Pfarrern, überwiegend aus dem Kanton Basel-Land, in dem auch das Dorf Rümlingen liegt. Außer dem gastgebenden Pfarrer Hans Kober nahmen die Baselbieter Lukas Christ, Hans Nidecker, Karl Sandreuter und Gottlob Wieser sowie die Aargauer Guido Ammann und Paul Schild teil.

Unsre Stellung zur Kirche.

Rümlingen, 24 I 16

Es ist nicht entscheidend, dass wir zur Kirche «Stellung» nehmen, positiv od. negativ. Wohl aber, dass wir auch in Bez[ug] auf die Kirche lebendige Menschen sind, in innerer Arbeit1a auf ein Ziel hin stehen. Das müsste ein Stärkerer als ich sagen! Von mir gesagt mag das klingen wie Auskneifen oder Prätension. Ich kann es nicht vermeiden u. muss doch, wenn denn geredet sein soll, diese Antwort geben.

I

Im Thema ist von «uns» die Rede. Dazu gehören Alle, denen Gott zur entscheidenden Realität ihres Lebens u. Denkens geworden ist u. zw. Gott[,] so wie er im N. T. uns entgegentritt, also der Gott[,] der nicht nur ruhende Macht, sondern wirkende Kraft ist, von dem wir etwas erwarten. Alle die in realer Weise von Gott beunruhigt u. getröstet werden. Ich denke dabei an uns Pfarrer insbesondre.

247 Andrerseits die «Kirche». Die wirkende Kraft Gottes hat in den Menschen u.A. die Form der «Religion», des subjektiven Verhältnisses der Verehrung, Liebe ... zu Gott angenommen. Die Kirche ist – zweiter Schritt! – die Organisation dieser abgeleiteten Wirklichkeit zwecks Pflege u. Verbreitung. Sie ist – drittens – eine bestimmte durch eine geschichtliche Tradition charakterisierte Organisation. Und diese Organisation ist für uns speziell ein Amt, ein Beruf

Die Frage würde sich also in eine ganze Reihe auflösen:

  1. Anerkennen wir unsern eigenen Beruf oder müssen wir ihn eigentlich als ein Unding betrachten?
  2. Sollen wir die kirch[liche] Tradition fortsetzen oder abbrechen?
  3. Ist die Organisation der «Religion» etwas Mögliches u. Wünschenswertes?
  4. Ist «Religion» etwas Berechtigtes oder muss sie durch ein realeres Verhältnis zu Gott überwunden werden?

II

Sobald jene eigentümliche reale Beunruhigung u. Tröstung durch Gott eintritt, legt sich auch die Negation nahe u. tritt stark in den Vordergrund: Propheten gegen Priester, Urchristentum (Paulus!) gegen Synagoge, Franz v. Assisi gegen Klerus u. Klöster, Gottfried Arnold gegen protestantisches Kirchentum. So die Blumhardt’sche Bewegung gegen die moderne Kirchlichkeit. Kierkegaard. Kutter. Ragaz. In dieser Reihe u. Bewegung stehen «wir» drin.

«Unsre» Kritik an der Kirche ist bekannt: Das[,] worum es sich eigentlich handelt, wird veräusserlicht u. mechanisiert durch das Amt, wird verfälscht u. verweltlicht durch die Tradition u. Organisation, wird verinnerlicht u. verjenseitigt durch die Religion.

Ebenso «unsre» Postulate: statt Pfarrer freie Geistesträger, statt Tradition neue Formen (Sozialismus)[,] statt Organisation der Religion praktische Arbeit, statt Religion Erlebnis Gottes.

Wir kommen her von einer ganzen Woge von solchen Negationen. Ihre Resultate, von denen wir nicht weichen können, lauten:

  • a) Kirche u. Gottesreich ist zweierlei
  • b) Die Kirche ist {absolut/sehr oft} ein Hindernis des Gottesreiches.

248 Die praktische Folge, bei der wir ein weniger gutes Gewissen haben, ist die, dass wir nur noch widerstrebend u. wie an einem Faden mit der Kirche zusammenhängen, eigentlich nur insofern, als wir der Kirche (uns selbst, der Frömmigkeit u. Kirchlichkeit der Gemeinde, den andern Pfarrern) gegenüber sehr viel zu kritisieren u. zu postulieren haben. Wir sind die ewig Unzufriedenen u. die kühnen Schwärmer

III

Das naive Ja gegenüber jenen Fragen ist unmöglich. Es giebt zwar auch Beispiele; wir verstehen sie wohl. Aber es kann uns bei unserm Nein auch nicht lange wohl sein.

Wir machen die Erfahrung, dass wir mit unsern Kritiken u. Postulaten nicht erlösend wirken, wir müssen den Vorwurf der Ungerechtigkeit hören u. können nicht ganz widersprechen, wir machen den Eindruck einer neuen kirchlichen Partei oder Methode, wir kommen uns selber dürftig vor mit unsern Kritiken u. Idealismen.

Wir müssen uns aber auch sagen, dass die Negation der Kirche in der Geschichte immer aus einer tiefern Position hervorging, aus einer Indifferenz gegen Kirche-Nichtkirche. Ernst v. May1b: wozu Nein? Kutter: wozu Ja?

Aus der Orientierung an Gott folgt zunächst weder Ja noch Nein, sondern ein stärkeres Leben mit Gott u. ein kräftigeres Leuchten seines Lichtes in uns

Von da aus dann mit gleicher Freiheit u. Kraft Position oder Negation.

IV

Die Haltung Jesu. Ihre unausgesprochenen Voraussetzungen: Dankbarkeit od. Ehrfurcht[.] Synagoge, Tempel, Schrift = die Stätte der Offenbarung. Gehts uns nicht auch so? (Äschbacher2, Papa3, Theologie, Pfarramt)

249 Nimmt Schuld auf sich bis zur stärksten Identifikation (Mt 5!) ohne Grund, wir mit unserm viel schwächern Glauben an Gott dürfen es um so mehr (Formalismus, Verweltlichung, Vergröberung etc.)

Beides unbeschadet hier «mehr ist als der Tempel» [Mt. 12,6]

Die Kirche wird ihm unwichtig[.] Brechet ab ... [Joh. 2,19] sie kann durch andre Formen abgelöst werden. Das können auch wir durch Beweglichkeit u. gewisse Gleichgiltigkeit nicht genug zeigen

Die Kirche[,] wo sie hindert[,] wird scharf angegriffen: Wehereden [Mt. 23,13–36], Tempelreinigung [Mk. 11,15–19], Sabbat [Mk. 2,27], Korban [Mk. 7,11]

Aber kein grundsätzl[icher] Gegensatz: sie sollen euch geisseln [Mt. 10,17] Gegensatz heisst: Gott – Welt      nicht      Gott – Kirche

Er wirkt in der Kirche als der[,] der er ist (auch ausserhalb!) geht in die Synagoge, Tempel, zu d. Pharisäern

Heilungen: Wassersüchtiger [Lk. 14,2–6] – Besessener [Mt. 12,22; Mk. 5,2–20 par.] [–] 18jähr[ige] Kranke [Lk. 13,11–17].

Reden: mit Erfolg: Entsetzen etc.

Simon ich habe dir etwas zu sagen. [Lk. 7,40] [*]

Sachfußnoten

1a
Mit «innere Arbeit» nimmt Barth hier einen Begriff von Hermann Kutter auf; vgl. etwa dessen Schrift Die Revolution des Christentums, Leipzig 1908, S. 259 📖: «Der Glaube ist eine innere Sache, die der Christ mit sich und seinem Gotte abzumachen hat. Das Christentum weiß das auch gut, wenn es vom ‹innern Leben› im Gegensatz zum äußern spricht. Es vergißt dabei nur das entscheidende Moment, daß das innere Leben innere Arbeit, nicht inneres Genießen bedeutet.»↩
1b
Ernst von May, einst Schulkamerad Barths in Bern, hatte als Redner von Seiten der Heilsarmee an der von Barth Ende November 1915 in Safenwil initiierten Besinnungswoche teilgenommen (vgl. Bw.Th.I, S. 95.106f. 📖)↩
2
Robert Aeschbacher (1869–1910), Karl Barths Konfirmator, einst Schüler von dessen Vater Fritz Barth. – Vgl. Busch, S. 42f. 📖↩
3
Fritz (Johann Friedrich) Barth (1856–1912), seit 1891 Professor für Kirchengeschichte in Bern. M. Lauterburg schreibt über ihn (Fr. Barth, Christus unsere Hoffnung. Sammlung von religiösen Reden und Vorträgen, Bern 1913, S. IXf. 📖): «Was ihn im Innersten ergriffen hatte, [...] das war nichts anderes als der einfache, aber weltüberwindende Glaube an Jesus Christus, den Herrn der neuen Menschheit, in dem und durch den Gott dem einzelnen und der Gesamtheit Heil und Frieden schafft. [...] sein Christentum war aktiver Art, lebengestaltend, von calvinischem Geist durchglüht und wußte von keiner göttlichen Erwählung, außer wo sich einer opferwillig und ohne falsche Schonung in den Dienst der Militia Christi stellt.»↩
[*]
[Bleistiftzusatz:] Position u. Negation möglich, müssen es sagen? Kl[eine] Gem[einden] besser dran?↩