Die Gewerkschaftsbewegung
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Der Titel von Barths Vortrag lautete im Programm: «Arbeiterverbände einst und jetzt. Die Zünfte. Die Berufsgenossenschaften.» Informationen zur Arbeiterfrage hatte sich Barth im Winterhalbjahr 1913/14 in einer umfangreichen Sammlung zusammengestellt.2 Die Überschrift, die Barth selber dem Vortrag gab, und den Gedankenaufbau hat er einem Kapitel von
In
Die Gewerkschaftsbewegung
Ein sehr andres Bild als die Zünfte des Mittelalters.
An Stelle der Spezial- u. Qualitätsarbeit ist der Maschinenbetrieb und die Arbeitsteilung getreten, die den Arbeiter mehr oder weniger zum Handlanger od. Maschinenteil macht.
Aus dem Gesellen von einst, dem Berufsgenossen des Meisters, der das Meistertum vor sich hatte, ist der lebenslängliche um Lohn schaffende Fabrikarbeiter geworden
Aus dem Meister einer Kunst der Industrielle, der «Herr» scil. des Geldes und der Arbeitsmittel
Aus dem persönlichen u. sachlichen Dienstverhältnis von Meister u. Geselle ein reines Marktverhältnis: Arbeitsangebot u. Nachfrage
Dieses neue Verhältnis ist die Folge der «Errungenschaften» der Neuzeit: Kapitalismus, Technik, Gewerbefreiheit.
Der Industrialisierungsprocess ist noch nicht abgeschlossen. Von 1890–1911 hat sich in der
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Die Regelung der Arbeitsbedingungen in diesem neuen Verhältnis ist zunächst eine Frage der Macht. Diese ist auf Seiten der Unternehmer: Der Arbeiter ist darauf angewiesen, unter allen Umständen seine Arbeit anzubieten. Und dabei kommt er sofort in Nachteil, indem er dabei sich selber (Zeit, Gesundheit, Seele) engagiert. Es entsteht aus diesem ungleichen Machtverhältnis der Gegensatz der Klassen u. bleibt bestehen, auch wenn persönl. Wohlwollen, staatl. Gesetzge|267bung und Selbsthilfe ihn einigermassen mildern kann. Die «Freiheit» der Neuzeit hat eine wachsende Zahl von Menschen in die stärkste Unfreiheit versetzt.
Diese schwächere Stellung des Arb[eiters] bedingt eine Reihe von Nachteilen für ihn: Der Unternehmer kann sich mit der Ausrichtung eines Minimums von Lohn begnügen, kann die Arbeitszeit nach seinem Ermessen verlängern, kann die Fabrikordnung (Bussen!) zu seinem Vorteil aufstellen [**], kann aus geschäftlichen Gründen die Arbeitsgelegenheit ganz oder teilweise aufheben, kann ältere Arbeiter ausschalten, kann durch Heranziehung billiger Arbeitskräfte (Frauen, Kinder, Italiener!) event. Ansprüchen entgegentreten. Er kann das Alles als «Herr im Hause»8 und tut es tatsächlich.
Es geht nicht an, dem gegenüber sich auf löbliche Ausnahmen zu berufen, in denen das Gute des alten Zunftverhältnisses noch fortlebt. Das Arbeitssystem als solches bedeutet: Ausbeutung der Arbeitskraft unter völliger Rücksichtslosigkeit gegen den Menschen. Das beweist die erste ungehemmte Phase der Industrialisierung und die prinzipielle Haltung des Unternehmertums bis heute.
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Eine Gewerkschaft9 ist eine Vereinigung solcher moderner Arbeiter mit dem Zweck, der Macht des Geldes die Macht eines gemeinsamen guten Willens entgegenzustellen
Es ist nicht blos das Interesse, sondern der gute Wille, der im Proletarier wieder erwacht. Er möchte dem System zum Trotz ein Mensch sein.
Darum vereinigt er sich mit seinesgleichen zur Vorbringung von Wünschen beim Unternehmer u. sammelt gleichzeitig Kräfte, um als verhandlungsfähige Macht aufzutreten.
Es vereinigen sich die Arbeiter des gleichen Berufes.
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268 Die Anfänge der G[ewerkschafts-]Bewegung fanden in
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Organisation10: Nationale Verbände (mit Zentralisierungstendenz!) Zentralvorstand, der die Hauptkasse verwaltet. Lokalsektionen. Besoldete (schlecht!) Sekretäre zu Agitation, Verwaltung, Verhandlung mit Unternehmer. Nationale und Internationale Kongresse. Internat[ionales] Sekretariat (
Aufnahme: In England Ausweis über eine Lehrzeit, in Deutschland über eine bestimmte Gesinnung
Pflichten: Wirken für Verband, Disziplin, Beiträge (oft in Klassen geordnet)
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| Statistisches | 1910 | Deutschland: | 2,7 Mill. | ┐ | 269 |
| 2,3 Mill. | │ | ||||
| 1,7 Mill. | ├ | Total 10 | |||
| 977 000 | │ | Mill.12 | |||
| 783 000 | │ | ||||
| 93 000 | ┘ | ||||
| 1912 | Schweiz | Metallarbeiter | 15 238 | ┐ | |
| (freie | Uhrenarbeiter | 14 518 | │ | Total | |
| Gew.) | Transportarbeiter | 13 918 | ├ | 86 31313 | |
| Holzarbeiter | 7 870 | │ | |||
| Textilarbeiter | 5 963 | ┘ |
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Unterstützungswesen14
Die Verbände hatten im Jahre 1912 insgesamt eine Gesamteinnahme von 2,049,071 Fr., der eine Gesamtausgabe von 1,614,899 Fr. gegenübersteht. Die Hauptposten der Einnahmen bewegten sich in den letzten drei Jahren wie folgt:
| Eintritts-Gelder | Statutarische Beiträge | Freiwillige und Extrabeiträge | |
| 1912 | 16,260 | 1,847,823 | 43,654 |
| 1911 | 6,435 | 1,599,419 | 46,677 |
| 1910 | 10,385 | 1,465,411 | 72,455 |
270 Die Ausgaben verteilen sich folgendermassen:
| Arbeitslosenunterstützung | 88,945 Fr. |
| Reiseunterstützung | 42,712 Fr. |
| Umzugsunterstützung | 10,453 Fr. |
| Krankenunterstützung | 390,178 Fr. |
| Invaliden- und Sterbegeld | 110,105 Fr. |
| Unterstützung in Notfällen | 9,484 Fr. |
| Gemassregeltenunterstützung | 14,714 Fr. |
| Rechtsschutz | 13,446 Fr. |
| Agitation und Bildung | 80,630 Fr. |
Die Gewerkschaften sind hier eine moralisch u. materiell immer mehr anerkannte Ergänzung der Armenpflege. Speziell die staatl. Arbeitslosenfürsorge lehnt sich meist an diese Einrichtungen an (Genter System,
Die entscheidende Tätigkeit der Gew. ist der Kampf um die Erringung besserer Arbeitsbedingungen gegenüber dem Unternehmertum.
«Streikvereine» sind die G. nicht, denn die Arbeiter wollen arbeiten, aber zu bessern Bedingungen: Lohnerhöhung, Arbeitsverkürzung, Werkstättenordnung etc. Es herrscht gerade in den gut ausgebildeten Organisationen die Tendenz, Streiks zu vermeiden. Aber ohne die Möglichkeit zu[m] Streiken hat die Koalition keinen Sinn. Die Einstellung der Arbeit ist die einzige Waffe des Proletariers. Um den Frieden, der damit gestört wird, ist es oft nicht schade. (Es sind darum die sog. «gelben» Gewerkschaften16, die allem Kampf ausweichen, eine bedauerliche Erscheinung, da sie nur dazu dienen, die Arbeiterschaft zu zersplittern) Zu verlangen ist nur, dass nicht mutwillig gestreikt werde. Dafür ist aber gesorgt:
Die deutschen G. haben von 1900–1910 ihre Mitgliederzahl verdreifacht, ihre Einnahmen versiebenfacht17, die Zahl der Streiks nur verdoppelt. 1905 sind 56,0 %, 1911 69,9 % aller Lohnbewegungen |271 «trocken» verlaufen.18 [***] Dies das Verdienst der Organisationen. Häufig u. mutwillig sind die Streiks[,] wo die O[rganisation] schlecht ausgebaut ist.
Der Zentralvorstand entscheidet[,] ob der Kampf ausbrechen darf. Disziplinlosigkeit würde Entziehung der Streikunterstützung nach sich ziehen. (
Er wird sich dabei zu fragen haben[,]
a) ob das Verlangen der betr. Arbeiter gerechtfertigt ist
b) ob Mittel genug vorhanden sind, moralisch u. materiell[,] den Kampf aufzunehmen
c) ob Aussicht ist[,] die Unternehmer wirksam zu bedrängen
Hilfsmittel im Kampf sind:
a) Förderung der Abreise von Arbeitern
b) Boykottierung der Waren der betr. Firma
c) Abhaltung von Zuzug
Hier entsteht das Problem der «Arbeitswilligen», die von den Streikern informiert resp. abgewehrt werden. Wer sind sie? Einzelne Egoisten? Berufsstreikbrecher? Ruhige Mehrheit der Arbeiter? Abhängige ältere Leute?
272 Prinzipiell verdient der Kampf der G. um Besserstellung die tiefere Sympathie. Der Staat wird wohl seine Rechtsordnung aufrecht erhalten müssen, soll sich aber hüten, durch Extragesetze den Schein zu erwecken, als diene seine Macht dem Kapital.
Direkte Aktion (
Zur Abwehr der Streikbewegungen dienen die Arbeitgeberverbände[,] 1912 5,5 Mill. Arbeiter umfassend, gegen 3,03 in den Gewerkschaften (Deutschland)22 Unterstützen sich durch Arbeitsnachweise, schwarze Listen, Übernahme von Streikarbeit, Kundenschutz, Streikversicherung, Aussperrungen, Organisierung von gelben Gewerkschaften.
Das Risiko eines Streiks für beide Teile bringt das Verlangen mit sich nach Verständigungen: Tarifgemeinschaften.23 Wird möglich bei guter geschlossener Organisation beiderseits
Deutsche24 Buchdrucker hatten 1890 letzten grossen Streik[.]25 Seit 1896 Tarife: T[arif-]Ausschuss u. T. Amt, Kreisämter, Vertrauensleute, |273 52 Schiedsgerichte. Verbandsverkehr. 9 St[unden-]Tag, Löhne nach Alter[s]skala mit Lokalzuschlägen. Lehrlingsordnung
| In |
1908 | 111 650 | Firmen mit | 974 564 | Arb. |
| Im |
1908 | 1 793 | Firmen mit | 11 150 | Arb.26 |
Ob der Krieg im Sinne einer Verschärfung oder Milderung dieses Kampfes dienen wird, ist schwer zu sagen. Sicher bleibt dieser Kampf, solange die kapitalistische Ordnung bleibt. Moral Predigen nach unten u. oben hilft nicht viel, wohl aber ist ein neuer Geist nötig, der die neue Ordnung bringt.
In den Gew. betätigt sich jetzt schon etwas davon. Versuchen Sie, es zu würdigen: Die Demokratie soll einziehen in das Erwerbsleben. Je stärker die Gew. werden, desto würdiger treten sie auf dabei. Die Leistungsfähigkeit der Industrie nimmt nicht ab sondern zu. Der dumpfe Hass der Besitzlosen wird in fruchtbares vorwärtsführendes Klassenbewusstsein verwandelt. Das Gew.[-]Leben verlangt u. fördert persönl. Erziehung: Überwindung des Privategoismus durch Solidarität.
Probleme der G[ewerkschafts-]B[ewegung]
a) Grössere Ausdehnung (in der
b) Teilnahme der Frauen, der Hausindustriellen, der Ungelernten
c) Überwindung der polit[ischen] und konfess[ionellen] Spaltungen
Grenzen der G. B.28
a) Vermehrung blos des Lohn- nicht aber des Realeinkommens der Arbeiter
b) Unzugänglichkeit des Kapitalzinses, der Bodenrente, des Handelsprofits
274 c) Politische Hindernisse29
d) Gefahr der berufl. Engherzigkeit (
So ruft die G. B. nach Ergänzung durch das Genossenschaftswesen u. durch die politische Sozialdemokratie
| Literatur: | Gewerkschaftl. Rundschau34 |