1919

Christliches Leben

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CHRISTLICHES LEBEN

1919

Zu diesem Vortrag am Vormittag des Pfingstmontags, 9. Juni 1919, bei einer Versammlung der Christlichen Studenten-Vereinigung (CSV) in Aarburg, 5 Kilometer westlich von Safenwil, war Barth erst am Abend des 6. Juni telegraphisch aufgefordert worden, nachdem der vorgesehene Redner Friedrich Wilhelm Foerster abgesagt hatte. Zur Vorbereitung hatte er nur die dem Vortrag vorausgehende Nacht. In dem Brief vom 10. Juni 1919, in dem er Eduard Thurneysen dies mitteilt, findet sich auch eine Schilderung der Aarburger Diskussion.1 Als Barth Anfang September 1919 die Einladung zu dem Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» in Tambach (s. unten S. 546–598) annahm, griff er zu dessen Vorbereitung auf den Aarburger Vortrag zurück.2

Christliches Leben

Aarburg CSV 9. VI 19

Thema: Das Verhältnis des in J[esus] nahe herbeigekommenen R[eiches] G[ottes] zu den Gebilden des natürl. Gem[einschafts-]Lebens: Ehe, Familie, Beruf, Wirtschaftsleben, Staat, Bezieh[ung] d. Völker untereinander. Es steckt darin die Frage nach dem göttl. Sinn des Lebens überhaupt. Wir können sie selber [?] nicht lösen. Gott hat sie gelöst, löst sie u. wird sie lösen. Wir können sie nur wieder einmal in uns bewegen, uns von ihr bewegen lassen, in d. Hoffn[ung] u. mit d. Vorsatz, uns weiter von ihr bewegen zu lassen. Und ich möchte nicht mehr tun, als die Grundlagen andeuten, auf denen eine nützliche Bewegung dieser Frage m.E. stattfinden muß.

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Jesus lebt. Das ist der Standort[,] von dem aus wir an diese Frage herantreten. Nicht darum, weil wir Christen sind. Nicht wegen unsres |504 Gl[auben]s[,] unsr[er] Liebe, unsr[er] Hoffnung. Nicht weil wir etwas mit J[esus] erlebt haben. Ich kenne Sie nicht u. Sie mich nicht. Wir wollen uns nicht den Kopf zerbrechen über unsre persönl. Christlichkeit. Aber J. ist auferstanden von den Toten. Wenn es anders wäre, wir wären hier nicht beisammen. Wir könnten u. würden diese Frage gar nicht aufwerfen. Es wäre nicht möglich, daß sie die ganze M[ensch]heit so erschütterte, wie es immer deutlicher sichtbar wird. Das Dogmatische u. Historische an d. Auf[erstehung] ist sehr gleichgiltig u. unser persönl. Erlebnis davon gleichfalls. Aber wir atmen tatsächlich Auf[erstehungs-]Luft. Das Vorhandensein dieser Frage: «Gott u. die natürl. Weltverhältnisse» weist uns hin auf die Voraussetzung, mit der wir an diese Frage herantreten. Die natürl. Weltverhältnisse, so gewaltig kompliziert u. undurchsichtig sie uns entgegentreten mögen, stehen zum Vornherein im Lichte Gottes. Sagen wir aber «Gottes»[,] so sagen wir sofort «des göttl. Sieges»[,] der größern überlegenen M[acht] G[otte]s. Der Erweis dieser M[acht] mag uns problematisch sein. Die Tatsache selbst, daß G[ott] eben G[ott] ist u. als solcher das letzte Wort behält[,] ist uns nicht problematisch. Wir gehen von ihr aus, wir kommen von ihr her. Das ist keine spezif. religiöse Position. Das ist die Voraussetzung jeder ernsthaften Bewegung unsrer Frage. Auch Präs[ident] Wilson3 geht von da aus, nicht weil er ein Christ sein soll, sondern weil er nicht anders kann. Auch die Jungburschen4 gehen von da aus. Sie können gar nicht anders, wenn es ihnen ernst ist. Gott ist zum vornherein der überlegene Faktor in dieser Rechnung. Das R[eich] G[ottes] triumphiert über die Weltreiche. Es begreift sie in sich, es erklärt u. erleuchtet sie, es richtet sie auf u. stürzt sie, es ist ihr letzter Sinn u. ihr oberstes Ziel. Gott der Schöpfer, der Erlöser, der Vollender, von ihm u. durch ihn u. zu ihm alle Dinge [Röm. 11,36], das ist das neue Licht, in dem die Weltverhältnisse stehen. Sie stehen darin nicht zufällig, auch nicht notwendig, denn es könnte auch anders sein. Auch nicht kraft einer Theorie[,] die wir über sie ausbreiten, denn wir könnten auch anders denken. Aber kraft der Auferstehung J[esu] von den |505 Toten, die als das Bewegende hinter unsrer Frage steht. Das meine ich, wenn ich als Erstes das ausspreche: Jesus lebt!

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Von da aus eröffnet sich uns zunächst der Blick auf das, was jene natürlich gegebenen Gemeinschaftsverhältnisse in ihrem Wesen, von Haus aus sind: Sie sind göttliche Schöpfungsordnungen. Sie haben eine ursprüngliche unmittelbare Beziehung zu G[otte]s Reich. «Der im Anfang d. M[enschen] geschaffen ...» [Mt. 19,4] G. segnete sie u. sprach z. ihnen: «seid fruchtbar ...» [Gen. 1,28] «Es ist keine Obrigkeit ohne Gott, wo aber O[brigkeit] ist, die ist ...» [Röm. 13,1] Wir dürfen uns den Blick auf diese göttl. Schöpfungsordn. nie ganz nehmen lassen. J[esus] hebt sie nicht auf, er bringt sie in ihrem ursprüngl. Sinne z. Vorschein[.] Er ist d. Ebenbild ... Col 1,15–17[.] Darum ging Sokrates nicht in eine weltabgesch[iedene] Klause, sondern auf den Markt, um daselbst aus dem schlichten Tun des Handwerkers, des Arztes, d. Steuermanns, die ewigen Gesetze der Sittlichkeit abzulesen. Darum faßte der Prediger Salomo alle s[eine] Einsichten in die Bestimmung d. M[enschen] zusammen in dem Wort: So gehe hin u. iß ... (Pred 9,7–10) Darum erkannte J. selbst die Verhältnisse des G[ottes-­]R[eiches] in den einfachen Vorgängen des platten alltägl. Lebens u. sprach sie aus in Gleichnissen. Dieser göttl. Sinn bleibt den natürl. Gem[einschafts]verhältnissen auch dann, wenn sie durch menschl. Thorheit o. Bosheit der Zerrüttung u. Verwirrung anheimgefallen sind. Es braucht nur Augen, die diesen Sinn trotzdem sehen: Der Herr lobte den ungerechten Haushalter ... [Lk. 16,8], er lobte auch den Hauptmann von Kap[ernaum,] der die in der militär. Ordnung verborgene Analogie des G. R. richtig erkannte u. so einen Gl[auben] bekundete, wie J. ihn in Israel nicht gefunden [Mt. 8,10 par.]. Wir haben also allen Anlass, uns positiv u. sachlich zu diesen nat[ürlichen] Gem.verhältnissen zu stellen, unsern Platz in ihnen mit allem sittl. Ernst auszufüllen. Ein M[ensch,] der auf irgend einem Platz s. Sache sachlich u. recht macht, steht als solcher dem G. R. näher als ein Dilettant, Journalist od. Globetrotter, der Alles nur streift. Was in sich selber ruht u. vollendet u. gesund ist, u. wenn es eine gesunde Bosheit wäre, ein gutgehendes Geschäft, eine wohlüberlegte wissenschaftl. Leistung, ein reines Kunstwerk, eine bismarckische Staatsaktion, das solide |506 Produkt eines Handwerks, das hat eine Verheißung, das trägt in sich eine Analogie, ein Gleichnis d. G. R.’s. Wir werden wohl daran tun, zu dieser Analogie zunächst einmal Ja zu sagen. Gebt dem Kaiser ... [Mt. 22,21] Das ist keine Weltweisheit. Das ist Wahrheit in Χ [Christus]. Das ist die grundlegende Lebenserkenntnis des A[lten] u. N[euen] T[estaments].

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Aber eben: Lebenserkenntnis, keine tote Abstraktion, mit der wir davonlaufen könnten: nun weiß ich[,] was ich zu tun habe. Also nun nur ja nicht fortgelaufen zu jener Weltverherrlichung u. Weltfreudigkeit, wie sie etwa Fr. Naumann5 gepredigt hat oder wie sie bei uns von K. v. Greyerz6 als das Neueste vom Neuen vertreten wird. Wer nur |507 einfach Hymnen auf deutsche Tüchtigkeit od. bernische Urchigkeit7 anstimmt, der macht aus der bibl. Weisheit eine Plattheit. Sie ist aber eben darin Weisheit, daß sie nicht tot u. platt ist, sondern bewegt u. mehrdimensional. Sie hält[?] uns wendig[?]. Wenn wir ihr folgen, so sehen wir alsbald[,] wie neben die Schöpfungsordnung die gegenwärtige Übergangszeit mit ihrem Kampf um Licht u. Schatten tritt, neben das Reich der Natur das Reich der Gnade, wie das Angesicht des Schöpfers, der ansah Alles[,] was er ... [Gen. 1,31][,] sich wandelt in das Angesicht des Vaters, «welcher uns errettet hat von d. Obrigk[eit] d. Finsternis u. hat uns versetzt in d. Reich s. lieben Sohnes» Col 1,13[.] Nun offenbart sich uns in demselben Licht, in welchem sich uns der ursprüngl. schlichte Sinn der Weltverhältnisse gezeigt hat, ihre tiefe Problematik. Nun werden sie uns zum Spiegel unsrer Not u. unsrer Hoffnung. Warum muß Kierkegaard8 die Ehe u. Familie ansehen als den Tod alles Idealismus? Warum muß Tolstoj9 den Staat verdammen als d. Inkarnation der Gewalt, die vom Bösen ist? Warum dieser Zerstörungswille des Sozialismus gegenüber dem Resultat der an sich |508 so glänzenden wirtschaftl. Entwicklung des letzten Jahrh[un]d[e]rts? Warum ist so vielen ehrlichen arbeitswilligen M[enschen] ihr eigener Beruf so zweifelhaft geworden? Warum können wir Alle uns nicht mehr mit gutem Gewissen freuen an dem an sich so inhaltschweren Worte Vaterland? Warum können nur die Philister zufrieden sein mit den Verhältnissen[,] wie sie jetzt sind? Warum wird es uns Allen so schwer, fast unmöglich, jenen ursprüngl. göttl. Sinn in ihnen wiederzuerkennen u. zu bejahen? Liegt es an unsern Augen oder liegt es in den Dingen? Warum ist uns Gott so verborgen? Warum fühlen wir uns gefangen wie von einem ungeheuren Druck bei der an sich so schlichten Aufforderung, ihm jetzt in diesem Leben, in diesen Verhältnissen völlig zu trauen? Warum müssen wir uns als Sklaven d. Sünde erkennen kraft der Verhältnisse[,] u. wenn wir die ausgezeichnetsten Christen wären? Warum wende[t] sich unser Blick, wenn wir an Gott denken[,] fast unwillkürlich u. ausschließlich der Zukunft zu, den kommenden Dingen: morgen, morgen soll es hoffentlich besser werden? Und die Bergpredigt mit ihrem Mark u. Bein durchdringenden Gegensatz zwischen dem[,] was zu den Alten gesagt ist[,] u. dem[,] was ich euch sage [Mt. 5,21–48], mit ihrer Moral, die so weit geht, daß sie Alles[,] was wir Moral nennen, tatsächlich aufhebt, mit ihren Seligpreisungen [Mt. 5,3–11], die[,] ernst genommen, auf Alles was jetzt steht, wie Dynamit wirken müssen. Wie kommt es nur, daß wir zu diesem ganzen großen Protest gegen die bestehenden Verhältnisse auch Ja sagen müssen[,] wenn wir ehrlich sind, daß er auch in uns ist? Wie kommt es, daß wir erkennen müssen[:] Hier ist mehr denn Salomo [Mt. 12,42], obwohl doch die Weisheit Salomos in der Wahrheit Χi [Christi] inbegriffen ist? Es ist offenbar ein großes Vorwärts in dieser Wahrheit Χi. Die Gleichnisse besagen ja Alle, daß es damit nicht getan ist, daß Alles Vergängliche ein Gleichnis ist.10 Es ist nur ein Gleichnis. Es drängt aber zum Unvergänglichen, wie ein Kind im Mutterleibe zur Geburt. Es geht ein Seufzen durch die Kreatur. Sie wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes [vgl. Röm. 8,19–22]. Das R. G. will aus dem Abbild, aus der Analogie Wirklichkeit werden. Das begeisterte |509 Davonlaufen im Blick auf die Analogien ist Götzendienst. Weltverherrlichung u. Weltfreudigkeit ist Gottlosigkeit, ist Abfall. So ists nicht gemeint, weder im Salomo noch im Χ. Um dieses Drängens u. Sehnens nach Unvergänglichkeit willen muß Gericht sein u. Gnade, Not u. Hoffnung. Wir müssen offenbar hinein in dieses große Vorwärts der Wahrheit Χi. Hinein in die doppelte Erschütterung, in der jetzt alle Verhältnisse sich befinden durch die Kraft des Abfalls u. durch die Gott Lob u. Dank noch größere Kraft der Erlösung. Wer da nicht mit will hinein in diese Erschütterung, wer da als frommer od. witziger Zuschauer daneben stehen will, wer da begehrt, s. sichern Weg zu gehen, wer nicht mittragen will an der Not u. Hoffnung[,] von der jetzt, in Χ, die Weltverhältnisse bewegt sind, der hat Gott nicht verstanden. Als Akademikern geziemt es uns, auch der Dialektik der Ideen, die sich da eröffnet, nicht auszuweichen. Die Kirche der Gegenwart, die Alles tut, um den M. das innere Gleichgewicht zu erhalten, das sie in diesem Äon aber einmal verlieren sollten, trägt eine schwere Verantwortung. Aber was geht uns die Kirche an? Nichtwahr, wir müssen ja hinein in diese Erschütterung, wir stehen schon mitten darin, wir leiden mit u. hoffen mit. Wir haben Gott verstanden, den G.[,] zu dem hin wir geschaffen sind [vgl. Kol. 1,16] u. in dem allein wir zur Ruhe kommen können.11 Auch wenn wir noch keine Stürmer des H[immel-]R[eiches] sind, denn sonst hätten wir das H. R. längst an uns gerissen [vgl. Mt. 11,12]. Es könnte aber geschehen, daß wir solche Stürmer werden.

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Aber auch die Notwendigkeit dieser Erschütterung ist nicht das letzte Wort der bibl. Lebenserkenntnis. Auch der Kampf von Licht u. Finsternis[,] in dem wir jetzt stehen u. stehen müssen[,] darf keine tote Abstraktion werden. Wir dürfen, auch wenn wir G. insofern verstanden haben, nicht davonlaufen, als wüßten wir nun, was wir zu tun haben: protestieren, kritisieren, reformieren, sozialisieren[,] revolutionieren. Wer auch nur ein wenig in jener Erschütterung drinsteht, der weiß, daß das Andre[,] das wir in den jetz[igen] Verhältnissen vermissen u. |510 nach dem wir suchen, nicht nur etwas Andres[,] sondern das ganz Andre12 ist. Das Reich Gottes ist d. R. Gottes. Wir können uns den Übergang von den Analogien des Göttlichen zu der göttl. Wirklichkeit nicht radikal genug denken. Das Schema der Entwicklung versagt, muß versagen, wenn wir das Ende der Wege Gottes, das Ziel der Erlösung ins Auge fassen wollen. «Hoffen wir nur in diesem Leben ... [1.Kor. 15,18]. Denn Fleisch und Blut können ... auch wird d. Verwesliche nicht erben ...» [1.Kor. 15,50] I Cor 15,51–55[:] Das ist die absol[ute] Erlösung, der Alles entgegendrängt[.] Grünewalds Darstellung der Auferstehung.13 Das ists. Die Auferstehung Jesu ist darum die weltbewegende Kraft, von der wir getragen sind, weil sie die erste Erscheinung einer neuen totaliter aliter14 – mehr können wir nicht sagen – geordneten Leiblichkeit u. Welt ist. Der hl. Geist d. Pfingsten ist darum der heil. Geist, weil er nicht menschl. Geist ist, auch nicht im besten reinsten Sinn, sondern mit Brausen vom Himmel kam [vgl. Act. 2,2]. Wir warten nicht nur bessrer, reformierter, revolutionierter Verhältnisse, sondern eines n[euen] H[immels] u. einer n[euen] Erde [2.Petr. 3,13]. Das neue Jerus[alem] hat nicht das Geringste zu tun mit der neuen Schweiz15 und mit d. internat[ionalen] Zukunftsstaat16[,] sondern es kommt, von Gott zuvor bereitet[,] auf die Erde [vgl. Apk. 21,2], wenn s. Stunde da ist. Die Schöpfungsordnung[,] die Χ wiederbringt, wird zugleich völlig umgeordnet.[[*] Es stehen der Vervoll|511kommnung der jetz[igen] Verhältnisse Schranken entgegen, die nur Gott selbst brechen kann. Gott aber wird sie brechen. Der Tod wird nicht mehr sein [Apk. 21,4]. Die Sexualität auch nicht.  Der Kampf ums Dasein auch nicht. Gott wird Alles in Allen sein [1.Kor. 15,28], wie er es innerhalb der Entwicklung[,] in der wir jetzt stehen, nicht sein kann. Das ist der Fortgang der Wahrheit in Χ. Unterdessen tun wir in der Übergangszeit[,] in der wir stehen, unser Bestes, wie es sich geziemt. Gerade darum, weil wir wissen, daß sie Üb[ergangs-]Zeit ist. Sie ist Kampfplatz u. Übungsfeld. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß der Blick auf diese völlig neue Wendung in der Gesch[ichte] d. Taten G’s uns den Mut u. die Kraft nehme für das Heutige u. Diesseitige. Die Kraft des Jenseits ist die Kraft des Diesseits.18 Die spes futurae vitae war der heimliche Hebel aller wirklichen Fortschritte u. Revolutionen. Viell[eicht] dient es zur Beruhigung od. Beunruhigung[,] wenn ich sage, daß ich mich im Blick gerade auf diese letzten Erwägungen erst recht freue, Soz[ial]dem[okrat] zu sein. Aber über allen Möglichkeiten der Übergangszeit muß als Parole stehen: Ein jeder s. Gesichte ...19

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Ich bin am Ende u. erwarte die unvermeidliche Frage: Was sollen wir denn nun tun? Ich möchte darauf die Generalantwort geben, daß sehr wenig darauf ankommt, ob wir nun dies oder das tun. Wir müssen aber lebendige bewegliche M. sein – bewegt von der Wahrheit Χi in ihrem ganzen mannigfaltigen Reichtum. Reine Weltbürger haben wir |512 genug, begeisterte Kämpfer haben wir auch genug, Sehnsüchtige nach der Heimat[,] die droben ist im Licht20[,] haben wir auch genug. Es haben alle auf ihre Weise recht. Wir haben aber zu wenig M., die es einsehen[,] daß das R. G. Alles zugleich ist u. eins im Andern: regnum naturae, regnum gratiae u. regnum gloriae.21 Wären wir solche M., stünden wir in dieser Centralerkenntnis der Wege Gottes[,] die die rechte Lebenserkenntnis ist, wären wir Zeugen d. Auferstehung Jesu[,] so brauchten wir keine christl. Ethik. Wer Ohren hat zu hören, der höre [Mt. 11,15].

513 [Auf der Rückseite des letzten Manuskriptblattes sind von Barth mit Bleistift folgende Stichworte notiert. Wahrscheinlich handelt es sich um Notizen, die sich Barth bei der Diskussion über den Vortrag gemacht hat.]

Erlebnis gleichgiltig: nun eben nicht Kriterium
Nicht die Bewegung schafft d. neue Reich: Übung bei Anlaß u. Aufbau
Pflicht z. Kulturarbeit od. Bekämpfung
Χ Haupt der M’heit, aber verborgen

Jede Partei! Gewalt –
Erleben: Geist Innseits22 Gefahr
Für u. Wider

Hilft uns das? Nicht letztes Ziel, sondern Antrieb
Kraft d. christl. Lebens

Das Ganze

Es ist bedenklich. Bewußt nicht tun. Warten
Dürfen wir uns verpflichten? Nicht Alles bekämpfen?

Nicht schmutzige Handschuhe?
Doch: Krieg, Kaufmann [?]
Staat, Arzt
Wilson

Gericht da, Mitarbeit und Vergebung nötig. Χ als der Erlöser
Persönl. Weg?
Verwirrung [?] in Χ?

Sachfußnoten

1
Bw.Th. I, S. 333. 📖↩
2
Bw.Th. I, S. 343. 📖↩
3
Zur Zeit von Barths Vortrag in Aarburg wartete die Welt auf den Abschluss der Pariser Friedensverhandlungen (15.2.-28.6.1919). Der amerikanische Präsident Wilson galt dabei mit seiner Idee des Völkerbunds als Exponent idealistischen Friedenswillens.↩
4
Siehe oben S. 367, Anm. 74, und S. 400f.↩
5
Zur «Weltfreudigkeit» Fr. Naumanns vgl. oben S. 70f. und unten S. 533–536.↩
6
Karl von Greyerz (1870–1949), ein religiös-sozialer Pfarrer aus Bern, bekannte, dass er «sein Meistes und Bestes dem früheren Evangelisten Friedrich Naumann zu verdanken» habe und «ihm lebenslang dafür dankbar» bleibe (K. v. Greyerz, Kirche und öffentliches Leben, Bern 1919, S. 28 📖). Barths Bemerkungen über von Greyerz mag eine Passage aus dessen Predigt Lasset uns wachsen, Bern 1916, S. 8f. 📖, erklären: «Daß wir zu dieser geheiligten Natürlichkeit [Jesu] hinanwachsen, das ist gerade für uns Pfarrer, für uns Seelsorger wichtig. Denn dann werden wir von der so vielen Theologen angeborenen und auf Gymnasium und Hochschule anerzogenen Geringschätzung und Unkenntnis der natürlichen, materiellen Grundlagen alles geistigen Lebens, aller Kultur und aller Religion genesen. Wir werden die Wirklichkeit um uns her schärfer beobachten und freudiger bejahen lernen. Wir werden neben der Bibelexegese auch Natur- und Volksexegese treiben, neben den Schriften der akademischen Theologie, auch die Zeugnisse der Nichttheologen, eines Hilty und Bachofner, eines Dr. Sonderegger und Dr. Haffter, eines Rud. Derrer und einer Adele Kamm, ja auch eines Uli, einer Käthi und eines Annebäbi zu Rate und zu Ehren ziehen, neben dem mosaisch-jüdischen auch das eidgenössisch-kantonale Recht, neben den Zuständen der Christengemeinde zu Korinth auch die Zustände unserer eigenen Gemeinden gründlich kennen wollen. Dieser Wirklichkeitssinn wird unserer Theologie, unserer Predigt, unserm Unterricht, unserer Seelsorge zu Gute kommen. Sie werden gründlicher, sachlicher, anschaulicher, volkstümlicher werden. Wir werden dann z.B. die sog. Laienfrömmigkeit anders einschätzen lernen als wir sie vom Katheder herab einschätzen hörten, werden die sog. Bauernfrömmigkeit auf und unter der Kanzel verständiger behandeln, und begreifen lernen, daß die Beziehungen zwischen einer Bauernseele und ihrem Herrgott sich ganz naturgemäß auch um den Kabis- und Bohnenplätz, um den Kuh- und Schweinestall, um’s Wetter und um’s Futter drehen muß, sintemal es mit diesen Dingen nicht so fix bestellt ist wie mit Pfarrerbesoldungen und Professorengehältern.»↩
7
= Urwüchsigkeit.↩
8
Vgl. S. Kierkegaard, Das Buch über Adler, in: ders., Der Begriff des Auserwählten. Übersetzung und Nachwort von Th. Haecker, Hellerau 1917, S. 264–266 📖 (in Barths Exemplar durchgehende Anstreichung am Rand) (Pap. VII 2 B 235, S. 222–225 📖); ders., Der Augenblick, übersetzt von Chr. Schrempf (KGW 12), Jena 1909, S. 68 und S. 103f. 📖 (in Barths Exemplar an beiden Stellen Anstreichungen und Unterstreichungen) (SKS 13, S. 243 und S. 296 📖).↩
9
Vgl. z.B. L. Tolstoj, Mein Glaube, in: ders., Sämtliche Werke, hrsg. von R. Löwenfeld, I. Serie: Sozialethische Schriften, Bd. 2, Jena 1902, S. 351f 📖. Dort führt Tolstoj aus, dass der Staat eine durch Betrug verbundene und zusammenhängende Masse von Menschen sei. Der Betrug bestehe in der Pflicht aller Bürger, an der Gewaltausübung innerhalb der Staatsordnung (durch Eidesleistung, Beteiligung am Gericht und am Kriegsdienst) teilnehmen zu müssen; diese Pflicht werde von den Regierungen als Lebenspflicht aller Menschen dargestellt. Die durch Betrug zusammenhängende Masse, d.h. also der Staat, sei «das Böse der Welt». Die ganze vernünftige Tätigkeit des Menschen und alle Revolutionen seien auf die Zerstörung dieses Zusammenhanges des Betruges gerichtet. Vgl. auch Tolstojs Schrift Patriotismus und Regierung, in: ders., Sämtliche Werke, I. Serie, Bd. 12, Jena 1911, (separat paginiert) S. 3–51 📖.↩
10
J. W. von Goethe, Faust II, V. 12104f. (5. Akt, Bergschluchten) 📖:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis [...].
↩
11
Vgl. A. Augustinus, Confessiones I,1, CSEL 33,1,8f. 📖: «fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»↩
12
Vgl. oben S. 242, Anm. 26.↩
13
Auf dem Isenheimer Altar in Colmar; vgl. unten S. 595f.↩
14
Nach der Legende, in der ein verstorbener Mönch seinem Mitbruder erscheint und auf dessen Frage nach dem «qualiter» des ewigen Lebens – so, wie wir es uns vorgestellt haben? anders?: «taliter?», «aliter?» – antwortet: «totaliter aliter». Vgl. z.B. P. Jaeger, Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage, Tübingen 1917, S. 111, Anm.1 📖.↩
15
Anspielung auf Leonhard Ragaz’ Schrift Die neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen, Olten 1917 📖.↩
16
Anspielung auf die Bemühungen um die Gründung des Völkerbundes; vgl. Mattmüller II, S. 535–549 📖.↩
17
Die beiden nicht sicher zu entziffernden Worte könnte Barth sich als Stichworte für das notiert haben, was er im Blick auf Apk. 21,21–27 in Erinnerung rufen wollte: Weder finden sich im neuen Jerusalem natürliche Lichter wie Sonne und Mond noch ein Tempel.↩
[*]
[Bleistifteinfügung zwischen den Zeilen:] Weder finden [?] Offenb. 21,21f.17↩
18
Vgl. E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Gesammelte Schriften, 1. Bd., Tübingen 1912, S. 979 📖: «Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits.»↩
19
Aus G. Tersteegens Choral «Kommt Kinder, laßt uns gehen» (GERS [1891] 327; EG 393), Strophe 2 🎵:
Es soll uns nicht gereuen
Der schmale Pilgerpfad;
Wir kennen ja den Treuen,
Der uns gerufen hat.
Kommt, folgt und trauet dem!
Ein jeder sein Gesichte
Mit steter Wendung richte
Hin nach Jerusalem.
↩
20
Vgl. das Lied «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh’?» von Fr. L. Jörgens: Lieder zur Ehre des Erretters! Vereinslieder des Blauen Kreuzes (Schweizerausgabe), Bern 191110, Nr. 80 (S. 89–91); vgl. Reichs-Lieder. Deutsches Gemeinschafts-Liederbuch, 2679.-2681. Tausend Neumünster i. Holst. 1999, Nr. 587 (S. 238f.), 1. Strophe:
Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?
Wer deckt sie mit schützenden Fittigen zu?
Ach bietet die Welt keine Freistatt uns an,
Wo Sünde nicht herrschen, nicht anfechten kann?
Nein, nein, nein, nein, hier ist sie nicht,
Die Heimat der Seele ist droben im Licht.
↩
21
Siehe unten S. 578, Anm. 86.↩
22
Vgl. P. Jaeger, Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage, Tübingen 1917 📖. Barth nahm das Stichwort im Tambacher Vortrag auf; siehe unten S. 594.↩