1919

Vom Rechthaben und Unrechthaben

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VOM RECHTHABEN UND UNRECHTHABEN

1919

Die Novemberfeiern der Grütlivereine sollten als «Gedächtnistag der Stiftung des Schweizerbundes im Grütli und als Namensfeiern des Vereins»1 die Ziele der Arbeiterbewegung in Erinnerung rufen. Die Einladung an Karl Barth, 1913 bei einer solchen Feier in Ober-Entfelden zu sprechen, verdeutlicht die Intention gut: «Es soll die Novemberfeier dazu dienen, die Ziele u. Bestrebungen nach Vorwärts u. Aufwärts dem werktätigen Volke zu erläutern und im besondern unsere heutigen wirtschaftlichen u. politischen Zustände im Klassenstaate zu streifen.»2

Am 29. November 1919 hielt Barth die Rede zur Novemberfeier in Suhr, einem 10 km nordöstlich von Safenwil in der Umgebung von Aarau gelegenen Ort mit 1919 ca. 2’300 Einwohnern. Der örtliche Grütliverein, der sich 1916 in eine Sektion der sozialdemokratischen Partei umgewandelt hatte, zählte 1916 30 Mitglieder3. Barths Rede von 1919 fiel deutlich anders aus und bereitete Barth anscheinend auch mehr Kopfzerbrechen als die Festrede von 1913. Am 11. November 1919 schreibt er an Thurneysen:

Ich habe noch eine weitere Verlegenheit auf dem Buckel. Die Sozialdemokraten von Suhr haben ihren Häuptling zu mir gesandt, ich solle ihnen am 29. November eine Volksrede halten. Ich seufzte, bat, mahnte, wies darauf hin, daß es eine Predigt geben könnte, und konnte schließlich doch nicht ausweichen, weil der Mann dabei blieb, sie wollten gerade von mir hören, was gerade ich sagen könne und wolle. Nun muß ich gehen, im Kleinen wie du nach St. Gallen, und weiß doch wirklich nicht, was ich da sagen soll. Nach meiner Rede führen sie ein Stück auf, [die Turner] vielleicht auch noch Pyramiden!4

600 Und am 25. November klagt er dem Freund, er habe «z. Z. sehr zu schaffen», u. a.

am Samstag die Volksrede in Suhr, vor der mir eigentlich graut und vor deren Besuch ich dich nur warnen kann. Es wird ein kurzes Gestammel werden, wobei der Wagen nach der einen oder nach der andern Seite sicher umleert. […] Ich werde den Kragen nachher nicht ausziehen5, aber noch ganz anders der Getüpfte6 sein!7

Thurneysen beruhigte ihn am 1. Dezember mit einer längeren Überlegung zum Sinn und zur Bedeutung des «Herstellen[s] einer Beziehung, an die niemand denkt und glaubt». Er schreibt u. a. :

Deine Suhrerrede war nichts weniger als ein Durchfall. Für mich hatte sie etwas durchaus Überzeugendes und Befreiendes. Es muß bei solchen Gelegenheiten irgendwie doch beim Gleichnis bleiben, wie es bei dir geschehen ist. Du hast uns den Sozialismus ausgelegt und zum Schluß auch noch die letzte Beziehung aufgedeckt, von der her alles Vorhergehende geredet war - für die, welche Ohren hatten zu hören. Das ist vorläufig sicher genug. Wer mehr sagen will, sagt weniger.8

Barths Rede über die Sozialisten, die unrecht haben, zu der wohl auch die Erwägungen über das Verhältnis von Rechthabern und Unrechthabern in der Predigt vom 25. Mai 1919 über Eph. 2,11–229 ein Motiv gewesen sind, fand nach dem Echo in der Presse zu urteilen auch sonst viel Zustimmung. Der Neue Freie Aargauer10 vermittelte ein vollständiges Bild von allen Facetten des Abends:

Suhr. (Korr.) Bei vollbesetztem Saale hielt die sozialdemokratische Partei am letzten Samstag im Gasthof zum Bären ihre Novemberfeier ab. Der Andrang war fast zu groß, um alle Besucher aufzunehmen. Alles wickelte sich prompt ab. Dem Arbeiter-Männerchor von ­Gränichen, der mit etwa 35 Mann aufrückte und das Programm mit dem Schmiedelied eröffnete, das brausend und doch so harmonisch durch den Saal klang, sei hier nochmals der beste Dank ausgespro|601chen. Der Referent, Genosse Pfarrer Barth von Safenwil, hat sich selbst übertroffen und mancher mag eine Nase voll genommen haben, der bisher verächtlich auf uns «Sozi» herabsah. Auch ihm sei hier der herzlichste Dank ausgesprochen. Die Rollen des Theaterstückes «Proletarierlos» waren ausnahmslos in guten Händen, wobei die Hauptrollen, Anneli und Moritz speziell erwähnt werden dürfen. Der Gabentempel war reich bedeckt, daher der reißende Absatz der Lose. Daß der zweite Teil den Humor auf die richtige Höhe brachte, haben wir nebst den Liedern des Arbeiter-Männerchors von Gränichen auch den beiden Lustspielen zu verdanken. Auch das Tanzbein kam zu seinem Rechte, und die flotte Musik von Gränichen hatte nicht allzuviel Ruhe. Das vorzügliche Essen und der gute Wein mögen viel dazu beigetragen haben.

Als Barth überlegt, ob er das «Suhrer Redlein» dem «Neuen Werk» zur Veröffentlichung überlassen solle11, drängt ihn Thurneysen:

Hast du deine Suhrer Rede schon abgesendet? Tu’s doch. Mir ist sie hilfreich gewesen: das Nein der Sozialdemokraten zu allen Geistigkeiten, Kulturerhebungen, Verklärungen und steilen Ikarusflügen, das Verharrenwollen in der Unsicherheit, das darin Kindlichsein: das ist die Wahrheit und muß jetzt gesagt werden, so fraglich alle «Stellungen» dadurch werden.12

Als die Rede dann tatsächlich unter dem Titel «Vom Rechthaben und Unrechthaben» im «Neuen Werk»13 erschien, widerfuhr ihr ein geteiltes Echo. Rudolf Pestalozzi ließ Barth Anfang Februar wissen: Die Suhrerrede «zirculiert lebhaft in bürgerlichen u. halbbürgerlichen Kreisen u. verfehlt ihren Eindruck nicht. Gerty [Pestalozzi] ist entzückt davon, sie ist aber auch wirklich fein.»14 Positiv hatte sie auch der als Sozialist und Schriftsteller bekannte Pfarrer Lic. Hans |602 Hartmann in Solingen aufgenommen. Schon am 5.1.1920 schreibt er an Barth15:

Ich habe soeben im Neuen Werk Nr. 40 Ihren Aufsatz gelesen und möchte nur sagen, wie sehr ich die unendlich tiefe Verwandtschaft empfinde. Ich will mich nicht rühmen, aber ich las hierin ein Spiegelbild meiner Seele, wie es auch eines der Ihrigen ist. Wäre nur die Verbindung zwischen uns auch äußerlich lebhafter!

Freilich empfand er «zwei Dinge» in Barths «Betrachtung noch als ‹Probleme›»:

1. Sie verlangen Treue zum Sozialismus von den Arbeitern. Machen Sie sie nicht manchmal allzu unsicher in bezug auf die Bedeutung ihrer praktischen Ziele, so daß sie diese Treue nicht mehr mit innerer Freudigkeit halten können? 2. Ist diese vollständige Bewußtheit des Narr- und Träumer-Seins nicht ein Herabgleiten vom Gipfel? Ist da der eigentliche Sinn unseres Seins nicht in Gefahr wenigstens verloren zu gehen.

Ganz ablehnend war die Reaktion Paul Wernles. Am 29. Februar 1920 schreibt er über die ihm zugesendeten Vorträge von Tambach und Suhr an Barth16:

Seit mehreren Wochen liegen Ihre beiden letzten Zusendungen auf meinem Schreibtisch & ich habe Ihnen noch nicht einmal den Empfang angezeigt. Für die Freundlichkeit, die in dieser Zusendung liegt, danke ich Ihnen gern, für den Inhalt kann ich nicht recht danken, weil Sprache & Gedanken mir weder in Kopf noch Herz eingehen wollen & ich mich ernsthaft frage, ob denn die Zuhörer im Aargau oder die in Tambach es besser verstehen konnten als ich. Ihre Schreibart hat so gar nichts von der Einfalt der biblischen Autoren, es steckt so viel Geistreiches, gemacht Paradoxes, darin, so viel Durcheinander von Ja & Nein, Position & Negation, Hyperorthodoxie & Hypermodernem, dass ein Mensch wie ich einfach nichts damit anfangen kann. Vielleicht ist Ihnen das eine Empfehlung, indem Sie sich im Stillen sagen: wenn ich etwas damit anfangen könnte, so wäre es schon lätz17 damit bestellt.

603 Eine Anfrage, die nach Barths Empfinden aus gemeinsamem Verstehen kam, äußerte Pfarrer Otto Reinhold in Kruspis in Hessen im Rahmen eines Flugblattes «Vom Kämpfen», das er im März 1920 Barth zuschickte18. Reinhold schreibt:

Wir dürfen nicht dort anfangen, wo die Schweizer angefangen haben und auch nicht dort, wo sie heute stehen; es ist auch nicht nötig, daß wir, wie einer der Schweizer in Tambach meinte, erst praktisch durch den Sozialismus hindurchgehen müßten. […] Wir müssen ihn erkennen und anerkennen als das Gleichnis des Reiches Gottes, das er war in einer Zeit, wo die Kirche ihn als die gottlose Bewegung befehdete oder doch abseits stehen ließ. Wir dürfen aber nicht mehr mit unserer Kraft jetzt in den sozialistischen Kampf eintreten, so wenig die Heiden zu Paulus’ Zeiten erst Juden werden mußten; denn der Sozialismus ist heute das «Gleichnis des Reiches Gottes» in der Welt nicht mehr, jedenfalls bei uns Deutschen nicht mehr, nachdem er bei uns zum Siege gekommen ist. Das Reich Gottes siegt nur durch Niederlagen, und der Sozialismus ist nur solange im Recht gewesen, solange er vor der Welt im Unrecht war. Das fühlt K. Barth sehr deutlich. Er wird sich aber, fürchte ich, vergeblich bemühen, den Sozialisten das Bewußtsein als derer, die «Unrecht haben»[,] zu erhalten.

Barth antwortet auf die Zusendung am 30. März 192019:

Sehr gut! Eben gerade das ists! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue endlich aus Deutschland eine Stimme zu hören, die unzweideutig aus der gleichen Not u. Hoffnung heraus kommt[,] in der ich auch stecke. [...] Sie habens verstanden, ich weiss nicht ob mit uns, oder ohne uns, oder gegen uns, es ist auch ganz gleichgiltig, Sie habens verstanden, Sie stehen vor dem letzten toten und lebendigen Punkt[,] vor dem wir auch stehen.

Wie weit die Zustimmung ging, wird deutlich an der Liste von «Bekannten u. Korrespondenten, die Ihr Flugblatt unbedingt lesen müssen, z.T. zur Seligkeit, z.T. zum Ärgernis u. zur Thorheit», die Barth mit der Bitte anfügt, «es ihnen sofort» auf seine Kosten «zuzustellen». In einem Postscriptum fügt Barth noch an:

604 Die Stellung zum Sozialismus trennt uns nicht. Das vom Unrechthaben ist das Letzte u. Äußerste, was ich positiv dazu zu sagen habe u. was mich in der Partei festhält. Den Moment, wo die Soz.dem. recht haben wird (bei uns ist er noch nicht da!) sehe ich mit Schmerzen kommen. Dann ists in der Tat auch mit diesem Gleichnis vorbei. Ists bei Ihnen schon so weit?

Diese besondere Haltung zur Sozialdemokratie hatte Barth zwei Tage zuvor schon in einem andern Brief nach Deutschland erläutert. An Richard Siebeck schreibt er am 28. März 192020, er glaube sich nicht zu täuschen in dem Eindruck, daß wir einig sind. – Auch in Bezug auf den Sozialismus. Ich könnte unter andern Umständen, z.B. wenn ich jetzt in Deutschland lebte, auch die «Schmach» des Bürgertums der «Gerechtigkeit» der Sozialdemokraten vorziehen. Hier muß ich auf diesem Bein stehen, wie Sie es ja auch empfinden.

Die Edition folgt dem Abdruck in «Das neue Werk». Der textkritische Apparat dokumentiert die Abweichungen des Manuskripts, das die Überschrift trägt: «Novemberfeier in Suhr, 29. November 1919».

Vom Rechthaben und Unrechthaben

Rede, gehalten zu einer
sozialdemokratischen Volksversammlung
Liebe Genossen und Freunde!

Waruma sind wir Sozialisten? Sicher b-nicht darum, weil wir meinen-b, die Besseren und Gescheiteren zu sein vor anderen Leuten. c-Die Bürgerlichen, die etwa hier sind, brauchen keine Angst zu haben-c, heute wieder einmal, und jetzt d-gar noch-d von einem Pfarrer, |605 e-hören zu müssen-e, dass wir allein recht haben. Nicht wahr, Genossen, wir wollen ja gar nicht recht haben! Behüt uns Gott davor, dass wir je recht haben! f-Gerade darum sind wir ja Sozialisten, weil wir unrecht haben. Das große Unrecht der Welt, der Gesellschaft, der Menschen, wir haben es in uns. Es-f hat eines Tages in uns zu brennen begonnen wie ein Feuer. g-Es ist in uns hineingefahren und hat von uns Besitz genommen. Es wurde unsere Frage, unsere Sorge, unser Rätsel, unsere Unruhe.-g

h-Wisst ihr noch, wie ihr dazu gekommen seid-h, in die Gewerkschaft, in den Arbeiterverein einzutreten?ij-Sicher die Wenigsten aus großer Wissenschaft, wie sie in den Büchern und Zeitungen steht. Sicher die Wenigsten in der Meinung, eine besonders gute Tat zu tun. Nein, da ist nichts zu rühmen. Bei den allermeisten ging es wohl so zu, dass es ihnen bei irgend einer Erfahrung in der Fabrik oder in der Gemeinde blitzklar wurde: Also so steht’s in der Welt, so darf es stehen! So geht Macht vor Recht!21 So regiert das Geld die Welt!22 |606 Solch ein Lügner ist der Mensch! Seitdem könnt ihr nicht mehr zusehen. Seitdem seid ihr beteiligt am großen Unrecht. Unruhige, unbefriedigte Menschen seid ihr geworden; Menschen, die immer nach etwas fragen und suchen müssen, was es in der Welt offenbar gar nicht gibt; Menschen, die immer murren und klagen müssen gegen das, was jetzt ist.-j O, es geht nicht eben schön und ideal zu, wenn einer Sozialist wird. k-Murren und Klagen ist nun einmal nichts Schönes.-k Ihr wisst ja, was die anderen von uns sagen: Wir seien so gar nicht fein, so grob, so trotzig, so aufbegehrerisch, wir hätten so viel Nein in uns. l-Ach ja, nicht wahr, wir-l wissen es ja selbst, wir wären auch gern feiner, wir geben uns sogar alle Mühe, fein zu sein; m-aber es will fast nicht gelingen, es bleibt immer noch etwas übrig, das den anderen zu ihren Klagen Anlass gibt-m. Es gibt wirklich Leute, die feiner, ruhiger, verständiger sind als wir. Und das Schlimmste ist, dass wir das nicht einmal ändern können. n-Wer das Unrecht in sich hat, kann nicht recht haben, und wenn er noch so gern wollte. Ein Sozialist wird in den Augen aller vernünftigen Leute immer etwas Gefährliches und Unerfreuliches sein. Wir müssen es uns gefallen lassen.-n Wenn wir in ihrer Haut stecken würden, wir würden es o-auch so-o ansehen; aber wir stecken nun einmal, ich hätte fast gesagt unglücklicherweise, in unserer Haut und müssen sein, was wir sind: Nicht die guten, sondern die bösen Sozialisten.

Sop ist ja der Sozialismus q-auch im großen und ganzen immer dagestanden-q. Immer, wenn die Leute recht hatten und sich darüber freuen wollten, standen die Sozialisten daneben und hatten das große Unrecht in sich, und schon ihr Dasein war ein bitterer Tropfen in die Freude. Ich will nur ein paar Beispiele nennen. – Wie war’s denn vor dem Krieg, als noch jedermann an das Märlein glaubte, dass die so|607genannte moderne r-Kultur ein wirklicher Fortschritt sei-r, als sie in Bern drobens ihre Landesausstellung abhielten23 und sich nicht genug tun konnten im Jubel, wie herrlich weit man es doch gebracht24? t-Grollend abseits standen wir Sozialisten-t, und was in uns grollte, war das große Unrecht, u-und mit spitzem Finger zeigten wir ungläubig auf-u die ganze Herrlichkeit: Das ist Kapitalismus, v-das ist Ausbeutung der Schwachen durch die Starken, da ist Gesundheit geopfert und Tränen und Blut, das ist «Menschenopfer unerhört»25! Freue sich, wer da will, über das, was ihr da herstellt und ausstellt, wir freuen uns nicht mit!-v Keine schöne Stellung, die wir da w-einnahmen, aber konnten wir denn anders? – Wie war es, als der Krieg kam, als der ehrwürdige Gedanke des Vaterlandes noch einmal lebendig wurde in allen Völkern Europas wie noch nie, als die große Welle von Begeisterung, Opfersinn und Heldenmut, von Idealismus, wie sie es nannten, durch-w die Millionen ging, bei uns und noch ganz anders draußen in Deutschland, in Frankreich? Wer stand da wieder abseits und ließ sich nicht begeistern, sang nicht mit: Rufst du mein Vaterland!26, beteiligte |608 sich nicht an der Nationalspende27, x-ging nicht nach Aarau, als sie dort zum Schluss sich selber ein Denkmal errichteten28?-x Wer hat auch da wieder mit spitzem, bösem Finger gezeigt, diesmal auf den so allgemein selbstverständlichen und einleuchtenden Vaterlandsgedanken: Nationalismus, Militarismus, Tollwut ist das, was ihr da so emporhebt! Wir Sozialisten sind es gewesen, wir mity dem großen Unrecht im Leibe. Auch diesmal keine schöne Stellung, wahrhaftig nicht, sondern eine trotzige, widerspruchsvolle, böse Stellung; z-aber konnten wir denn anders, mussten wir nicht?-z – Und nun ist der Krieg vorbei, und wieder aa-kommen sie und haben so unsäglich recht und gründen-aa ihren Völkerbund für Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und ab-wie das alles heißt.29 Endlich der langersehnte Friede, der Friede für im|609mer hoffentlich, oder wenigstens ein entscheidender Schritt vorwärts, diesem Ziel entgegen.-ab Und wieder sind wir die Ungläubigen und stehen abseits, und wieder zeigt unser Finger: Es ist ja nicht wahr, ihr lügt ja, das ist ja Imperialismus, nicht Friede.30 Ihr habt ja die Völker gar nicht gefragt, ob sie nicht ac-ganz andere Schritte tun möchten-ac, ihr redet ja nur so schön, um im Dunkeln weitermunkeln zu ad-können, dass Macht vor Recht gehe, wie vorher! Auch da wieder: Keine schöne Stellung, wenn man nichts glauben will, nicht glauben an den guten Willen der Regierungen, nicht glauben an den «Fortschritt», nicht glauben an den Präsidenten Wilson31. Aber können wir anders? Kön|610nen wir etwa glauben?-ad Das große Unrecht sitzt in uns und gibt uns scharfe, misstrauische Augen. ae-Ob schön oder nicht schön, wir sagen Nein zu dem, was sie da in Paris gekocht und in Bern geduldig verschluckt haben.32 Aber dass wir dabei die sind, die unrecht haben, das müssen wir uns gefallen lassen.-ae

af-Und wie ist’s weiter, wenn sie nun kommen und uns fragen: Ja, was wollt ihr denn eigentlich-af, ihr Sozialisten, die ihr immer Nein sagt, wo alle vernünftigen Leute Ja sagen? Den Achtstundentag? ag-Den habt ihr ja jetzt.33 Was geschieht nun in der freien Zeit, die gewonnen ist? Darf man eure Frauen fragen darüber? Lohnerhöhungen? Die kommen ja und sind schon da.34 Was tut ihr nun mit dem |611 größeren Zahltag? Billigere Preise?-ag Sozialisierung der Produktion und Konsumtion? Ja, aber wer von euch hat denn eine klare und mögliche Vorstellung davon, wie das alles gemacht werden soll? Nicht wahr, wenn wir da Auskunft geben sollenah, dann merken wir erst recht, was für Leute wir eigentlich sind, wir Sozialisten, ai-merken, was für eine harte, rätselhafte Sache es ist um das große Unrecht, das da in uns sitzt-ai, und dass es wirklich auch immer unser eigenes Unrecht ist. aj-Wir können ja auf alles doch-aj nur eines antworten: Ach was, geht uns doch mit eurem Achtstundentag, mit euren Lohnerhöhungenak und, wenn ihr wollt, mit dem ganzen Zukunftsstaat! Es handelt sich nicht um das. Wiral wissen wohl, dass über das alles noch sehr viel und z.T. auch gegen uns selbst zu sagen ist. Wir wissen, dass es mit dem allem nicht getan ist. am-Das Treiben und Jagen in den Fabriken, das seit dem |612 Achtstundentag eingesetzt hat, die Akkorddrückerei, der schlechte Wille der Besitzenden kann alle gemachten Fortschritte verderben und tut es schon. Und wir selbst verderben sie uns, indem wir nicht recht damit umzugehen wissen. Die Fortschritte könnten eine Schraube ohne Ende sein. Der ganze Zukunftsstaat könnte eine tote, unnütze Sache sein, bevor er-amda ist, ein Ding, das uns nicht bringt, was wir eigentlich meinen. Denn wir meinen ja eigentlich gar nicht das, an-was in den Forderungen unseres Programmes steht-an, wir meinen viel mehr als das. Unsereao sozialististischen Forderungen, über die ihr mit uns streitet und wir mit euch, sind ja nur die paar ersten Worteap einer fremden Sprache, die wir unablässig wiederholen müssen, weil wir die übrigen noch nicht wissen. Kein Wunder, dass sie dann oft nicht passen! Man versteht uns aber falsch, wenn man nicht merkt, dass wir viel mehr meinen, aq-als unsere Forderungen sagen können. Leben möchten wir, freie Menschen werden, hindurchbrechen durch die große Lüge, dass das Geld das Maß aller Dinge ist, hinein in die Wahrheit, dass der Mensch selbst das Erste und Wichtigste in der Welt ist. «Heilig ist das Eigentum, heilig ist die Macht!» verkündigen der heutige Staat, die heutige Kirche, die heutige Schule, die heutige Moral. Auch in uns ist immer noch dieser falsche Glaube. Aber wir glauben nicht mehr an diesen Glauben. Wir glauben nicht mehr an den heutigen Menschen. Wir glauben auch an uns selbst nicht mehr. Wir werden überhaupt an nichts mehr glauben, bis wir wieder an die Wahrheit glauben können, an die Wahrheit, dass das Leben selbst heilig ist. Wir glauben an einen neuen Menschen, der noch nicht |613 da ist und doch schon da, aber verborgen, verschüttet, gefangen in uns allen, den Sozialisten und Nicht-Sozialisten. Das-aq ist der Sinn des Sozialismus. – Aber, liebe Genossen, wie stehen wir damit da vor allen vernünftigen Menschen in der Welt! Was sollen wir ihnen antworten, wenn sie uns sagen, dann sei ja das Ziel unserer Politik ar-überhaupt kein politisches Ziel?-ar Solche neue, befreite, wahrhafte Menschen habe es noch nie gegeben, seit die Welt steht, und werde es bis zum Ende der Tage nie as-geben? Ob-as wir selbst denn etwa, wir Sozialisten, solche neue Menschen seien? Ich wollte den von uns sehen, der da im Ernst at-als Rechthaber dastehen wollte! Nein, auch-at da müssen wir eben einfach die sein, die Unrecht haben, die jedes Kind widerlegen kann mit ihren Hoffnungen. au-Es ist einfach wahr: Unsere politische Überzeugung ist im letzten Grund an keiner anderen zu messen-au; sie ist etwas ganz für sich; sie ist ein Glaube, und mit diesem Glauben an einen neuen Menschenav müssen wir als die Narren dastehen vor aw-allen Rechthabern-aw. Nennt uns nur Narren, Schwärmer und Träumer, ihr anderen, dann versteht ihr uns recht! Gerade das meinen wir, was ihr Narrheit nennt. Wir Sozialisten sind die, die unrecht haben, und wir wollen gar nichts anderes sein.

ax-Wir können eben nichts anderes sein-ax. Wir können uns mit unserem Sozialismus nicht herausstreichenay gegen andere, die nicht Sozialisten sind. Wir möchten sie oft viel eher beneiden um ihre ruhige, sichere, immer gerechte Stellung. Wir möchten ihnen sagen, sie sollen froh sein, wenn sie von der Unruhe, von dem Protest, von der unmöglichen Hoffnung, die in uns sind, nichts wissen. Wir möchten sie warnen davor, es könnte einmal auch über sie kommen. Unterdessen können wir von uns nichts anderes sagen, als dass wir nicht anders können. Das große Unrecht steckt in uns und macht uns zu Sozialisten. Wir müssen sein, was wir sind.

614 Lasstaz mich von diesem Müssen35 noch etwas sagen. Ich habe vor zwei Monaten eine Reise nach Deutschland gemacht zu einer Konferenz von Sozialistenba und solchen, die es werden wollen.36 Ich hatte dortbb und unterwegs auf langenbc Eisenbahnfahrten Gelegenheit, mit vielen, sehr verschiedenartigen Menschen zu reden. Ich war mit einfachen Arbeitern zusammen, mit Herrenbd aus dem Bürgerstand, mit Kriegsgefangenen, die eben aus England in ihre Heimat zurückkehrten. Ich hatte ein langes Gespräch mit einem konservativen Gutsbesitzer. Ich habe natürlich vor allem vielebe meiner Kollegen dort draußen kennen gelernt. bf-Wenn ich es kurz zusammenfassen sollte, was ich aus Deutschland heimgebracht habe, so würde ich sagen: einen starken und hoffnungsvollen Eindruck von der Bewegung, von der Unsicherheit, von der Erschütterung, in der sich der heutige Mensch befindet. Wir in unserem Schweizerwinkel sind in Gefahr, das zu übersehen. Wir haben vielleicht das Gewitter im Steinhaus verschlafen, wie mir seither ein deutscher Freund37 etwas spöttisch schrieb, und sind gar nicht gewahr geworden, wie ernst die Lage der Menschen unterdessen geworden ist. Es war mir, als ich in die Schweiz zurückkam, selber zu Mute wie einem-bf, der mit seinem kleinen Schiff vom hohen bewegten Meer plötzlich in ein stilles Sümpflein geraten wäre. Draußen, in dem von allen nur möglichen Nöten und Bewegungen |615 heimgesuchtenbg Kriegsland, sieht man bh-jetzt dem Leben viel deutlicher auf den Grund.-bh Der heutige Mensch bi-ist unsicher geworden. Ihr-bi wisst ja, wie die Deutschen bis jetzt bj-waren: Alles wussten sie, alles konnten sie, über alles redeten sie-bj. Alles machten sie und sie allein recht! Siebk waren die sichersten Leute in der Welt. bl-Es mag auch jetzt noch viele Deutsche von dieser Art geben, aber-bl das kann ich sagen: Fast alle, die ich kennen lernte, machten mir den Eindruck: Gottlob, endlich bm-einmal unsicher gewordene Leute! Gerade weil ich das in Deutschland gesehen habe, wo ich es zuletzt erwartet hätte, glaube ich, dass der Vorgang ein allgemeiner ist. Der heutige Mensch in allen Ländern, Völkern und Klassen spürt-bm, dass der Boden unter ihm unterhöhlt und brüchig ist. bn-Er hat mehr Fragen im Herzen als Antworten im Kopf. Er gibt zu erkennen, dass er etwas sehr Wichtiges nicht weiß. Er nimmt nicht mehr ohne weiteres Achtungstellung an vor den Worten Staat, Kirche, Schule, Wirtschaft, Wissenschaft, Partei, Standpunkt, Idee. Er hört bei dem allen nur mit halbem Ohr zu, er hört immer noch ein wenig darüber hinweg, ob eigentlich nicht mehr zu sagen sei als das. Er hat immer den Nebengedanken, es könne jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher, es müsse anders werden.-bn Er ist ein Suchender, ein Zweifler, ein Ungläubiger geworden. |616 bo-Er steht vor einer hohen, unübersteigbaren Mauer und kann sich doch nicht damit abfinden, muss immer denken an das, was jenseits der Mauer sein könnte. Dieser Zustand ist nicht erst durch Krieg und Revolution geschaffen; sie haben ihn nur aufgedeckt. Eben darum ist es auch unser Zustand, selbst wenn wir wirklich im Steinhaus geschlafen hätten. Auch wir sind, ob wir’s wissen oder nicht, solche heutige Menschen voll Unsicherheit. Die Verlegenheit, die heute durch die Völker geht, ist auch unsere Verlegenheit. Keine Neutralität kann uns vor ihr schützen. Sie ist die Notwendigkeit der geschichtlichen Stunde, in der die Menschheit heute steht. Der Mensch ist im Begriff zu merken, dass er unrecht hat.-bo

Warum sage ich euch das alles? Ich denke, ihr versteht mich. bp-Nicht Laune, nicht Zufall ist’s, dass wir Sozialisten sein müssen. Nicht irgend ein guter oder böser Geist ist die Unruhe, der Protest, die unmögliche Hoffnung, die in uns sind, sondern die Notwendigkeit der Stunde, die Gehorsam von uns verlangt.-bp Was heute im Ganzen der Menschheit steckt als dumpfe Frage und Sorge, wir müssen es zum Ausdruck bringen; man könnte auch sagen: Bei uns kommt es |617 zum Ausbruch wie eine Krankheit! bq-Mögen uns die anderen jetzt anstarren und kritisieren und bekämpfen als die bösen Sozialisten, sie wissen doch im Grunde genau so gut wie wir, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind auch Menschen der heutigen Zeit, sie gehören viel näher zu uns, als sie denken und zugeben. Was in uns steckt, steckt auch in ihnen. Auch sie haben eben unrecht, aber sie möchten um jeden Preis immer noch recht haben. Das scheidet sie von uns. Darum müssen sie sich die Ohren verstopfen gegen uns. Und je mehr sie recht haben wollen, desto mehr wächst das Unrecht, desto mehr erschreckt und ängstigt es sie, desto mehr müssen sie ihre Furcht und ihren Groll auf – uns abladen, als ob wir es wären, «die Israel verwirren», wie schon in alter Zeit ein König zu einem solchen unbequemen Menschen gesagt hat [vgl. 1.Kön. 18,17]. Wie war es denn mit dem Gespenst des Bolschewismus, das sie uns nun seit Jahr und Tag an die Wand und im Aargau sogar an die Plakatwände gemalt haben, fürchterlich, in Apachengestalt, den Revolver in der Hand38? War’s etwas anderes als der ungeheure eigene Schatten derer, die immer recht |618 haben und gerade damit das Unrecht groß und größer machen? Nicht wir paar Sozialisten sind der gefürchtete und gehasste Feind, sondern das, was in ihnen selbst rumort und sie bedroht, solange es keine Luft bekommt, solange sie nicht mit uns unrecht haben wollen. Glaubt nur, es ist nicht so schlimm gemeint, wie es herauskommt, auch bei uns im Aargau nicht! Den Sack schlägt man, und den Esel meint man.39 Wir wollen uns schlagen lassen, dieweil wir nur der Sack sind. Sie kämpfen gegen sich selbst, indem sie gegen uns kämpfen.-bq Sie haben uns im Grunde nötig. br-Wenn wir nicht die bösen Sozialisten wären, so müssten es andere sein, vielleicht gerade die, die jetzt am eifrigsten und ängstlichsten gegen uns sind. Irgendwo und irgendwie muss es ja zum Ausdruck und zum Ausbruch kommen. Irgendwo muss es sich ja zeigen, dass der Mensch im Unrecht ist. Wenn das ein Ruhm ist, so haben wir Sozialisten den Ruhm-br, der Ort zu sein, wo es zum Ausbruch kommt. Einen anderen Ruhm nehmen wir jedenfalls nicht in Anspruch.

Undbs nun brauche ich nur noch weniges hinzuzufügen. Wir müssen uns selbst treu bleiben. Wir dürfen nicht aufhören, die zu sein, die immer unrecht haben. bt-Wir müssen Sozialisten bleiben. Wir dürfen nicht bürgerlich werden.-bt Ich sage das ohne allen Hass gegen das Bürgertum. Ich komme auchbu aus dem Bürgertum. Und ich weiß vor |619 allem, dass es im Bürgertum viel edle, feine und ernste Menschen gibt, bessere als wir alle. Aber ich weiß auch, was das Bürgertum in seinem Wesen ist. bv-Bürgertum ist Schweigen um des Friedens willen. Bürgertum ist Gleichgewicht um jeden Preis. Bürgertum ist: Nicht verantwortlich sein wollen, sich nicht stören lassen, nicht fragen, nicht ­zweifeln, nicht «grübeln», nicht anklagen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.40 Bürgertum ist auch eine Art Glaube: der Glaube an den Menschen, wie er ist, der Glaube an einen Fortschritt, der von selbst kommt, vor allem der Glaube an alles, was dazu dienen kann, das große Unrecht zu verdecken, als nicht so schlimm hinzustellen. ­Bürgertum heißt recht haben wollen. Und darum dürfen wir nicht bürgerlich werden. Dürfen weder den Weg der deutschen Mehrheitssozialdemokratie gehen noch den Weg des russischen Sowjet-Sozialismus. Beider Wege sind bürgerliche Wege: Faule Friedensschlüsse, allzu nahe liegende praktische Mittel, allzu schnelles am Ziel sein wollen, recht haben wollen – hier wie dort. Die Gefahr, dass wir auf die eine oder andre, auf die deutsche oder auf die russische Art vergessen, was wir eigentlich meinen, ist riesengroß. Der Weg, der mitten hindurchführt zwischen den Profit-Sozialisten und den Krach-Sozialisten, ist heute unerhört schmal. Aber in dem Moment, wo wir das ganz andre vergessen, das wir eigentlich meinen, ist unser Sozialismus tot. Wir müssen den schmalen Weg immer wieder suchen und gehen. Nicht nur um unser selbst willen, sondern um des Ganzen willen, um des heutigen Menschen willen, dessen tiefster Not und Hoffnung wir Ausdruck geben müssen, weil denn niemand sonst es tun will. Um der Bürgerlichen selbst willen dürfen wir nicht bürgerlich werden, weder nach rechts noch nach links. Wir sind verantwortlich. Wir stehen auf einem Wächterposten. Wir sind die Unruhe in der Uhr. Wir dürfen nicht stillstehen. Die Welt hat es bitter nötig, dass ihr das immer wieder gesagt wird, was wir ihr zu sagen versuchen mit der ganzen Unrast, mit dem ganzen unerbittlichen Protest, mit dem ganzen Glauben an das Unmögliche, der in uns steckt und der das Wesen des Sozialismus ist. Die Welt verlangt es geradezu von uns, dass wir bei unserem bösen, trotzigen Nein bleiben, denn sie ahnt, dass hinter unserm Nein das größte umfassendste, lebendigste Ja steht. Es müssen sich aber |620 viele, viele durchringen dazu, Nein zu sagen, Nein zu sich selbst, Nein zu den Göttern, die wir bis jetzt angebetet haben, Nein zu der Welt, wie sie jetzt ist und von sich aus immer wieder sein möchte. Wir Sozialisten aber müssen den Posten halten, wo jetzt Nein gesagt wird, und wenn er oft uns selbst wie ein verlorener Posten erscheinen würde. Wir müssen das Opfer bringen, die zu sein, die immer unrecht haben. Denn erst wenn der Mensch weiß, dass er im Unrecht ist, kann der Tag des Rechtes anbrechen auf der Erde, der Tag des Advents, der Zukunft des neuen Menschen, des Menschensohnes [vgl. Lk. 17,22], der das Unmögliche möglich macht – der Tag, dessen wir warten.-bv

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «1. Warum».↩
b-b
Mskr.: «nicht darum, weil wir meinen».↩
c-c
Mskr.: «Ich sage das auch zu den anwesenden Bürgerlichen. Sie brauchen keine Angst zu haben».↩
d-d
Mskr.: «noch gar».↩
e-e
Mskr.: «zu hören».↩
f-f
Mskr.: «Man könnte viel eher sagen, dass wir Sozialisten sind, weil wir Unrecht haben. Ja, wir Soz[ialisten] haben das Unrecht in uns, das grosse Unrecht der Welt, der Gesellschaft, der Menschen. Dieses große Unrecht».↩
g-g
Mskr.: «Es wurde unsre Sorge, unsre Frage, unser Rätsel, dass es so ist in der Welt: Macht geht vor Recht! Dieses ganze Unrecht ist in uns hineingefahren und hat von uns Besitz genommen.»↩
h-h
Mskr.: «Erinnert euch, wie ihr dazu gekommen seid».↩
i
Mskr.: «einzutreten.».↩
j-j
Mskr.: «Sicher die Wenigsten darum[,] weil sie Bücher u. Zeitungen gelesen hatten, sicher die Wenigsten in der Meinung, damit etwas bes. Gutes zu tun. Wohl aber die Allermeisten darum, weil es ihnen bei irgend einer Erfahrung in der Fabrik oder in der Gemeinde auf einmal blitzklar wurde: Also so gehts zu in der Welt, so darf es zugehen! Da ist das grosse Unrecht der Welt in euch hineingefahren, seitdem könnt ihr nicht mehr ruhig zusehen, seitdem seid ihr unruhige unbefriedigte Menschen geworden, Menschen die immer fragen u. suchen müssen nach etwas, was es in der Welt offenbar nicht giebt, Menschen, die murren u. schreien müssen gegen das was jetzt in der Welt ist.»↩
k-k
Mskr.: «Murren und Schreien ist nun einmal nichts Schönes, das wissen wir selbst am Besten.»↩
l-l
Mskr.: «Sie haben gar nicht so Unrecht. Wir».↩
m-m
Mskr.: «aber das wissen wir[,] es bleibt immer noch etwas übrig, das den Klagen der Andern Recht giebt».↩
n-n
Mskr.: «Das[,] was da in uns brennt, hindert uns daran, und wir müssen es uns gefallen lassen, dass ein Sozialist von allen vernünftigen Leuten als etwas Verdächtiges, Gefährliches u. Unerfreuliches angesehen wird.»↩
o-o
Mskr.: «gleich».↩
p
Mskr.: «Und so».↩
q-q
Mskr.: «auch im Grossen Ganzen immer dagestanden vor der Welt».↩
r-r
Mskr.: «Kultur mit ihren Errungenschaften ein wirklicher Fortschritt gegen früher sei».↩
s
Mskr.: «droben in Bern».↩
t-t
Mskr.: «Da mussten wir Soz. grollend abseits stehen».↩
u-u
Mskr.: «und mussten mit spitzen Fingern zeigen auf».↩
v-v
Mskr.: «das beruht auf der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken, da ist Blut geopfert u. Thränen u. Gesundheit! das kommt nur den Allerwenigsten wirklich zu gut was ihr da geschaffen habt.»↩
w-w
Mskr.: «eingenommen haben, aber wir konnten nicht anders, wir mussten. Wie war es während des Krieges, als der Gedanke des Vaterlandes in allen Völkern Europas noch einmal lebendig wurde wie noch nie, als es wie eine Welle von Begeisterung, Opfersinn u. Heldenmut durch».↩
x-x
Mskr.: «suchte aller Vernunft zuwider den Feind nicht jenseits, sondern diesseits der Grenze?»↩
y
Mskr.: «wir bösen Sozialisten mit».↩
z-z
Mskr.: «aber wir konnten nicht anders, wir mussten.»↩
aa-aa
Mskr.: «kommt die Welt u. hat Recht u. gründet».↩
ab-ab
Mskr.: «Frieden. Ja endlich der langersehnte ewige Friede, endlich ein entscheidender Fortschritt wenigstens diesem Ziel entgegen.»↩
ac-ac
Mskr.: «einen ganz anderen Fortschritt wollen».↩
ad-ad
Mskr.: «können: Macht geht vor Recht! nach außen u. nach innen, wie ihr es vor dem Kriege getan habt. Noch einmal sage ich: keine schöne Stellung, wenn man an den guten Willen derer, die die Welt regieren, nicht glauben kann, wenn man misstrauisch sein muss.»↩
ae-ae
Mskr.: «Obs schön oder nicht schön sei, wir sagen Nein zu dem, was da in Paris gebraut und in Bern so geduldig verschluckt worden ist. Aber dabei müssen wir es uns gefallen lassen, immer die zu sein, die Unrecht haben in der Welt.»↩
af-af
Mskr.: «Und wie ists denn weiter, wenn man uns nun fragt: ja [was] wollt ihr denn eigentlich».↩
ag-ag
Mskr.: «Nun, den habt ihr ja jetzt, was macht ihr nun mit der vielen freien Zeit, die ihr bekommen habt, merken eure Frauen auch etwas davon? Bessere Löhne? Ja die müssen kommen u. sind z.T. schon da, aber seid ihr so ganz sicher, dass ihr mit den grösseren Zahltagen auch vernünftig umgehen werdet? Billigere Lebensmittel? Ja, aber seht ihr nicht, wie da eure Interessen mit denen eines andern Volksteils, der auch von früh bis spät hart arbeiten muss, hart zusammenstossen?»↩
ah
Mskr.: «sollten».↩
ai-ai
Mskr.: «dann merken wirs, wie tief das grosse Unrecht in uns sitzt».↩
aj-aj
Mskr.: «Auf das Alles können wir ja doch».↩
ak
Mskr.: «Lohnerhöhungen, mit euren Lebensmitteln».↩
al
Mskr.: «Wir wissen wohl, dass es mit dem Allem an sich nicht getan ist. Wir».↩
am-am
Mskr.: «Der 8 Std.Tag kann uns ja wieder verdorben werden, wenn wir nun in 8 Std. ebensoviel oder noch mehr Kraft hergeben sollten als vorher in 10 oder 11. Die Freude an den bessern Löhnen kann uns verdorben werden durch die Akkorddrückerei, der wir nun erst recht ausgesetzt sind. Alles was wir von unsern Forderungen erreicht haben wird uns wieder verdorben durch den schlechten Willen, den man uns von oben entgegensetzt, durch die Schraube ohne Ende, der wir ausgeliefert sind. Vielleicht sind auch wir selbst es, die uns manchen gemachten Fortschritt wieder verderben, weil wir nicht damit umzugehen wissen. Und so könnte am Ende auch der ganze Zukunftsstaat, von dem unsre Führer reden, eine verdorbene Sache sein, ehe er».↩
an-an
Mskr.: «was da in den paar Forderungen unsres Programmes ausgesprochen ist».↩
ao
Mskr.: «Diese unsre».↩
ap
Mskr.: «Wörter».↩
aq-aq
Mskr.: «als wir sagen u. fordern können. Leben möchten wir, frei werden von der Gefangenschaft[,] in der der Mensch jetzt sitzt, freie Menschen werden, durch die grosse Lüge, dass das Geld wichtiger sei als der Mensch[,] möchten wir hindurchbrechen zu der Wahrheit, dass der Mensch selber das Erste u. Wichtigste in der Welt ist. Hindurchbrechen durch die namenlose Selbstsucht des heutigen Menschen, der nur an sein Eigentum denkt, zu einer Ordnung wo jeder Mensch nur noch ein Eigentum kennt, das ihm zu hüten anvertraut ist, seine Mitmenschen, seine Brüder. Hindurchbrechen durch den falschen Schein[,] mit dem der heutige Staat, die heutige Kirche, die heutige Schule den Menschen umgiebt, zu einer echten Ordnung, zu einem echten Glauben, zu einer echten Erziehung. Einen neuen Menschen wollen wir u. erwarten wir, das».↩
ar-ar
Mskr.: «gar nicht etwas politisch Erreichbares?»↩
as-as
Mskr.: «geben? wenn sie uns fragen: ob».↩
at-at
Mskr.: «widersprechen könnte. Auch».↩
au-au
Mskr.: «Es ist einfach wahr, unser politisches Ziel ist im letzten Grund kein politisches Ziel und unsre politische Überzeugung ist im letzten Grund mit keinen andern politischen Überzeugungen zu vergleichen».↩
av
Mskr.: «eine neue Menschheit».↩
aw-aw
Mskr.: «jedermann».↩
ax-ax
Mskr.: «Wir können eben nicht Anderes sein».↩
ay
Mskr.: «rühmen».↩
az
Mskr.: «2. Lasst».↩
ba
Mskr.: «sozialistischen Pfarrern».↩
bb
Mskr.: «an dieser Konferenz».↩
bc
Mskr.: «den langen».↩
bd
Mskr.: «‹besseren› Herren».↩
be
Mskr.: «eine ganze Anzahl».↩
bf-bf
Mskr.: «Wenn ich in einem Wort zusammenfassen soll, was ich in Deutschland gelernt habe, so sage ich: ich habe gelernt, mich selbst u. die heutige Zeit u. den heutigen Menschen wieder viel besser u. gründlicher zu verstehen. Wir in unsrem verhältnismässig so ruhigen Schweizerwinkel sind in Gefahr, die heutige Zeit nicht zu verstehen. Die ganze heutige Lage des Menschen ist viel ernster, als wir es uns gewöhnlich vorstellen. Als ich zurückkam, war es mir wie Einem».↩
bg
Mskr.: «aufgewühlten».↩
bh-bh
Mskr.: «jetzt viel viel deutlicher auf den Grund. Und was sieht man da?»↩
bi-bi
Mskr.: «ist im Grund seiner Seele unsicher geworden. Es mag euch verwundern, dass ich das gerade in Deutschland so klar gesehen habe. Ihr».↩
bj-bj
Mskr.: «waren: immer sicher, Alles wussten sie, Alles konnten sie, über Alles konnten sie reden».↩
bk
Mskr.: «Die Deutschen».↩
bl-bl
Mskr.: «Ich will nicht sagen, dass das nun bei allen Deutschen auf einen Schlag u. ganz u. gar anders geworden sei. Aber».↩
bm-bm
Mskr.: «einmal Leute, die im Grund unsicher sind. Und gerade weil ich das bei den Deutschen gesehen habe, wo man das nie erwartet hätte, glaube ich dass es etwas Allgemeines ist, das für alle Völker u. Länder gilt. Der heutige Mensch ist unsicher geworden. Er spürt».↩
bn-bn
Mskr.: «Er hat Fragen auf dem Herzen, lauter Fragen, seltsame thörichte Fragen vielleicht, aber lauter Fragen, die anzeigen, dass er im Grunde etwas sehr Wichtiges nicht weiss. Er nimmt nicht mehr sofort Achtungstellung an, wenn man ihm sagt: Staat, Kirche, Schule, Wirtschaftsleben, Wissenschaft – nicht einmal, wenn man ihm sagt: Partei, Standpunkt, Idee – er hört bei dem Allem nur mit halbem Ohr zu, er hört immer noch ein wenig darüber hinweg, er lässt sich nicht so schnell beruhigen; er möchte noch mehr hören. Er hat immer noch den Nebengedanken: ja, aber bei dem Allem kann es sicher nicht so weitergehen wie bisher. Es muss anders werden.»↩
bo-bo
Mskr.: «Er hat das Gefühl vor einer hohen unübersteigbaren Mauer zu stehen. Ists nicht so? Ist diese Unsicherheit[,] die für das heutige deutsche Volk so bezeichnend ist, nicht auch unsre eigene Unsicherheit? Sind nicht auch wir Alle solche heutige Menschen, wer wir auch sein mögen? Ist etwas von dieser Verlegenheit, von diesen Fragen u. Zweifeln, nicht in allen Völkern, auch in unserm Volk? Sind nicht auch unsre sog. polit. Gegner im Grunde unsichere Menschen? Woher denn diese merkwürdige Nervosität u. Aufregung, mit der wir seit einem Jahr bekämpft werden? Woher anders als weil auch unsre sog. Gegner im Grunde sehr genau wissen, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind auch Menschen der heutigen Zeit, sie gehören viel näher zu uns als sie selbst denken. Wir können sie ganz ruhig sich aufregen u. uns bekämpfen lassen, die Zeit des Rechthabens ist heute für Alle u. so auch für sie vorbei. Der heutige Mensch weiss im Grunde, dass er Unrecht hat.»↩
bp-bp
Mskr.: «Warum sind wir Sozialisten, die das grosse Unrecht in sich haben, die bösen Sozialisten, die immer wieder ihre Unruhe, ihren Protest, ihre unmögliche Hoffnung kundgeben? Nicht aus Laune, nicht aus Zufall, sondern heute mehr als je weil wir müssen. Es ist nicht irgend ein böser oder guter Geist, der über uns gekommen ist, sondern eine allgemeine Notwendigkeit, der wir gehorchen müssen.»↩
bq-bq
Mskr.: «Ja, die Andern starren uns jetzt an und kritisieren uns und widersetzen sich uns und wissen gar nicht, dass sie gegen sich selbst streiten, wenn sie gegen uns streiten. Alles was in uns ist und uns zu denen macht, die immer Unrecht haben, es steckt im Grunde auch in ihnen, nur dass sie es nicht offen zugeben, weil sie immer noch Recht haben wollen. Je mehr sie Recht haben wollen, umso stärker müssen sie sich die Ohren verstopfen gegen uns, um nicht hören zu müssen, dass auch sie Unrecht haben. Und je weniger sie hören wollen, umso mehr wächst das grosse Unrecht, denn es kann dadurch nicht kleiner werden, dass man nicht Unrecht haben will. Und je mehr das Unrecht wächst, umso mehr müssen sie uns hassen u. fürchten. Wie wars denn mit dem Gespenst des Bolschewismus, das sie jetzt seit 1 Jahr an alle Wände u. im Aargau sogar an die Plakatwände gemalt haben, fürchterlich, abscheulich, mit dem Revolver in der Hand? War es etwas Anderes[,] dieses Gespenst[,] als der ungeheure Schatten der Angst derer die immer Recht haben wollen und gerade damit das Unrecht gross u. grösser machen? Es muss ja so sein, nicht wir paar Sozialisten sind dieser gefürchtete u. gehasste Feind, wir können ganz ruhig sein, sondern das was in ihnen selbst, in den Andern rumort und sie bedroht[,] solange sie nicht mit uns Unrecht haben wollen. Wir wollen sie verstehen. Es ist nicht so böse gemeint, wie es herauskommt, auch im Aargau nicht. Es geht auch hier nach dem Sprichwort: Den Sack schlägt man und den Esel meint man! Wir wollen uns schlagen lassen. Wir sind nur der Sack. Sie kämpfen gegen ihre eigene Verlegenheit, wenn sie gegen uns kämpfen.»↩
br-br
Mskr.: «Wenn heute nicht wir die Sozialisten wären, so wären es Andre, vielleicht gerade von denen, die gegen uns sind. Denn irgendwo u. irgendwie muss die Unsicherheit des heutigen Menschen zum Ausdruck u. Ausbruch kommen. Irgendwo muss es sich ja zeigen, dass der Mensch im Unrecht ist. Wenn das eine Ehre ist, so haben wir Sozialisten die Ehre».↩
bs
Mskr.: «3. Und».↩
bt-bt
Mskr.: «Wir dürfen nicht bürgerlich werden. Wir müssen Sozialisten sein u. bleiben.»↩
bu
Mskr.: «selbst».↩
bv-bv
Mskr.: «Bürgertum ist Friede mit der Welt wie sie ist. Bürgertum ist Gleichgewicht um jeden Preis. Bürgertum ist auch eine Art Glaube: der Glaube an einen Fortschritt, der von selbst kommt. Bürgertum heisst: nicht Fragen, nicht Zweifeln, nicht Suchen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Bürgertum heisst Recht haben wollen dem ganzen Unrecht der Welt zum Trotz. Und das meine ich, wenn ich sage: wir dürfen nicht bürgerlich werden. Es ist nötig, dass das heute unter uns Sozialisten laut gesagt wird. Von zwei Seiten droht uns heute die Gefahr, dass unser Salz dumm wird [vgl. Mt. 5,13]. Die eine Gefahr sehe ich verkörpert in der gegenwärtig in Deutschland regierenden Mehrheitssozialdemokratie, die andere im russischen Sowjet-Sozialismus. Beide sind sich darin gleich, dass da die Sozialisten mit der Welt Frieden geschlossen haben, wenn auch in sehr verschiedener Weise. Darin gleich, dass sie über den erreichbaren Forderungen unsres Programms das Unerreichbare, das ganz Andere vergessen haben, das mit den sozialist. Forderungen eigentlich gemeint ist. Darin gleich[,] dass sie[,] um die Erfüllung dieser Forderungen zu erreichen, zu Mitteln greifen mussten, die dem[,] was wir Soz. meinen, direkt ins Gesicht schlagen, die Deutschen zuerst zur Unterstützung des Kaisertums und dann zur Zusammenarbeit mit den reaktionären bürgerl. Parteien, die Russen zur Aufrichtung einer gewaltsamen Diktatur der Minderheit. Darin gleich, dass sie gerade die besten Köpfe u. Herzen, in denen der radikale revolutionäre Geist des Sozialismus lebte, von sich abstiessen. Darin gleich, dass sie, koste es was es wolle[,] Recht haben wollten wie die Bürgerlichen u. nach der Manier der Bürgerlichen. Die Gefahr, dass auch wir auf die eine oder andre, auf die deutsche oder auf die russische Art vergessen, was wir eigentlich meinen, ist riesengross. Wir dürfen es aber nicht vergessen. In dem Moment, wo wir das ganz Andre vergessen, das wir eigentlich meinen, ist unser Sozialismus tot. Der Weg, der mitten zwischen den beiden Gefahren hindurchführt, mitten hindurch zwischen den Profit-Sozialisten und den Krach-Sozialisten, ist heute unerhört schmal. Wir müssen ihn aber immer wieder suchen und gehen. Nicht nur um unsrer selbst willen, sondern um des Ganzen willen, um des heutigen Menschen willen, dessen tiefster Not u. Hoffnung wir Ausdruck geben müssen, weil denn niemand sonst es tun will. Wir sind verantwortlich. Wir stehen auf einem Wächterposten. Wir dürfen ihn nicht verlassen, wir dürfen nicht einschlafen. Um der Bürgerlichen selbst willen dürfen wir nicht bürgerlich werden, weder nach rechts noch nach links. Die Welt hat es bitter nötig, dass ihr das immer wieder gesagt wird, was wir ihr zu sagen versuchen, gesagt wird mit der ganzen Unruhe, mit dem ganzen unerbittlichen Protest, mit dem ganzen Glauben an das Unmögliche, der in uns steckt u. der das Wesen des Sozialismus ist. Die Welt hungert u. dürstet danach, dass es gesagt wird und dass es gerade so gesagt wird. Die Welt verlangt es geradezu von uns, dass wir bei unserm bösen trotzigen Nein [bleiben,] denn sie ahnt[,] dass wir nicht das Nein meinen, sondern das grösste umfassendste lebendigste Ja. Dieses Ja kann aber erst dann ausgesprochen werden, wenn Viele sich dazu durchgerungen haben[,] Nein zu sagen, Nein zu sich selbst, Nein zu den Göttern, die wir bis jetzt angebetet haben, Nein zu der Welt wie sie ist u. immer wieder sein möchte. Wir müssen das Opfer bringen, wir Sozialisten, die zu sein u. zu bleiben, die immer Unrecht haben. Denn erst wenn der Mensch im Unrecht ist, kann der Tag des Rechtes anbrechen auf der Erde, der Tag des Advents, der Zukunft des Menschensohnes, der das Unmögliche möglich macht, der Tag[,] dessen wir warten.»↩

Sachfußnoten

1
Vortr. u. kl. A. 1909-1914, S. 684, Anm. 2 📖.↩
2
A.a.O., S. 683 📖.↩
3
Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, pro 1916 (s. oben S. 115, Anm. 34), S. 70 📖. Für die späteren Jahre liegen keine Zahlen für die lokalen Sektionen vor.↩
4
Bw.Th.I, S. 351. 📖↩
5
Wie er es in Tambach getan hatte.↩
6
= Blamierte.↩
7
Bw.Th.I, S. 354. 📖↩
8
Bw.Th.I, S. 355. 📖α↩
9
K. Barth, Predigten 1919, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 198–205 📖. Vgl. auch oben S. 151.↩
10
Jg. 14 (1919), Nr. 283 vom 4.12.1919, S. [2] 📖.↩
11
Brief vom 3.12.1919, Bw.Th.I., S. 357 📖. Otto Herpel hatte ihn am 3.11.1919 zur Mitarbeit an der Zeitschrift aufgefordert (KBA 9319.222).↩
12
Brief vom 12.12.1919, Bw.Th.I., S. 359 📖.↩
13
Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat, Jg. 1 (1919/20), Nr. 40 vom 4.1.1920, Sp. 635–641 📖. – Herpel hatte für die Zusendung des Manuskripts am 8. (18.?) 12.1919 gedankt (KBA 9319.269): «Das wird so abgedruckt, wie es da steht mit herzlicher Freude des Herausgebers am Stein des Anstoßes.»↩
14
KBA 9320.44.↩
15
KBA 9320.6.↩
16
KBA 9320.62.↩
17
= unrichtig, ungut.↩
18
KBA 9320.95; dort S. 4. Mit einigen Streichungen erschien der Text später in: Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat, Jg. 2 (1920/21), S. 106–113 📖.↩
19
KBA 9220.16.↩
20
KBA 9220.14. Siebeck hatte am 13. März 1920 an Barth geschrieben (KBA 9230.78): «Nun noch etwas vom Sozialismus. Ich verstehe es jetzt auch besser, wie Sie’s meinen, u. doch stehe ich anders.»↩
21
«Macht geht vor Recht»: ein von Maximilian Graf von Schwerin in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 27.1.1863 dem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck unterstellter Ausspruch; vgl. Büchmann, S. 453f. 📖↩
22
Zum Hintergrund des Sprichworts «Geld regiert die Welt» vgl. Büchmann, S. 335 📖.↩
23
1914 fand in Bern von Mai bis Oktober die dritte schweizerische Landesausstellung statt. Die Landesausstellungen entwickelten sich im 19. Jahrhundert aus einer Leistungsschau von Schweizer Unternehmen zur Inszenierung der nationalen Leistungsfähigkeit. Vgl. K. Barth, Landesausstellung. Predigt, gehalten in Safenwil am 7. Juni 1914, in: Predigten 1914, S. 301–314 📖.↩
24
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 573 (Nacht) 📖. ↩
25
Aus der 9. Strophe von J. W. von Goethes Gedicht «Die Braut von Korinth» 📖:
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.
↩
26
Anfang der damaligen schweizerischen Nationalhyme, deren Text von Johann Rudolf Wyss (1782–1830) stammt; z.B. in Liederbuch für die schweizerische Studenten-Verbindung Zofingia, Zürich 18914, Teil I, S. 3f. 📖↩
27
Auf Initiative des Generalstabschefs Oberst Theophil Sprecher von ­Bernegg wurde am 30.1.1919 eine «Schweizerische Nationalspende für unsere Soldaten und ihre Familien» begründet, die unter der Aufsicht des Bundesrates stand (vgl. B. Hartmann, Oberstkorpskommandant Theophil Sprecher v. ­Bernegg, Generalstabschef der schweiz. Armee 1914-1919. Versuch einer Biographie, Chur 1930, S. 117 📖).↩
28
Aaargauer Soldatendenkmal, das im Herbst 1919 zur Erinnerung an die während der Grenzbesetzung 1914–1918 verstorbenen Wehrmänner auf dem Aarauer Holzmarkt errichtet wurde. Die Sozialdemokratie distanzierte sich von diesem Denkmal und empfahl der Arbeiterschaft, der Einweihung fernzubleiben. Die sozialdemokratische Zeitung «Neuer Freier Aargauer» schrieb am 2.10.1919, man empfinde sehr die Not der vom Krieg getroffenen Familien; ihnen sei aber nicht geholfen «mit vaterländischem Klimbim und einem wertlosen Stein». Im Hinblick auf den im Krieg zutagegetretenen Nationalismus und Militarismus sei es besser, «wenn man das Vergangene mit einem großen Stein zudeckt» (W. Gautschi, Die Geschichte des Kantons Aargau 1885-1953, a.a.O. [s. oben S. 514, Anm. 2], S. 230 📖).↩
29
Die Satzung des Völkerbundes vom 28.4.1919 wurde auf der Pariser Friedenskonferenz ausgearbeitet und in die Versailler Friedensverträge von 1919/20 aufgenommen. Der Völkerbund nahm seine Tätigkeit am 16.1.1920 in seinem Sekretariat in Genf auf. Hauptanliegen des Völkerbundes war die Erhaltung des Friedens und des Gebietsstandes der Mitglieder. Diese waren verpflichtet, ihre Streitigkeiten friedlich zu lösen und bei Nichteinigung den Völkerbundsrat (vier bis sechs ständige, bis zu neun nichtständige Mitglieder) anzurufen, der eine Lösung vorschlagen konnte, die bei Einstimmigkeit für beide Parteien verpflichtend war.↩
30
Vgl. das Urteil des «Basler Vorwärts», der am 19.4.1919 (Jg. 22, Nr. 92, S. 1) 📖 unter der Überschrift «Um den Völkerbund» schrieb: «Der Wilsonsche Völkerbund ist nichts anderes als eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit mit dem Zweck, die kapitalistische Herrschaft zu konservieren. [...] Hier geht es den kapitalistischen Staaten genau so wie in einer früheren Entwicklungsperiode den einzelnen Unternehmern. Man hat sich gegenseitig konkurrenziert bis zum Ruin. [...] Plötzlich wurde man gewahr, daß die gemeinsame Ausbeutung des Proletariats viel rentabler sei. Es kamen die Unternehmerorganisationen, die Syndikate und Trusts. [...] Das gleiche Spiel wiederholt sich in viel gewaltigerem Umfange. Zu was sich denn gegenseitig bekämpfen, beuten wir das Proletariat der Welt gemeinsam aus. [...] Wie die Syndikate widerspenstige Kapitalisten [...] zur Raison bringen, so soll der Völkerbund die Interessen aller Räuber wahren, sobald der eine oder andere der Bundesgenossen aus der Reihe tanzen will.»↩
31
Das 14 Punkte umfassende Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Th.W. Wilson vom 8.1.1918, das später von Einfluss auf die Pariser Friedensverhandlungen und die Satzung des Völkerbundes war, sah u. a. vor: öffentliche Friedensverträge und Abschaffung der Geheimdiplomatie; Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren außerhalb der territorialen Gewässer in Friedens- und Kriegszeiten; Abbau wirtschaftlicher Schranken des Welthandels; Beschränkung der nationalen Rüstungen; Verständigung über alle kolonialen Forderungen (wobei die Bevölkerungsinteressen der Kolonien gleichwertig neben den Besitztiteln der kolonialstaatlichen Regierungen stehen sollten); allgemeine Vereinigung der Völker (vgl. z.B. J. Ruchti u. a. , Geschichte der Schweiz 1914-1919, Bd. I, Bern 1928, S. 356f. 📖).↩
32
In der deutschsprachigen Schweiz stand man den Beschlüssen der Pariser Friedenskonferenz (15.2.-28.6.1919) distanziert gegenüber, weil sie eine Weltordnung schufen, die aus Siegern und Besiegten bestand. Die Landesregierung in Bern begrüßte indessen (zusammen mit dem französischsprachigen Landesteil) die Gründung des Völkerbundes und suchte in der Bevölkerung eine Mehrheit für einen Beitritt der Schweiz herbeizuführen. Im Januar 1920 weilten Schweizer Regierungsvertreter in Paris und später beim Völkerbundsrat in London, um die Bedingungen des Beitritts auszuhandeln (vgl. E. Gagliardi, Geschichte der Schweiz von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. III, Zürich 1937, S. 1688ff. 📖).↩
33
Ein Gesetz, das für die schweizerischen Fabrikarbeiter die 48stündige Normalarbeitswoche vorschrieb und das dann am 1.1.1920 in Kraft trat, war am 27.6.1919 beschlossen worden. Barth bezieht sich hier und im folgenden auf Forderungen, die von den Sozialisten während des von ihnen initiierten Landesstreiks (11.-14.11.1918) erhoben worden waren (vgl. Gautschi, S. 374 📖). Der achtstündige Arbeitstag in den Fabriken war eine der Hauptforderungen gewesen.↩
34
Die Erhöhung der 1914 mit Kriegsbeginn um ein Drittel und mehr gesunkenen Löhne war 1918 eine weitere Forderung gewesen. Nach dem Ende des Landesstreiks wurde eine «Anhebung der Reallöhne ungefähr auf den Stand von 1914» erreicht (Schweizerische Arbeiterbewegung, hrsg. von der Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zürich 1975, S. 194 📖).↩
35
Vgl. H. Kutter, Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft, 9. Tsd. Jena 1910 📖.↩
36
Die Religiös-Soziale Konferenz in Tambach (22.-25.9.1919), auf der Barth seinen Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» (s. oben S. 546–598) hielt.↩
37
Eugen Rosenstock-Huessy (Brief vom 18.11.1919 [KBA 9319.244]).↩
38
Die rechtsbürgerliche Schweizerische Vaterländische Vereinigung lancierte zu den Nationalratswahlen vom 26. Oktober 1919, den ersten Wahlen unter dem Proporzgesetz, ein Plakat mit dem Text «Jeder Schweizerbürger an die Urne! Es geht um alles! Fort mit russischen Umsturzgelüsten! Stimmt bürgerlich!» Der Entwurf mit dem Titel «Der Bolschewist» stammte von Otto Ernst (1884–1967), den Druck besorgte A. Trüb & Co. in Aarau. Vgl. A. Thürer, Der Schweizerische Vaterländische Verband 1919-1930/31, Diss. phil.-hist. Basel 2010, Bd. 1, S. 398–400 📖; E. Lüthy, Das künstlerische politische Plakat in der Schweiz, Basel 1920, Tafel VIII 📖. «Apache» wurde als Ausdruck für «Verbrecher», «Zuhälter» benutzt.↩
39
Zur Geschichte dieser Wendung vgl. Büchmann, S. 357 📖.↩
40
Vgl. zu dieser Wendung Büchmann, S. 437 📖.↩