30. Mai 1933

Ansprache [in der Homiletischen Übung]

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ANSPRACHE
[IN DER HOMILETISCHEN ÜBUNG]

1933

Am Beginn der Sitzung seiner homiletischen Übung vom 30. Mai 1933 erläuterte Barth erstmals vor einer größeren Öffentlichkeit seine Auffassung davon, wie man sich als Theologe den Geschehnissen der letzten Wochen gegenüber zu verhalten habe.

Wenige Tage zuvor war der Streit um die Verfassung der Reichskirche und die Person des Reichsbischofs eskaliert und hatte in den Auseinandersetzungen um die Wahl Friedrich von Bodelschwinghs am 27. Mai ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden.1

Daneben war es aber auch eine konkrete Mitteilung, durch die Barth sich zu diesem Schritt veranlasst sah: «Vor den letzten Übungen hat Karl eine lange, sehr bedächtige und sehr eindrucksvolle kleine Ansprache an seine Studenten gehalten über die Pflichten des Theologiestudenten (zu denen er durchaus auch sich selber rechne!) im Sommersemester 1933. Den Anlass dazu bot uns die jetzt so naheliegende Zerstreuung durch die Ereignisse auf politischem und kirchlichem Gebiet und eigentlich vor allem eine Bemerkung Georgs2 in |261 einem Brief an einen Studenten,3 die einen kleinen Zweifel an der Bedeutsamkeit theologischer Arbeit im gegenwärtigen Augenblick aufkommen ließ […]. Sie können einen ja wirklich dauern, diese armen jungen Leute, die von allen Seiten nur noch Losungen und Parolen zugerufen bekommen […].»4

Bemerkenswert ist die schon hier anzutreffende Rede von einer «Existenz als Theologe», die um keinen Preis aufzugeben sei zugunsten scheinbar dringlicherer Aufgaben. Hier wird der Grundgedanke von Barths dreieinhalb Wochen später erscheinender Programmschrift Theologische Existenz heute! skizzenhaft vorweggenommen.5

Die Ansprache ist erhalten als eineinhalbseitiges, zweizeilig geschriebenes Typoskript.6 Es ist mit einem einleitenden, handschriftlichen Satz versehen und wurde von stud. theol. Beatrice von Wenckstern geschrieben, die auch das Protokoll der Seminarsitzung verfasste.7 Ein erster Abdruck des Textes findet sich in Hinrich Stoe|262vesandts Einleitung zur Neuausgabe von Theologische Existenz heute! (K. Barth, Theologische Existenz heute! [1933], 📖). Der untenstehende Abdruck folgt dem Typoskript.

Ansprache
[in der Homiletischen Übung]

Am Beginn der Sitzung vom 30.5.33 nimmt Herr Prof. Barth Stellung zur Zeitlage und der besonderen Aufgabe, die dem Studenten hier gestellt ist.

In den gegenwärtigen erregten, belebten Zeiten, die unser aller Teilnahme so oder so erfordern, besteht die Gefahr für den christlichen Menschen, den theologischen Menschen speziell, aktuell, dass er seine eigene Existenz vergisst und vielleicht darüber verliert. Wir haben aber unsere eigene Existenz nicht wahllos hier und da hinzugeben, sondern, wenn wir wissen, was das heißt, Theologe sein, so müssen wir uns ja darüber klar sein, dass über unsere Existenz verfügt ist! Es darf nicht geschehen, dass wir unsere Existenz als Theologen jetzt irgendwie verlieren! Welches auch der Sinn dieser merkwürdigen Zeit sein mag – wir sind im Besonderen aufgerufen, Kirche zu sein. Sinnvoll kann man Erwägungen über Kirche nur anstellen in dem Bewusstsein, Kirche zu sein, den Ruf gehört zu haben. Erwägungen über die Kirche gibt es nur von dieser in uns selbst zu konstituierenden Kirche aus. An alle, wie sie auch die heutige Zeit erleben mögen, auch an die Bürger der Universität, aber auch ganz besonders an uns Theologen ergeht der Ruf, auch wenn es Kirche Christi gäbe: nun kommt es ganz darauf an, dass der Grund, der unbeweglich steht, sichtbar bleibe! Gerade wenn man mit ganzer Sorge an dem beteiligt ist, was Volk und Vaterland jetzt bewegt, muss betont werden: es kommt darauf an, dass [in] Deutschland Kirche Christi bleibt. Die letzten Wochen haben uns ganz besonders von der kirchenpolitischen Seite her bewegt. Auch im Blick darauf wird dieses gesagt. Es wird jetzt in Deutschland unheimlich viel gesagt, geschrieben über die Einheit der Kirche und ihren Bischof! Diese Vorgänge gehen uns gewiss alle an, es wird hier auch über uns entschieden, aber gerade hier sind Menschen |263 notwendig, die den Einsatz wagen, Kirche zu sein. Vor Spekulieren und Abenteuern, sei es auch nur innerlich, müssen sich gerade hier die Studenten hüten!8

Wir tun der Kirche den besten Dienst, wenn wir auch jetzt still, gesammelt und redlich arbeiten! Jetzt gilt es sachlich [zu] sein, seine Bibel zu lesen, seine Dogmengeschichte, – seine Dogmatik zu treiben, was erst späterhin für Volk und Kirche wirksam wird, aber dann das Beste ist.

Die Lage der Studenten von 1933 ist ähnlich der Lage der Studenten von 1914! Sie wurden von der Arbeit zum Kriege aufgerufen,9 und doch ist die heutige Lage nicht die gleiche! Wir sind nicht aufgerufen, unsere Hefte wegzulegen, ein Verschieben der konkreten Arbeit gibt es nicht!

Jetzt gilt das Schlagwort des Krieges in unserem Sinne: Durchhalten!! als Theologen!!10 Nicht dürfen wir uns wiegen und treiben lassen |264 von den Meinungen. Es gibt ein Wort Gottes – das hat bestanden und wird bestehen [vgl. Jes. 40,8], wir sind dazu berufen, diesem treu zu dienen!

Sachfußnoten

1
Friedrich von Bodelschwingh d. J. (1877–1946), war seit 1910 als Nachfolger seines Vaters Leiter der Betheler Anstalten. Er wurde am 24. Mai 1933 als allseits anerkannte, profilierte und kirchenpolitisch unabhängige Persönlichkeit von den drei bevollmächtigten Kirchenvertretern an den Loccumer Verhandlungen, Marahrens, Kapler und Hesse (vgl. oben, S. 242), als künftiger Reichsbischof vorgeschlagen und – nach Probeabstimmungen schon am 26. Mai – am 27. Mai von den Vertretern der deutschen evangelischen Landeskirchen mit großer Mehrheit gewählt. Gegen diese Entscheidung erhob sich umgehend heftiger und anhaltender Protest seitens der Deutschen Christen, die die Wahl Ludwig Müllers für selbstverständlich gehalten hatten. Vgl. Scholder I, S. 355–427 📖; Meier I, S. 90–98 📖; Th. M. Schneider, Reichsbischof Ludwig Müller. Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit (AKIZ.B 19), Göttingen 1993, S. 103–130. 📖 Vgl. auch unten, S. 348f., Anm. 195.↩
2
Gemeint ist Georg Merz. – Der Disput Barths mit Merz über dessen Befürwortung des Reichsbischofsamtes und sein kirchenpolitisches Engagement zugunsten Bodelschwinghs eskalierte zum Monatswechsel dermaßen, dass ein klärendes Gespräch zur Vermeidung weiterer Missverständnisse notwendig wurde, zu dem Ch. von Kirschbaum über die Pfingsttage, an denen Barth in Elberfeld war (s. unten, S. 265f.), nach Bethel fuhr (vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an A. Barth vom 15.6.1933 [KBA 9233.150; Br. 1933, S. 255f. 📖]). – Ob Barth zum Zeitpunkt dieser Ansprache auch schon darüber informiert war, dass Merz im Sommersemester sein praktisch-theologisches Seminar über «Schriftauslegung und Lebensnähe in der Predigt» durch ein Seminar über «Das Problem der Reichskirche» ersetzt hatte (vgl. Brief von G. Merz an E. Thurneysen vom 9.6.1933 [Nachlass Thurneysen 📖, UB Basel]; am selben Tag von Merz als Durchschlag an Barth geschickt [vgl. KBA 9333.373]), ist unklar. – Zur Auseinandersetzung zwischen Barth und Merz in diesen Wochen vgl. M. M. Lichtenfeld, Georg Merz – Pastoraltheologe zwischen den Zeiten. Leben und Werk in Weimarer Republik und Kirchenkampf als theologischer Beitrag zur Praxis der Kirche (LKGG 18), Gütersloh 1997, S. 306–326. 📖↩
3
Möglicherweise Helmut Gollwitzer. Ein entsprechendes Schreiben ist im Karl Barth-Archiv nicht erhalten, aber Barth erwähnt in seinem Brief an Georg Merz vom 31.5.1933 (KBA 9233.138; Br. 1933, S. 237 📖) dessen «letzten Brief an Gollwitzer», in dem es u. a. um die Zukunft der Bonner Fakultät gegangen war.↩
4
Brief Ch. von Kirschbaums an E. Thurneysen vom 2.6.1933 (KBA 9233.145; Bw.Th. III, S. 420f. 📖).↩
5
Siehe unten, S. 271–363. Vgl. auch H. Stoevesandt, Einleitung, in: Th.Ex.h., S. 7–25, dort S. 10. 📖↩
6
KBA 16031.↩
7
Beatrice von Wenckstern (1908–1990) hatte in Breslau, Marburg und Bonn Theologie studiert, bevor sie Johann Georg Schomerus (1906–1985), 1933/34 Vikar, später zur Bekennenden Kirche gehöriger Pfarrer in der Provinz Sachsen, heiratete (Auskunft Hilko W. Schomerus, 16.3.2013). Das Protokoll ist im KBA erhalten.↩
8
Im Tskr. folgt nach einer kleinen Lücke und ohne Anbindung an den weiteren Text: «Es kommt hier ganz schlicht darauf an».↩
9
Schon zum Jahreswechsel 1914/15 waren große Teile der Theologiestudentenschaft im Kriegsdienst: z. B. in Berlin 151 von 497, in Erlangen 126 von 203, in Greifswald 99 von 134, in Heidelberg 112 von 160, in Leipzig 241 von 450, in Tübingen 430 von 516 Theologiestudenten. In KJ 42 (1915), S. 489 📖, werden diese Zahlen so kommentiert: «Der Anteil der Theologen am Kriegsdienst steht hinter der keiner anderen Fakultät zurück; er wird wahrscheinlich unter allen die erste Stelle einnehmen.»↩
10
«Durchhalten!» war die wohl meistbenutzte Parole im Ersten Weltkrieg – nicht nur in Deutschland, aber dort auf Grund der Eigenwahrnehmung, einen Kampf gegen eine Umzingelung von Feinden zu führen, besonders. Allein der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet für die Jahre 1914–1918 mehr als 35 Bücher, Broschüren, Predigten und Flugblätter, in deren Titel die Parole erscheint. Zum «Durchhalten!» wurden nicht nur die Soldaten aufgefordert, sondern auch die Hausfrauen (z. B. H. Pagés, Deutsche Hausfrau, hilf durchhalten! Ein Beitrag zur Volksernährungsfrage, Dülmen 1915 📖) und die Jugend (z. B. M. Troll, Wie kann in unserer Schuljugend und schulentlassenen Jugend der Wille zum Durchhalten gestärkt werden?, Langensalza 1917 📖), und als Beitrag dazu galt selbst der bargeldlose Zahlungsverkehr (O. Kohlmeyer, Bargeldloser Verkehr – auch ein Mittel zum Durchhalten und Siegen!, Berlin 1916 📖). Einen vergleichsweise frühen Beleg bietet z. B. Adolf von Harnack in seiner Rede Was wir schon gewonnen haben und was wir noch gewinnen müssen (29.9.1914), in: ders., Aus der Friedens- und Kriegsarbeit (Reden und Aufsätze, NF 3), Gießen 1916, S. 311–330, Zitat S. 326: 📖 «[W]as wir gewinnen müssen, das ist: Ausharren. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Es ist aber viel leichter die zwei ersten Monate zu durchleben als die zwei folgenden und dann noch zwei. Ich bin kein Prophet; ich weiß nicht, wieviel Monate es sein werden; ich weiß aber wohl, daß noch manche kommen werden. Da müssen wir nun durchhalten […].»↩