Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen
GEGENTHESEN ZU DEN RENGSDORFER THESEN
Diese Thesen waren auf der «Freizeit: Theologie der Glaubensbewegung d[er]
deutschen Christen» vom 3. bis 5. Oktober 1933 in der
kirchlichen Tagungsstätte Haus Hermann von Wied in
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Den Vortrag und besonders die anschließende Aussprache behielt Barth in guter
Erinnerung: «Vorgestern habe ich dann hier vor den Pfarrern der Synoden
561 Die Entstehung des Textes lässt sich aus dem erhaltenen Material gut
rekonstruieren. Neben einem dreiseitigen Manuskript in
Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen1)
1. Das «Deus dixit» (Gott hat gesprochen) gibt der Offenbarung Gottes einen nur formalen, daher nicht zutreffenden Ausdruck. Es verführt die Theologie zu einem «existenziellen Denken», das der Wirklichkeit nicht entspricht. Die Offenbarung Gottes liegt beschlossen in Deus creavit, salvavit, sanctificavit (Gott hat geschaffen, errettet, geheiligt). Gott ist Schöpfer und Erlöser, der der Welt den heiligen Geist gibt.19
1. Die Formel «Deus dixit» ist der Hinweis darauf, dass Gottes Offenbarung in Jesus Christus ein für allemal geschehen und in der Heiligenb Schrift ein für allemal bezeugt ist. Wir wissen nicht, was Schöpfung, Erlösung, Heiligung ist; wir müssen es uns durch Gottes Wort sagen lassen.
563 Wer heute diese Formel als «nur formal» bekämpft, ersetzt das freie Wort Gottes durch eine willkürliche Aussage menschlichen Selbstverständnisses und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
2. Ein «allgemeines Christentum» gibt es nicht. Christentum an sich ist wirklichkeitsferne Abstraktion. Für den deutschen Menschen kann es nur ein im deutschen Volkstum verwurzeltes Christentum geben.21
2. Die echte Besonderheit und Konkretheit des «Christentums» auf dem Boden des deutschen Volkstums ist nicht aus dem abzulesen, was wir über diesen Boden zu wissen meinen, sondern sie ist entgegenzunehmen als diejenige Gestalt, in der uns auf diesem Boden das eine Gebot und der eine Trost des Wortesc seiner eigenen Weisheit und seinem eigenen Willen gemäß offenbar wird.
Wer heute «ein im deutschen Volkstum verwurzeltes Christentum» predigt, bindet das Wort Gottes an eine eigenmächtig gebildete Weltanschauung, d-hebt es damit auf-d und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
18 3. Eine vorbehaltlose Stellung zum Evangelium einerseits und eine ebenso vorbehaltlose Stellung zum deutschen Volkstum andererseits (= nationalsozialistischer Staat) birgt keinen Gegensatz in sich.22
3. Das christliche Glaubensbekenntnis iste die einzigef «vorbehaltlose» Stellungg, die uns geboten h-und erlaubt-h ist. Von ihr aus sind alle |564 anderen Stellungnahmen (auch die zum deutschen Volkstum und diei zum nationalsozialistischen Staat) unter Vorbehalt gestellt.
Wer heute von zweij
«vorbehaltlosen» Stellungenk redet, der meint
4. Uns deutschen Menschen ist das Evangelium durch die Reformation dem deutschen Volkscharakter entsprechend nahegebracht worden. Die Geschichte bestätigt, dass diese Verkündigung des Evangeliums der germanischen Rasse angemessen ist.23
4. Die Reformation als Erneuerung der Kirche aus dem Wortl Gottes ist dem deutschen Menschenm nicht entsprechend seinem Charakter, sondern entsprechend der Weisheit und dem Willen der göttlichen Vorsehung «nahegebracht» worden. Sie war und ist der germanischen Rasse so angemessen und son unangemessen wie jeder anderen Rasse.
Wer heute die Reformation als eine spezifisch deutsche Angelegenheit behandelt, interpretiert sie profangeschichtlich und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
5. Die nationalsozialistische Revolution hat im deutschen Menschen eine einheitliche Haltung geprägt, die dem Glauben und dem Volkstum in gleicher Weise gerecht wird.24
5. Eine dem Glauben gerecht werdende «Haltung» des Menschen ist das Geheimnis seiner neuen Geburt durch Wort und Geist Gotteso. Sie kann weder durch die nationalsozialistische Revolution «geprägt» |565 werden noch mit der durch die nationalsozialistische Revolution geprägten völkischen «Haltung» direkt oder indirekt identisch sein.
Wer heute eine Prägung des Glaubens durch Ereignisse wie das der nationalsozialistischen Revolution verkündigt, macht den Glauben selbst zu einem vergänglichen Menschenwerk und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
19 6. Die Volksgemeinschaft gründet sich auf die Güter, für die der deutsche Mensch sein Leben einsetzt. Diese Güter sind ein gesundes Familienleben, Blut und Boden, Treue gegen Volk und Staat und in allem Gehorsamsstellung Gott gegenüber.25
6. Für die Gehorsamsstellung Gott gegenüber hat Jesus Christus allein, stellvertretend für unser aller Ungehorsam, sein Leben eingesetzt. Die Nachfolge Jesu Christip kann wohl den q-Einsatz des Lebens für-q die von Gott empfangenen Güter, sie kann aber auch den Verzicht auf sie bedeuten.
Wer heute den Lebenseinsatz für den Gehorsam gegen Gott und für die Güter des deutschen Volkesr ungeprüft in einem Atemzug nennt, der leugnet die Sünde, die Versöhnung durch Christus allein und die Freiheit des göttlichen Gebotes und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
7. Staat und Kirche sind beide gottgewollte Ordnungen. Deshalb können sie nicht in einen Widerstreit gegeneinander geraten. Tritt dieser Fall dennoch ein, so liegt ein Übergriff von der einen oder der anderen Seite vor. Die Kirche schuldet dem Staate Gehorsam in allen irdischen Dingen. Der Staat hat der Kirche Raum für die Ausrichtung ihres Auftrages zu gewähren.26
7. Nicht die göttlichen Ordnungen, wohl aber die menschlichen Wirklichkeiten der Kirche und des Staates s-müssen und-s werden sich |566 in der von der Sünde beherrschten Geschichte immer imt Widerstreit befinden. Worinu der Gehorsam in irdischen Dingen besteht, den die Kirche dem Staat schuldet, und welchesv der Raum ist, den der Staat der Kirche für die Ausrichtung ihres Auftrages zu gewähren hat, danach muss in gemeinsamem Aufmerken auf Gottes Wort von beiden Seiten immer wieder gefragt werden.
Wer heute das Verhältnis von Kirche und Staat auf Grund allgemeiner, vom Hören auf das lebendige Wortw abstrahierender Erwägungen endgültig meint ordnen zu können, denkt x-faktisch schon-x von einem als selbstherrlich verstandenen Staat statt von der der Kirche (für Kirche und Staat!) gegebenen Verheißung aus und stellt sich außerhalb der evangelischen Kirche.
Ergebnis: Die «Theologie» der Rengsdorfer Thesen ist eindeutig keine Theologie, sondern ein Spezimen der heute umgehenden, mit christlichen Begriffen arbeitenden Gnosis, die 20 weder den ersten noch den zweiten noch den dritten Artikel als Bekenntnis zum Worte Gottes, sondern alle drei als Explikationen des menschlichen Selbstverständnisses (in der heute üblicheny Betonung des nationalen Momentes) auffasst z-und behandelt-z und die sich überdies durch Usurpation27 in den Besitz der äußeren kirchlichen Gewalt gesetzt hat. Aus beiden Gründen ist sie als Gesamtanschauung nicht zu diskutieren, sondern aa-gerade um der christlichen Liebe willen-aa restlos abzulehnen und zu bekämpfen.