1933

Luthers Wissenschaft

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LUTHERS WISSENSCHAFT

1933

Die «Gesellschaft für Deutsches Schrifttum», für die Barth den Artikel Luther verfasst hatte,1 scheint in jeder Stadt nur einer Zeitung die Erlaubnis zum Abdruck des Textes erteilt zu haben. Einigen Zeitungen, die den Artikel gerne gedruckt hätten, wurde daher die Druckgenehmigung verweigert.2 Die «Vossische Zeitung» etwa hatte den Artikel schon gesetzt, als er von der Gesellschaft zurückgezogen wurde,3 weil sie ihn bereits der ebenfalls in Berlin erscheinenden «Deutschen Allgemeinen Zeitung» zum Abdruck überlassen hatte. Um auch den Zeitungen, die den ersten Aufsatz nicht drucken durften, einen von Barth verfassten Luther-Artikel zur Verfügung stellen zu können, bat Franz Alfons Gayda daher am 2. November 1933 Barth um «einen zweiten, ganz anderen Luther-Aufsatz […]. Aus kulturpolitischen Gründen», so Gayda, würde er «es begrüßen», wenn Barths «Stimme zum Luther-Tag viel gehört»4 würde. Der Aufsatz solle etwa drei Schreibmaschinenseiten umfassen und spätestens am 7. November eingereicht werden. Da der Luthertag «ja auf den 19. November verlegt worden» sei, käme «das Manuskript […] bis dahin noch zurecht».5

Auch von der Feuilletonredaktion der «Vossischen Zeitung», wo man über die zurückgezogene Erlaubnis verärgert war, wurde Barth am 4. November telegraphisch um einen neuen Lutherbeitrag gebeten, und zwar «ohne Vermittlung».6 Doch weil das Telegramm Barth erst nach der erneuten Anfrage Gaydas erreichte, musste er diese Bitte «abschlägig beantworten».7

Barth schickte den zweiten Luther-Aufsatz, den er «Luthers Wissenschaft» betitelt hatte, termingerecht am 7. November an Gayda,8 |568 äußerte sich später aber kritisch über seine Zusammenarbeit mit dessen Gesellschaft: Die Lutheraufsätze seien «nach der Willkür oder Geschäftstüchtigkeit jenes Berliner Bureaus, dem ich diesmal verfallen war, bald in diesem, bald in jenem Welt- oder auch Käseblatt abgedruckt» worden.9

Von Luthers Wissenschaft existieren zwei Typoskripte, die beide aus dem Besitz Eduard Thurneysens stammen. Das erste Typoskript ist ein Durchschlag, der vier zweizeilig beschriebene Seiten umfasst.10 Das zweite Typoskript ist eine auf Thurneysens Schreibmaschine erstellte Abschrift des ersten.11 Veröffentlicht wurde der Aufsatz unter anderem im «Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung», Nr. 318, 19.11.1933, S. 25 📖. Bald danach erschien der Aufsatz auch in Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 13–16 📖.12 Hierauf bezieht sich die in den folgenden Abdruck eingefügte Originalpaginierung.

Luthers Wissenschaft

Das Wort Wissenschaft soll hier in dem guten alten Sinn des Begriffs gebraucht sein. Gemeint ist also: die klare und gewisse Erkenntnis13, wie Luther sie besaß, sichtbar zu machen und Anderen zu vermitteln verstand. Man redet in der besten Absicht an Luther vorbei oder um |569 Luther herum, solange man die einfache Tatsache nicht respektiert, wie sie respektiert sein will: dass Luther selbst sich ebenso schlicht wie selbstbewusst als Lehrer der christlichen Kirche verstanden hat,14 dass er auch von seinen Zeitgenossen in Liebe und Hass von da aus verstanden worden ist und dass eben dies auch für uns, die Nachfahren, wie wir auch zu ihm stehen mögen, die einzige wirklich ernsthafte Frage ist, die Luther uns zu stellen hat und die man anlässlich einer Lutherfeier zu beantworten versuchen mag: Luthers Wissenschaft als Lehre der christlichen Kirche – kennen wir sie? verstehen wir sie? geht sie uns an? in welchem Sinn und Maß mag sie unsere eigene Wissenschaft sein oder werden?

Ich darf kurz sagen, um was es geht. Man kann Luthers Wissenschaft – unverbindlich aber gemeinverständlich – als eine besondere Wissenschaft vom Dransein des Menschen verstehen. Sie fängt grundlegend damit an, dass der Mensch einsieht: er ist sich selbst nicht überlegen; er kann sich selbst also nicht betrachten; er kann nicht über sich selbst reden, er kann sich nur aussprechen. Und das darum, weil er angefochten und zwar so gründlich angefochten ist, dass sein Wort nur noch ein Akt der Notwehr sein und dass seine Notwehr nur noch in eben diesem Wort bestehen kann. Aber eben dieses sein verzweifelt ausgestoßenes Wort ist nun doch gerade kein Wort der Verzweiflung, sondern das Wort einer alle Verzweiflung durchbrechenden, mitten aus aller Verzweiflung hervorbrechenden noch viel gründlicheren Zuversicht. Nicht als ob er nun doch noch in sich selber einen letzten Halt entdeckt und ergriffen und so im letzten Augenblick das Gleichgewicht wieder gefunden hätte. Das Wort, in 14 welchem er sich ausspricht, ist vielmehr die ausdrückliche Erklärung, dass er sein Gleichgewicht wirklich und endgültig verloren hat. Nicht aus der eigenen (äußeren oder inneren) Welt des Menschen kommt ja diese Anfechtung, sondern von dem Gegenüber selbst, an das er sich mit seinem Wort wendet. Der Mensch leidet an Gott. Darum ist er so gründlich angefochten, darum kann er sich selbst nicht zurechtfinden. Aber eben darum ist dieses Letzte, dieses Einzige, was ihm übrig |570 bleibt, sein Wort an dieses Gegenüber ein Wort der Zuversicht. Es ist das Wort des Gebetes. Als solches ist es vor allem Bekenntnis: dass der Mensch nichts, aber auch gar nichts zu seinem Schutz und zu seinen Gunsten geltend machen kann, dass er nur von der Güte eben dessen leben möchte, an dem er leidet und, wie er bekennt, mit Recht leidet. Eben zu diesem Gegenüber versieht er sich aber wirklich alles Guten.15 Es müsste nicht dieses Gegenüber sein und das Bekenntnis seiner Ohnmacht und Schuld vor ihm nicht so notwendig, wenn seine Zuversicht zu ihm nicht noch viel gründlicher wäre als die Anfechtung, die er von ihm erleidet. Ein salto mortale? Nein, dieser Mensch ist einsichtig genug, um auf alle, aber auch alle Sprünge verzichtet zu haben. Seine Zuversicht ist kein Wagnis. Er wendet sich an Gott, weil und nachdem Gott sich an ihn gewendet hat. Weil unter dem göttlichen Nein, das er zu erleiden hatte, schon verborgen war das heimliche Ja16 des einzigen Feindes, der auch des Menschen einziger Freund sein kann und will. Er hat Gottes Wort gehört und es war Trost und Hilfe. Die Anfechtung geht weiter. Die Decke des göttlichen Nein [vgl. 2.Kor. 3,13–16] bleibt über des Menschen Leben ausgebreitet. Die Zeit wird ihm lang. Aber derselbe Mensch, der wieder und weiter das göttliche Nein zu erleiden hat, ist als der, der das Ja unter dem Nein gehört hat, ein neuer Mensch. Nicht dass er mit Hilfe Gottes nun doch zur Harmonie sich durchgefunden hätte. So sagen es die Pfarrer, aber es ist nicht wahr. Er wartet auch nicht auf Harmonie. Er wartet auf Gott und das ist etwas anderes. Kraft dieses Wartens ist seine Zeit, so lang sie ihm wird, erfüllte Zeit. Verzweiflung? Nein. Sorge? Nein. Apathie? Auch nicht. Tief verborgene aber fröhliche Hoffnung! Sie muss sehr tief verborgen, sie muss aber auch sehr fröhlich sein, weil sie auf Gott gerichtet ist. In uns und um uns die Nacht |571 eines Menschenlebens und Menschheitslebens, das umso mehr 15 Schuld bedeutet, umso mehr dem Tod verfallen ist, je kühner und trotziger es sich selbst verwirklichen, je phantasievoller es sich selbst zum Besten interpretieren will. Aber wie Gott als das ewige Gegenüber des Menschen diesen ganzen Betrug und dieses ganze Elend durchschaut und aufdeckt, so ist er auch der Hirte und Hüter aller derer, zu denen er gesprochen, die ihn gehört haben. So wahr er Gott ist; er wird ihre Schuld und er wird den Tod von ihnen nehmen. Und er ist heute, heute schon der wahrhaftige Gott, auf den hoffend seine Leute heute, heute schon die heimlich Freien sind. Wie soll der Mensch, zu dem Gott gesprochen, der Gott gehört hat, anders dran sein als so, dass das Wort seiner Notwehr, sein Gebet aufsteigen muss zur einfachen Verehrung dessen, der nicht nur sein ewiges göttliches Gegenüber, der Schöpfer aller Dinge und Vater aller Menschen, sondern der in seinem Wort auch ewig Gott für uns und in seinem heiligen Geist auch ewig Gott bei uns ist? Um dann erst recht nüchtern wieder herabzusteigen als Dank: Du bist uns gnädig! Und als Bitte: Lass uns deinen Weg unverdrossen und ungefährdet gehen!

Das ist des Menschen Dransein nach dem, was Luther – nicht etwa meinte, sondern klar und gewiss davon wusste. Ich habe die paar Sätze, in denen ich hier «Luthers Wissenschaft» wiederzugeben versuchte, nicht frei gebildet, sondern ich habe Luthers bekanntes Lied ausgeschrieben, so gut ich es verstand: «Aus tiefer Not schrei’ ich zu dir…»17 Nicht nur dieses Lied, aber auch dieses Lied enthält ja sicher «Luthers Wissenschaft». Man muss freilich, um ganz zu verstehen, bedenken, dass Luther selbst dieses Lied und also seine Wissenschaft nicht etwa erfunden, sondern einfach dem 130. Psalm im Alten Testament nachgeschrieben hat. Und dass Luther den 130. Psalm selbst und die ganze Bibel nur als eine Nachschrift verstanden hat, aufgenommen nach dem Diktat des Herrn über Leben und Tod, auf dessen Erkenntnis alles ankommt, wenn man wissen will, wie der Mensch dran ist. Der würde Luther am schlimmsten missverstehen, der die Wissenschaft, die er als Lehrer der christlichen Kirche vorgetragen hat, als eine Philosophie oder Weltanschauung, das heißt als einen Entwurf menschlichen Selbstverständnisses auffassen wollte. Ganz |572 gleichviel, ob er sie als solche ablehnen oder bewundern würde! Hier ist gar nichts von Selbstverständnis, obwohl und indem es 16 sich hier gar sehr um das menschliche Selbst und sein Verständnis handelt. Hier wird abgelesen, nachgeredet, nachgeschrieben, was der Mensch sich über sich selber nicht selber sagen kann. Was er sich aus dem 130. Psalm sagen lassen muss, wie der Mann, der diesen Psalm schrieb, es sich von Gott selbst sagen lassen musste. Wir unsererseits können und dürfen es uns vielleicht bei diesem Anlass von Luther sagen lassen. Man wird hier aber schwerlich sachliche Belehrung empfangen können, ohne sich gleichzeitig methodisch belehren zu lassen: das ist das Geheimnis aller Geheimnisse bei Luther als Lehrer der christlichen Kirche: dass es für ihn ohne alle Diskussion gewiss ist: ein solches Diktat des Herrn über Leben und Tod hat im Raum des Menschen stattgefunden, und darum gibt es im Raum des Menschen solche Vorschriften wie den 130. Psalm, die nachzuschreiben uns geboten und heilsam ist. Zu ihnen laufe, wer laufen kann, wenn es uns um die Wissenschaft von des Menschen Dransein zu tun ist. Es gibt ja außer dem 130. Psalm auch noch andere solche Diktate des Herrn über Leben und Tod. Und darum noch viel andere Wissenschaft dieser Art. Luther hat uns mit seiner aus der Bibel abgelesenen, nachgeredeten, nachgeschriebenen Wissenschaft vorgemacht, was Theologie ist: unter allen Umständen Wissenschaft von dem, was Gott dem Menschen über ihn selbst zu sagen hat. Die Lutherfeier 1933 sollte nicht vorübergehen, ohne dass ein paar Menschen in dem mit so ganz anderer Wissenschaft beschäftigten Deutschland sich fragen möchten, ob Luther das unserem Geschlecht etwa umsonst vorgemacht haben sollte.

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 478–487.↩
2
Vgl. Brief Franz Alfons Gaydas an Barth vom 2.11.1933 (KBA 9333.846).↩
3
Vgl. Telegramm der Feuilletonredaktion der Vossischen Zeitung an Barth vom 4.11.1933 (KBA 9333.855).↩
4
Brief vom 2.11.1933 (Anm. 2).↩
5
Ebd. – Zur Verlegung des Luthertages s. oben. S. 478, Anm. 2.↩
6
Telegramm an Barth (Anm. 3).↩
7
Brief an Gayda vom 7.11.1933 (KBA 9233.309; Br. 1933, S. 489 📖).↩
8
Vgl. ebd. 📖↩
9
Brief an K. G. Steck vom 17.11.1933 (KBA 9233.329; Br. 1933, S. 513 📖).↩
10
KBA 10046. Die Abweichungen zwischen dem Druck und diesem Typoskript betreffen, von einer Wortumstellung abgesehen, nur Schreibweise und Interpunktion. Das Exemplar wurde Thurneysen von Dritten übersandt, denn am Anfang der ersten Seite ist in Charlotte von Kirschbaums Handschrift vermerkt: «bitte an Eduard weiter! Es ist dies noch ein 2. Luther-Aufsatz für Tageszeitungen». Den Aufsatz Luther hatte Barth auch auf einem Umweg an Thurneysen geschickt: «Eine Kopie ist eben nach dem Bergli abgegangen und wird dir von dort aus zukommen» (Brief an Thurneysen vom 16.10.1933 [KBA 9233.281; Bw.Th. III, S. 515 📖]).↩
11
KBA 10046/2.↩
12
Barth folgte damit einer Anregung Karl Gerhard Stecks (s. oben. S. 480, Anm. 11).↩
13
Vgl. etwa R. Descartes, Meditationes III,2 📖: «illud omne esse verum, quod valde clare et distincte percipio», und bei Johann Gerhard die Wendung: «cognitionem distinctam et certam» (J. Gerhard, Loci theologici […], editio altera cui praefatus est Fr. Frank, Tom. V, Lipsiae 1885, S. 369 [Cottasche Ausgabe, XI, S. 187] 📖).↩
14
Vgl. oben, S. 484.486f.↩
15
Anspielung auf Luthers Auslegung des ersten Gebots im Großen Katechismus: «Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten» (BSLK, 560,10–12 📖).↩
16
Vgl. M. Luther, Fastenpostille 1525 📖 (zu Mt. 15,21ff.): «Drumb mus sichs von solchem fülen keren und das tieffe heymliche Ja unter und uber dem Neyn mit festem glauben auff Gotts wort fassen und hallten» (WA 17/II, 203,31–33). Die Formel «das tiefe heimliche Ja unter und über dem Nein» zitierte Barth bereits 1923 in seiner Antwort auf Herrn Professor von Harnacks offenen Brief, in: O.Br. 1909-1935, S. 72–87, Zitat S. 84. 📖↩
17
EG 299; RG 83. 🎵↩