1934

Kurze Erläuterung der Barmer Theologischen Erklärung

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Kurze Erläuterung der Barmer Theologischen Erklärung

1934

Für Samstag, den 9. Juni 1934, 20.15 Uhr hatte die vier Wochen zuvor am 12. Mai gegründete evangelische Bekenntnisgemeinschaft Bonn, für die Barth bereits die Thesen für ein Flugblatt verfasst hatte,1 ihre erste öffentliche Bekenntnisversammlung einberufen.2 Mit einer von den Presbytern Johannes Corbach jun., Karl Gütgemann3 und Friedrich Horst sowie von den Pfarrern Friedrich Frick, Herbert Hillert, und Friedrich Mummenhoff 4 unterzeichneten Karte5 wurde zum Thema «Die Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche» in das Evangelische Gemeindehaus in der Bonner Rathausgasse 2 eingeladen. Als Redner waren die Professoren Karl Barth und Friedrich Horst genannt. Beide sprachen über die Barmer Bekenntnissynode und die dort verabschiedete Theologische Erklärung. Über den Verlauf des Abends liegen keine näheren Berichte vor. Allerdings lässt das Anwachsen der Mitgliederzahl der Bekenntnisgemeinschaft nach diesem Abend von anfänglich zehn auf 2306 auf eine durchaus beachtliche Resonanz schließen.

Während über die Ausführungen Horsts nichts Näheres bekannt ist, wurde Barths Vortrag von Charlotte von Kirschbaum mitgeschrieben und anschließend in ein Typoskript übertragen.7 Dieses Typoskript ist |303 mit dem Titel «Bekenntnisversammlung. Sonnabend, 9. Juni 1934 zu Bonn» versehen und wurde unter der Überschrift Kurze Erläuterung der Barmer Theologischen Erklärung anlässlich der 50. Wiederkehr des Jahrestages der Barmer Synode erstmals von Martin Rohkrämer veröffentlicht.8

Der folgende Editionstext basiert auf dem Typoskript; auf Abweichungen vom Erstdruck wird in den Fußnoten hingewiesen, soweit sie über die Angleichung der Rechtschreibung und ähnliche Anpassungen hinausgehen.9 Die zwischen senkrechten Strichen eingefügten Seitenzahlen sind die des Erstdrucks.

Erhalten sind auch zwei Fassungen des Stichwortkonzepts, das Barths Ausführungen zugrunde lag: einmal die zweiseitige, handschriftliche Skizze für den Vortrag10 , sodann ein ebenfalls zweiseitiges, engzeiliges Typoskript11 , das trotz geringfügiger Abweichungen auf der Basis des Manuskripts angefertigt worden sein muss und möglicherweise als Vorlage für den Vortrag diente. Beiden Fassungen des Stichwortkonzepts fehlt die Überschrift, und sie bieten beide die einleitenden Ausführungen Barths und seine Auslegung der Präambel der Barmer Theologischen Erklärung. Während das Typoskript dann nach nur noch wenigen einleitenden Stichworten zu den Thesen insgesamt am Ende der zweiten Seite abbricht, enthält das Manuskript auch die Stichpunkte zu den einzelnen Thesen. Zu vermuten ist, dass vom Typoskript eine dritte, wohl verlorengegangene Seite existierte.

304 Das Stichwortkonzept wird im Anschluss an die Nachschrift des Vortrags zusammenhängend dokumentiert. Diesem Abdruck liegt die komplett erhaltene handschriftliche Fassung zugrunde. Abweichungen der erhaltenen Seiten des Typoskripts vom Manuskript sind im textkritischen Apparat – mit Ausnahme von bloß orthographischen Differenzen und solchen bei den verwendeten Kürzeln und Unterstreichungen – ausgewiesen.

Bekenntnisversammlung Sonnabend, 9. Juni 1934 zu Bonn

Liebe Gemeindegenossen!

Auf der Einladungskarte, die Sie erhalten haben, steht oben in schwacher Schrift «Evangelische Bekenntnisgemeinschaft Bonn». Vielleicht hat der Eine oder Andere von Ihnen sich gefragt: Was ist das? Soll da eingeladen werden zu einem religiösen Verein, soll hier eine weitere kirchliche Partei gegründet werden, soll hier etwas entstehen wie das, was wir unter dem Namen «Gemeinschaft» kennen,12 in und neben der Kirche? Ich möchte Ihnen vor allem sagen: Nein, um das Alles geht es nicht. Sondern wie nun das andere Wort lautet, das auch und zum Glück in starker Schrift auf Ihrer Karte zu lesen ist: Es geht um die «Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche». Es geht um die Kirche, nicht um die Sache eines christlichen Sonderinteresses, das in oder neben der Kirche gepflegt wird, sondern es geht um die eine, gemeinsame Sache aller derer, die getauft sind und die im Sinn des Evangeliums mit Ernst Christen sein wollen.13 Und |305 weiter geht es uns um jene schon bestehende Kirche, nicht um die Gründung einer neuen Kirche, um die Kirche, in der wir alle getauft und erzogen sind, um die Kirche, der wir «angehören», um die Kirche, die seit 1933 den Namen trägt: «Deutsche Evangelische Kirche». Und endlich: es geht um die Evangelische Kirche in ganz Deutschland. Es geht heute Abend hier nicht um den Einfall einiger guter Leute in Bonn, sondern darum, dass wir auch hier in Bonn etwas zu hören und zu sehen bekommen von dem, was in diesen Wochen und Monaten ganz Deutschland, die ganzen Kreise der Deutschen Evangeli|10|schen Kirche mit uns bewegt. In diesem Sinn möchte ich Sie heute Abend bekannt machen mit der Evangelischen Bekenntnisgemeinschaft Bonn und möchte Sie zum Beitritt zu dieser Bekenntnisgemeinschaft herzlich einladen. Sie fragen mich vielleicht: Wozu, wenn es denn eben einfach um die Kirche geht, wozu dann eine besondere Bekenntnisgemeinschaft? Sind wir denn nicht schon in der Kirche getauft und erzogen und des zum Zeichen: Nehmen wir nicht teil an ihren Gottesdiensten und Gemeindeabenden? Soll denn dieses Sein in der Kirche nicht mehr genügen, bedarf es noch einer besonderen von uns zu fordernden und zu vollziehenden Scheidung? So dass es nun nötig wird, eine Bekenntnisgemeinschaft zu gründen? |

Ich antworte Ihnen auf diese Fragen im Namen und Sinn dieser Bekenntnisgemeinschaft: Ja, liebe Freunde, es handelt sich heute bei der Frage unseres Seins in der Kirche um Entscheidung.14 Jawohl, wir müssen ganz neu in der Kirche sein. Dass wir wirklich in der Kirche stehen, das wird durch den Schritt, den wir heute Abend tun müssen, wieder wahr werden, unser Ja, das wir schon gesprochen zu haben meinen, muss heute wiederholt werden. Sie alle haben das Wort Luthers schon gehört: «Ein Christ steht nicht im Wordensein, sondern im Werden».15 Und Sie alle haben schon Bibelstunden und Predigten gehört über das Pauluswort Phil. 3,12: «Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob |306 ich’s auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin.» So steht es mit dem Sein in der Kirche. Es hat immer Zeiten gegeben, wo man das vergaß, im einzelnen Menschenleben und im Ganzen der Kirche. Es hat immer wieder Zeiten der schlafenden Kirche gegeben, in welchen der Glaube eine Gewohnheit und ein Besitz wurde und die Kirche eine Einrichtung unter anderen, von der man Gebrauch machte, ohne zu wissen, dass das Sein in der Kirche Sache einer Entscheidung ist. Zeiten, in denen im Stillen, auch wenn äußerlich alles in Ordnung schien, der Abfall geschah. Zeiten, in denen die Kirche |11| nicht mehr verstanden wurde als der Ort, in welchem man vorwärts blickt, in dem man bereit ist, mit seinem Glauben im Leben und im Sterben16 zu antworten auf das Gehörte. Der Herr der Kirche wurde zu solchen Zeiten vergessen, und dann und darum schlichen die Irrtümer in die Kirche ein, und sie wurde trotz ihres guten äußeren Bestandes zur entarteten Kirche. |

Wir, die wir heute Abend vor Sie hintreten im Namen der Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche, wir sind überzeugt: diese Zeit der schlafenden Kirche ist heute zu Ende! Eine Zeit neuen Erkennens und neuen Begreifens der Kirche ist angebrochen. Wir wollen Sie nicht mit unserer Überzeugung bedrängen: Überzeugen Sie sich vielmehr selbst, ob dem nicht so ist. Ich weise hin auf zwei Tatsachen, die euch allen bekannt sind: die eine ist die heilige Schrift, die in der Kirche, solange sie Kirche ist, Meister ist und Meister bleibt und immer wieder Meister werden muss.17 Und die andere Tatsache ist der Zustand, der heutige Zustand unserer Deutschen Evangelischen Kirche, der sich darzustellen scheint als ein Zustand der Meisterlosigkeit gerade gegenüber dem Meister, der in der Kirche herrschen sollte. Wir stehen zwischen diesen beiden Tatsachen: hier die heilige Schrift und hier dieser Zustand unserer Kirche. Liebe Freunde, um es gleich zu sagen: Ihr alle steht auch mit uns zwischen diesen zwei Tatsachen. Beide sprechen auch zu euch, an beiden seid ihr so gut wie wir beteiligt. Oder könnt ihr euch beruhigen dabei, dass ihr ja Christen schon seid, dass die Kirche doch da ist, dass ein Jedes18 seinem Glauben leben |307 darf und empfangen darf, auch ferner empfangen will, was die Kirche zu geben hat? Könnt ihr angesichts dieser zwei Tatsachen sagen: Man kann in der Kirche stehen und bleiben, ohne den weiteren Schritt zu tun, der das heute wahr machen soll? Ist angesichts dieser zwei Tatsachen, so wie sie heute sich gegenüberstehen, Entscheidung zu vermeiden? Wir sagen euch: Wir können es nicht, und ihr könnt es auch nicht. Ihr müsst auch |12| mit uns aufs Neue in der Kirche sein. Liebe Freunde, diese Entscheidung, das ist das Bekenntnis: der Akt, in welchem die Kirche sich zwischen der heiligen Schrift und einem Zustand, in welchem sie sich befindet, sich aufs Neue besinnt auf das, was Kirche ist. Bekenntnis kann nicht bedeuten, hat es nie bedeutet und darf es nicht bedeuten: Neuerung. Bekenntnis ist eine Wiederholung, Bekenntnis ist eine Bestätigung zum Zeichen der Erhaltung der Kirche. So und in diesem Sinn haben die Väter Bekenntnis abgelegt, weil sie, auch sie, zwischen die Schrift und ihren Zustand der Kirche hineingestellt, Bekenntnis ablegen mussten. Indem wir das heute wieder tun, sind wir Bekenntnisgemeinschaft heute.

Um was geht es bei dieser Entscheidung, bei dem Bekenntnis? Ich werde Ihnen nun nicht etwa meine persönliche Antwort vortragen, sondern was ich Ihnen vortragen möchte, das soll eine kurze Erläuterung der in Barmen angenommenen «Theologischen Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche»19  sein. –

Erschrecken Sie nicht vor dem Wort «Theologische». Theologie ist nicht so schlimm, wie mancher Nichttheologe sie sich vorstellt, und vor allem nicht so schlimm, wie sie heute gemacht wird. Wenn Sie statt «theologische» ein anderes Wort einsetzen wollen, so wählen Sie «sachlich», «ernsthaft», «verantwortlich», «wohlüberlegt», «begründet». Denn damit das Bekenntnis sachlich, ernsthaft, begründet formuliert wird, dazu gibt es eine Theologie und dazu muss es Theologen geben, das heißt Glieder der Gemeinde, die darüber zu wachen haben.

Was ich möchte mit dieser meiner Erläuterung jener Erklärung, das soll nicht sein eine Mitteilung von Beschlüssen, die auf jener Synode gefasst wurden und die Sie zur Kenntnis nehmen sollen, sondern das |308 soll sein eine Frage,20 die heute Abend an Sie alle gestellt wird. Ist es nicht so, wie es in dieser Erklärung ausgesprochen ist, muss zwischen der Schrift und dem heutigen Zustand unserer Kir|13|che nicht eben das gesagt werden, was hier gesagt wird, müssen wir nicht alle miteinander das sagen? Eine Frage, sage ich, und es liegt mir fern, Ihnen die Antwort vorwegnehmen zu wollen. Eine evangelische Gemeinde muss selber bekennen, und wenn ihr ein solches Bekenntnis vorgelegt wird wie dieses, so ist es ihre Sache, es sich zu eigen zu machen. Aber allerdings eine Frage – das darf ich sagen –, die jetzt größtes Gewicht hat. Denn wenn in Barmen leider nicht die offizielle Leitung der Kirche vereinigt war, nicht der Reichsbischof und nicht die Synoden, die heute das Recht beanspruchen, sich solche zu nennen,21 so war da doch eine stattliche Zahl von sehr glaubwürdig ausgewählten Männern der ganzen deutschen Gemeinden versammelt: lutherische Christen, reformierte Christen, unierte Christen. Dieser «Theologischen Erklärung» geht eine reife Überlegung voran, und es verstand sich gar nicht [von] selbst, dass sie zum Beschluss erhoben wurde, sondern wir mussten durch einen sehr gefährlichen Augenblick hindurchgehen, in dem schon alles zu scheitern schien und insbesondere die lutherischen Brüder sich nicht bereitfinden wollten. Und dann hat man sich doch zusammengefunden und sogar einstimmig zusammengefunden.22 Wo so gesprochen wird wie hier in dieser Erklärung, da ist es nicht selbstverständlich, dass Ja dazu gesagt wird. Aber das Nein dazu oder auch Gleichgültigkeit diesem Wort gegenüber dürfte keine leichte Sache sein. –

Die «Theologische Erklärung» der Barmer Bekenntnissynode gliedert sich in drei deutlich zu scheidende Teile: Vorwort, sechs Grundsätze, Nachwort.

309 1. «Die Deutsche Evangelische Kirche ist nach den Eingangsworten ihrer Verfassung vom 11. Juli 1933 ein Bund der aus der Reformation erwachsenen, gleichberechtigt nebeneinanderstehenden Bekenntniskirchen. Die theologische Voraussetzung der Vereinigung dieser Kirchen ist in Art. 1 und Art. 2,1 der von der Reichsregierung am |14| 14. Juli 1933 anerkannten Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche angegeben.»

Mit diesen Eingangsworten sagt die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche: Wir reden nicht von einem frei gewählten, willkürlich bezogenen Ort aus, sondern wir stellen uns an den Ort, an dem eine Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche auch nach menschlichem Recht stehen muss, wir stellen uns auf den Boden der Verfassung der deutschen Kirche. Das heißt, wir finden in dieser Verfassung, in ihren Eingangsworten und in den beiden ersten Artikeln, den Maßstab angegeben, an welchem zu messen ist, was sonst in ihr steht, von wo aus nun zu beurteilen ist, was sie sagt und was in dem Raum dieser Deutschen Evangelischen Kirche geschehen ist und geschieht. Dieser Maßstab ist ein doppelter. Die Deutsche Evangelische Kirche ist ein Bund von Bekenntniskirchen, das heißt: verschiedene bekennende Kirchen verbinden, verbünden sich und bilden als ein solcher Bund von Kirchen die Deutsche Evangelische Kirche, und nur als solcher Bund besteht die Deutsche Evangelische Kirche. Und die zweite, noch wichtigere Feststellung: Dieser Bund von Bekenntniskirchen hat als solcher eine ganz bestimmte theologische Voraussetzung, nämlich diese ihre Grundlage ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es bezeugt wird durch die heilige Schrift und neu ans Licht getreten ist durch die Bekenntnisse der Reformation. Anders als mit dieser Grundlage, als mit dieser theologischen Voraussetzung wäre die Deutsche Evangelische Kirche als ein Bund von Bekenntniskirchen offenbar unmöglich. Denn wie sollten sich Bekenntniskirchen vereinigen, einen Bund schließen miteinander, wenn sie nicht eine gemeinsame theologische Grundlage hätten, wenn sie nicht wüssten: wir alle, Lutheraner, Reformierte und Unierte, wir wollen gemeinsam da stehen. Es heißt in dem Art. 1 der Verfassung sehr schön: die Vollmachten der Kirche werden bestimmt und begrenzt durch diese Grundlage.23 – Werden sie das nicht, so |310 15 sind sie also verfassungswidrig. Solche Vollmachten würden automatisch den Bund der Bekenntniskirchen und damit die Deutsche Evangelische Kirche sprengen!!

Im nächsten Abschnitt der Einleitung oder des Vorwortes erklärt die Bekenntnissynode, dass sie die Deutsche Evangelische Kirche, d. h. den Bund der Bekenntniskirchen bejaht, und zwar nicht nur juristisch bejaht, sondern im Glauben. Sie erklärt: Wir stehen vor der Tatsache, dass die verschiedenen Bekenntniskirchen da sind in dieser einen Deutschen Evangelischen Kirche. Wir respektieren diese Tatsache. Aber dennoch sagen wir: Zwischen uns allen besteht und kann bestehen ein Bund, eine Gemeinsamkeit. Dieser Bund aber ist für uns nicht begründet etwa in einer politischen Überzeugung, etwa in der Erwägung: weil das deutsche Volk seine politische Einheit gefunden, darum muss sie nun auch die Kirche finden: ein Volk, ein Staat, eine Kirche.24 Das wäre ein Gedanke, der in der Kirche keinen Raum haben kann. Sondern was uns zusammenfügt, das ist das Bekenntnis zu dem einen Herrn der einen Kirche, das wir in der Deutschen Evangelischen Kirche nun freilich zunächst nur sehen in dieser gewissen Zertrennung in diese gewissen Unterschiede von Lutheranern und Reformierten, aber das25 wir in dieser Verschiedenheit und trotz dieser Verschiedenheit glauben, glauben, dass es die eine heilige, allgemeine und apostolische Kirche26 sei, und zwar darum, weil wir gemeinsam an den Herrn dieser Kirche glauben, weil wir gemeinsam vor Jesus Christus stehen und ihm antworten müssen. Alles, was uns auseinanderführt, das ist nicht er. Er führt uns zusammen, und wenn da auch noch Trennungen sind, notwendige Trennungen, so sagen wir doch in der Trennung: Ein Herr und eine Kirche, die wir nicht sehen, sondern glauben. –

Der folgende Absatz redet von dem Anlass, der besteht und der uns sagt: «Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit…»27, wie wir soeben gesungen ha|311ben. Die Gemeinsamkeit |16| der Grundlage und damit die Bundeinheit der Deutschen Evangelischen Kirche ist bedroht. Der heutige Zustand der Deutschen Evangelischen Kirche ist charakterisiert durch die Herrschaft der Kirchenpartei der Deutschen Christen und durch das Bestehen eines Kirchenregimentes, das äußerlich und innerlich, sowohl was die Personen als was die Sache betrifft, geprägt ist von dieser Kirchenpartei der Deutschen Christen. Diese Herrschaft der Deutschen Christen und diese Herrschaft des deutsch-christlichen Kirchenregimentes bedeutet einen Streit gegen jene theologische Voraussetzung des Bundes, d. h. aber gegen das, was die Deutsche Evangelische Kirche allein möglich macht. Denn was ist geschehen? Neben jene, wie es in der Verfassung heißt, «unantastbare» Voraussetzung der Deutschen Evangelischen Kirche28 sind fremde Voraussetzungen getreten. Andere Grundlagen sind neben dieser einen Grundlage geltend gemacht worden. Das ist sichtbar geworden in der Lehre und Lehrweise der Deutschen Christen.29 Damit, dass das geschehen ist, nicht nur gelegentlich, sondern dauernd, nicht nur zufällig, sondern grundsätzlich und mit Bewusstsein, damit ist gesagt, dass die Einheit der Kirche bedroht ist, angegriffen ist. Wenn jene fremden Grundlagen, die von den Deutschen Christen hineingetragen worden sind, gelten sollen neben der Schrift, neben den Bekenntnissen der Reformation und also neben Jesus Christus, dann ist damit gesagt, dass die Bekenntniskirchen, aus denen sich der Bund zusammensetzt, aufhören Kirche zu sein, und damit wird der Bund unmöglich. Und nun sagt die Bekenntnisgemeinschaft: Indem wir zwischen der heiligen Schrift stehen und zwischen dieser Lage der Deutschen Evangelischen Kirche, wird Bekenntnis notwendig.

Weiter: Indem die Bekenntnisgemeinde Bekenntnisgemeinde ist, indem sie also Bekenntnis ablegt, gesteht sie sich offen ein: Wir, die wir das tun, wir bestehen nach wie vor aus Lutheranern, Reformierten und Unierten. Und wenn wir nun bekennen, so tun wir das nicht trotz dieser |17| Verschiedenheit, sondern in dieser Verschiedenheit. Denn wir sehen es nicht als einen Zufall an, dass diese Unterschiede da sind, |312 sondern als eine Fügung Gottes und eine Sache des Gehorsams, dass ein jeder an seinem Ort bleibt, an den er hingestellt ist. Aber indem wir uns dahin stellen, müssen wir bekennen: Heute erleben wir alle dieselbe Not und haben zu dieser Not gemeinsam ein Wort zu sagen. Wir glauben, dass uns ein gemeinsames Wort auf die Lippen gelegt ist, ein Glaubenswort. Und in diesem Glauben reden wir heute. Es wird hier also nicht behauptet, dass wir eine schon vorhandene Union in der Kirche haben. Darauf haben in Barmen besonders die Lutheraner Gewicht gelegt.30 Aber sie waren einig mit uns zu sagen: In der Not, die uns heute bedrückt, befinden wir uns eben faktisch doch in einer Einheit. Auf der Synode hat Jemand den guten Ausdruck gebraucht: Lutheraner und Reformierte sind zusammengeprügelt worden in diesem Jahr.31 |

Der letzte Satz der Einleitung gab Vielen zu denken: Angesichts der Tatsache einer solchen Einigung fragt man sich natürlich, was dies für die Zukunft zu bedeuten hat. Mit diesem Satz nun haben wir erklärt: Wir nehmen diese Sache nicht selber in die Hand. Wir haben nicht hier in Barmen den Plan wieder aufzunehmen, wie vor 100 Jahren in32 nicht sehr glücklicher Weise die Union eingeführt worden ist.33 Umgekehrt: Wir sehen auch nicht ein, ob uns nicht vielleicht einmal eine sehr andere Union geschenkt werden könnte. Darum sagen wir: Wir befehlen es Gott, der uns getrennt hat und der uns nun doch in dieser Stunde, in dieser schrecklichen Bedrohung der Gegenwart, auch zusammengeführt hat.

313 [2.] Die sechs Thesen der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche machen nicht den Anspruch, ein vollständiges christliches Glaubensbekenntnis zu sein. Diese sechs Sätze sind in keiner Weise zu vergleichen mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis oder auch nur mit der Confessio |18| Augustana oder dem Katechismus, sondern es geht in ihnen nur um Antworten auf Fragen, die uns jetzt, in diesem Jahr 1934, gestellt sind. Wenn also diesem und jenem etwas fehlen sollte in diesen Sätzen, so soll er sich klar machen: Diese Sätze sind echte und rechte Streitsätze aus dem Streit, in den die Kirche heute verwickelt ist. Wenn Sie diese Sätze ansehen, so werden Sie sehen, dass sie nach einem gewissen Schema aufgestellt sind: Ein Bibelwort, dann das Ja des Glaubens, das heute zu sprechen ist, und endlich das Nein, das sich aus diesem Ja ergibt. Alle diese drei Sätze sind notwendig. Wo wirklich bekannt wird, da ist vor allem die Schrift zu befragen, es kann gleichsam nur neben der aufgeschlagenen Bibel geschehen. Darum der erste Satz an der Spitze. Ferner muss ein eindeutiges Ja gesagt werden, damit jedermann weiß, was gemeint ist. Und endlich darf bei einem Bekenntnis das ebenso deutliche Nein nicht fehlen. Würde es nicht gesprochen, so wären Missverständnisse dem Ja gegenüber immer noch möglich. Das Nein richtet den Zaun auf, der notwendig ist, um zu verhindern, dass die Angegriffenen sich missverständlich dem Ja anschließen. Nicht dass sie nicht auch angeredet und aufgefordert wären, zurückzukehren in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13], aber um ihnen klarzumachen, um was es hier geht und um was es nicht gehen kann.

[2.] 1. Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, und zwar nicht Jesus Christus, wie wir ihn gerne hätten, sondern Jesus Christus streng und ausschließlich, wie er in der Bibel bezeugt ist. Diesen gilt es zu hören [vgl. Mk. 9,7 parr.], ihm gilt es zu vertrauen und zu gehorchen. In dieser Einheit steht diese Offenbarung vor uns. Sie verlangt im Leben und im Sterben die Totalität des Menschen, der sich ihm ergeben will. |

Warum muss das gerade heute gesagt werden? Weil gegenüber der Lehre und Handlung der Deutschen Christen zu sagen ist: Wir müssen wirklich wieder ganz neu begreifen können, was das erste Gebot bedeutet: Ich bin |19| der Herr dein Gott [Ex. 20,2]. Oder was Luther in |314 seinem Lied sagte: «Oh Herr, behüt vor falscher Lehr, dass wir nicht Meister suchen mehr denn Jesum Christ…»34 Es können nicht neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Gestalten, Mächte und Ereignisse erkannt werden als Quelle der Offenbarung. (Ich brauche heute nicht auszumalen, was damit gemeint ist!)35 Mit diesem Nein soll nicht geleugnet werden, dass es Gestalten, Ereignisse und Mächte gibt, dass sie einen bestimmten Wert haben für unser Leben, dass es sehr große und heilsame Ereignisse und Gestalten sein können. Wir leugnen nicht den Satz, dass Gott die ganze Welt und also auch solche Gestalten, Ereignisse und Mächte in seinen Händen hält, ja wir leugnen nicht einmal, dass er sich auch in ihnen offenbart. Was hier gesagt werden soll, ist dieses: Wir erkennen Gott nicht so in diesen Gestalten, Ereignissen und Mächten, dass wir mit dem Finger darauf weisen könnten: Hier ist er, dass dieses Erkennen zu einem Erkennen neben der Erkenntnis Gottes in Jesus Christus werden könnte. Zum Beispiel die Erkenntnis der deutschen Stunde!36 Darüber wissen wir nicht so Bescheid. Gott hat sich an einem Ort unzweideutig ausgesprochen, und wenn wir uns fragen: Wo ist Gottes Wort? so haben wir uns daran zu halten. Jedes Wort, das darüber hinausgeht, bedeutet einen Verrat der Kirche und eine Zerstörung. Ich sage: Jedes Wort, denn wenn wir hier nur den kleinen Finger reichen, so haben wir Alles preisgegeben. Und Bekenntnisse helfen nichts, wenn ein solches zweites Moment, eine solche zweite Offenbarungsquelle neben die eine tritt.

[2.] 2. Dieser Satz spricht aus, dass wirklich Jesus Christus anerkannt wird im umfassenden Sinn als unser Herr. Er ist der, von dem wir Vergebung unserer Sünden empfangen und der uns beansprucht und unter seine Leitung stellt. Es findet statt eine Befreiung des Menschen von dem, was gottlos ist in der Welt, und eine Bereitschaft zum Dienst Gottes an seinen Geschöpfen. | |20|

Warum muss das heute gesagt werden? Darum, weil wir es zu tun haben in der Lehre der Deutschen Christen mit einer merkwürdigen Einteilung des Lebens in eine äußere und innere, in eine weltliche und |315 geistliche Seite, deren jede unter einer anderen Ordnung stehen soll. Für das Herz die Vergebung, für das Leben das Gesetz. Und dann wird es gefährlich, wenn nun hier die Götter eingeführt werden, die einen Teil des Lebens für sich beanspruchen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon [Mt. 6,24]! Sowie ein Zweites neben das Erste und Eine tritt, hat auch dieses aufgehört, wirklich Gott zu sein.

[2.] 3. Dieser Satz spricht im Besonderen von der Kirche und sagt, dass das Leben der Kirche, wenn es wirklich das Leben der Kirche ist, sein muss ein Wachsen an dem Haupte Christus, in welchem die Kirche ihre Einheit hat [vgl. Eph. 4,15f.]. Die Kirche ist nicht das Volk, die Kirche ist nicht der Staat, die Kirche ist nicht die Gesellschaft, sie ist eine Gemeinde von Brüdern, die Brüder sind, nicht Blutsbrüder, sondern die in dem einen Haupte Jesus Christus ihren Bruder haben, der sie nun auch zu Brüdern macht. Er handelt in seiner Kirche durch das Band des Heiligen Geistes. Er handelt als der Herr. Und von da ergibt sich die Aufgabe der Kirche. Die Kirche hat in der Welt Zeugnis abzulegen, sie ist selber eine Kirche der Sünder, aber die Kirche der Sünder, die Gnade gefunden haben und als solche nun auch einen Auftrag haben, den Brüdern in dieser Welt Zeugnis abzulegen. Man kann sichtbare und unsichtbare Kirche nicht trennen, das Ganze steht unter der Offenbarung, dem Segen, der Liebe des heimlichen Hauptes. Was soll hier bezeugt werden? Dass die, die in der Kirche sind und als solche sein Eigentum wurden, von ihm regiert werden, von ihm Trost empfangen, auf ihn warten. |

Warum muss das heute gesagt werden? Weil uns von den Deutschen Christen gesagt wird, die Kirche gehöre in ihrer Ordnung zur Welt und muss nur von der Welt, von |21| persönlichen Überzeugungen her, geformt und gestaltet werden. Hier hat 37-nicht nur Christus37 zu entscheiden, sondern auch das Gutdünken des deutschen Menschen der Gegenwart. Dazu ist rund Nein zu sagen. Selbstverständlich ist die Kirche zu allen Zeiten abhängig gewesen von Weltanschauungen. Aber etwas Anderes ist es, dass dies faktisch geschieht als der Befehl, auf den wir zu hören haben. Und der Befehl heißt nicht: Macht |316 euch dieser Welt gleich! [vgl. Röm. 12,2] sondern gerade umgekehrt: Durchbrecht das Schema dieser Welt! [vgl. 1.Kor. 7,31b38] Auch die heutigen Überzeugungen sind nicht Gottes Offenbarung, und auch wenn wir sie bejahen, haben wir uns in der Kirche mit ihnen zu beugen unter Gottes Wort.

[2.] 4. Es gibt in der Kirche einen Dienst, und zwar nur Dienst. Es gibt Ämter, es gibt Unterschiede, es gibt Vorrang in der Kirche, es gibt «Bischöfe», aber alle diese Ämter sind unter allen Umständen aufzufassen als Dienst. Denn jedes Amt kann in der Kirche nur bedeuten: Hier wird ein Auftrag ausgeführt, und zwar ein Auftrag, der der ganzen Kirche übergeben ist. Ein Einzelner wird nur herausgestellt und übt den Auftrag aus in Vertretung der Gemeinde und an der Gemeinde. Aber es kann auf keinen Fall bedeuten, dass da eine Herrschaft über die Anderen ausgeübt wird, weder innerlich noch äußerlich. |

Warum muss das heute gesagt werden? Man sagt uns: Auch die Kirche muss unter das Führerprinzip gestellt werden.39 Dazu ist nur zu sagen: das Führerprinzip ist in der Kirche unbrauchbar. Führer ist hier nur Jesus Christus. Es kann sich gewiss faktisch ereignen, dass einer eine führende Stellung einnimmt. Aber als Prinzip bedeutet es einen unverschämten Griff nach den Herrschaftsrechten Jesu Christi, die er sich nicht nehmen lässt. Jeder Akt des Amtes kann nur Gehorsam sein, in welchem Gott und den Brüdern gedient wird.

[2.] 5. Dieser Satz enthält ein Wort über den Staat in seinem Verhältnis zur Kirche. Wo Furcht vor Gott ist, da ist auch |22| Ehrung des Königs. Wo Gott als Herr erkannt wird, da wird auch der Staat respektiert. Die Schrift sagt uns, was Staat ist. Wir haben gewiss alle auch unsere Gedanken über den Staat, solche, die heute erlaubt, und solche, die heute verboten sind. In der Kirche geht uns das nichts an, sondern da haben wir nur auf das zu hören, was die Schrift über den Staat sagt. Möchte es Ihnen scheinen – es kam auch in Barmen Manchen so vor –, das sei |317 eine etwas ärmliche Auffassung vom Staat? Sollte das nicht das sein, was man heute den Nachtwächterstaat zu nennen pflegt, dem gegenüber man doch heute einen viel schöneren und reicheren Staatsbegriff aufzuweisen hat durch die Verbindung von Staat und Volk?40 Und vielleicht haben wieder Andere noch sehr andere Staatsauffassungen zu vertreten? Wie dem auch sei: durch das, was hier steht, wird keine von den verschiedenen Auffassungen ausgeschlossen. Sondern es wird ausgesprochen (Röm. 13): welches der Staat auch sei, und wenn es der Staat des Kaisers Nero wäre, überall wo Staat ist, findet eine göttliche Anordnung statt, unter der der Staat für Recht und Frieden zu sorgen hat. Diese Anordnung, das ist das, was die Schrift Alten und Neuen Testamentes über den Staat zu sagen hat. Was darüber ist, das hat gewiss auch seinen Sinn, aber das ist von der heiligen Schrift aus gesehen eine offene Frage, auch die heutige Staatsauffassung. Die Kirche spricht mit Bewusstsein von Anordnung. Dass es ein Recht gebe, eine Ordnung und eine Sicherheit, das ist das göttliche Amt des Staates, welche anderen Ämter er sich sonst auch noch zumessen mag. Die Kirche aber muss dem Staat gegenüber erinnern an Gottes Reich und damit an die Verantwortung der regierenden und erhaltenden Staatsgewalt. Keine höchste, keine letzte Gewalt kann die Staatsgewalt sein. Sie bleibt die Gewalt eines Menschen, begrenzt durch Gottes Gebot und Gottes Gerechtigkeit. Die Kirche vertraut, indem sie im Staat und neben dem Staat ihr eigenes Leben lebt, der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt [vgl. Hebr. 1,3]. | |23|

Zwei Verwerfungen sind zu diesem Punkt angeführt: 1. Es geht nicht an, dass der Staat selber zur Kirche wird und das letzte, das |318 umfassende Wort sagen will, dass er selbst gar zur gottähnlichen Größe wird. Und auf der anderen Seite: Es soll nicht geschehen, dass die Kirche selber zu einer Art Staatsorgan wird, dass sie auftritt als Staat im Staate. Damit ist auf alles das hingewiesen, was wir im letzten Jahr erlebt haben an einem staatsähnlichen Auftreten der Kirche. Der Staat aber hat aufgehört, Staat zu sein, wenn er wie im alten Rom selber Kirche, selber eine Gottheit sein will.

[2.] 6. Es ist die Gegenwart Christi, die die Freiheit der Kirche begründet. Darum muss es heißen: Gottes Wort ist nicht gebunden [2.Tim. 2,9]. Gottes Wort ist frei, das heißt die Kirche ist gebunden an ihren Auftrag. Dieses Gebundensein ist ihre Freiheit. Ihr Auftrag ist aber ein Dienst an den Menschen, an allem Volk, in Stellvertretung Jesu Christi. Dieser Dienst besteht in der Ausrichtung der Botschaft von der freien Gnade Gottes an jenes41 Volk. Dass es die freie Gnade Gottes ist, die zu verkündigen ist, das macht die Kirche frei, und dass es Gnade ist, das bedeutet die Beziehung zum Menschen hin, das bedeutet die echte «Volksnähe»42 (!) der Kirche. Das ist’s, was das Volk braucht: die freie Gnade Gottes. Wo die ist, da wird gewiss recht gedient und allem Volk gedient. |

319 Wogegen nun die falsche Freiheit der Kirche darin bestehen würde, dass sie das Wort nicht verstehen kann als Herrenwort, sondern dass sie es unterordnet ihren eigenmächtigen und willkürlichen Gedanken. Wo das geschieht, da hört die Kirche ganz von selber auf, frei zu sein. Sie hat dann ihre Gebundenheit, ihren Auftrag preisgegeben und damit ihre Freiheit verloren.

3. Schluss. Er sagt ein Dreifaches: Er erklärt, dass die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in der Anerkennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die unumgängliche theologische |24| Grundlage ihrer selbst sieht. Das ist ein strenger Satz. Er spricht kurz und bündig ein Entweder-Oder aus. Es ist damit gesagt, wenn es nicht dazu kommt, dass die Deutsche Evangelische Kirche wieder einmütig Ja und Nein sagen kann, dann ist es mit ihrer Einheit vorbei, dann ist ein Bruch eingetreten, und wenn sie äußerlich noch so gefestigt scheine, dann wird es sich auf die Dauer nicht verheimlichen lassen, dass dem so ist, sondern dann wird dieser Bruch sich auch in der Sichtbarkeit vollziehen müssen. Wenn wir uns nicht einigen können auf dieses Ja oder Nein, dann hat es auch keinen Sinn, dass wir uns länger einigen in einer Kirche. Sondern dann wird diese Tatsache dazu führen, dass Kirche gegen Kirche steht. Gott behüte uns, dass dies geschieht. Aber wenn wir hier stehen, so müssen wir sagen, wie es ist. – Der nächste Satz ruft uns zu, bei allen praktischen Entscheidungen dieser theologischen Erkenntnis zu gedenken. Denn der Glaube ohne Werke ist tot [Jak. 2,26].

Die Erklärung schließt nicht mit einem Nein und mit einer Abgrenzung, sondern sie schließt mit einer Bitte an diese unsere Brüder, denn das sind sie auch, denen wir jetzt so gegenüberstehen müssen, dass wir ihnen sagen müssen: Leider können wir nicht mehr sehen, inwiefern wir einen Gott, einen Glauben, einen Geist haben.43 Gott helfe euch und helfe uns dazu, dass wir wieder erkennen unsere Einheit44. Wir bitten euch, in diese Kirche zurückzukommen. Verbum Dei manet in aeternum. Es wird damit am Schluss noch einmal hin|320gewiesen auf den Grund des Ganzen, auf den Ursprung und auf das Ziel, auf den Richter, der weiß, was es mit unserem Glauben und Unglauben, mit unserem Bekennen und Nicht-Bekennen ist. Wir sind diesem Wort Gottes gegenübergestellt. Wir sind gefragt und wir können antworten. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit45 [vgl. Jes. 40,8; 1.Petr. 1,25]. Möchte es uns gegeben sein, dass wir im rechten Glauben, in der rechten Liebe und in der rechten Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] unsererseits bleiben dürfen in diesem Wort Gottes.

Anhang: Stichwortkonzept Barths

Einladung: dera Ev[angelischen] Bekenntnisgemeinschaft Bonn. Verein? Partei? «Gemeinschaft?» Nein, sondern (Thema): Die «Bekenntnisgemeinschaft der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]»[.]  Es geht:

1. um die Kirche, also nicht um die Sache eines chr[istlichen] Sonderinteresses, umb die gemeinsame Sache Aller[,] die getauft sind und mit Ernst Christen sein wollen[,] 46

2. um die bestehende Kirche, der wir alle «angehören», die seit 1933 D[eutsche] E[vangelische] K[irche]  heißtc, also nicht um die Gründung einer neuen Kirche[,]

3. um die ev[an]g[elische] Kirche in ganz Deutschland, nicht um einen Einfall d-einiger Leute-d in Bonn[.]

In diesem Sinn mit «Ev[angelischer] Bekenntnisgemeinschaft Bonn»  bekannt machen und zum Beitritt einladen.

Frage: Wozu, wenn es um die Kirche geht, eine bes[ondere] «Bek[enntnis] Gemeinschaft» der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]  und nun auch in Bonn? Sind wir nicht in der K[irche]? Getauft u[nd] erzogen, Steuern, Teilnahme ame Gottesdienst u[nd] Gemeindeleben! f-Kennen lernen? Beitreten?-f |321 Ist das Sein in der K[irche] Sache einer von uns geforderten u[nd]g zu vollziehenden Entscheidung? –

Antwort: (im Namen der Bek[enntnis] Gem[einschaft]!) Ja, Entscheidung! Ja, wir müssen aufs Neue in der Kirche sein u[nd] selber Kirche sein. Dass wir in der Kirche stehen, muss durch einen Schritt[,] der zu machen ist[,] erreicht werden. Unser Ja zur Kirche muss wiederholt werden. Luther: «Ein Christ steht nicht im Wordensein sondern im Werden».47 Paulus: [«]Nicht dass ich es schon ergriffen habe … ich jage ihm aber nach» [Phil. 3,12]. So steht es mit dem Sein derh Kirche.

Zeiten, wo man das vergisst, im Einzelnen u[nd] im Ganzen: Zeiten der schlafenden Kirche. Glaube eine Gewohnheit. Chr[isten]t[um] Eigenschafti u[nd] Besitz. Kirche eine Einrichtung. Ungute Zeiten: stiller Abfall, weil Kirche nicht mehr verstanden als Ort, wo man vorwärtsblickt, hört und bereit ist[,] durchj Glauben u[nd] Leben zu antworten. Die Sache der Kirchek ist dann vergessen und dann schleichen sich die Irrtümer ein. Kirche entartet trotz äußernl Bestandes.

«Wir» sind überzeugt: solche Zeit heute zu Ende, Zeit neuen Erkennens u[nd] Ergreifens der Kirche ist angebrochen. «Unsere Überzeugung»? Überzeugt euch selbst: Hier die h[ei]l[ige] Schrift – hier der heutige Zustand in der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]. Die h[ei]l[ige] Schrift will Meister sein in der Kirche – der heutige Zustand der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] zeigt, dass m-Kirche Schrift-m gegenüber meisterlos geworden ist, Abfall, Irrtum u[nd] Entartung überhand genommen haben. Ihr alle steht dazwischenn. Könnt ihr euch beruhigen dabei, dass ihr ja Christen seid, dass die Kirche da ist u[nd] ihr in der K[irche]? o-Könnt ihr-o in der Kirche stehen[,] ohne einen Schritt getan zu haben? p-Könnt ihr jene Entscheidung vermeiden?-p Wir können es nicht[,] u[nd] ihr könnt es auch nicht. Wir müssen – und ihr müsst mit uns – aufs Neue in der Kirche sein.

322 Diese Entscheidung ist das Bekenntnis: der Akt, in dem sich die Kirche – zwischen der h[ei]l[igen] Schrift u[nd] einem Zustand des Abfalls – dessen neu erinnert, dass sie Kirche ist. Also keine Neuerung, sondern eine Wiederholung u[nd] Bestätigung, q-mit dem-q Zweck der Reinigung u[nd] Erhaltung der Kirche. So haben unserer Väter Bek[enntnis] abgelegt, weil sie mussten. Indem wir ess heute wieder tun, sind wir Bek[enntnis-]Gemeinschaft – heute!

Um was geht es bei dieser Entscheidung, diesem Bekenntnis heute? Nicht meine persönl[iche] Antwort, sondern eine Erläuterung zu der «Theol[ogischen] Erklärung», in der sich die vom 30.–31.Mai t-d[ieses] J[ahres]-t in Barmen versammelte «Bek[enntnis] Synode der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]»  einstimmig zu dieser Frage ausgesprochen hat. u-«Theologisch» = sachlich, nach Form u[nd] Inhalt wissenschaftlich-u verantwortlich. Sorge dafür istv in der Kirche Sache der Theologiew. Nicht alsx1 Mitteilung über Beschlüsse dieser Synode, sondern alsx2 Frage: ist es nicht so? Muss zwischen h[ei]l[iger] Schrift u[nd] heutigem Zustand nicht dies gesagt werden? Aber allerdings gewichtig gestellte Frage. Nicht offiz[ielle] Kirchenregierung, Reichsbischof, Synoden. Aber sorgfältig ausgewählte und beglaubigte Abgesandte aus den Kirchen von ganz Deutschland, Luth[eraner], Ref[ormierte], Un[ierte] gemeinsam, nach genauer Arbeit u[nd] reifl[icher] Überlegung (nicht ohne y-Augenblick der Gefahr!-y)[,] die hier für die Bek[enntnis]gem[einschaft] der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]  sprechen u[nd] fragen. z-Versteht sich das Ja nicht von selbst, so kann man sich auch das Nein nicht leicht machen-z. |

Gliederung: Vorwort – 6 Glaubenssätze – Nachwort.

Vorwort

1. Bek[enntnis-]Gem[einschaft,] die hier redet, steht nicht aa-an einem frei gewählten-aa Ort, sondern an dem Ort, da sie als Bek[enntnisgemeinschaft] d[er] D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] stehen muss: auf dem Rechtsboden der |323 Verfassung d[er] D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]. ab-Sie heisst-ab damit nicht Alles gut, was darin steht, noch gar die Art, wie sie entstanden. ac-Sie findet-ac aber in ihr[,] ad-ihren Eingangsworten und in § 1 u[nd] 2[,]-ad einen Maßstab[,] an dem Alles, was sonst darin steht[,] und ae-wo Alles[,]-ae Alles, was in der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] geschieht, zu messen ist. Dieser Maßstab ist

a) die Feststellung: dieaf D[eutsche] E[vangelische] K[irche] ist ein Bund von Bekenntniskirchen.

Verschiedene: ag-luth[erische,] ref[ormierte,] unierte-ag bekennende K[irchen] verbinden sich als solche.

b) dieah Feststellung: dieser Bund von Bekenntniskirchen ai-hat eine «unantastbare Grundlage»48 (theol[ogische] Voraussetzung)-ai im Ev[an]g[elium] von J[esus] X [= Christus,] bezeugt durch h[ei]l[ige] Schrift, ans Licht getreten aj-in den-aj Bek[enntnissen]  d[er] Ref[ormation]. Bund von Bek[enntnis-]Kirchen sonst unmöglich. Und seine Vollmachten dadurch bestimmt u[nd] begrenzt. (Vollmachten[,] die nicht so bestimmt u[nd] begrenzt wären, wärenak verfassungswidrig, würden den Bund sprengen[.)]

2. Bek[enntnis-]Gem[einschaft] bejaht diese D[eutsche] E[vangelische] K[irche]  [,] d. h. diesen Bund[,] nicht nur juristisch. Wir stehen vor der Tatsache der verschiedenen Bek[enntnis-]Kirchen. Wiral respektieren sie. Dennoch der Bund: gemeinsam[.] am-Aber wir verstehen den Bund nicht aus polit[ischer] Notwendigkeit («Ein Volk, ein Staat, eine Kirche!»49)-am[,] sondern im Bekenntnis zu dem einen Herrn der einen Kirche, die wir in der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] äußerlich noch getrennt sehen müssen und doch glauben, weil wir gemeinsam an den Herrn glauben[.]

324 3. Bek[enntnis-]Gem[einschaft] sieht das gemeinsame Bek[enntnis] u[nd] damit die Bundeseinheit der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] bedroht. ­Deran Zustand in der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche] ist charakterisiert durch die Herrschaft der D[eutschen] C[hristen] u[nd] ao-eines von den D[eutschen] C[hristen] äußerlich u[nd] innerlich getragenen-ao Kirchenregiments. Diese Herrschaft streitet gegen die theol[ogische] Voraussetzung des Bundes. Fremde Voraussetzungen werdenap neben der «unantastbaren Grundlage» aq-geltend gemacht-aq. Damit hören die Bekenntnis[-­]Kirchen auf[,] Kirchen zu sein. Damit wird auch deren Bund ar-(den sie bejahen!)-ar unmöglich. – Zwischen h[ei]l[ige] Schrift u[nd] diese Lage gestellt as-müssen wir bekennen-as.

4. Bek[enntnis-]Gem[einschaft] setzt sich dabei aus Luth[eranern] [,] Ref[ormierten] u[nd] Un[ierten] zusammen. Nicht trotz ihrer Verschiedenheit, sondern in ihr. Jeder an seinem Ort erleidet dieselbe Not at-u[nd] Anfechtung-at. Jeder an seinem Ort hat darum dasselbe zu sagen. Sie kommen also nicht von einer Union her, aber in dieser bes[onderen] Lage u[nd] Hinsicht befinden sie sich, jeder s[einem] Bekenntnis getreu, in einer Unionau. av-Wird diese faktische Union grundsätzl[iche] Folgen haben?-av Wir zielen aw-auf keine weitere Union-aw, wir wehren uns auch nicht gegen ihreax Möglichkeit. Wir befehlen es Gott[,] der ay-uns hier u[nd] hierhin gestellt u[nd] uns-ay doch zusammengeführt hat.

5. Einleitung zu den 6 Sätzen. Diese sind kein vollständiges chr[istliches] Glaubensbekenntnis az-wie das Apostolikum-az, sondern eine Geltendmachung bestimmter heute notwendiger Wahrheiten! Bibel – Ja, Nein.ba

325 Sechs Sätze

1. Ich – niemand? |––|bb Ein Wort Gottes: X [= Christus]. Diesen in der h[ei]l[igen] Schrift hören, diesem vertrauen u[nd] gehören. Einheit – Totalität |––| Warum heute? Falsche Lehre: Kirche hat auf die Schrift und auf andere Ereignisse… als auf Gottes Off[enbarung] u[nd] Quelle ihrer Verkündigung zu hören. 1. Gebot: Ich bin der Herr dein Gott… du sollst… Luther: Herr[,] behüt vor fremder Lehr, dass wir nicht Meister suchen mehr denn Jesum mit rechtem Glauben u[nd] ihm aus ganzer Macht vertrauen[.]50 Gewiss gibt es solche Ereignisse… Wir leugnen nicht ihren Wert u[nd] ihre Bedeutung. Wir leugnen auch nicht, dass Gott in ihnen waltet. Aber wir leugnen, dass Gott uns in ihnen offenbar sei wie in X [= Christus], so dass sie neben X [= Christus] gelten könnten[.] Kirche kann nicht zwei Herren dienen. Hochhaltung von Schrift u[nd] Bek[enntnis] hilft nichts, wenn zweite Instanz daneben gestellt wird[.]

2. J[esus] X [= Christus] ist Herr über uns |––| Zuspruch[,] aber auch Anspruch. Vergebung[,] aber auch Gebot. Inmitten der Welt Befreiung von dem Gottlosen in ihr und zur Dienstbereitschaft gegenüber s[einem] in der Schöpfung verborgenen Willen[.] |––| Heute? Einteilung des Lebens in eine göttl[iche] u[nd] weltl[iche] Sphäre, Inneres u[nd] Äußeres, Ewiges u[nd] Zeitliches. Hier andere Herren! Vergebung überall bereit, aber dort Heiligung nötig[.]

3. Leben der Kirche ist ein Wachsen an dem Haupt, das ihre Einheit |––| Kirche ist nicht Volk, noch Staat noch Gesellschaft, sondern Gemeinde: Brüder, die Brüder sind, weil sie einen gemeinsamen ältesten Bruder haben: J[esus] X [= Christus]. Er handelt in ihnen: Wort u[nd] Sakr[ament], Wirken des h[ei]l[igen] Geistes, als der Herr. Von daher ihre Aufgabe: Zeugnis in der Welt der Sünde, obwohl selber (begnadigte!) Sünder. Die ganze Existenz der Kirche soll Zeugnis sein! Nur Zeugnis (menschlich!)[,] aber notwendig[.] Was bezeugen: Sein Eigentum. Er tröstet. Er regiert. Er kommt[.] |––| Heute? Kirche ist in der Welt, aber nicht von der Welt. Einfluss ist selbstverständlich. Aber nicht das «Sich überlassen». Die «Überzeugungen» sind nicht Offenbarung, sondern als Träger bestimmter Überzeugungen haben wir in der K[irche] auf die Off[enbarung] zu hören.

4. In der Kirche gibt es im Unterschied zur Welt nur Dienst |––| Es gibt Ämter, Auszeichnung, Würde (Bischof?) in der Kirche. Aber was bedeutet Auftrag: der Auftrag der Kirche als solcher, der von einzelnen ausgeübt wird, nicht aber Herrschaft (auch nicht von Außen!) |––| Heute: Führerprinzip51 |326 unbrauchbar. Führung kann als Gnade Gottes Ereignis sein. Führung als Prinzip streitet gegen das: Einer ist euer Meister. Führer ist X [= Christus], ist die Schrift. Jeder Akt kann nur Gehorsam, Dienst an ihm u[nd] den Brüdern sein.

5. Furcht Gottes bedingt Ehrung des Königs: weil Gott als Herr erkannt ist, wird Staat respektiert |––| Über Aufgabe des Staates ist die Schrift zu hören. Andere Begriffe vom Staate sind nicht ausgeschlossen, aber nicht maßgebend. In jeder Staatsform ist das unbedingt zu Ehrende: die göttl[iche] Anordnung, dass der Staat in der noch nicht erlösten Welt menschlich, mit Gewalt Recht u[nd] Frieden aufzurichten hat. Dank, Ehrfurcht[,] weil Wohltat (Geduld, Erhaltung der Lebensmöglichkeit in der sündigen Welt trotz ihrer Sündigkeit)[.] Dem jeweils wirklichen Staat gegenüber Erinnern an Gottes Reich, Gebot, Gerechtigkeit, der auch der Staatsmann und der Staatsbürger[,] Regierende u[nd] Regierte[,] unterstehen. Das Wort als das Geheimnis auch des Staates |––| Heute? Staat[,] der selbst zur Kirche werden und der letzte umfassende Worte sagen will! Kirche[,] die sich in Aufgabe u[nd] Methode dem Staat angleicht u[nd] sein Organ wird.

6. Gegenwart Xi [= Christi] in der Kirche begründet Freiheit des verkündigten Wortes |––| Kirche ist frei, sofern sie ihren Auftrag hat. Auftrag ist Dienst in Vertretung Xi [= Christi]. Dienst ist Ausrichtung der Botschaft von der Gnade Gottes an Alle. Freiheit der Gnade[,] nicht K[irche] frei. Beziehung zu Menschen liegt eben an der Gnade[.] Sie macht K[irche] volksnah52, mit ihrer Verkündigung dient sie dem Volk! |––| Falsche Freiheit: Unterordnung u[nd] Dienstbarmachung des Wortes unter andere Ziele.

Dies Ja u[nd] Nein ist theol[ogische] Grundlage der D[eutschen] E[vangelischen] K[irche]. Dieses Ja u[nd] Nein ist bc-gründlich zu-bc bedenken. Über Annahme undbd Ablehnung ist nicht zu verhandeln[.]

Textkritische Fußnoten

a
Fehlt im Tskr.↩
b
Tskr.: «sondern und». Ein im Mskr. in der Zeile oberhalb überzähliges «sondern» wurde hier offenbar auf diesen Satz bezogen; bei «und» handelt es sich um einen offensichtlichen Abschreibfehler.↩
c
Fehlt im Tskr.↩
d-d
Tskr.: «Einiger».↩
e
Tskr.: «an».↩
f-f
Fehlt im Tskr. ↩
g
Tskr.: «und von uns».↩
h
Tskr.: «in der».↩
i
Tskr.: «eine Eigenschaft».↩
j
Tskr.: «mit».↩
k
Tskr.: «Kirche, d. h. ihr Herr».↩
l
Tskr.: «guten äußeren».↩
m-m
Tskr.: «die Kirche der Schrift».↩
n
Tskr.: «zwischen beiden».↩
o-o
Fehlt im Tskr.↩
p-p
Tskr.: «Ist Entscheidung zu vermeiden?» ↩
q-q
Tskr.: «zum».↩
r
Tskr.: «die».↩
s
Tskr.: «das».↩
t-t
Fehlt im Tskr.↩
u-u
Tskr.: «Theologisch: sachlich, wissenschaftlich».↩
v
Fehlt im Tskr.↩
w
Tskr.: «Theologie als Dienst in der Gemeinde».↩
x1
Fehlt jeweils im Tskr.↩
x2
Fehlt jeweils im Tskr.↩
y-y
Tskr.: «Gefahrenmoment»↩
z-z
Tskr.: «Ja nicht selbstverständlich, Nein nicht leicht zu machen».↩
aa-aa
Tskr.: «auf frei gewähltem».↩
ab-ab
Tskr.: «Heißt».↩
ac-ac
Tskr.: «Findet».↩
ad-ad
Tskr.: «(Eingangsworte etc.)».↩
ae-ae
Fehlt im Tskr.↩
af
Fehlt im Tskr.↩
ag-ag
Fehlt im Tskr.↩
ah
Fehlt im Tskr.↩
ai-ai
Tskr.: «hat als solcher eine theol[ogische] Voraussetzung».↩
aj-aj
Tskr.: «durch die».↩
ak
Fehlt im Tskr.↩
al
Fehlt im Tskr.↩
am-am
Tskr.: «Aber Bund nicht aus polit[ischer] Notwendigkeit verstanden». ↩
an
Fehlt im Tskr.↩
ao-ao
Tskr.: «des entspr[echenden]».↩
ap
Fehlt im Tskr.↩
aq-aq
Fehlt im Tskr.↩
ar-ar
Fehlt im Tskr.↩
as-as
Tskr.: «Bek[enntnis] notwendig»↩
at-at
Fehlt im Tskr.↩
au
Tskr.: «faktischen Union».↩
av-av
Tskr.: «Wird ihr eine weitere grundsätzl[iche] folgen?»↩
aw-aw
Tskr.: «nicht darauf».↩
ax
Tskr.: «die».↩
ay-ay
Tskr.: «uns getrennt und nun doch».↩
az-az
Fehlt im Tskr.↩
ba
Das Tskr. bricht an dieser Stelle ab.↩
bb
Von Barth hier und im Folgenden eingefügte Markierungen, die wohl anzeigen sollten, dass das in den Stichworten hier nur kurz Angedeutete im Vortrag weiter auszuführen war. ↩
bc-bc
Mskr.: «zu gründlich». Ursprünglich stand: «zu beachten»; bei der Änderung in den obenstehenden Text wurde «gründlich» versehentlich hinter statt vor «zu» eingefügt.↩
bd
Mskr.: «ist». Vermutlich dachte Barths beim Schreiben zunächst nicht an die Nennung der Alternative «Ablehnung». ↩

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 252-258. ↩
2
Vgl. Hinz-Wessels, S. 158–161 📖, sowie den Editionsbericht von M. Rohkrämer in: K. Barth, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, mit einer Einleitung von E. Jüngel und einem Editionsbericht hrsg. von M. Rohkrämer, Zürich 20042, S. 235–237. 📖 ↩
3
Karl Gütgemann (1879–1940), Schlossermeister, Mitglied des Presbyteriums seit 1925. ↩
4
Friedrich Frick (1880–1952, seit 1926 Pfarrer in Bonn), Herbert Hillert (1898–1969, seit 1932 Pfarrer in Bonn), Friedrich Mummenhoff (1896–1957, seit 1930 Pfarrer in Bonn). ↩
5
Kopie: KBA 16041. ↩
6
Vgl. Hinz-Wessels, S. 162 📖 (nach Aufzeichnungen von Johannes Corbach jun.). ↩
7
Durchschlag: KBA 11067; 9 Seiten, davon 8 einzeilig, die letzte Seite ist zweizeilig beschrieben. Oben links auf der ersten Seite notierte Ch. von Kirschbaum: «nach einer Nachschrift». Auf einer Briefkarte an Erica Küppers schrieb sie am 10. Juni 1934: «Gestern Abend war hier eine Bekenntnisversammlung, an der Karl sprach. Ich habe mitgeschrieben, und wenn es ausgearbeitet ist, bekommst du es» (KBA 9234.203). ↩
8
Barth, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung (Anm. 2), S. 9–24. 📖 ↩
9
Besonders einige der im Erstdruck zu findenden, den Redecharakter von Barths Ausführungen korrigierenden Eingriffe und Umstellungen ließen es geraten erscheinen, diesen nicht zur Editionsgrundlage zu machen. Übernommen wurden aus dem Erstdruck allerdings die dort eingefügten, aber nicht gekennzeichneten Herausgeberabsätze; sie sind hier durch die Einfügung eines senkrechten Striches kenntlich gemacht und greifen in der Regel Gedankenstriche auf, mit denen Ch. von Kirschbaum den Textfluss gliederte. ↩
10
KBA 11065. ↩
11
KBA 11066. ↩
12
Gemeint sind die Zusammenschlüsse von vornehmlich neupietistisch orientierten Gläubigen in überwiegend innerhalb der Landeskirchen organisierten Gemeinschaften mit dem besonderen Ziel der Evangelisation. In Deutschland war als Dachverband dieser sogenannten Gemeinschaftsbewegung 1897 der «Deutsche Verband für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation» (kurz: Gnadauer Verband) gegründet worden; 1928 gehörten ihm im deutschsprachigen Raum etwa 6000 Gemeinschaften mit ca. 225 000 eingeschriebenen Mitgliedern an (vgl. [H.] Stocks, Art. «Gemeinschaftsbewegung», in: RGG2 II, Sp. 998–1009 📖). ↩
13
Luther spricht in der Vorrede zur Deutschen Messe von Gemeindegliedern, die «mit ernst Christen wollen seyn und das Euangelion mit hand und munde bekennen» (WA 19, 75,5f. 📖). ↩
14
Zur dezidierten Verwendung des Entscheidungsbegriffs vgl. schon K. Barth, Reformation als Entscheidung, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 516–552, dort bes. S. 532, Anm. 63. 📖 ↩
15
M. Luther, Annotationes in aliquot capita Matthaei (1538) 📖: «Christianus enim non est in facto, sed in fieri» (WA 38, 568,37; Übersetzung bei Walch2 7, S. 216: «Denn ein Christ ist nicht etwas Vollendetes, sondern im Werden»). ↩
16
Vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 1 (BSRK, S. 682,20 📖; RefBS 2/2, S. 175,32 📖) und die erste Barmer These (s. oben, S. 296). ↩
17
Vgl. dazu ausführlicher unten, S. 383-386. ↩
18
Im Erstdruck ist die für Barth nicht ungewöhnliche, schweizerdeutsche Ausdrucksweise verändert in: «Jeder». ↩
19
Text s. oben, S. 293-301. Im Weiteren folgen Barths Ausführungen dem Text der Barmer Theologischen Erklärung so eng und nachvollziehbar, dass auf Einzelnachweise verzichtet wird. ↩
20
Im Erstdruck wurde dieser Satz umgestellt: «das soll nicht eine Mitteilung von Beschlüssen sein» bzw. «das soll eine Frage sein». ↩
21
Gemeint sind die aus den Kirchenwahlen 1933 hervorgegangenen, von den Deutschen Christen beherrschten sogenannten «braunen Synoden». Vgl. Gauger I, S. 98 📖; Scholder I, S. 592–596. 606–609 📖; s. auch oben, S. 58/60, Anm. 70. ↩
22
Vgl. oben, S. 273-277. ↩
23
Vgl. oben, S. 294. ↩
24
Vgl. etwa die Schlussformel der Richtlinien der Kirchenbewegung Deutsche Christen (Nationalkirchliche Bewegung) in Thüringen vom 11. Dezember 1933: «Ein Volk! – Ein Gott! – Ein Reich! – Eine Kirche!» (Schmidt 📖; vgl. auch Schmidt II, S. 179). ↩
25
Erstdruck: «dass»; Tskr. wie oben. ↩
26
Vgl. Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel, III. Art. ↩
27
Aus Strophe 4 des Liedes «O komm, du Geist der Wahrheit» von Ph. Spitta (EG 136; RG 511 [dort Strophe 2]) 🎵. ↩
28
Art. 1 der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche vom 11. Juli 1933 (s. oben, S. 294). ↩
29
Vgl. oben, S. 294f., Anm. 71. ↩
30
Vgl. oben, S. 270-277. ↩
31
Der Satz stammt von Friedrich Wilhelm Graeber (1884–1953; seit 1927 Pfarrer in Essen, 1934/35 amtsenthoben, Mitglied des rheinischen Bruderrates) und fiel laut einer Mitschrift am 29. Mai bei einer Besprechung lutherischer Synodaler im kleineren Kreis, an der auch Barth teilnahm: «Gott hat uns zusammengeprügelt, und vielleicht brauchen wir noch mehr Prügel» (C. Nicolaisen, Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 102 📖). ↩
32
Erstdruck: «[…], in der in»; im Tskr. ist «der» durchgestrichen (sonst wie oben). ↩
33
Im Jahr 1817 und im nachfolgenden Jahrzehnt kam es in Preußen und in einigen anderen deutschen Ländern (Nassau, Hanau, Pfalz, Anhalt, Waldeck-Pyrmont, Baden, Großherzogtum Hessen) zu Unionsschlüssen (vgl. oben, S. 132, Anm. 35; s. auch Unterricht III, S. 64f. 📖). ↩
34
Aus Strophe 2 des Liedes «Komm Heiliger Geist, Herre Gott» (EG 125; RG 501) 🎵. – Im Erstdruck fehlt: «Christ». ↩
35
Im Erstdruck ist dieser Satz nicht eingeklammert. ↩
36
Vgl. oben. S. 225, Anm. 33. ↩
37
Tskr.: «Christus nicht nur»; von den Hrsg. in Übereinstimmung mit dem Erstdruck geändert. ↩
38
«[…], denn das Wesen (griech: τὸ σχῆμα) dieser Welt vergeht.» ↩
39
Zum «Führerprinzip» als einem Leitgedanken der Kirchenreform des Jahres 1933 vgl. ausführlich K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 306–312. 📖 ↩
40
Der wohl auf Ferdinand Lassalle (1825–1864) zurückgehende Ausdruck «Nachtwächterstaat» gilt dem Staatsverständnis des klassischen Liberalismus, nach dem der Staat seine Funktionen auf die Sorge für die Sicherheit der Bürger zu begrenzen hat (vgl. dazu Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. VI, Stuttgart 1990, S. 34f. 📖). – Zur zeitgenössischen Verwendung, auf die hier angespielt ist, vgl. das Zitat aus einer Rede Robert Leys vor Vertretern der «Deutschen Arbeitsfront» im Herbst 1933: «Während der alte Staat ein Nachtwächterstaat war, ist unser Staat ein Erziehungsstaat, ein Pädagoge, ein väterlicher Freund. Er läßt den Menschen nicht los von der Wiege bis zum Grabe» (zit. nach R. Smelser, Robert Ley. Hitlers Mann an der «Arbeitsfront». Eine Biographie, Paderborn 1989, S. 105 📖). ↩
41
Erstdruck: «jedes». ↩
42
«Volksnähe» oder Volksverbundenheit von Kirche und Verkündigung waren Schlagwörter, die sich vor allem die Deutschen Christen auf die Fahnen geschrieben hatten, um damit ihren Kampf für eine Reichskirche zu begründen, die nach dem Führerprinzip organisiert und dem nationalsozialistischem Staat und seiner Ideologie gegenüber willfährig sein sollte. Vgl. etwa aus einer Kundgebung Reichsbischof Müllers für den gesamten Pfarrerstand vom 13. Oktober 1933: «Was ich von den Pfarrern erwarte, ist die klare und volksnahe Verkündigung des reinen Evangeliums und die loyale Mitarbeit in der Deutschen Evangelischen Kirche. […] Wir Deutsche Christen wollen keine Zwangsgruppe sein, sondern Stoßtrupp der Kirche werden. Ich wiederhole, was ich in Wittenberg gesagt habe: ‹Der kirchenpolitische Kampf ist zu Ende, der Kampf um die Seele des Volkes beginnt.›» (GDEK 1 [1933], S. 16 📖). Im «Wort des Reichsbischofs an die Pfarrer» vom 24.3.1934, der sogenannten «Karfreitagsbotschaft» Müllers, hieß es rückblickend: «Anstatt in dem Machtkampf um die Kirche den leidenschaftlichen Willen zur Volksverbundenheit zu erspüren, sah man gar nichts als […] einen Angriff auf Evangelium und Bekenntnis» (GDEK 2 [1934], S. 22 📖). ↩
43
Vgl. oben, S. 128, Anm. 21. ↩
44
Im Erstdruck sind die letzten Worte umgestellt: «unsere Einheit erkennen».↩
45
Deutsche Übersetzung des vorher zitierten Schlusssatzes der Barmer Theologischen Erklärung: Verbum Dei manet in aeternum. ↩
46
Siehe oben, Anm. 13.↩
47
Siehe oben, Anm. 15.↩
48
Siehe oben, Anm. 28. ↩
49
Siehe oben, Anm. 24.↩
50
Siehe oben, Anm. 34. ↩
51
Siehe oben, Anm. 39.↩
52
Siehe oben, Anm. 42. ↩