Antwort [auf die Frage: Welches Buch des Jahres halten Sie für wesentlich?]
ANTWORT [AUF DIE FRAGE: WELCHES BUCH DES JAHRES HALTEN SIE FÜR WESENTLICH?]
Barth schickte seinen Beitrag als Brief ohne eigenes Anschreiben schon am 14. Dezember an Kleiber zurück. Zwischen Adresse und Text ist lediglich die Überschrift «Antwort auf Ihre Anfrage vom 11. Dez. 1934» eingefügt.3 Kleiber dankte Barth einen Tag nach dem Erscheinen des Beitrags für seine schnelle Antwort und legte dem Brief ein Exemplar des Artikels bei.4
Barths Beitrag erschien neben den Antworten von
[Welches Buch des Jahres halten Sie für wesentlich?]
Auf die gestellte Frage will ich mit der Nennung von drei in diesem Jahr erschienenen Romanen antworten:
624 Was ich von einem modernen Roman erwarte, ist dies: Dass er mir im Menschen von heute, meinem Zeitgenossen, den Menschen, wie er immer ist – und umgekehrt: im Menschen, wie er immer ist, meinen Zeitgenossen vor Augen hält. Dass er von Seite zu Seite den Beweis dafür liefert, dass sein Verfasser diesen Menschen nicht nur nüchtern kennt und friedlich durchschaut von den Abgründen des Herzens bis zu seinen Manieren und Redensarten, sondern auch aufrichtig, d. h. ohne Gram und Hohn in seinem Wesen und Unwesen lieb hat. Weiter: dass er mir ganz und gar nur erzähle, was sein Verfasser an diesem Menschen gesehen hat, dass er also mir gegenüber auf alle schulmeisterlichen Pläne verzichte, sondern es freundlichst mir überlasse, was ich angesichts des mir vorgehaltenen Bildes zu denken oder auch nicht zu denken habe. Endlich: dass er eine dem vorgehaltenen Bild des Menschen entsprechende und insofern innerlich notwendige, strenge und also einprägsame Form habe, damit ich den mir gezeigten Menschen in seiner zeitlichen und zeitlosen Gestalt nicht gleich wieder vergessen könne, sondern mit ihm leben, vielleicht je und je aufs Neue mit ihm leben müsse. Um das zu leisten, «braucht» es Dichter und insbesondere Romandichter. Der Psychologe, der Photograph, aber auch der Zeitphilosoph können das nicht leisten. |
Im Mittelpunkt der drei genannten Romane stehen, wie es sich gehört, die glaubwürdig und liebenswürdig geschilderten Privatexistenzen ihrer «Helden». Aber indem die Verfasser diese Privatexistenzen als solche gesehen und nachgeschaffen haben, müssen sie reden von den Selbstverständlichkeiten und Sorgen des Menschen unserer Zeit und von den Selbstverständlichkeiten und Sorgen des Menschen aller Zeiten und darüber hinaus (das muss auch sein!) von der Sonne, von den Wolken, Bergen, Flüssen und Seen, von den bekannten und unbekannteren Landschaften und Städten, von den Blumen und von den Pferden, wie sie immer waren und immer wieder neu entdeckt werden wollen. Die Frage «Europa» bildet überall den Hintergrund |625 und den Vordergrund, die Frage «Deutschland», die erschütternde Frage des Weltkriegs und des Zusammenbruchs, den wir hinter uns und vielleicht erst recht vor uns haben. Aber Vordergrund und Hintergrund sind auch ganz und gar die nicht minder unübersichtlichen und doch greifbaren Zuständlichkeiten und Begegnungen und Schicksale, die Verworrenheiten und Befreiungen, die Flachheiten und Tiefen der Männer und Frauen, deren Wege, selber Rätsel, durch jene Rätselwelt mitten hindurchgehen. Alles auf der Erde und über Allem die Sterne, wie sie schon die Erde und die Sterne