1934

Antwort [auf die Frage: Welches Buch des Jahres halten Sie für wesentlich?]

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ANTWORT [AUF DIE FRAGE: WELCHES BUCH DES JAHRES HALTEN SIE FÜR WESENTLICH?]

1934

Otto Kleiber1 hatte am 11. Dezember 1934 im Namen der Redaktion der Basler «National-Zeitung» Barth um einen Beitrag für den Rezensionsteil der Zeitung gebeten. Barth sollte neben weiteren «Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Literatur, Kunst und Politik» in einem Umfang von etwa «10 bis 20 Druckzeilen» Antwort auf die Frage geben: «Welches Buch (oder welche 2–3 Bücher) aus der diesjährigen Ernte hat Ihnen besonders starken Eindruck gemacht, welches könnten Sie als wesentlich bezeichnen? (Wesentlich im Hinblick auf die jetzige geistige Situation Europas).» Als Frist für die Abgabe des Beitrages nannte Kleiber acht Tage, um alle Antworten «noch vor Weihnachten» veröffentlichen zu können.2

Barth schickte seinen Beitrag als Brief ohne eigenes Anschreiben schon am 14. Dezember an Kleiber zurück. Zwischen Adresse und Text ist lediglich die Überschrift «Antwort auf Ihre Anfrage vom 11. Dez. 1934» eingefügt.3 Kleiber dankte Barth einen Tag nach dem Erscheinen des Beitrags für seine schnelle Antwort und legte dem Brief ein Exemplar des Artikels bei.4

Barths Beitrag erschien neben den Antworten von Paul Häberlin5, Hermann Hesse6, Thomas Mann7, Maria Waser8 und Felix von Weingartner9 unter dem Titel Welches Buch des Jahres halten Sie für we|623sentlich? in: National-Zeitung Basel, Jg. 92 (1934), Nr. 591 vom 21.12.1934, Beilage: «Der Weihnachtsbüchertisch» 📖. Neben dem an Kleiber gesandten Brief existiert ein weiteres Typoskript.10 Ein weiterer Abdruck ist nicht erfolgt.

[Welches Buch des Jahres halten Sie für wesentlich?]

Auf die gestellte Frage will ich mit der Nennung von drei in diesem Jahr erschienenen Romanen antworten: Alexander Lernet-Holenia11: Die Standarte (S. Fischer Verlag, Berlin)12; Frank Thiess13: Der Weg zu Isabelle (Paul Zsolnay Verlag, Wien)14; «Das Herz ist wach». Briefe einer Liebe. Herausgegeben von M. B. Kennicott15 (Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen)16. |

624 Was ich von einem modernen Roman erwarte, ist dies: Dass er mir im Menschen von heute, meinem Zeitgenossen, den Menschen, wie er immer ist – und umgekehrt: im Menschen, wie er immer ist, meinen Zeitgenossen vor Augen hält. Dass er von Seite zu Seite den Beweis dafür liefert, dass sein Verfasser diesen Menschen nicht nur nüchtern kennt und friedlich durchschaut von den Abgründen des Herzens bis zu seinen Manieren und Redensarten, sondern auch aufrichtig, d. h. ohne Gram und Hohn in seinem Wesen und Unwesen lieb hat. Weiter: dass er mir ganz und gar nur erzähle, was sein Verfasser an diesem Menschen gesehen hat, dass er also mir gegenüber auf alle schulmeisterlichen Pläne verzichte, sondern es freundlichst mir überlasse, was ich angesichts des mir vorgehaltenen Bildes zu denken oder auch nicht zu denken habe. Endlich: dass er eine dem vorgehaltenen Bild des Menschen entsprechende und insofern innerlich notwendige, strenge und also einprägsame Form habe, damit ich den mir gezeigten Menschen in seiner zeitlichen und zeitlosen Gestalt nicht gleich wieder vergessen könne, sondern mit ihm leben, vielleicht je und je aufs Neue mit ihm leben müsse. Um das zu leisten, «braucht» es Dichter und insbesondere Romandichter. Der Psychologe, der Photograph, aber auch der Zeitphilosoph können das nicht leisten. |

Im Mittelpunkt der drei genannten Romane stehen, wie es sich gehört, die glaubwürdig und liebenswürdig geschilderten Privatexistenzen ihrer «Helden». Aber indem die Verfasser diese Privatexistenzen als solche gesehen und nachgeschaffen haben, müssen sie reden von den Selbstverständlichkeiten und Sorgen des Menschen unserer Zeit und von den Selbstverständlichkeiten und Sorgen des Menschen aller Zeiten und darüber hinaus (das muss auch sein!) von der Sonne, von den Wolken, Bergen, Flüssen und Seen, von den bekannten und unbekannteren Landschaften und Städten, von den Blumen und von den Pferden, wie sie immer waren und immer wieder neu entdeckt werden wollen. Die Frage «Europa» bildet überall den Hintergrund |625 und den Vordergrund, die Frage «Deutschland», die erschütternde Frage des Weltkriegs und des Zusammenbruchs, den wir hinter uns und vielleicht erst recht vor uns haben. Aber Vordergrund und Hintergrund sind auch ganz und gar die nicht minder unübersichtlichen und doch greifbaren Zuständlichkeiten und Begegnungen und Schicksale, die Verworrenheiten und Befreiungen, die Flachheiten und Tiefen der Männer und Frauen, deren Wege, selber Rätsel, durch jene Rätselwelt mitten hindurchgehen. Alles auf der Erde und über Allem die Sterne, wie sie schon die Erde und die Sterne Homers gewesen sind. Mehr kann man von Romanen nicht verlangen. Mit den Fragen, über die ich mich mit den Verfassern wohl möchte unterhalten können, brauche ich die Leser dieser Zeitung nicht zu behelligen.

Karl Barth (Bonn).

Sachfußnoten

1
Otto Kleiber (1883–1969), Feuilletonredakteur der Basler National-Zeitung. ↩
2
Brief Kleibers an Barth vom 11.12.1934 (KBA 9334.1269). ↩
3
Brief Barths an Kleiber vom 14.12.1934 (KBA 9234.363). ↩
4
Brief Kleibers an Barth vom 22.12.1934 (KBA 9334.1330). ↩
5
Paul Häberlin (1878–1960), schweizerischer Philosoph und Pädagoge, Prof. in Bern und Basel. ↩
6
Hermann Hesse (1877–1962), deutscher Schriftsteller mit Wohnsitz in der Schweiz, Nobelpreisträger 1946. ↩
7
Thomas Mann (1875–1955), deutscher Schriftsteller, Nobelpreisträger 1929, seit 1933 im Exil. ↩
8
Maria Waser (1878–1939), Dr. phil., schweizerische Schriftstellerin. ↩
9
Felix von Weingartner (1863–1942), österreichischer Dirigent und Komponist. ↩
10
KBA 10086. Es handelt sich vermutlich um eine Abschrift des Briefes. Das Typoskript umfasst eine einzeilig getippte Seite unter der Überschrift «National-Zeitung:» und trägt den handschriftlichen Vermerk: «geschrieben am 14. Dez. 1934». Eine weitere Abweichung vom Brief besteht darin, dass die Romanverfasser und -titel wie im Zeitungsdruck hervorgehoben sind, während im Brief mit jeder Literaturangabe eine neue Zeile beginnt. ↩
11
Alexander Lernet-Holenia (1897–1976), österreichischer Schriftsteller. ↩
12
A. Lernet-Holenia, Die Standarte, Berlin 1934. 📖 Der Roman, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, verbindet die Liebesgeschichte eines österreichischen Fähnrichs mit den Kriegsereignissen und beschreibt den Untergang der scheinbar festgefügten «alten Welt», hier repräsentiert durch die Habsburger Monarchie. Das im KBA erhaltene Exemplar ist ein Geschenk K. Barths und Ch. von Kirschbaums an Nelly Barth («Herbst 1934»); im Taschenkalender Ch. von Kirschbaums findet sich am 14.9.1934 der Eintrag: «ich lese die ‹Standarte› zu Ende – ein schönes Buch». ↩
13
Frank Thiess (1890–1977), deutscher Schriftsteller. ↩
14
Fr. Thiess, Der Weg zu Isabelle, Wien 1934. 📖 Der am 4. Oktober 1934 erschienene Roman schildert vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Verhältnisses die Suche eines Deutschen nach seiner Tochter, deren französische Mutter mit dem noch ungeborenen Kind er am Beginn des Ersten Weltkriegs verlassen musste. Das im KBA erhaltene Exemplar gehörte Ch. von Kirschbaum; auf dem Vorsatz ist vermerkt: «Heimreise von der Synode Berlin-Dahlem Okt. 1934». ↩
15
Mervin Brian Kennicott war das Pseudonym von Gertrud Ida Maria Hamer (1881–1940), einer deutschen Schriftstellerin, die lange Jahre in England verbracht hatte und seit 1934 wieder in Deutschland lebte. ↩
16
Das Herz ist wach. Briefe einer Liebe, hrsg. von M. B. Kennicott, Tübingen 1934. 📖 Der Bestseller, der bis in die 1960er Jahre wiederaufgelegt wurde und in einer Gesamtauflage von 250 000 Exemplaren erschien, erzählt in Briefform eine zeitgenössische Liebesgeschichte zwischen einem Engländer und einer Deutschen. Im KBA findet sich ein Exemplar der 15. Auflage (1934). In ihm ist in Gerty Pestalozzis Handschrift folgende Widmung für Charlotte von Kirschbaum notiert: «Für L. v. K. 20. Nov. 1934». ↩