Am 22. Dezember 1934 und – mit einer Korrektur des Termins – erneut am 28. Dezember war Barth von Wilhelm Niesel im Auftrag des Bruderrates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union eingeladen worden, «an der Sitzung eines theologischen Ausschusses zur Vorbereitung einer Synode teilzunehmen»;1
die Sitzung sollte am
2. Januar 1935 in Bad Oeynhausen stattfinden.2
Die kirchenpolitische Entwicklung vor allem in der zweiten Dezemberhälfte 1934 hatte in den Augen Niesels, aber auch Hermann A. Hesses und anderer, die Befürchtungen bestätigt, die der Anlass für den Austritt Barths aus dem Reichsbruderrat gewesen waren: Besonderen Anstoß erregte, was auch im unten edierten Protokoll erwähnt wird: die zu sehr auf den Staat Rücksicht nehmende und zögerliche Haltung zur Eidesfrage,3
die dem Wunsch nach einer Stärkung der Position der immer noch nicht vom Staat anerkannten «Vorläufigen Kirchenleitung» dienenden Verhandlungen mit dem Reichsleiter der Deutschen Christen, Christian Kinder, und dem NSDAP-Gauleiter Erich Koch,4
und der von August Marahrens verfasste «Neujahrsbrief»5
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Die im preußischen Bruderrat «angesichts dieser Entwicklung» gefallenen «groben Worte» begründete Niesel gegenüber Paul Humburg so: «Wir stehen heute wieder genau dort, wo wir vor einem Jahre standen! […] Müller hatte keine Position mehr. Es war wahrscheinlich, dass er gehen würde. Man verhandelte wegen eines Übergangskabinetts und überlegte, ob man nicht einen DCer mit hineinnehmen müsse, um nicht sofort die Opposition von der anderen Seite wachzurufen. Heute überlegt man, ob man nicht mit Herrn Paulsen, Herrn Johnsen6
oder Herrn Engelke zusammenarbeiten könne; denn es sind doch ganz ‹ordentliche› Leute. Der Kampf eines Jahres ist umsonst gewesen. Die wach gewordenen Gemeinden werden übergangen. Was Gott uns in Barmen und Dahlem trotz unserer Schwachheit geschenkt hat, wird weggeworfen (oder für die ‹innere Arbeit in der Kirche› – welche DC-Theologie! – reserviert).»7
Niesel schloss seinen Brief mit Worten, die erkennen lassen, dass die Konsequenzen aus dieser Lage es ihm unabdingbar erscheinen ließen, in nächster Zukunft eine – wenigstens preußische – Synode einzuberufen: «Noch ist es Zeit, das Steuer herumzuwerfen. Ich meine, der Augenblick stände bevor, mit dem Präses Koch gerechnet hat, als er uns am 20. November sagte: ‹Wenn es mit der vorläufigen Kirchenregierung in den nächsten 4 oder 6 Wochen nicht geht, dann will ich sie wieder verlassen.› Es werden uns dann freilich einige verlassen, wahrscheinlich ganze Landeskirchen; aber lieber sie fahren lassen, als die ganze Kirche preisgeben.»8
An die Einberufung einer dritten Reichsbekenntnissynode zur Klärung der Lage dachte auch H. A. Hesse. Gegenüber Präses Koch äußerte er sich ähnlich wie Niesel: «Unsere Befürchtungen vom Bußtag sind mehr als hundertprozentig eingetroffen. […] Wir stehen vor einem kirchlichen Dualismus in der Vorläufigen Kirchenleitung. […] Man horcht auf den Staat und fragt, was der fordert, während in Dahlem die Kirche dem Staate erklärte, wer sie sei und was sie wolle. […] Man will eine Verbreiterung der Front, wobei aber die Front zer|640mürbt wird durch Verbindung von heterogenen Elementen. […] Die Stellungnahme der Vorläufigen Kirchenleitung in der Eidesfrage wird ganz verschieden gedeutet. […] Die Botschaften der Vorläufigen Kirchenleitung weisen deutschchristliche Merkmale auf, sogleich die erste Botschaft, und vollends das Neujahrswort von Marahrens, mit reiner DC-Theologie.»9
Hesse forderte: «Weiter auf der Linie Barmen-Dahlem!», und kündigte die «baldige Einberufung einer dritten Bekenntnissynode in Oeynhausen» an; die Bruderratssitzung, die am
3. Januar 1935 ebenfalls in Bad Oeynhausen stattfinden sollte, solle eine solche «vorbereiten und zu klarer geistlicher Haltung auf ihr aufrufen».10
Zu dieser Sitzung des Bruderrats «in seiner bisherigen Zusammensetzung» lud Präses Koch neben den anderen im November ausgetretenen Mitgliedern auch Barth als Gast ein.11
Von den nicht leichten Verhandlungen in Bad Oeynhausen berichtete Barth an Charlotte von Kirschbaum: «Heute morgen trat nun der theologische Ausschuss zusammen, um eine Grundlage für die nötigen geistig-geistlichen Unterbauungen der Bekenntnisfront, zunächst über den Problemkreis ‹Kirche-Staat› auszuarbeiten. Aber ach, da sind der Schwierigkeiten schon in diesem kleinen Kreis unzählige! Und mir fällt wiederum die Rolle des bösen Mannes zu, der für die spitzeste Form der Fragen eintritt.»12
Nach dem knappen Zeugnis Niesels über die Verhandlungen im Ausschuss war Barth an der Formulierung auch des Protokolls entscheidend mitbeteiligt und setzte sich insbesondere beim zweiten Punkt für die «Ausweitung» der Aussage «auf die ganze DEK […] entschieden» ein.13
Die nach Barths unmittelbarem Zeugnis im Aus|641schuss formulierten Fragen trug er selbst am folgenden Tag auch in der Sitzung des Reichsbruderrats vor.14
Am folgenden Tag sollten sich Barths Befürchtungen hinsichtlich der Sitzung des Reichsbruderrats – «Ich sehe der Sache mit großer Sorge entgegen», hatte er Ch. von Kirschbaum geschrieben15
– bestätigen. Man zerstritt sich schon zu Beginn der Aussprache über die im November gefassten Beschlüsse zur Bildung der Vorläufigen Kirchenleitung und kam auch in der Bewertung ihrer bisherigen Arbeit zu keiner Einigkeit.16
Barth, der bis dahin geschwiegen hatte, ergriff erst gegen Ende das Wort, nachdem Thomas Breit die Verhandlungen mit Chr. Kinder und E. Koch mit dem Hinweis verteidigt hatte, das angestrebte «Rollkommando» solle eine «künftige Ordnung» vorbereiten und Kinder dabei die «DC in Zucht nehmen»; die Funktionsfähigkeit eines solchen «Rollkommandos» sei aber «nur mit Hilfe des Staates» gewährleistet, und darum hielte er «Kinder für diskussionswürdig».17
Barth führte aus:
Ich bin gern noch mal hierhergekommen. Es wird mir doch schwer, zu sagen, was ich sagen muss. Hahn sprach von der «Einigung».18 Es wird dazu kommen, wie auch am 20.11. Aber ich kann mich nicht einbeziehen lassen. Wirkliche «Einigung» wäre etwas anderes. Ich wollte kein Dekret gegen die VKL. Aber ich meinte, hier hätte man eingesehen, dass der 20.11. Fehleinschätzung war. Über 6 Punkte komme ich nicht hinweg:
642 1. Der 20.11. war Ergebnis dreiwöchiger Auseinandersetzung. Der Beginn dieser Verhandlungen bedeutete Preisgabe der Arbeit des Rates an kirchenpolitische Spekulation. An jenem 29.10., 8 Tage nach Dahlem, fing das an. Es sei eine prinzipielle Änderung eingetreten (Intaktheit).
2. Die Motive, die zum 20.11. führten, waren nicht geistlich. Wir spähten zum Staat und seinen von uns vermuteten Gründen. Das Glaubensdenken, das kindliche Denken von Dahlem war weg.
3. Der Beschluss vom 20.11. war Überschreitung der Vollmachten, die der Reichsbruderrat hatte. Wir waren nicht dazu berufen, einen Mann zu bestellen, der bis dahin uns ferne stand.19
4. Die Haltung der VKL in der Eidesfrage ist nicht so, wie eine vom Bekenntnis kommende Leitung sie haben müsste. Weg einer klugen Diplomatie, die etwas tun will und doch nicht zu viel. Was soll Brief an Studenten in Göttingen. Mühsam durchgekämpft, dass es dem Kultusminister mitgeteilt wurde, dass es in die Öffentlichkeit kam.20 Das ist kein kirchenregimentliches Handeln.
5. Die Berliner Verhandlungen mit Kinder21 verstehe ich nicht.
6. Neujahrsbrief ist von A–Z theologisch unmöglich, von A–Z DC-Theologie. «Die Zeit stellt der Kirche ernste Fragen.»22 Das ist schon DC! Es ist genau umgekehrt. Wo ist in dem Brief etwas von Botschaft, von Verkündigung? Das ist die Spitze der VKL.
Ich könnte sagen: tolerari potest.23 Aber hier in diesem Kreis wird mein ganzes Bedenken nicht geteilt. Das erschreckt mich. Da kann man sich nicht «einigen».24
643 Barth kündigte noch an, von sich aus keine Revision in seinem Prozess betreiben zu wollen, weil er sich nicht zum zweiten Mal sagen lassen wolle, dass er «das Vertrauen nicht verdiene». Er wolle dies aber dann tun, so Barth, «wenn der Bruderrat mich auffordert, Revision einzulegen».25 Dieser Aufforderung kam der Bruderrat im ersten der sechs auf dieser Sitzung gefassten Beschlüssen sogleich nach;26 die weiteren dieser Beschlüsse ließen aber erkennen, dass man ansonsten einer Einigung nicht näher gekommen war.27
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Im Rückblick auf die Bruderratssitzung schrieb Barth wenige Tage später: «An die letzte Oeynhausener Tagung kann ich nur mit tiefster Betrübnis zurückdenken.»28
Von den Ausarbeitungen des theologischen Ausschusses finden sich im KBA ein Manuskript in Barths Handschrift und ein damit im Wesentlichen identischer Typoskript-Durchschlag,29
der dem folgenden Abdruck zu Grunde liegt.
2. Fragen
1. Sind wir uns darüber einig, dass wir es in der nationalsozialistischen Theorie vom Volk, vom Staat und vom Führer mit einer Lehre zu tun haben, welche menschliches Leben, menschliche Gestaltung, menschliche Autorität mit einer Würde bekleidet, die allein Gott zukommt?39
2. Sind wir uns darüber einig, dass es Ungehorsam gegen Gott und darum Zerstörung des Rechts und der Wahrheit bedeutet, wenn |648 der deutsche Mensch sich im Sinn dieser Theorie bindet und binden lässt, und dass auch die irdische Wohlfahrt und Freiheit des deutschen Volkes auf 40-dem Wege-40 dieses Ungehorsams nimmermehr erreicht werden können?
3. Sind wir uns darüber einig, dass die Kirche dem Volk nur damit dienen kann, dass sie es im Gegensatz zu jener Theorie zum Gehorsam gegen den einen Gott aufruft, und dass ihr Gebet für die Obrigkeit den Sinn haben muss: es möchte im Gegensatz zu jener Theorie der deutsche Staat unter Gottes Gebot menschliche Rechtsordnung sein, bleiben und wieder werden?