1935

Protokoll und Fragen [Sitzung des Theologischen Ausschusses der altpreußischen Union]

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Protokoll und Fragen [Sitzung des theologischen Ausschusses der alpreussischen Union]

1935

Am 22. Dezember 1934 und – mit einer Korrektur des Termins – erneut am 28. Dezember war Barth von Wilhelm Niesel im Auftrag des Bruderrates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union eingeladen worden, «an der Sitzung eines theologischen Ausschusses zur Vorbereitung einer Synode teilzunehmen»;1 die Sitzung sollte am 2. Januar 1935 in Bad Oeynhausen stattfinden.2

Die kirchenpolitische Entwicklung vor allem in der zweiten Dezemberhälfte 1934 hatte in den Augen Niesels, aber auch Hermann A. Hesses und anderer, die Befürchtungen bestätigt, die der Anlass für den Austritt Barths aus dem Reichsbruderrat gewesen waren: Besonderen Anstoß erregte, was auch im unten edierten Protokoll erwähnt wird: die zu sehr auf den Staat Rücksicht nehmende und zögerliche Haltung zur Eidesfrage,3 die dem Wunsch nach einer Stärkung der Position der immer noch nicht vom Staat anerkannten «Vorläufigen Kirchenleitung» dienenden Verhandlungen mit dem Reichsleiter der Deutschen Christen, Christian Kinder, und dem NSDAP-Gauleiter Erich Koch,4 und der von August Marahrens verfasste «Neujahrsbrief»5 .

639 Die im preußischen Bruderrat «angesichts dieser Entwicklung» gefallenen «groben Worte» begründete Niesel gegenüber Paul Humburg so: «Wir stehen heute wieder genau dort, wo wir vor einem Jahre standen! […] Müller hatte keine Position mehr. Es war wahrscheinlich, dass er gehen würde. Man verhandelte wegen eines Übergangskabinetts und überlegte, ob man nicht einen DCer mit hineinnehmen müsse, um nicht sofort die Opposition von der anderen Seite wachzurufen. Heute überlegt man, ob man nicht mit Herrn Paulsen, Herrn Johnsen6 oder Herrn Engelke zusammenarbeiten könne; denn es sind doch ganz ‹ordentliche› Leute. Der Kampf eines Jahres ist umsonst gewesen. Die wach gewordenen Gemeinden werden übergangen. Was Gott uns in Barmen und Dahlem trotz unserer Schwachheit geschenkt hat, wird weggeworfen (oder für die ‹innere Arbeit in der Kirche› – welche DC-Theologie! – reserviert).»7 Niesel schloss seinen Brief mit Worten, die erkennen lassen, dass die Konsequenzen aus dieser Lage es ihm unabdingbar erscheinen ließen, in nächster Zukunft eine – wenigstens preußische – Synode einzuberufen: «Noch ist es Zeit, das Steuer herumzuwerfen. Ich meine, der Augenblick stände bevor, mit dem Präses Koch gerechnet hat, als er uns am 20. November sagte: ‹Wenn es mit der vorläufigen Kirchenregierung in den nächsten 4 oder 6 Wochen nicht geht, dann will ich sie wieder verlassen.› Es werden uns dann freilich einige verlassen, wahrscheinlich ganze Landeskirchen; aber lieber sie fahren lassen, als die ganze Kirche preisgeben.»8

An die Einberufung einer dritten Reichsbekenntnissynode zur Klärung der Lage dachte auch H. A. Hesse. Gegenüber Präses Koch äußerte er sich ähnlich wie Niesel: «Unsere Befürchtungen vom Bußtag sind mehr als hundertprozentig eingetroffen. […] Wir stehen vor einem kirchlichen Dualismus in der Vorläufigen Kirchenleitung. […] Man horcht auf den Staat und fragt, was der fordert, während in Dahlem die Kirche dem Staate erklärte, wer sie sei und was sie wolle. […] Man will eine Verbreiterung der Front, wobei aber die Front zer|640mürbt wird durch Verbindung von heterogenen Elementen. […] Die Stellungnahme der Vorläufigen Kirchenleitung in der Eidesfrage wird ganz verschieden gedeutet. […] Die Botschaften der Vorläufigen Kirchenleitung weisen deutschchristliche Merkmale auf, sogleich die erste Botschaft, und vollends das Neujahrswort von Marahrens, mit reiner DC-Theologie.»9 Hesse forderte: «Weiter auf der Linie Barmen-Dahlem!», und kündigte die «baldige Einberufung einer dritten Bekenntnissynode in Oeynhausen» an; die Bruderratssitzung, die am 3. Januar 1935 ebenfalls in Bad Oeynhausen stattfinden sollte, solle eine solche «vorbereiten und zu klarer geistlicher Haltung auf ihr aufrufen».10

Zu dieser Sitzung des Bruderrats «in seiner bisherigen Zusammensetzung» lud Präses Koch neben den anderen im November ausgetretenen Mitgliedern auch Barth als Gast ein.11

Von den nicht leichten Verhandlungen in Bad Oeynhausen berichtete Barth an Charlotte von Kirschbaum: «Heute morgen trat nun der theologische Ausschuss zusammen, um eine Grundlage für die nötigen geistig-geistlichen Unterbauungen der Bekenntnisfront, zunächst über den Problemkreis ‹Kirche-Staat› auszuarbeiten. Aber ach, da sind der Schwierigkeiten schon in diesem kleinen Kreis unzählige! Und mir fällt wiederum die Rolle des bösen Mannes zu, der für die spitzeste Form der Fragen eintritt.»12

Nach dem knappen Zeugnis Niesels über die Verhandlungen im Ausschuss war Barth an der Formulierung auch des Protokolls entscheidend mitbeteiligt und setzte sich insbesondere beim zweiten Punkt für die «Ausweitung» der Aussage «auf die ganze DEK […] entschieden» ein.13 Die nach Barths unmittelbarem Zeugnis im Aus|641schuss formulierten Fragen trug er selbst am folgenden Tag auch in der Sitzung des Reichsbruderrats vor.14

Am folgenden Tag sollten sich Barths Befürchtungen hinsichtlich der Sitzung des Reichsbruderrats – «Ich sehe der Sache mit großer Sorge entgegen», hatte er Ch. von Kirschbaum geschrieben15 – bestätigen. Man zerstritt sich schon zu Beginn der Aussprache über die im November gefassten Beschlüsse zur Bildung der Vorläufigen Kirchenleitung und kam auch in der Bewertung ihrer bisherigen Arbeit zu keiner Einigkeit.16 Barth, der bis dahin geschwiegen hatte, ergriff erst gegen Ende das Wort, nachdem Thomas Breit die Verhandlungen mit Chr. Kinder und E. Koch mit dem Hinweis verteidigt hatte, das angestrebte «Rollkommando» solle eine «künftige Ordnung» vorbereiten und Kinder dabei die «DC in Zucht nehmen»; die Funktionsfähigkeit eines solchen «Rollkommandos» sei aber «nur mit Hilfe des Staates» gewährleistet, und darum hielte er «Kinder für diskussionswürdig».17 Barth führte aus:

Ich bin gern noch mal hierhergekommen. Es wird mir doch schwer, zu sagen, was ich sagen muss. Hahn sprach von der «Einigung».18 Es wird dazu kommen, wie auch am 20.11. Aber ich kann mich nicht einbeziehen lassen. Wirkliche «Einigung» wäre etwas anderes. Ich wollte kein Dekret gegen die VKL. Aber ich meinte, hier hätte man eingesehen, dass der 20.11. Fehleinschätzung war. Über 6 Punkte komme ich nicht hinweg:

642 1. Der 20.11. war Ergebnis dreiwöchiger Auseinandersetzung. Der Beginn dieser Verhandlungen bedeutete Preisgabe der Arbeit des Rates an kirchenpolitische Spekulation. An jenem 29.10., 8 Tage nach Dahlem, fing das an. Es sei eine prinzipielle Änderung eingetreten (Intaktheit).

2. Die Motive, die zum 20.11. führten, waren nicht geistlich. Wir spähten zum Staat und seinen von uns vermuteten Gründen. Das Glaubensdenken, das kindliche Denken von Dahlem war weg.

3. Der Beschluss vom 20.11. war Überschreitung der Vollmachten, die der Reichsbruderrat hatte. Wir waren nicht dazu berufen, einen Mann zu bestellen, der bis dahin uns ferne stand.19

4. Die Haltung der VKL in der Eidesfrage ist nicht so, wie eine vom Bekenntnis kommende Leitung sie haben müsste. Weg einer klugen Diplomatie, die etwas tun will und doch nicht zu viel. Was soll Brief an Studenten in Göttingen. Mühsam durchgekämpft, dass es dem Kultusminister mitgeteilt wurde, dass es in die Öffentlichkeit kam.20 Das ist kein kirchenregimentliches Handeln.

5. Die Berliner Verhandlungen mit Kinder21 verstehe ich nicht.

6. Neujahrsbrief ist von A–Z theologisch unmöglich, von A–Z DC-Theologie. «Die Zeit stellt der Kirche ernste Fragen.»22 Das ist schon DC! Es ist genau umgekehrt. Wo ist in dem Brief etwas von Botschaft, von Verkündigung? Das ist die Spitze der VKL.

Ich könnte sagen: tolerari potest.23 Aber hier in diesem Kreis wird mein ganzes Bedenken nicht geteilt. Das erschreckt mich. Da kann man sich nicht «einigen».24

643 Barth kündigte noch an, von sich aus keine Revision in seinem Prozess betreiben zu wollen, weil er sich nicht zum zweiten Mal sagen lassen wolle, dass er «das Vertrauen nicht verdiene». Er wolle dies aber dann tun, so Barth, «wenn der Bruderrat mich auffordert, Revision einzulegen».25 Dieser Aufforderung kam der Bruderrat im ersten der sechs auf dieser Sitzung gefassten Beschlüssen sogleich nach;26 die weiteren dieser Beschlüsse ließen aber erkennen, dass man ansonsten einer Einigung nicht näher gekommen war.27

644 Im Rückblick auf die Bruderratssitzung schrieb Barth wenige Tage später: «An die letzte Oeynhausener Tagung kann ich nur mit tiefster Betrübnis zurückdenken.»28

Von den Ausarbeitungen des theologischen Ausschusses finden sich im KBA ein Manuskript in Barths Handschrift und ein damit im Wesentlichen identischer Typoskript-Durchschlag,29 der dem folgenden Abdruck zu Grunde liegt.

1. Protokoll über die Vormittagssitzung des theologischen Ausschusses der A.P.U. am 2. Januar 1935

1. Die am 20. November erfolgte Zustimmung des Bruderrates30 der DEK zu der Bildung einer «Vorläufigen Kirchenleitung» war eine Fehlentscheidung, weil die Motive, die dazu geführt haben, nämlich 1. der Wunsch, der bekennenden Kirche eine dem Staat genehme Gestalt zu geben, 2. die Sehnsucht nach einer Verbreiterung ihrer Front, 3. die Prestige-Sorge gewisser konfessioneller Kreise ein Abweichen von der theologischen, kirchlichen und geistlichen Haltung bedeuteten, zu der die bekennende Kirche durch die Synoden von Barmen und Dahlem aufgerufen war.31 Die bisherigen Stellungnahmen der «Vorläufigen Kirchenleitung»  bedeuteten in mehreren wichtigen Fällen (Eidesfrage32, Verhandlungen mit |645 Oberpräsident Koch33 und Dr. Kinder,34 Neujahrsbotschaft35 von D. Marahrens36) eine Verstärkung des Bedenkens, das von37 Barmen und Dahlem her gegen sie geltend zu machen ist.

646 2. Die nächste Aufgabe des Rates der DEK besteht darin, den Reichsbruderrat und die Bruderräte der Länder und Provinzen zur geistlichen und theologischen Vorbereitung auf eine nächste Synode vor die Entscheidung zu stellen hinsichtlich des religiösen Charakters des nationalsozialistischen Staates, hinsichtlich der heute gebotenen Abgrenzungen zwischen Kirche und Staat und hinsichtlich der künftigen Gestalt der DEK als einer «Volkskirche».38

6473. Angesichts und trotz der Gefahren einer falschen kirchlichen Restauration und Legalisierung ist die Arbeit der bekennenden Kirche nach den Weisungen der Synoden von Barmen und Dahlem auf der ganzen Linie fortzusetzen.

2. Fragen

1. Sind wir uns darüber einig, dass wir es in der nationalsozialistischen Theorie vom Volk, vom Staat und vom Führer mit einer Lehre zu tun haben, welche menschliches Leben, menschliche Gestaltung, menschliche Autorität mit einer Würde bekleidet, die allein Gott zukommt?39

2. Sind wir uns darüber einig, dass es Ungehorsam gegen Gott und darum Zerstörung des Rechts und der Wahrheit bedeutet, wenn |648 der deutsche Mensch sich im Sinn dieser Theorie bindet und binden lässt, und dass auch die irdische Wohlfahrt und Freiheit des deutschen Volkes auf 40-dem Wege-40 dieses Ungehorsams nimmermehr erreicht werden können?

3. Sind wir uns darüber einig, dass die Kirche dem Volk nur damit dienen kann, dass sie es im Gegensatz zu jener Theorie zum Gehorsam gegen den einen Gott aufruft, und dass ihr Gebet für die Obrigkeit den Sinn haben muss: es möchte im Gegensatz zu jener Theorie der deutsche Staat unter Gottes Gebot menschliche Rechtsordnung sein, bleiben und wieder werden?

Sachfußnoten

1
Brief Niesels an Barth vom 22.12.1934 (KBA 9334.1333; M. Freudenberg / H.-G. Ulrichs [Hrsg.], Karl Barth und Wilhelm Niesel. Briefwechsel 1924–1968, Göttingen 2015, S. 174 📖). Niesel fügte hinzu, Barths Anwesenheit sei «unbedingt notwendig»: «Also lassen Sie uns nicht im Stich!» Schon eine Woche zuvor hatte Niesel Barth beschworen: «Sie sollten ja doch bedenken, dass der Kampf es mit sich gebracht hat, dass auch Sie von Ihrer ‹eigentlichen› Arbeit immer mehr zu einer anderen fortgezogen worden sind. Sie dürfen bei Ihren Entscheidungen nicht vergessen, dass Sie seit 1933 nicht mehr nur der Lehrer der Studenten, sondern vor allem der Lehrer der Kirche in einem viel weiteren Sinn sind. […] so sehr die Parallele mit Calvin einleuchten mag – er setzte damals, als er nach Straßburg ging, ja auch nicht einfach die Vorbereitung der 2. Auflage der Institutio fort –, so ist daran zu erinnern, dass er nur gegangen ist, weil er ausgewiesen wurde!» (Brief Niesels an Barth vom 14.12.1934 [KBA 9334.1283; Freudenberg / Ulrichs, S. 173]). ↩
2
Vgl. Brief Niesels an Barth vom 28.12.1934 (KBA 16745; Freudenberg / Ulrichs, S. 175 📖). ↩
3
Siehe unten, Anm. 32. ↩
4
Siehe unten, Anm. 34. ↩
5
Siehe unten, Anm. 36. ↩
6
Helmuth Johnsen (1891–1947), seit 1934 Landesbischof in Braunschweig, bis Februar 1935 dort DC-Gauobmann. ↩
7
Brief Niesels an P. Humburg (in Abschrift u. a. an Barth) vom 22.12.1934 (KBA 16736). ↩
8
Ebd. ↩
9
Brief Hesses an K. Koch vom 29.12.1934 (Durchschlag: KBA 16746). – Zur ersten Botschaft der VKL vgl. oben, S. 601, Anm. 88, und S. 603, Anm. 97. ↩
10
Ebd. ↩
11
Schreiben vom 29.12.1934 (KBA 16747). – Neben Barth waren H. Asmussen, J. Beckmann, E. Fiedler, K. Koch, W. Niesel, Eitel-Friedrich von Rabenau (1884–1959; seit 1923 Pfarrer in Berlin-Schöneberg), H. Vogel und G. Weber anwesend (vgl. Bw.Kirschbaum I, S. 409, Anm. 5 📖). ↩
12
Brief vom 2.1.1935 (KBA 9272.139; Bw.Kirschbaum I, S. 409f. 📖). ↩
13
W. Niesel, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933–1945 (AGK.E 11), Göttingen 1978, S. 55, Anm. 105. 📖 ↩
14
So die von Niesel a.a.O., S. 54, Anm. 104 📖, angeführte Erinnerung H. A. Hesses. ↩
15
Brief vom 2.1.1935 (Anm. 12; Bw.Kirschbaum I, S. 410 📖). ↩
16
Vgl. die Mitschrift H. Kloppenburgs «Oeynhausen 3.1.35 R[eichs]B[ruder]R[at]» (Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, Best. Bekenntnissynode, Nr. 16 📖; Auszüge: Prolingheuer, S. 111–114 📖). ↩
17
Mitschrift Kloppenburg, Bl. 6 📖; Prolingheuer, S. 113 📖. ↩
18
Gemeint ist Hugo Hahn (1886–1957), seit 1930 Pfarrer in Dresden und Superintendent Dresden-Land, Vorsitzender des sächsischen Bruderrats. Von Hahn ist in der Mitschrift Kloppenburg u. a. das Votum vermerkt: «Einander in Geduld tragen» (a.a.O., Bl. 5 📖) ↩
19
Gemeint ist die Berufung des hannoverschen Landesbischofs A. Marahrens zum Vorsitzenden der VKL. ↩
20
Vgl. oben, S. 612-614. ↩
21
Siehe unten, Anm. 34. ↩
22
Mit diesem Satz begann die Neujahrsbotschaft Marahrens’; s. unten, Anm. 36. ↩
23
In der «Formel tolerari potest» drückt sich aus der Perspektive des kanonischen Rechts die «Willensentscheidung für die Toleranz» aus, mit der «bestimmte gegen das Kirchengesetz verstoßende Verhaltensweisen» gebilligt werden (M. J. Roca 📖). Fraglich ist, worauf sich der Toleranzgedanke hier bezieht. Liest man das voranstehende «könnte» wie Prolingheuer, S. 114, als «konnte», müsste die Bildung der VKL gemeint sein, gegenüber der danndie real geübte Tol 📖eranz ausgesprochen wird. In der Mitschrift Kloppenburg, 3.1.35 (Anm. 16), Bl. 6, beginnt das erste «n» jedoch mit einem dünnen waagerechten Strich über dem voranstehenden Buc 📖hstaben, der, wenn es sich nicht um ein Verrutschen beim Schreiben gehandelt haben sollte, diesen voranstehenden Buchstaben als «ö» kennzeichnet. In diesem Fall bezöge sich das «tolerari potest» auf eine eventuell mögliche Toleranz gegenüber dem Verhalten der anwesenden Bruderratsmitglieder. Inhaltlich und auch angesichts der folgenden beiden Sätze dürfte dies näher liegen. Angesichts des nicht völlig eindeutigen Textbefunds entschieden sich die Herausgeber deshalb, hier «könnte» zu lesen. ↩
24
Mitschrift Kloppenburg, 3.1.35 (Anm. 16), Bl. 6 📖; Prolingheuer, S. 113f. 📖 (den Regeln dieser Ausgabe angepasst). Die sechs Punkte Barths fasste am folgenden Tag in einer Besprechung der nicht-deutschchristlichen Kirchenführer in Berlin auch Th. Breit zusammen; vgl. Verantwortung I, S. 369f. 📖 ↩
25
Mitschrift Kloppenburg, 3.1.35 (Anm. 16), Bl. 6 📖; Prolingheuer, S. 114 📖; vgl. Verantwortung I, S. 370 📖. ↩
26
Punkt I der Beschlüsse, von denen Barth ein Exemplar zugeschickt bekam (KBA 16756): «Der Bruderrat der DEK fordert Herrn Prof. D. Barth auf, gegen das Urteil der Dienststrafkammer bei der Regierung zu Köln vom 20.12.1934 Berufung einzulegen.» – Im Anschreiben G. Webers vom 5.1.1935 wurde mitgeteilt, dass dieser erste Beschluss «als vertraulich behandelt» werden solle und «nicht zur Weitergabe an die Amtsbrüder bestimmt» sei (KBA 16755). ↩
27
In Beschluss III hieß es, man sei der «Überzeugung, dass zur Erreichung geistlicher Einmütigkeit die bei uns ungeklärten Fragen einer Beantwortung bedürfen und dass ihre Beantwortung ein uns jetzt gebotener Schritt zum inneren und äußeren Aufbau der Kirche ist»; daher werde das Präsidium der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche beauftragt, «die Schritte zu tun, welche geeignet erscheinen, zu möglichst einhelliger Stellungnahme zu kommen» (KBA 16756; vgl. Prolingheuer, S. 114 📖). Einigkeit erzielte man dagegen darin, dass es nicht angehe, «dass in die Leitung der DEK ein Mitglied aufgenommen wird, dass diese Botschaften [von Barmen und Dahlem] nicht als für sich verbindlich anerkennt» (ebd.; Prolingheuer, S. 115). ↩
28
Brief an K. Immer vom 10.1.1935 (KBA 9235.6). ↩
29
KBA 10078 (zweiseitiger Typoskript-Durschlag); 10078.1 (zweiseitiges Manuskript). – Die Abweichungen beschränken sich beinahe ausschließlich auf im Typoskript aufgelöste Abkürzungen und unterschiedliche Zeichensetzung. Die wenigen anderen Abweichungen sind in den Anmerkungen kenntlich gemacht. ↩
30
Mskr.: «Reichsbruderrates». ↩
31
Vgl. oben, S. 591-600. ↩
32
Gemeint sein dürfte in erster Linie – Barth wies darauf in der Sitzung des Reichsbruderrats vom 3. Januar explizit hin (s. oben, S. 642) – die Art und Weise, in der die am 6. Dezember ergangene Kundgebung der Vorläufigen Kirchenleitung zur Eidesfrage öffentlich gemacht wurde (vgl. oben, S. 612-614). Inzwischen war aber auch ein Brief der Vorläufigen Kirchenleitung (gez. Marahrens) vom 29.12.1934 an H. A. Hesse als Moderator des Reformierten Bundes (und per Abschrift an Reichsminister Rust) ausgegangen, in dem diese Kundgebung in ihrem Gehalt stark relativiert wurde (Durchschlag: KBA 16748; Abdruck: Prolingheuer, S. 107f., das folgende Zitat dort S. 108 📖). Es hieß dort u. a.: «1. Die amtliche Verlautbarung der Vorläufigen Leitung der DEK zur Eidesfrage ist durch zahlreiche Anfragen aus Hochschulkreisen veranlaßt und sieht ausdrücklich von einer Bezugnahme auf den ‹Fall Barth› ab. 2. Die Verlautbarung der Vorläufigen Leitung stimmt nicht überein mit den Erklärungen, die Prof. D. K. Barth zum Beamteneid abgegeben hat. Die Frage, ob der Eidesformel ein ausdrücklicher Vorbehalt hinzuzufügen ist, muß auf Grund unserer Verlautbarung verneint werden.» ↩
33
Erich Koch (1896–1986), seit 1928 NSDAP-Gauleiter der Provinz Ostpreußen, seit 1933 dort auch Oberpräsident, 1950 wegen dort begangener Kriegsverbrechen nach Polen ausgeliefert und zum Tode verurteilt, Umwandlung der Strafe in lebenslängliche Haft. ↩
34
Vom 19. bis 21. Dezember 1934 hatten in Berlin wohl auf Initiative E. Kochs, der auch Mitglied des altpreußischen Kirchensenats war, Verhandlungen zwischen den beiden Genannten und den Bischöfen Marahrens, Meiser und Wurm stattgefunden, an denen auch Fr. von Bodelschwingh, Th. Breit und Hans Gerber (1889–1981), der Vorsitzende des Gustav-Adolf-Vereins, beteiligt waren. Das Ziel der Befriedung der innerkirchlichen Lage sollte durch ein Übergangskabinett erreicht werden, denen außer den Mitgliedern der Vorläufigen Kirchenleitung unter anderem auch Chr. Kinder und zwei deutschchristliche Bischöfe angehören sollten. Durch die Einbeziehung Kinders in das angestrebte «Roll»- oder «Aufräumkommando» hoffte man, auch bis weit in die deutsch-christlichen Kreise hinein Zustimmung zu finden und so Reichsbischof Müller zum bis dahin von diesem verweigerten Rücktritt zu veranlassen. Die Verhandlungen scheiterten daran, dass Hitler ein Gespräch mit Koch, der ihn von diesem Vorschlag zu überzeugen versuchte, abbrach, als er vom damit notwendig verbundenen Rücktritt des Reichsbischofs hörte. Vgl. zum Ganzen: G. Schäfer, Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 4: Die intakte Landeskirche 1935–1936, Stuttgart 1977, S. 166–170 📖; Verantwortung I, S. 365–376 📖; G. Besier, Die Kirchen und das Dritte Reich, [Bd. 3:] Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934–1937, Berlin / München 2001, S. 50–54 📖; Niesel (Anm. 13), S. 53. 📖 ↩
35
Mskr.: «Neujahrsartikel». ↩
36
A. Marahrens, Fragen an die Kirche. Aufgaben der Kirche im neuen Jahr, in: Hannoversches Sonntagsblatt 67 (1934), Nr. 52. 📖 Eine Abschrift dieser am 20. Dezember geschriebenen Neujahrsbotschaft (in der Literatur auch «Weihnachtsbotschaft») wurde Barth zugeschickt (Titel dort: Das neue Jahr und die Kirche. Fragen an die Kirche – Aufgaben der Kirche [KBA 16766]). Marahrens schrieb u. a.: «Die Zeit stellt der Kirche ernste Fragen. So ernst, dass darüber unabsehbarer Schaden auch für Volk und Staat erwächst, wenn die Kirche nicht die Kraft besitzt, Antwort zu geben. […] Die Frage des Staates an die Kirche heißt: Warum ist deine Predigt von Christus nicht so lebendig und stark, dass du darüber zum Frieden kommst? […] Ich fordere von der Kirche, dass sie die lutherische Lehre von der Obrigkeit und ihrer Herkunft von Gott mit unverkürztem Ernst und unbeirrter Klarheit verkündigt und das Ihre tut, das Amt der Obrigkeit aus dem Streit und der Kritik der Menschen herauszuheben. […] Vor der Kirche steht der Arbeiter. Fast ein Jahrhundert lang hat ihm die marxistische Irrlehre den Glauben an Gott aus dem Herzen gerissen, ihn seinem Volke entfremdet und dem Aberglauben an die Güte der Menschheit und der internationalen Solidarität ausgeliefert. […] Wir wollen keine frommen Redensarten. Verschone uns mit Haarspaltereien und schönen Gedanken! […] Vor der Kirche stehen die Kämpfer. Vor der Kirche steht auch die Jugend, die morgen die Fahne des Reiches tragen wird: Du kannst uns keinen Eindruck machen, wenn du bequem und träge dein Brot verzehrst, nach oben oder nach unten schielst und die Welt vom Standpunkt einer starren und unlebendigen Dogmatik anschaust.» ↩
37
Mskr.: «von den Beschlüssen von». ↩
38
«Die Frage der äußeren Gestalt der Kirche – ‹Volkskirche› oder ‹Freikirche› – gehörte während der ganzen Zeit des ‹Dritten Reiches› zu den bedeutsamsten Streitgegenständen zwischen den kirchlichen Parteien, aber auch innerhalb derselben Gruppierung» (Besier [Anm. 34], S. 53 📖). – Im Dezember 1934 war die Debatte durch einen Brief neu angestoßen worden, mit dem Präses Koch auf die von Reichsinnenminister Frick am 7. Dezember ausgesprochene Drohung reagierte, der Staat werde der Kirche die finanzielle Unterstützung entziehen, wenn diese weiter so zerstritten bliebe (vgl. Rede des Reichsinnenministers in Stuttgart [Auszug], in: DKPDR II, S. 231f., dort S. 232 📖). Koch hatte darauf geantwortet: «Die Drohung mit einer Entziehung jeder finanziellen Unterstützung der Kirche durch den Staat nehmen wir sehr ernst. Das Verhältnis von Staat und Kirche würde dadurch gegenüber der Vergangenheit unseres christlichen Volkes grundlegend verändert werden… Wir würden uns einer auch auf finanzielle Dinge sich erstreckenden Trennung von Kirche und Staat, so starke Bedenken wir auch aus praktischen Erwägungen haben, nicht grundsätzlich widersetzen» (Schreiben an Frick vom 12.12.1934, zit. nach Gauger III, S. 437 📖). – Ein Schreiben H. Gerbers an die an den Verhandlungen mit E. Koch (s. oben, Anm. 34) beteiligten Bischöfe vom 31.12.1934 macht deutlich, welche auch aktuell kirchenpolitische Bedeutung dieser Thematik beigemessen wurde: «Die gesamten Befriedungsbestrebungen verfolgten das Ziel, die traditionelle Lage der evangelischen Kirche im Staat zu erhalten, die Bildung eines Freikirchentums zu verhindern. Jetzt hat der Präses der Bekenntnissynode in einem gedruckt versandten Briefe […] dieses Ziel niedergerissen […]. Damit ist in offiziellster Form und in der offenkundigsten Weise zu den kirchenpolitischen Bestrebungen der vorläufigen Kirchenleitung […] ein unüberbrückbarer Gegensatz aufgerichtet. […] Ein solches Verfahren bedeutet offenkundig den Versuch der Lahmlegung der Vorläufigen Kirchenleitung und ihrer mühevollen Befriedungsarbeit» (Schäfer, Dokumentation IV [Anm. 34], S. 173f. 📖).↩
39
Schon seine Weigerung, den Beamteneid auf Hitler ohne einschränkenden Zusatz abzulegen, hatte Barth u. a. damit begründet, «dass wir es in Adolf Hitler mit einem Zaren und Papst in einer Person, theologisch genaugenommen würde man zweifellos sagen müssen: mit einem inkarnierten Gott zu tun haben» (s. oben, S. 558, Anm. 37). Zur metaphysischen Überhöhung von «Führer» und «Volk» im Nationalsozialismus finden sich zahlreiche Belege bei C. Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York 2000, S. 240–245. 642–644 📖; zum nationalsozialistischen Staatsgedanken vgl. oben, S. 317, Anm. 40. ↩
-40
Mskr.: «den Wegen». ↩