Die Gemeindemäßigkeit der Predigt
Die Gemeindemässigkeit der Predigt
Den vorliegenden Vortrag hielt
Die Notwendigkeit zur Einrichtung solcher Kurse hatte sich aus den Beschlüssen der Dahlemer Synode ergeben. Ihnen folgend, sahen sich die der Bonner Bekenntnisgemeinschaft angehörenden Theologiestudenten «außerstande», «weiterhin bei denjenigen Professoren Vorlesungen zu hören, die sich nicht auf den Boden der aus dem Bekenntnis der Kirche erwachsenen Dahlemer Botschaft stellen und sich nicht von dem unchristlichen Reichskirchenregiment
Daher übernahm das Mitte 1934 eingerichtete Ausbildungsamt der Rheinischen Bekenntnissynode nun auch die Aufgabe, die sich zur Bekennenden Kirche haltenden Studenten in Praktischer Theologie zu unterrichten. Zu diesem Zweck organisierte es im Januar 1935 im Diakonissenhaus in Kaiserswerth und vom 18. Februar bis zum
2. März 1935 im Missionshaus in
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Eine Einladung oder Bitte an
Das Vortragsthema hatte Barth auch in seinem homiletischen Seminar im Wintersemester 1932/33 und im Sommersemester 1933 behandelt.9
Doch während er dort die Gemeindemäßigkeit als eines von neun Kriterien behandelte, legte er sie jetzt so umfassend aus, dass der Begriff alles einschloss, was für Barth eine rechte Predigt ausmachte.10
|651 Das ermöglichte ihm, Gedanken, die er im homiletischen Seminar außerhalb des Kapitels über die Gemeindemäßigkeit behandelt hatte, im Vortrag diesem Leitbegriff zu unterstellen.11
Im Anschluss an Barths Vortrag referierte
Die Leitung der Fortsetzung des Kurses ab 18. Februar wurde, weil Hermann Schlingensiepen verhindert war,
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Neben dem Stichwortmanuskript
Wohl auf der Grundlage dieser Nachschrift wurde der Text 1956 erstmals veröffentlicht: Am
25. April 1956 schrieb
Der Vortrag erschien wie geplant im Maiheft der Evangelischen Theologie anlässlich von Barths 70. Geburtstag: K. Barth, Die Gemeindemäßigkeit der Predigt, in: EvTh 16 (1956), S. 194–205
Der folgende Abdruck basiert auf der Erstveröffentlichung, auf die sich auch die ausgewiesene Originalpaginierung bezieht. Angesichts dessen, dass der Abdruck auf einer von Barth zwar offenkundig durchgesehenen, aber eben erst im Abstand von über 20 Jahren durchgesehenen Nachschrift beruht, ist im Anschluss an die Wiedergabe des gedruckten Textes auch Barths Stichwortmanuskript in die Edition aufgenommen.
1. Druckfassung: Die Gemeindemäßigkeit der Predigt *a
Gemeindemäßigkeit ist ein seltsam tönendes Wort und wir müssen uns wohl verständigen darüber, wie man überhaupt zu diesem Begriff kommt. Gemeindemäßigkeit der Predigt sagt ja wohl, dass die Gemeinde in irgend einem Sinn das Maß oder wenigstens ein Maß für Inhalt und Form der Predigt sein soll. Predigt ist aber – ich darf das voraussetzen – Gottesdienst. Wie kommt hier die Gemeinde dazu, Maß zu sein? Wie kommt sie zu dem Anspruch, sozusagen richtend, bestimmend zu sein, maßgeblich zu sein für das, was in der Predigt geschieht? Inwiefern ist dieser Anspruch der Gemeinde zu hören? Das wird uns vor allem deutlich sein müssen und das ist gleich festzustellen: Es kann nicht darum gehen, dass die Gemeinde dem Prediger etwa so gegenüberstehen würde wie ein Verein oder eine Gesellschaft vielleicht ihrem Präsidenten oder ihrem Beauftragten, dem gegenüber sie nun das Recht hätte zu sagen: Du bist der Mann, den wir dahin gestellt haben, wir haben aber unseren Vereinszweck und aus ihm geht das und das hervor als Notwendigkeit, die dir nun auferlegt ist, so dass wir in diesem Sinn deine Auftraggeber sind! Das mag ein Verein oder eine Gesellschaft tun, das kann aber niemals die Haltung der Gemeinde dem Prediger gegenüber sein. Die Gemeinde ist auch nicht das, was man eine Gefolgschaft nennt, der ein Führer vorangeht. Nicht um ein irdisches Gemeinschaftsverhältnis geht es hier, nicht um einen «Führungsring»b28 195 etwa, in welchem der Führer gleichzei|655tig Exponent und Vertreter des Ganzen ist und in seinem Namen handelt, zu diesem Ganzen gehört und ihm Rechenschaft schuldig ist. Dies alles hat mit dem Begriff der «Gemeindemäßigkeit» nichts zu tun.
Es kommt aber etwas anderes allen Ernstes in Betracht als Begründung des Anspruches der Gemeinde an den Prediger und seine Predigt: Wenn wir von Gemeinde sprechen in einem ernsthaften theologischen und christlichen Sinn, so meinen wir nicht Gesellschaft, Gefolgschaft, irdische Gemeinschaft, sondern das schlechthin Einzigartige und von keiner Soziologie zu Bestimmende: Die Kirche, die ecclesia Jesu Christi. Als Kirche Jesu Christi hat die Gemeinde einenc Anspruch an denjenigen, der ihr das Wort Gottes verkündigt, an den Diener des Wortes Gottes. Er steht mit ihr in diesem Kreis der Aufgerufenen, der von Jesus Christus zu Jesus Christus Gerufenen. In diesem Kreis hat er den Sinn und das Wesen dieser schlechterdings einzigartigen Gemeinschaft darzustellen durch seinen Dienst am Worte Gottes, durch die Predigt des Evangeliums, durch welche die Kirche begründet ist und immer wieder begründet werden soll. Die Hörer der Predigt, also die Gemeinde, sind, und das wird für unser |656 Thema entscheidend sein, nicht irgendwelche Menschen, und darum kann ihr Anspruch, dass die Predigt gemeindemäßig sei, nicht irgend ein menschlicher Anspruch sein, und sei er noch so wohl begründet, sondern ihrd Anspruch kann nur hervorgehen aus dieser Gemeinschaft als Kirche Jesu Christi.29
Was heißt das? Die Menschen, die diee Predigt hören, sind zwar einerseitsf in der Welt und das heißt nach neutestamentlichem Begriff: geschaffene Kreatur und – gefallene Kreatur, die sich in den Gegensatz zu ihremg
Schöpfer begeben hat, von Natur geneigt, Gott und den Nächsten zu h-hassen.30 Sie sind als solche gefallene Kreaturh beladen mit dem Fluch der Vergänglichkeit, des Todes. Diese Existenz in der Welt, im Kosmos als Fleisch, hat die Gemeinde, die Kirche Jesu Christi, haben die Hörer der Predigt mit allen anderen Menschen gemeinsam trotz dessen, was sie von ihnen unterscheidet. Dieses Unterscheidende, was die Kirche in der Welt zur Kirche macht, wird sichtbari, indem in ihrer Mitte eben das Ereignis der Predigt stattfindet, indem das Wort Gottes in ihrer Mitte verkündigt und von ihr gehört wird. Indem dieses Ereignis stattfindet und indem nun ein Mensch, einer von ihnen, der Diener am Wort, den Auftrag dieser Verkündigung auf sich nimmt, muss ihm klar sein, dass damit dieser Kreis von Menschen, diese Versammlung, herausgehoben ist (was auch im Übrigen von ihr zu sagen sei) aus der Reihe, aus dem Bereich aller Menschen – dass damit, dass das geschieht: Gottes Wort wird verkündigt undj gehört, dass damit Kirche wirklich wird. Als die |657 Wahrheit der Gemeinschaft, die um dieses Ereignis versammelt ist, gilt die Erinnerung, dass einmal in der Welt, einmal für allemal Kirche geworden ist, begründet ist, geschaffen ist, einmal für allemal in Jesus Christus. Und es gilt die Verheißung, dass in dieser Welt, 196 in der Christus gelebt hat und gestorben und auferstanden ist, immer wieder Kirche sei, immer wieder Kirche werden soll. Der Prediger muss sich darüber klar sein – und das ist die entscheidende Voraussetzung der Gemeindemäßigkeit seiner Funktion –, dass die Menschen, mit denen er es zu tun hat, die er anzureden hat, dass diese Menschen in ihrer Existenz, in ihrem Sein und Wesen, und zwar im tiefsten Sein und Wesen ihrer Existenz, bestimmt sind durch diese Erinnerung, durch diese Verheißung. Diese Menschen, mit denen er es zu tun hat, die Gemeinde, sind hineingestellt in den durch diese Erinnerung und diese Verheißung bestimmten Horizont. Und was nun auch geschehen mag zwischen dem Prediger und ihnen, es muss bestimmt sein durch diesen Horizont. Es darf nicht zu der Gemeinde gesprochen werden, als ob es noch nicht wahr sei: et incarnatus est31. Und es darf nicht gesprochen werden in der Gemeinde Christi, als ob es nicht ebenso wahr sei: et iterum venturus est32. Es muss als das A und O [vgl.
Dass in ihrer Mitte dem Worte Gottes gedient wird, das heißt Gemeindemäßigkeit. In ihrer Mitte: sie darf also auch dabei sein. Dieser Dienst am Wort Gottes ist nicht die Funktion eines Einzelnen, sondern dieser Dienst ist der Akt der Gemeinde. Und dieses Geschehen in ihrer Mitte ist ein Geschehen, in welchem sie, die Gemeinde, nicht einfach Objekt ist, sondern in welchem sie selber mithandelnd beteiligt ist. Also die Menschen, sie, von denen wir eben sagten: sie sind in der Welt, sie sind Sünder, sie sind Sterbliche. Was heißt nun Gemeindemäßigkeit im Blick darauf, dass diese Gemeinde Gottes nun eben Gemeinde Gottes in der Welt ist? Vor allem werden wir uns hier deutlich machen müssen: Wenn diese Gemäßheit in dem strengen Sinn |659 verstanden ist, der uns jetzt von weitem sichtbar geworden ist, dann wird Gemeindemäßigkeit der Predigt niemals primär und entscheidend dahin verstanden werden dürfen, dass das Wort der Predigt inhaltlich und formal m-der Welt, der Menschlichkeit, der Sündigkeit, der Sterblichkeit, die von der Existenz der Gemeinde allerdings nicht zu trennen ist, angemessen, konform sei. Denn-m nicht diese Seite ihrer Existenz kann das Maß sein, das nun gilt für die Gestalt und den Inhalt der unter ihnen geschehenden Predigt. Also: Gemeindemäßigkeit der Predigt kann unter keinen Umständen etwa das bedeuten, dass der Lebensstand der Zuhörer, ihr Bildungsgrad, die unter ihnen herrschenden gesellschaftlichen, politischen, intellektuellen, moralischen, religiösen Überzeugungen, die kleinen und großen Erlebnisse ihres Daseins, die guten oder auch die schlechten Bestrebungen, welche in der Gemeinde vielleicht vorherrschend sein mögen, dass alles dies nun ein selbständiger Betrachtungsgegenstand werden n-dürfte, dass-n die Struktur dieser Gemeinschaft zu erforschen wäre, um daraus ein Gesetz zu entnehmen, einen Maßstab o-abzulesen, dieses Gesetz-o zu konfrontieren mit dem Evangelium und diese zwei Größen, die sich da gegenüber stehen würden, mit dem Wörtlein «und»34 zu p-verbinden. Es darf nicht darum gehen, eine-p freundliche Synthese herzustellen zwischen dem, was von Christus her, und dem, was vom Menschen her gilt, nach der immer wieder bewährten Methode: Das Eine ist der Inhalt, das Andere ist die Form!! –
q-Gerade das-q darf nicht geschehen. Sobald dieses Denken wieder anheben würde, würden die Dinge so laufen, wie sie dann eben notwendig laufen: die interessierte Frage nach der Gemeinde und ihren anthropologischen, soziologischen und politischen Möglichkeiten |660 würde zur ersten Frage werden, die Form würde den Inhalt vergewaltigen, die Predigt würde von daher bestimmt und dann würde die Predigt das, was sie wirklich nicht werden soll: eine Aktion im luftleeren Raum!35 Sie wissen, dass man dieses Schimpfwort gewöhnlich umgekehrt anwendet.36 Wir wollen uns 198 aber als Theologen klar sein darüber, dass der luftleere Raum dort ist, wo der Mensch ist. Es ist nicht so, dass da, wo der Mensch ist, die Fülle ist, die Wirklichkeit, r-Gott und sein Wort aber-r wären leer und unwirklich. Wir sollten endlich lernen, die Dinge wieder richtig zu sehen. Das ist Predigt im luftleeren Raum, die sich mit großem Eifer in den Raum des Menschen begibt und vertieft. Unter keinen Umständen darf der Betrachtung des Raumes des Menschen eine selbständige Bedeutung zukommen, sondern immer nur so, dass man vom Berge des Wortes Gottes herunter nun auch ihn betritt. Und nicht so, dass die Menschlichkeit der Gemeinde nun doch das Wort behalten dürfte, so dass eine Unterhaltung eintreten würde zwischen zwei Parteien. Denns diese Menschlichkeit der t-Gemeinde ist doch-t die menschliche Natur, die in Gnaden an- und aufgenommen ist. Und die ihr Leben haben soll durch das Wort Gottes und im Wort u-Gottes – nicht anders!-u
Also: der Anspruch der Gemeinde, dass die Predigt ihr gemäß sein soll, kann nicht lauten: Da ist die Kirche, die das Evangelium zu verkündigen hat, und da sind wir, die wir von diesen und jenen Einsichten und Wünschen und Anregungen herkommen und nun zusehen wollen, was sich ereignet in der Begegnung mit dem Evangelium. Wenn der Prediger dieser Aufforderung folgt, nimmt er die Gemeinde |661 nicht ernst. Die Gemeinde Jesu Christi erwartet etwas anderes. Sie erwartet ernst genommen zu werden als Kirche. Sie erwartet verstanden zu sein, aber verstanden in Christo. Sie erwartet verstanden zu sein auf jenem Weg von v-der Taufe zum Abendmahl-v, von der Inkarnation zur Wiederkunft. Sie erwartet, gesehen und verstanden und angeredet zu werden auf die geschehene Verheißung hin und auf die kommende Erlösung hin. Und wenn die Leute in der Gemeinde es anders sagen, so verstehen sie sich selber nicht. Und sie verstehen sich sehr oft nicht. Verlassen wir uns darauf: der Christ in ihnen erwartet das: dass von der Versöhnung her auf die Erlösung hin zu ihm gesprochen wird. Wer es anders macht, wer sich einlässt auf ein abstrakt Menschliches der Gemeinde, der ist unbarmherzig. Das ist nicht Liebe, das ist nicht die Herablassung Christi, sondern das ist eine höchst eigenmächtige und im Grunde gottlose Willkür. Der Primat einer solchen anderen Konformität als der Konformität mit dem Worte Gottes widerstehtw nicht nur dem Wesen des Wortes Gottes, das allein herrschen und regieren will, nicht nur dem Wesen der Offenbarung, die nicht aus dem Menschen, sondern die zu dem Menschen kommt, nicht nur dem Auftrage der Predigt im Sinne des Alten und des Neuen Testamentes. Sie widersteht auch der wohlverstandenen Erwartung der Gemeinde selber. Die Gemeinde erwartet von uns diejenige Verkündigung, die ihrer Menschlichkeit gewiss nahe kommt, gewiss hineingeht in die tiefsten Tiefen dieser Menschlichkeit, gewiss sie aufnimmt und annimmt und herannimmt, aber nun eben so, dass die Verkündigung zum Menschen als Menschen, als Sünder und Sterbender kommt, nicht sozusagen 199 auf einer Ebene, sondern die zu ihm kommt wirklich aus der Höhe, wirklich von oben und zwar senkrecht von oben.37 Wie die Gnade zur Natur kommt, wie das Wunder eintritt in unsere Welt! Davon lebt die Gemeinde, ja, das begründet schon die Gemeinde und davon allein kann sie weiterleben, dass die Gnade als Gnade, das Wunder als Wunder ihr gesagt wird. Die |662 Gemeinde erwartet, dass auch in der Predigt es Ereignis wird, was es im Glaubensbekenntnis von Christus heißt: «conceptus de Spiritu Sancto, natus ex Maria virgine».38 Da ist der Mensch auch dabei: die Jungfrau.39 Und darum: credo in spiritum sanctum et unam sanctam ecclesiam.40 Der Heilige Geist schafft die Kirche. Und die Gemeinde Gottes, in der wir dann dienen dürfen mit dem Wort, ist die una sancta ecclesia, die durch den Heiligen Geist geschaffen wird. Das heißt aber, dass der Heilige Geist, dass Gott selber den Anknüpfungspunkt41 setzt. – Also doch Anknüpfungspunkt, also doch die Menschlichkeit der Gemeinde? Also doch auch diese ganze Welt des Menschen ist gemeint, wenn wir sagen: Gemeinde? –
Wenn wir von der Angemessenheit der Predigt an die Gemeinde sprechen, dann istx auch dies zu sagen. Auch die Menschlichkeit der Gemeinde ist da y-in der Tat-y in Betracht zu ziehen, wo wir von der Konformität mit dem Worte Gottes reden, die zuerst und zunächst gemeint sein muss. In diese Konformität ist, weil das Wort Fleisch ward in Jesus Christus [vgl.
I. Was kann unter diesem Gesichtspunkt Dienst am Wort Gottes bedeuten, dass da eine Gemeinde ist, Ausgesonderte [vgl.
Und nun möchte ich hier als ersten bestimmten Gesichtspunkt geltend machen: Diese ihre Aufgabe der Textauslegung muss in der Predigt schlechterdings souverän sein. Diese Aufgabe muss allem vorangestellt werden, was sonst noch über das Verhalten der Predigt zu sagen sein mag. Grundsätzlich kann die Predigt nur Auslegung sein und als Auslegung soll sie Anwendung werden. Die ganze Predigt Schriftauslegung, Schrifterklärung als Wort an die heutigen Menschen. An dieah heutigen Menschen, an ai-diese und diese heutigen-ai Menschen – das bedeutet zweifellos, dass 201 der Einzelne bei seiner Auslegung fortwährend zu bedenken hat: das Leben dieser Menschen, das Große und das Kleine, was da wichtig sein mag für sie, die Voraussetzungen, die diese Menschen mitbringen, die Erlebnisse oder die Erfahrungen, die sie hinter sichaj oder die sie auch vor sich haben.45 Aber es darf auf keinen Fall geschehen, dass eine Umkehrung eintritt, dass, was diese Menschen bewegt und was sie mitbringen, die Führung bekommt in den Gedanken des Predigers, dass das Schriftwort hinzukommt als Erläuterung dieses Ersten! Die Situation ist nur zu bekannt und häufig, wo man in der Predigt den Prediger erfüllt sieht von einem bestimmten Ereignis, einem bestimmten Gedankengang, von dem er auch die Gemeinde erfüllt glaubt. Vielleicht eine Feuersbrunstak, die soeben im Dorf gewütet hat. Soll er nun eine Predigt halten: Der Christ und die Feuersbrunst?? Natürlich muss er damit beschäftigt sein, aber darf deshalb die Feuersbrunst sein heimliches Reden oder gar sein offenes Thema werden?46 Er wird auch an diesem |666 Tage dieser Gemeinde den Text auslegen müssen. Gerade jetzt verlangt doch die ernstgenommene Gemeinde Gottes Wort zu hören. Und Gottes Wort wird dann ganz schlicht das sein, was uns in der Heiligen Schrift als unser heutiger Text vorliegt. Es kann gewiss vorkommen, dass auf dieses Ereignis in der Gemeinde Bezug genommen wird, aber vielleicht ist auch das nicht unbedingt nötig. Unter allen Umständen muss es dabei bleiben: auch jetzt gilt Gottes Wort, gerade jetzt. Je mehr die Menschen erfüllt sind von irgend etwas, umso mehr ist ihnen die Kirche den Trost und die Hilfe des Wortes Gottes schuldig. Unter keinen Umständen darf die erregte und erschütterte Humanität die Führung übernehmen und Selbstzweck werden, dem die Predigt zu dienen hätte. So dient die Predigt nicht. Und das ist nicht Lieblosigkeit, denn gerade die recht verstandene Liebe wird darin bestehen, dass der Prediger den menschlichen Vorgängen mit einer gewissen Distanz begegnet. Alle diese menschlichen Dinge dürfen jetzt schweigen, weil in sie hinein das Licht von oben fällt.
Von hier aus lassen sich einige Regeln herausarbeiten. Der Prediger ist außer mit seinem Text auch noch mit vielen anderen Dingen beschäftigt. Er soll seine Gemeinde kennen, je gründlicher umso besser. Aber es gilt, wenn man seine Predigt auszuarbeiten hat, ein grundsätzliches Misstrauen zu haben gegen das Gewicht und gegen die Gültigkeit aller, aber auch wirklich aller sowohl positiven wie negativen Urteile, die man sich selber gebildet hat oder die in der Gemeinde üblich sind oder die der offene Tenor einer ganzen Zeit und eines ganzen Volkes sind. Menschliche Meinungen aller Art müssen grundsätzlich Gegenstand des Misstrauens sein, wenn man die Kanzel betritt. Das sind die Dinge, die mindestens nur in der Klammer Geltung haben dürfen: da ist der Mensch und dieser Mensch will nun das Wort Gottes hören. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass in der Schriftauslegung etwas sichtbar wird von der Meinung des Predigers, aber es wird doch grundsätz202lich etwas anderes sein, wenn er weiß: diese |667 seine «Meinung» sollte hier nicht reden, sondern hören! Gottes Wort muss die Führung behalten, von hier aus muss der ganze menschliche Rummel überblickt werden. In der Haltung dieses auf Gott Lauschenden muss der Prediger verharren.
Dieser Negation wäre als zweite Regel gegenüberzustellen: Es gilt das Vertrauen zu lernen und sich in dem Vertrauen zu üben auf das Wort Gottes und seine Gewalt. Wie kommt es, dass man in der Predigt so leicht abgleitet in kleine Lehrvorträge? Es steht immer ein Mangel an Zutrauen zu der Kraft des Wortes Gottes dahinter.47 Man meint es besser machen zu können. Der Text bleibt zurück, das Schiff fährt auf hohe See hinaus. Und doch müsste man gerade im Wissen um das Dransein der Gemeinde und vielleicht des ganzen Volkes sich daran halten: «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln» [
Als dritte Regel wäre dies zu sagen: Was es wieder zu erkennen gilt, das ist der Respekt vor dem Geheimnis jener Anknüpfung zwischen Gott und Mensch. Ich habe vorhin hingewiesen auf das natus ex virgine. Bei jeder Predigt muss es uns vor Augen stehen: Wenn das geschieht, dass ein Mensch Gottes Wort hört, dann geschieht das Wunder. Und also kann dieses Geschehen unmöglich eine Sache sein, die in unsere Hände gelegt ist.48 Weil die Predigt Dienst am Worte Gottes sein soll, kann sie nur geschehen in Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Geheimnis der Gnade Gottes, die der Sinn des ganzen Geschehens ist, in dem der Prediger als Diener beteiligt sein darf. Darüber kann man |668 nicht viele Worte machen, sondern jeder muss das bei sich selber bedenken, was das heißt: Das Geheimnis der Inkarnation und das Geheimnis des Heiligen Geistes, und dann angesichts dieses Geheimnisses Buße tun an-und glauben-an. Darausao ergibt sich das Misstrauen gegenüber der eigenen Meinung und das Vertrauen auf Gottes Wort.
II. Was wir zu tun haben, ist Dienst am Wort Gottes. Es geht um einen Dienst an dem Gott, der geredet hat und noch redet mit den Menschen. Die Predigt kann unter keinen Umständen ein Monolog sein, eine Rede, in welcher ich mir etwas an sich sehr Schönes und Wahres vordenke und vorspreche, sondern eine Predigt ist wirklich eine Anrede, sie ist Dienst am Wort Gottes.
Wir haben das Wort Gottes zu verstehen in diesem Gang zu den Menschen. Es kommt nicht in Betracht ein bloßes Referat über 203 das Wort Gottes, nicht in Betracht eine noch so schöne Phänomenologie, auch wenn sie der Heiligen Schrift entnommen ap-wäre. Es kommt-ap nicht in Betracht eine Objektivität der Predigt, die es nicht deutlich werden lässt, dass die Heilstatsachen Gegenwartstatsachen sind. – Und nun will ich einen Sprung machen und sagen: Die Voraussetzung der Predigt muss ganz schlicht die Liebe des Predigers zu der Gemeinde sein. Liebe, das heißt ganz schlicht: Nicht ohne diesen anderen, den man liebt, sein wollen, nicht allein sein wollen, sondern mit ihm sein wollen, wie er nun einmal ist, in seiner Totalität, in seiner Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der Gemeinde, das ist die Wirklichkeit der Kinder Gottes im finsteren Tal [vgl.
III. Es geht um Dienst am Wort Gottes. Sie dürfen nicht meinen, eine Predigt könne jemals ein Meisterwerk sein, Sie könnten als Prediger triumphieren in irgend einem Sinn. Und Sie müssen nicht meinen, es gäbe eine zu erlernende Technik, mit Hilfe derer die Predigt gemeindemäßig gestaltet werden könnte. Auch in der recht verstandenen Textauslegung gibt es keine Meisterschaft in diesem Sinn. Sonst würde hier nur mit anderem Vorzeichen dasselbe geschehen, was in den vorangegangenen Generationen mehr auf der Linie der Lebenspredigt geschah. Es ist immer fatal, wenn der Prediger der Gemeinde als Herrscher gegenübertritt. Tyrannei des Predigers (und wenn es seine biblische Erkenntnis wäre!) ist nicht Dienst am Wort Gottes, sondern ein Vergessen des Geheimnisses des christlichen Gottesdienstes. Es wäre dasaw Vergessen, dass unsere Leistung begrenzt ist durch das Ereignis, das wir nicht herbeiführen können! Das Ereignis zwischen Christus und seiner Gemeinde! Er ist das Haupt und wir sind die Glieder50 [vgl.
2. Stichwortmanuskript: Die «Gemeindemäßigkeit» der Predigt
Gemeinde ist Maß, Richtschnur etc. der Predigt. P[redigt] ist aber Gottesdienst. Wie kommt es zu diesem Anspruch auf Konformität? Inwiefern ist er zu hören?
Nicht als Anspruch einer Gesellschaft an ihren Angestellten oder einer Gefolgschaft an ihren Führer.
Wohl aber als Anspruch der Kirche Jesu Christi an die Diener des W[ortes] Gottes[:]
Die Hörer der Predigt (= Gemeinde) sind nicht Irgendwelche. Darum nicht irgendwelche Ansprüche, sondern dieser! Sie sind zwar in der Welt, Menschen, Sünder, Sterbliche wie alle andern. Aber indem ihnen gepredigt wird, wird anerkannt: Ihnen gilt die Erinnerung, dass in der Welt Kirche gerade ist in der Verheißung, dass in der Welt |672 Kirche werden soll. Et incarnatus est – et iterum venturus est. Es ist vollbracht. Der Herr ist nahe. Taufe und Abendmahl als Zeichen des göttl[ichen] Bundes.
Als so geheiligte hat die Gemeinde den Anspruch, dass die P[redigt] ihr «gemäß» sei[,] d. h. dass mit der Predigt in ihrer Mitte dem W[ort] G[ottes] gedient werde.
Es geht nicht primär um die Konformität der Predigt mit der Menschlichkeit (Lebensstand, Bildungsgrad, Überzeugungen, Erlebnisse, Bestrebungen etc.) der Hörer. Entscheidend von daher anredende Predigt würde «im leeren Raum» geschehen. Anspruch der Gemeinde: als Kirche Christi52 verstanden, angeredet und erbaut zu werden. Der Primat anderer Konformität streitet nicht nur gegen das Wesen der Offenbarung und des Auftrags der Predigt, sondern auch gegen die recht verstandene Erwartung der Gemeinde selbst: sie erwartet die Verkündigung, die ihre Menschlichkeit nur als Gnade u[nd] durch Wunder haben wird, conceptus des Sp[iritu] s[ancto] … et in S[piritum] s[anctum], unam sanctam eccl[esiam].
In die Konformität mit dem der Kirche zu verkündigenden Worte Gottes ist einbezogen die Konformität mit der Menschlichkeit der Gemeinde. Das Wort ward Fleisch: menschl[liche] Natur wird im Wort so «angenommen», dass das Wort selbst Mensch wird. In der Predigt kommt Gottes Wort zu diesen Menschen.
Was heißt Dienst am Wort Gottes unter diesem Gesichtspunkt?
2 a)53 Dienst am Wort Gottes. Nicht menschl[iches] Wahrheitssystem, sondern der offenbarte Gott selber ist Gegenstand d[er] Predigt. Sie ist Zeugnis. Darum Text-, nicht Themapredigt: Auslegung! In der Sprache der Hörer, also in ihre Menschlichkeit hinein. Aber Text bleibt souverän. Aktuelles Material immer zu bedenken, hat aber keinen Selbstzweck. Grundsätzlich: Misstrauen gegen eigene positive od[er] negative Urteile, bes[onders] gegen Lieblingsgedanken. Ver|673trauen auf Gott u[nd] auf die Gewalt des Textes. Respekt vor dem Geheimnis der «Anknüpfung.»
b)54 Dienst am Worte Gottes. Predigt kein Monolog, auch kein Referat. Sondern Verkündigung. Voraussetzung: Liebe zu der Gemeinde, wie sie wirklich (in der Welt ist). Aufgeschlossenheit, Teilnahme, Mitverantwortlichkeit. Text drängt zur Gegenwart. Wissen um die Gemeinde in die Welt. Was er fordert, muss zur Aussprache kommen. Das Gericht, unter dem alles menschl[iche] Wie steht, ist zu fürchten, aber in dieser Furcht ist zu handeln. Nicht Eigenmacht[,] aber auch nicht träger Ungehorsam.
c) Dienst am Wort Gottes. Predigt kein Meisterwerk (weder als explicatio, noch als applicatio!). Volksnähe und Bekenntnis, Philosophie und Theologie schaffen es nicht! Alle technische Sachlichkeit [?] begrenzt durch das Ereignis: Christus in seiner Kirche. Das ist Gottes Werk. Von da aus Mut zu Auslegung u[nd] Anwendung, aber auch Bescheidung (Sakrament!)[.] Predigt: Versuch in der Gemeinde, mit der Gemeinde zu beten.55