Als Barth 1924 in Göttingen unter dem Titel «Unterricht in der christlichen Religion» Dogmatik zu lesen begann,1 beschäftigte er sich erstmals intensiv mit der altprotestantischen Dogmatik. Zunächst stützte er sich dabei auf die einschlägigen Kompendien wie Heinrich SchmidsDogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche2 und Heinrich HeppesDogmatik der evangelisch-reformierten Kirche3, ging aber dann zu einem selbständigen Studium der Originaltexte über. Auch von Examenskandidaten erwartete Barth Kenntnisse der Orthodoxie. Das habe sich, schrieb Barth 1927 aus Münster, zu seinem Vergnügen «schon so herumgesprochen […], dass der Antiquariatspreis von Heppe von 3 auf 12 Mark heraufgegangen ist».4 Mit dem Beginn von Barths Wirksamkeit in Bonn 1930 wuchs auch dort das Interesse an Heppes Kompendium.
Nach Aussage Emil Schneiders, des Direktors des Neukirchener Erziehungsvereins, trug dieses durch Barth neu erweckte Interesse entscheidend dazu bei, dass sich sein Verlag zu einer Neuausgabe entschloss,5
die ursprünglich schon vor Weihnachten 1932 erscheinen sollte: Wilhelm Goeters6
bat Barth am
31. August 1932 um ein Vor|744wort, das «eine kurze Begründung der Neuausgabe» enthalten sollte. «Außerdem», so Goeters, «sollte die Angabe der Quellen berichtigt und zu einer ganz kurzen Literaturgeschichte der ref[ormierten] Dogmatik erweitert werden».7
Goeters legte Barth nahe, auch diese Aufgabe zu übernehmen, bot aber zugleich an, es andernfalls auch selbst zu machen.8
Doch das angestrebte Erscheinungsdatum konnte nicht eingehalten werden, und den ursprünglichen Plan einer gründlichen Neubearbeitung gab der Verlag wieder auf, weil sich kein geeigneter Bearbeiter fand. Man entschied daher, «das Werk unverändert zum Abdruck zu bringen».9
Allerdings veranlasste Ernst Bizer10
, der mit der Herausgabe betraut worden war, eine Überprüfung aller Zitate, glich die Rechtschreibung den damals geltenden Regeln an und überarbeitete im Interesse besserer Lesbarkeit auch die Interpunktion.11
Barth selbst sandte dem Verlag am
16. Februar 1934 ein «Verzeichnis derjenigen Druck- und sonstigen Fehler» zu, die ihm bei der Arbeit mit dem Werk aufgefallen waren.12
Eine von Bizer verfasste Literaturgeschichte der reformierten Dogmatik wurde erst Jahre später der zweiten Auflage der Neuausgabe beigegeben.13
Das Geleitwort Barths ließ auf sich warten. Schneider wiederholte die Bitte darum am 9. Februar, am 13. Oktober und am 23. Novem|745ber 1934.14
Am
3. Januar 1935 schließlich erinnerte er Barth ein letztes Mal eindringlich an dessen Zusage: «Nun erhalte ich heute eine Karte von dem Kollegen Bizer in Tailfingen, daß er dieses Vorwort noch mit Schmerzen erwartet. Machen Sie doch bitte dem Schwaben, der Sie herzlich grüßen läßt, die Freude und schicken ihm das Vorwort zu dem Buche».15
Einen guten Monat später, am
12. Februar 1935, teilte Barth dann seiner Mutter in einem Brief unter anderem mit: «Heute habe ich ein Vorwort zu einer Neuausgabe der reformierten Dogmatik von Heppe geschrieben.»16
Am
22. Juni 1935 übersandte ihm der Verlag «mit herzlichem Dank für das liebenswürdige Heppe-Geleitwort […] das erste Exemplar der heute endlich erschienen Reformierten Dogmatik».17 Da das Vorwort von der nationalsozialistischen Zensur offenbar übersehen wurde, war es nach dem faktischen Verbot seiner Schriften in Deutschland 1937 für lange Zeit der einzige Text Barths, den man dort unbeanstandet erwerben konnte.18
Ein dreiseitiger, einzeilig beschriebener Typoskript-Durchschlag des Geleitwortes ist erhalten.19 Der erste Abdruck erschien in: Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche. Dargestellt und aus den Quellen belegt von Dr. Heinrich Heppe
📖, neu durchgesehen und hrsg. von E. Bizer, Neukirchen 1935, S. III–VI. Ein Wiederabdruck erfolgte in der Neuauflage des Werkes (Neukirchen-Vluyn 19582, S. VII–X
📖). Der Edition liegt der Wiederabdruck zugrunde, auf den sich die angegebene Originalpaginierung bezieht. Die wenigen Abweichungen vom Erstdruck und vom Typoskript sind, soweit sie sich nicht nur auf die Zeichensetzung oder typographische Unterschiede beziehen, ausgewiesen.
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Zum Geleit
Die Ferien des Frühjahres 1924 sind mir unvergesslich. Ich saß in meinem Studierzimmer in Göttingen, vor mir die Aufgabe, zum ersten Mal Vorlesungen über Dogmatik zu halten.20 So sehr mag die Frage: ob man das könne? und: wie man das mache? lange keinen mehr geplagt haben wie damals mich.21 Durch die biblischen und geschichtlichen Studien, die ich bis dahin getrieben hatte,22 aus der guten Gesellschaft der zeitgenössischen und, wie ich immer deutlicher sah, fast der ganzen neueren Theologie immer mehr vertrieben, sah ich mich sozusagen ohne Lehrmeister, allein auf weiter Flur. Dass die Heilige Schrift Meister23 sein müsse in einer evangelischen Dogmatik, das wusste ich auch. Und dass es gelte, in besonderem wieder bei den Reformatoren anzuknüpfen, wie es sich damals mehr als einer zum Programm machte,24 war auch mir klar. Aber: «Wie kann ich, so mich |747 nicht jemand anleitet?» [Act. 8,31] Die Spuren des modernen Biblizismus schreckten mich mehr ab, als dass sie mich lockten. War er der Art, die er bekämpfen wollte, nicht allzu verwandt, als dass er sie wirksam bekämpfen konnte? Und wer hatte in den letzten zwei Jahrhunderten protestantischer Theologiegeschichte nicht alles bei den Reformatoren anknüpfen wollen! Was war darüber aus der protestantischen Dogmatik geworden? Was sah ich links und rechts neben mir immer aufs Neue daraus werden?
Damals war es, als mir zusammen mit dem lutherischen Parallelwerk von H. Schmid25 der heute neu herausgegebene Heppe26 in die Hände fiel: verschollen, verstaubt, unansehnlich, fast wie eine Logarithmentafel, unlustig zu lesen, starr und wunderlich fast auf allen Seiten, die ich aufschlug: nach Form und Inhalt ziemlich genau dem entsprechend, was ich mir wie so viele andere über «die alte Orthodoxie» seit Jahrzehnten hatte vorreden lassen.
Nun, ich hatte die Gnade, nicht gleich locker zu lassen. Ich las, ich studierte, ich überdachte und fand mich belohnt durch die Entdeckung, dass ich mich hier jedenfalls in einer Luft befand, in der der Weg über die Reformatoren zur Heiligen Schrift sinnvoller und natürlicher zu gehen war als in der Luft, die mir aus der durch Schleiermacher und Ritschl bestimmten theologischen Literatur nur zu vertraut war. Ich fand eine Dogmatik, die zugleich Gestalt und Substanz hatte, die orientiert war an den zentralen Hinweisen der biblischen Offenbarungszeugnisse, denen sie aber auch im Einzelnen in erstaunlichem Reichtum nachzugehen wusste – eine Dogmatik, |VII| die, indem sie die großen Anliegen der Reformation aufnahm und festhielt, zugleich eine würdige Fortsetzung der altkirchlichen Lehrbildung |748 versuchte und doch auch die Kontinuität zu der kirchlichen Wissenschaft des Mittelalters wahren und pflegen wollte. Ich befand mich sichtlich im Raume der Kirche und nun doch auch, jenen Vorbildern entsprechend, im Raume einer in ihrer Art respektablen kirchlichen Wissenschaft. Ich hatte Anlass, mich zu wundern über den langen, ruhigen Atem, über die Umsicht, die Gediegenheit, die sachbezogene Strenge, über den überlegenen Stil und die jedenfalls in sich zuverlässige Methode, mit der diese «Orthodoxie» gearbeitet hat. Ich hatte Anlass zu staunen über den Problemreichtum und über die Schönheit (pulchritudo27) ihrer Gedankengänge. Ich sah bei diesen Alten, dass es sich lohnen kann, am kleinsten Punkte mit der größten Kraft der christlichen Voraussetzung nachzudenken, und gerade um des vielberufenen «Lebens» willen die Wahrheitsfrage auf der ganzen Linie ganz ernst zu nehmen. Ich sah mit anderen Worten28, dass die protestantische Dogmatik einmal eine saubere, ordentliche Sache gewesen ist, und ich schöpfte die Hoffnung, dass sie es vielleicht wieder einmal werden könnte, wenn sie die ihr offenbar verlorengegangenen Nerven wieder bekommen und zu einer strengen kirchlichen und wissenschaftlichen Haltung zurückkehren würde.
Bei dem allem29 nahm ich wohl auch wahr, dass ein Zurückgehen auf diese Orthodoxie (um bei ihr stehen zu bleiben und es ihr gleich zu tun!) darum nicht in Frage kommen könne, weil der Schaden Israels [vgl. Jes. 30,26; Am. 6,6], den ich bis dahin nur in seiner neuprotestantischen Gestalt näher gekannt hatte, schon in jener früheren Zeit sich vorbereitete und anbahnte.30 Allzu eng hat sich ja schon die Dog|749matik jener Jahrhunderte mit einer nicht der Sache selbst, sondern den zeitgenössischen Philosophien entnommenen Form verbunden, als dass nicht die Sache selbst im Ganzen und im Einzelnen darunter hätte leiden müssen. Allzu vertrauensvoll haben sich die Männer der Orthodoxie bei ihrer berechtigten Bemühung, die altkirchliche und mittelalterliche Tradition aufzunehmen, mit Voraussetzungen beladen, die der reformatorischen Gottes- und Heilserkenntnis früher oder später gefährlich werden mussten. Und allzu vital und freudig haben sie die Offenbarung nun doch meistern zu können gemeint mit den Schematismen ihrer vermeintlich erleuchteten Vernunft,31 allzu sehr haben sie (besonders deutlich in ihrer Lehre von der Schrift32) aus der Offenbarung im Geheimnis selber so etwas wie ein handliches Vernunftprinzip gemacht, als dass sie es ihren Nachfolgern im 18. Jahrhundert wirksam hätten ausreden und wehren können, die in Wirklichkeit immer noch und immer wieder sehr unerleuchtete Vernunft auch des Christen als Meister neben und schließlich über das Geheimnis der Offenbarung |IX| zu stellen. Ich nahm mir in großem Respekt vor, ihnen in dem allem33 keine Nachfolge zu leisten. Kein Zweifel: die entscheidenden Erkenntnisse wird sich die protestantische Dogmatik durch biblische Exegese in der Schule der Reformatoren selbst und nicht in den Aussprüchen dieser Theologen der älteren und jüngeren Orthodoxie gewinnen müssen. Die Orthodoxie kann nur eine Station auf dem Wege zu diesem Ziel sein. Dennoch und trotz allem: ich hielt es und halte es für gut, bei dem beliebten «Durchstoßen» zu einer biblisch-reformatorischen Theologie jedenfalls nicht zu eilig vorzugehen, sondern auf der Station «Orthodoxie» mindestens recht gründlich zu verweilen.34 Der «Durchstoß» hat allzu oft |750 bedeutet, dass man nun doch bloß wieder zu einem neuen Gemisch von Aufklärung und Pietismus durchstieß! Gelingen kann er nur, wenn man es zuvor gelernt hat, die Reformatoren als Lehrer der Kirche und mit ihnen die Schrift als das Dokument für die Existenz und das Wesen der Kirche zu lesen und sich von da aus zu fragen, was denn nun kirchliche Wissenschaft sein möchte. Eben das kann und muss man aber bei den alten Orthodoxen lernen.
Was nun Heppe im Besonderen betrifft, so hat er mir den Dienst geleistet, den er auch anderen leisten kann und wird, mich an das Verständnis der besonderen Richtung heranzuführen, die die dogmatische Wissenschaft speziell in der alten reformierten
Kirche eingeschlagen hat. Er dürfte als ein in dieser Hinsicht zuverlässigerer Führer zu bezeichnen sein als das bekanntere Werk von Alexander Schweizer (Die Glaubenslehre der ev.-ref. Kirche, 1844f.35). Gewiss hat Heppe seine bemerkenswerten Schwächen. Ein Quellenbuch nach modernen Ansprüchen und Gesichtspunkten ist er nicht. Zu Heppes historischer Sicht ist zu bemerken, dass nach ihm wunderlicherweise genaugenommen nicht Calvin, sondern der spätere Melanchthon der Vater der reformierten Theologie gewesen sein müsste.36 Und dem |751 Geist des 19. Jahrhunderts hat er wohl darin seinen Tribut gezollt, dass ihm37 der Einbruch der mit dem Kartesianismus verkündeten Föderaltheologie des Cocceius38 und seiner Schüler in die Linie der älteren Darsteller des reformierten Dogmas kein tieferes Problem zu bedeuten scheint, so dass man sich vergeblich fragt, wie es kam, dass nun doch auch und gerade die reformierte Orthodoxie im 18. Jahrhundert so merkwürdig schmerzlos «vernünftig», d. h. pietistisch-rationalistisch werden konnte.39 Trotz und in diesen Schwächen bekommt man bei Heppe darum unverhältnismäßig viel bessere Kunde von der alten reformierten Dogmatik als bei Schweizer, weil er – systematisch ungleich weniger begabt, interessiert und belastet als dieser – jedenfalls von dessen Tendenz, überall die Prädestination zu wittern und geltend |752 zu machen40 und alle Wege bei Schleiermacher endigen zu |x| lassen41, frei ist. Es hat seine Folgen gehabt, dass die meist vom Luthertum herkommenden deutschen Dogmatiker der neueren Zeit ihre Kenntnisse reformierter Theologie alle offenkundig aus Schweizer und nicht aus dem bescheideneren, aber letztlich gediegeneren und aufschlussreicheren Heppe geschöpft haben. Selbstverständlich kann man, um die Orthodoxie kennenzulernen, wie bei Schmid so auch bei Heppe nicht stehen bleiben, sondern wird den schwierigeren Weg zu den Quellen suchen und gehen müssen, in denen alles oft genug noch einmal ein ganz anderes Gesicht bekommt, als die von Heppe gebotenen Exzerpte es vermuten lassen.42 Als Anfang und Einführung aber soll man ihn nur getrost in die Hand nehmen. Solange wir nichts haben, was noch besser wäre, haben wir allen Anlass dankbar dafür zu |753 sein, dass wir ihn haben und nun also nach langen Zeiten großer Vergessenheit aufs Neue haben.
Bonn-42, im Februar 1935 Karl Barth43-