Der Beruf
§ 8 DER BERUF
Gottes Gebot trifft mich immer an einem begrenzten Ort und als ein bestimmtes Werk seiner Schöpfung. In dieser meiner konkreten Berufung durch Gott den Schöpfer nimmt es mich in Anspruch und habe ich es zu hören.
1.
Wir haben in § 7 das durch das Gebot des Schöpfers aufgeworfene ethische Problem kennengelernt. Gott ist der Schöpfer und der Herr des Lebens. Wir leben. Wir leben im Zusammenhang mit anderem fremden Leben. So bedeutet sein Gebot die an unser gan|293zes Tun gerichtete Frage, ob es Wille zu dem von Gott geschaffenen eigenen Leben und ob es Ehrfurcht vor dem von Gott geschaffenen fremden Leben sein oder nicht sein möchte. Die Antwort gibt das Gericht, aus dem wir fort und fort herkommen, in das wir fort und fort hineingehen. Die Antwort ist also Gottes Antwort, wie die Frage Gottes Frage ist. Eben darum sind wir nicht in der Lage, diese Antwort vorwegzunehmen – sowenig wir selbst es sind, die die Frage aufgeworfen haben –, nicht in der Lage, eindeutig zu sagen: dies und dies Tun ist oder ist nicht Betätigung des uns von Gott gebotenen Lebenswillens, ist oder ist nicht Betätigung der uns gebotenen Ehrfurcht vor dem Leben. Dieses «ist» kann keinen Klang haben als allgemeine menschliche Wahrheit, so freigebig die Ethiker damit umzugehen pflegen, es kann als menschliches sittliches Urteil immer nur von Fall zu Fall und unter Vorbehalt des Urteils der höheren Instanz erfolgen. Es ist das göttliche mandatum concretissimum, in dem dieses «ist» allein offenbar wird und ist. Aber nun erschöpft sich ethische Besinnung offenbar nicht in der Frage nach dem Inhalt unseres Tuns. Wir können und brauchen uns nicht zufriedenzugeben mit der Feststellung, daß wir von Gott dem Schöpfer gefragt sind, was wir tun, und daß wiederum Gott der Schöpfer uns wohl sagen wird, was wir getan haben. Und zwar darum nicht, weil das Gebot Gottes uns nicht nur angeht als solche, die leben wollen und im Zusammenhang mit anderem fremden Leben zu leben haben, sondern nun weiter als solche, die das und das seiend und so und so seiend leben und zu leben haben: «an einem begrenzten Ort und als ein bestimmtes Werk seiner Schöpfung».1 Wissend aus der Entscheidung des gegenwärtigen in die Entscheidung des nächsten Augenblicks hinübergehen, in der uns Gott fragend und antwortend begegnen wird, wie er uns fragend und antwortend begegnet ist – das schließt in sich ein ganz bestimmtes (über das bloße Wissen um unser Leben hinausgehendes) Wissen um unser Das-Sein und So-Sein, durch das erst |294 die Begegnung mit Gott den Charakter einer wirklichen Verantwortung bekommt, den wir in unserem § 7 stillschweigend vorausgesetzt haben. Gott ist nicht willkürlich. Sein Gebot fällt nicht, wie es nach dem Bisherigen vielleicht als noch nicht ganz ausgeschlossen erscheinen könnte, jetzt dahin, jetzt dorthin ins Menschenleben, jetzt so, jetzt anders treffend, es fällt auch in das Leben des Einzelnen nicht zufällig, in keinem Augenblick zufällig gerade so herein, wie es fällt. Es trifft mich so, wie mich der Blitz trifft, der, wenn er mich trifft, nach den Gesetzen des Magnetismus durchaus gerade mich getroffen haben muß, oder sagen wir noch besser: es trifft mich, wie mich ein wohlgezielter, gerade auf mich gezielter Pfeil trifft.
Zwischen Gottes Gebot und mir besteht, wenn ich es höre und in jedem Augenblick, da ich es höre, eine bestimmte Korrelation, in der es mich gerade so und nicht anders trifft. In dieser Korrelation begegnet es mir entsprechend meinem Das-Sein und So-Sein, so daß mir indirekt mein eigenes Das-Sein und So-Sein zum Zeugnis von der Wirklichkeit des göttlichen Gebotes wird, so daß ich jenem wie einem Spiegelbild eine Erkenntnis des göttlichen Gebotes entnehmen kann, die über die inhaltliche Erkenntnis, daß es Gebot des Lebens ist, hinausführt, eine wenn auch indirekte und relative, so doch in sich klare Erkenntnis dessen, daß das Gebot und inwiefern das Gebot mich angeht. Jene Korrelation ist aber damit gegeben, daß ja der Gebieter des Gebotes zugleich mein Schöpfer ist. Daß ich in diesem Augenblick in der Krisis des Gebotes stehe, und daß ich bin, was ich in diesem Augenblicke bin, das ist das Werk einer Hand, das Tun des Schöpfers, das Eine wie das Andere. Gott beansprucht, was ihm gehört, sein Anspruch ist ein Rechtsanspruch, haben wir schon zu Anfang von § 7 gehört. Also nicht so ist die Korrelation zwischen dem Gebot und meinem Das-Sein und So-Sein zu verstehen, als wäre dies, daß ich das und daß ich so bin, etwa in sich selbst begründet, als hätte sich Gott, indem er mich in Anspruch nimmt, etwa nach mir zu richten, sich nachträglich an mich und meine Freiheit anzupassen. Es ist ja schon mein Wissen um mich selbst, |295 um das, was ich bin, in diesem Augenblick keineswegs ein mir eignendes, ein als mein Wissen in sich begründetes Wissen. Gehe ich wissend um mich selbst der Entscheidung des nächsten Augenblicks entgegen, dann darum, weil auch der gegenwärtige Augenblick unter Gottes Gebot steht, weil Gottes Gebot mir über mich selbst Bescheid gesagt hat. So ist nun auch das, was ich weiß, also das, was mir durch das Gebot über mich selbst gesagt ist: daß ich in dieser und dieser Begrenztheit und Bestimmtheit existiere, keine in sich gegründete Wirklichkeit, sondern eine solche, in der ich mich nur als Gottes Geschöpf, als Werk der creatio ex nihilo und nicht anders vorfinde. Es kommt also nicht in Frage, daß wir jene Korrektion so verstehen könnten, als wären wir auf Grund jener unserer Wirklichkeit in der Lage, bei Gott einen Gegenanspruch, einen Anspruch auf Berücksichtigung unseres Das-Seins und So-Seins anzumelden. Und zwar darum nicht, weil unser Das-Sein und So-Sein in dem uns begegnenden Gebot schon berücksichtigt ist, weil es ja eben das Gebot unseres Schöpfers ist. Unser durch Gottes Gebot vermitteltes Wissen um uns selbst besteht darin, daß wir uns als seine Geschöpfe wissen, nicht nur in unserem Leben als solchem, sondern nun eben auch in der Bestimmtheit unseres Lebens, in der es an diesem Ort dieses Werk seiner Schöpfung ist. Damit ist uns aber der Raum und der Atem schlechterdings genommen, diese Bestimmtheit unseres Lebens etwa zur Begründung dazu anzuführen, daß wir über den Sinn und Inhalt des Gebotes mitzuverfügen hätten. Sondern so steht es, daß Gott entsprechend der Art, wie er über unsere Lebensbestimmtheit verfügt hat, nun auch über den Sinn und Inhalt des an uns ergehenden Gebotes verfügt. Wir befinden uns also als Gottes Partner in jener Korrelation nicht auf derselben Ebene mit ihm, er als der Große, wir als die Kleinen vielleicht, sondern schlechthin selbständiges und schlechthin unselbständiges Existieren begegnen sich in ihr. Von einer Umkehrbarkeit der Ordnung, von einer Reziprozität der hier stattfindenden Beziehung, von einer Relevanz der menschlichen für die göttliche Freiheit kann gar keine Rede sein.
296Aber nachdem das gesagt ist: daß Gott der Herr ist über den Sinn und Inhalt des Gebotes ebenso wie über die Bestimmtheit unseres Lebens in jedem Augenblick, darf nun eben auch das Andere nicht unterdrückt werden, daß Gott nicht willkürlich ist, d.h. daß jene Korrelation wirklich besteht zwischen seinem Gebot und der Bestimmtheit unseres Lebens. Die Formel: «Gott Alles und der Mensch nichts» ist falsch, denn sie leugnet die Schöpfung. Die Schöpfung ist eben die göttliche Setzung jenes schlechthin unselbständigen Seins, das nun doch als solches, als von Gott geschaffenes, nicht Nicht-Sein, sondern Sein ist. Wir existieren nicht durch uns selbst in dieser unserer Bestimmtheit und darum erwächst uns aus ihr kein Verfügungsrecht über Gottes Gebot, aber wir existieren in dieser Bestimmtheit. Wir wissen auch nicht aus uns selbst um dieses unser Existieren, sondern durch Gottes Wort, aber durch Gottes Wort wissen wir darum. Es ist uns aber notwendig, darum zu wissen. Es kann ja kein unwesentliches, sondern es muß ein sehr wesentliches Moment in der Erkenntnis des Gebotes sein, daß wir es als zu uns gesagt verstehen. Wir sind aber nicht die Schöpfung überhaupt, wir leben nicht das Leben überhaupt, sondern wir leben an einem bestimmten Ort und als ein bestimmtes Werk der Schöpfung Gottes. Trifft uns das Gebot nicht in dieser unserer Begrenztheit und Bestimmtheit, so trifft es uns überhaupt nicht. Wir sind kein leeres Blatt, auf das nun irgend etwas geschrieben würde. Wir sind keine leere Saite, auf der nun irgendein Ton gegriffen würde. Schlechthin unselbständig im Verhältnis zu Gott sind wir das und sind wir so, aber wir sind das, und wir sind so. Und Gottes Gebot geht uns in diesem unserem Das-Sein und So-Sein an. Gott fragt und Gott antwortet, aber das ist kein Vorgang, dem wir mit verschränkten Armen beiwohnen könnten, weil Gottes Fragen und Antworten sich auf unser verantwortliches Tun bezieht. An dem Wissen um die Bestimmtheit unseres Lebens hängt unser Wissen um unsere Verantwortlichkeit. Gottes Fragen und Antworten bezieht sich nicht nur auf unser Tun, sondern, weil auf unser verantwortliches Tun, eben damit auch auf unser Sein. Der Ernst der Tatsache, daß |297 nicht irgend etwas oder irgend jemand, sondern wir selbst Gott begegnen müssen, erlaubt es uns nicht, uns selbst nicht ernst zu nehmen: nicht um irgendeiner Anschauung willen, die wir von uns selbst gewonnen haben, nicht in irgendeiner Seinstiefe, in der wir uns selbst gehörten – beides ist durch dieses Ernstnehmen vielmehr ausgeschlossen –, wohl aber in der Existenz und Existenzweise, die wir Gott verdanken, und in der uns Gott wiederum für sich in Anspruch nimmt. Gott fragt uns nicht nur: Was tust du?, sondern eben damit auch: Wer bist du? und die erste Frage bliebe allzu dunkel, wenn nun nicht diese zweite hinzuträte mit dem Anspruch, ebenfalls gehört und in die ethische Besinnung einbezogen zu werden. Wenn und indem das Gebot Gottes des Schöpfers, das uns zu leben und fremdes Leben zu respektieren gebietet, wirklich mich angeht, dann kann das nicht heißen, daß ich für alles Weitere auf den dunklen Zufall oder Drang meines Seelenlebens oder meiner Situation verwiesen werde, daß ich mir selbst, den Launen oder dem Schicksal meiner Subjektivität preisgegeben sei. Sondern gerade indem es mir gebietet, ist es bestimmtes, für mich bestimmtes und damit dann auch inhaltlich jedenfalls näher bestimmtes Gebot.
Zur Formulierung des mandatum concretissimum, um dies gleich zu sagen, werden wir freilich auch von dieser Seite aus nicht vorstoßen können – wir wissen, daß das mandatum concretissimum Gottes Offenbarung ist –, wohl aber, und das ist etwas wert, zu einer zweiten Bestimmtheit, die dem mandatum concretissimum auf alle Fälle eigen sein wird. Fasse ich statt des Inhalts des Gebotes jetzt das ins Auge, daß es das mir gegebene Gebot ist, dann bedeutet das nämlich: Ich habe mich, was auch der Inhalt des Gebotes sein möge, auf alle Fälle als in der Wirklichkeit, in der ich mich selbst vorfinde, auch von Gott vorgefunden zu verstehen, indem sein Gebot mich anspricht. Ich darf und soll, indem ich auf sein Gebot höre, nicht abstrahieren von meiner eigenen Wirklichkeit, denn diese meine Wirklichkeit steht zu Gottes Gebot in Entsprechung. Sie und keine andere wird der Ort sein, wo Gott Gericht über mich hält. Das Gericht des Gebotes, unter dem ich |298 stehe, bedeutet nicht nur, daß ich an Gottes Gebot, sondern eben damit, weil Gottes Gebot zu mir gesagt ist und weil ich desselben Gottes Geschöpf bin, daß ich an mir selbst, an meinem Das-Sein und So-Sein gemessen werde. Ich stehe jeden Augenblick gerade in der Bestimmtheit meines Lebens im Lichte des Gebotes und kann und werde das Gebot nicht verstehen, wenn ich es nicht auch in der Bestimmtheit meines Lebens verstehe. Würde ich mich selbst durchschauen und verstehen, wie mich Gott durchschaut und versteht, wäre das Individuum «effabile»,2 so müßte uns in jeder wirklich von uns durchschauten und verstandenen Komponente unserer eigenen Wirklichkeit auch Gottes Gebot in Klarheit einsichtig sein, wie es Gott selber einsichtig ist. So durchschauen und verstehen wir uns nun freilich gerade nicht, «individuum est ineffabile», wirklich durchschaut und verstanden ist das Geschöpf weder von einem anderen Geschöpf noch von sich selber. Nur das läßt sich sagen, das aber muß gesagt werden, daß unsere geschöpfliche Wirklichkeit als Ganzes und daß mehr oder weniger deutlich jede einzelne ihrer Komponenten einen Hinweis auf Gottes Gebot (in der eigentümlichen Bestimmtheit, in der es das mir gegebene Gebot ist) bedeutet im selben Sinn, wie wir die Tatsache unseres eigenen und fremden Lebens als Hinweis auf seinen Inhalt verstanden haben. Unsere geschöpfliche Wirklichkeit (immer in dem besonderen Sinn unseres Das-Seins und So-Seins verstanden) stellt uns, und [zwar] jede einzelne ihrer Komponenten stellt uns vor die Frage: Wer bist du? nämlich: wer bist du als der, den eben jetzt Gottes Gebot angeht, eine Frage, die dann offenbar für die andere: Was tust du? eine ganz eigentümliche Präzisierung und Verschärfung bedeutet.
Unsere eigene Wirklichkeit in ihrer Bestimmtheit verstanden als solcher Hinweis auf
Gottes Gebot – das ist der allgemeine ethische Sinn des Begriffes Beruf. Wir verstehen ihn also hier
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umfassend als Inbegriff des Das-Seins und So-Seins des Menschen. Weil wir dieses
Das-Sein und So-Sein nicht aus uns selbst haben, sondern von Gott, darum kann es,
ohne daß es selbst das Gebot Gottes wäre, eine Stimme, eine berufende Stimme haben,
berufend, hinrufend zu Gottes Gebot. Es wäre
nämlich ganz unangebracht und voreilig, in unserem Beruf, auch in dem hier
angenommenen allgemeinen Sinn, wie
Die Bestimmtheit selbst ist nicht nur das Geheimnis des Individuums, wie wir vorhin sagten, sondern primär das Geheimnis Gottes. Können wir nun nicht einmal die Weisung vollständig und erschöpfend wiedergeben, die uns unsere Berufung gibt, weil wir von ihr nur das Allgemeine, aber gerade nicht das Besondere sagen können, das sie im Leben des einzelnen Menschen zur Weisung macht, so können wir noch weniger aufzeigen, daß und inwiefern wir ja viel mehr empfangen als Weisung, nämlich Gottes Gebot selbst. Nur das kann uns diese zweite Überlegung zeigen – das kann und soll sie uns aber auch zeigen: daß auch die subjektive Seite der Erkenntnis des Gebotes, daß auch die Frage: Wer bist du? ohne die Frage: Was tust du? dunkel bleiben muß, keineswegs der ethischen Besinnung entzogen, nicht dem Zufall überlassen ist. Es ist eben kein Zufall, daß ich bin, was ich bin. Und wenn wir darüber nur in Form der Erörterung einiger allgemeiner Erwägung zugänglicher Näherbestimmtheiten der menschlichen Existenz reden können, so ist zu bedenken, daß es mehr schließlich auch nicht braucht, um deutlich zu machen, daß der Mensch auch nach dieser Seite auf der Wache zu sein, sorgfältig und bedenklich mit Gottes Gebot umzugehen aufgerufen ist.
2.
Wir berühren nun einige von den engeren und weiteren Kreisen, innerhalb derer sich unser Leben abspielt, die es, wenn auch nicht erschöpfend, weil das unwiederholbar Einzelne des Lebens gerade nicht erreichend, als ein begrenztes und bestimmtes Leben, die unser Dasein als ein Das-Sein und So-Sein charakterisieren. Wir berühren dieses Kreise im Blick darauf, daß sie Weisung zu |301 dem uns gegebenen Gebot, also Weisung in der Frage: Was sollen wir tun? bedeuten können, wenn wir sie als solche beachten – also in der Absicht, Momente unserer eigenen subjektiven Wirklichkeit aufzuzeigen, die ebenso viele Momente der Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit des Gebotes werden können, [wir berühren sie] also immer in der Absicht, hinzuweisen auf unseren Beruf, der selber der große Hinweis, der Wegweiser und Führer zum Gebote Gottes ist.
1. Wir beginnen mit einem Kreis, der so universal ist, daß man sich auf den ersten, aber doch nur auf den ersten Anblick fragen möchte, ob wir nicht ein leeres Wort aussprechen, indem wir ihn besonders nennen: Wir haben unseren Beruf, indem wir von Gottes Gebot getroffen werden, jedenfalls grundsätzlich in der Richtung der Einsicht zu suchen, daß wir Menschen sind. Nicht als irgendwelche und auch nicht als diese und diese andere unter den unübersehbar vielen Möglichkeiten der Schöpfung finden wir uns vor, finden wir uns als durch das Wort Gottes vorgefunden, sondern das seiend und so seiend: als Menschen. Wir dürfen wohl an dieser Stelle, wo wir uns selbst verstehen wollen unter dem Begriff der Geschöpflichkeit, in der Bestimmung des Wesens des Menschen nicht weiter gehen als bis zu dem Satz, daß wir uns selbst verstehen als Wesen, die nur von sich selbst und ihresgleichen wissen, daß ihr Leben sich nicht erschöpft in den wahrnehmbaren Vorgängen des physischen, des raumzeitlichen Lebens, daß ihr Leben vielmehr, wenn auch in der physisch, raumzeitlich bedingten Form des Bewußtseins, teilnimmt an einer nicht wahrnehmbaren Seite der Weltwirklichkeit, an einer Seite der Schöpfung, die jener anderen – sollen wir sagen: vorausgeht?, sollen wir sagen: nachfolgt? – jedenfalls, ohne je von ihr getrennt zu sein, ohne je und irgendwo in einem Ansichsein als eine Meta-Physik erkennbar zu werden, doch von der Welt der Physik unterschieden ist, von der aus erst jene andere wahrnehmbare Seite als solche, als Welt der Physik, einsichtig und übersichtlich wird. Kraft dieser Anteilnahme wissen wir uns, relativ unterscheidend zwischen uns selbst und unserem Lebensakt, als Subjekt |302 dieses Aktes. «Es» lebt nicht, sondern ich lebe. Mein Leben ist nicht nur ein Geschehen, sondern immer auch mein Handeln. Man kann und muß es auch umgekehrt sagen: Indem ich handle, indem ich mein Leben lebe, findet jene Anteilnahme statt, bin ich Glied einer intelligiblen Welt, lebe ich als Leib und Seele, lebe ich als Mensch. So oder so bedeutet nämlich dieser Satz nicht mehr und nicht weniger als die Umschreibung der besonderen, bestimmten Geschöpflichkeit eben des Menschen. Also: Gott steht über dem Gegensatz der sichtbaren und unsichtbaren Weltwirklichkeit, in dem ich als Mensch existiere. Im Verhältnis zu Gott ist diese wie jene geschaffene Wirklichkeit, unselbständige Wirklichkeit. Damit habe ich also noch nicht Anteil am Leben Gottes, daß ich Glied der intelligiblen Welt bin, daß ich nicht nur ein leibliches, sondern auch ein geistiges, seelisches Leben lebe. Auch das Leben der Seele spielt sich diesseits der Kreaturgrenze ab. Aber dieser Vorbehalt hindert nun doch nicht, daß die Wirklichkeit des Menschen diese doppelt bestimmte Wirklichkeit ist. Und weiter ist zu sagen, daß wir nichts darüber wissen, ob es nicht auch andere, bekannte oder unbekannte Geschöpfe gibt, die in derselben oder in einer ähnlichen Weise doppelt bestimmt leben wie wir. Unser Wissen berechtigt uns nicht zur Leugnung der Möglichkeit von Tier- und Pflanzenseelen. Freilich auch nicht zur Behauptung solcher Möglichkeiten. Wir kennen nur uns selbst und unseresgleichen als lebend in dieser doppelten Bestimmung. Aber dieser Vorbehalt hindert wiederum nicht, daß wir uns selbst und unseresgleichen als lebend in dieser Bestimmtheit kennen. In ihr also hören wir das Gebot des Schöpfers, das Gebot des Lebens.
Wille zum Leben und Ehrfurcht vor dem Leben, sofern sie Gehorsam gegen Gottes Gebot sind, sind auf alle Fälle charakterisiert als Menschlichkeit, als Humanität. Sie stehen, indem wir sie betätigen, unter dem Kriterium der Frage, ob wir sie als menschlich verstehen können. Es kann also gar keine Rede davon sein, daß wir daran denken könnten, das Anliegen, das eben in dem Begriff der Humanität (und damit auch historisch: des |303 Humanismus) angemeldet ist, in jener allzu siegreichen Weise unter den Tisch zu wischen, wie dies in etlichen im übrigen befreundeten Lagern der heutigen Theologie zu geschehen pflegt.4 Humanität ist vielmehr die breite Grundlage der göttlichen Berufung, die wir nicht nicht ernst nehmen können, wenn wir von Gottes Gebot, so gewiß es das Gebot Gottes des Schöpfers ist, getroffen sind. Humanität des Willens zum Leben würde bedeuten, daß wir nicht bloß an sich leben wollen, wie auch das Tier, wie auch die zum Lichte und zur Feuchtigkeit strebende Pflanze leben will, sondern leben wollen in menschlicher Bestimmtheit. Je mehr sich unser Lebenswille in einer einzelnen Tat oder in einer kontinuierlichen Richtung unseres Tuns dem bloß vegetabilischen oder bloß animalischen Lebenswillen annähert und angleicht, je weniger unser Wollen das Wollen des Bürgers zweier Welten ist, als den uns Gott geschaffen hat, desto aktueller wird offenbar die Frage nach der Humanität dieses Willens. Wir haben freilich keinen unzweideutigen Maßstab, mit dem in der Hand wir die Grenzen der Humanität abstecken könnten: Wir kennen ja keine Humanität, die nicht auch an der Animalität, ja an der Vegetabilität teilnähme, und keine Animalität, der wir die Humanität mit Sicherheit absprechen könnten. Daß er menschenwürdig oder menschenunwürdig handle, das kann kein Mensch dem Anderen, das kann auch keiner sich selbst sagen, das sagt Gott. Aber Gott sagt uns, indem uns sein Gebot richtet, in der Tat auch dies.
Indem wir dies Kriterium nicht als absolut, sondern als relativ verstehen, leugnen wir nicht, sondern behaupten wir, daß die Frage nach unserer Humanität, z.B. nach der Humanität unseres Selbsterhaltungstriebes, unserer Bedürfnisbefriedigung, unserer Lust gestellt, daß hier größere, dort geringere Bedenklichkeit in bezug auf das Verhältnis unseres Tuns zu Gottes Gebot im |304 Blick auf diese Frage am Platze, daß also ethische Besinnung möglich und notwendig ist, so gewiß der Sinn dieser Besinnung nur Bereitung, nicht aber die Entscheidung zwischen Gut und Böse sein kann. Und es würde Humanität der Ehrfurcht vor dem Leben bedeuten, daß wir allem fremden Leben in der spezifischen Scheu und Verantwortlichkeit, die wir als menschliche kennen, gegenüberstehen, anders als Pflanze neben Pflanze, Tier neben Tier zu leben scheint, nämlich wissend um die unsichtbare Seite der Weltwirklichkeit, wissend um den wenngleich geschaffenen Geist, der der Naturkraft unseres Lebens noch eine andere Grenze setzt als die, die ihr fort und fort durch seinen Zusammenprall mit anderen Naturkräften gesetzt wird. Je mehr unser Verhältnis zum fremden Leben sich den Verhältnissen des Urwalds annähert, um so aktueller wird offenbar die Frage nach seiner Humanität. Wir haben diese Frage mächtig aufstehen sehen gegenüber jenen Möglichkeiten menschlichen Handelns, die wir unter den Begriff der Konkurrenz zusammenfaßten, noch mehr gegenüber den sämtlichen Möglichkeiten der Tötung des Menschen durch den Menschen, aber auch schon gegenüber zahlreichen Möglichkeiten unseres Verhältnisses zur Tier- und Pflanzenwelt. Wir wissen nun um das innere Recht dieser Frage. Bei allen diesen Möglichkeiten steht eben unsere Humanität in Frage, die Besonderheit, die Unterschiedenheit, in der der Mensch als Mensch dem fremden Leben gegenübersteht: er, der Wissende, der unsichtbar durch sich selbst als Subjekt seines Handelns gehemmte, er, dessen Tun kein bloßes Geschehen sein kann.
Unsere Humanität steht in Frage: nur das kann gemeint sein, wenn wir dieses Tun als human und jenes als inhuman in diesem engeren Sinn des Begriffs bezeichnen. Es kann immer noch human und geboten sein, jenen großen Wettlauf des Lebens mitzumachen unter Umständen bis zu seinem bittersten Ende, das in der Tötung des Anderen bestehen kann, inhuman und verboten aber, dies zu unterlassen. Aber die Nähe zu dem Geschehen des Urwaldes, in die sich der Konkurrierende, der Tötende auf alle Fälle als solcher |305 begibt, sie macht das Wettlaufen und Töten unter allen Umständen zu einem sehr viel problematischeren Tun als ein anderes, das wir ganz oder doch vorwiegend als Schonung, Erhaltung und Pflege fremden Lebens verstehen können. Unter dem Gesichtspunkt der Humanität betrachtet, sinkt z.B. die Waage – mehr können wir nicht sagen, und wir sagen kein letztes Wort damit, aber das müssen wir sagen – zugunsten des Friedens und zuungunsten des Krieges, kann man unmöglich sagen, daß beides gleich mögliche Möglichkeiten sind, ist uns das Friedenhalten entschieden nähergelegt als das Kriegführen. Und das wäre sinngemäß anzuwenden auf den ganzen Inhalt von § 7 Abs. 3. Weil unsere Berufung auf Humanität lautet und nicht auf das Gegenteil, darum offenbar lautet – nicht das Gebot Gottes selbst, wohl aber das unzweideutige biblische Zeugnis von Gottes Gebot: «Du sollst nicht töten!» Messer weg! Mag das Kriterium so relativ sein, als es will, mag also das Gebot Gottes auch unter Berücksichtigung dieses Kriteriums und in scheinbarem Widerspruch zu jenem biblischen Zeugnis von ihm von uns in concretissimo dahin verstanden werden müssen, daß wir das Messer zur Hand nehmen müssen, so werden wir doch im Blick darauf, daß das Gebot des Lebens uns als Menschen gegeben ist, unmöglich sagen können, daß wir kein Kriterium haben, daß wir ohne Weisung seien darüber, was es nun eben uns sagen wolle. Schon das scheinbar so Allgemeine und Leere, daß wir Menschen sind, ist Weisung in bezug auf die Frage, wie wir denn unseren Lebenswillen und wie wir denn die Ehrfurcht vor dem fremden Leben betätigen sollen. Steht das letzte eigentliche Urteil über unser Tun, das Urteil über Gut und Böse in Gottes und nur in Gottes Hand, so können wir doch nicht sagen, daß wir nicht wachend, nach bestem Wissen und Gewissen auch selber urteilend, seinem Spruch entgegengehen könnten, verantwortlich und nicht unverantwortlich.5
3062. Ein zweiter Kreis oder hier vielmehr ein ganz eigentümlicher Doppelkreis von
Bestimmtheit, in dem wir alle leben, ist unsere Geschlechtlichkeit.
Wir leben nicht nur als Menschen, sondern wir leben als Mann oder als Frau. Aber wir
müssen sofort ergänzen: wir leben als Mann und Frau. Man muß es so
sagen: Wir leben als Mann oder Frau in unauflöslicher gegenseitiger
Bezogenheit von Mann und Frau. Das Gebot Gottes will vom Mann als
Mann und von der Frau als Frau, aber nicht vom Mann an sich und von der Frau an sich
– denn das gibt es nicht –, sondern vom Mann und von der Frau in ihrer gegenseitigen
Bezogenheit zueinander gehört sein. Man kann vor allem
Selbstbewußtsein des Mannes als Mann und der Frau als Frau eigentlich nur warnen: es
ist dabei immer und von beiden Seiten gleich sehr der Tod im Topf [vgl.
Die Vorstellung eines in sich selbst begründeten und gerechtfertigten, sich selbst
genügenden, in sich das Menschentum erfüllenden, das Andere irgendwie – und wäre es
auch nur in Form dieses stolzen Selbstgenügens – überbietenden (um nicht zu sagen:
übertrumpfenden) Männer- oder Frauentums: diese Vorstellung ist darum eine
schlechthin ironische Vorstellung, eine
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Vorstellung, die durch alles Pathos, mit dem sie vertreten wird, nur immer noch
ironischer werden kann, weil sie gegenüber der Wirklichkeit unserer
Geschlechtlichkeit eine leere, willkürliche Abstraktion des männlichen oder
weiblichen Individuums bedeutet, an der sich diese nicht zu betrügende Wirklichkeit
früher oder später rächen wird, von der aus es aber keinen Rückweg zu dieser
Wirklichkeit gibt, d.h. an die sich dann der Gedanke der Zusammengehörigkeit von Mann
und Frau nicht etwa nachträglich wieder anleimen und mit der sich folgerichtig auch
der Gedanke eines Gebotes, unter dem der Mensch als Mann und als
Frau stünde, nicht vereinigen läßt, weil man sich mit ihr von dem Ort in der
Schöpfung, an dem wir durch das Gebot getroffen werden, grundsätzlich entfernt hat.
Eben darum stehen alle noch so wohlgemeinten und tiefsinnigen Definitionen des
männlichen und weiblichen Wesens – so nahe die Forderung liegt, es müsse doch solche
geben – zum vornherein im Schatten des Verdachtes, unfruchtbare und
wirklichkeitsfremde Deklamationen zu sein, gleichviel, ob man nun mit dem Brustton
der Überzeugung von der Schöpfer-, Führer- und Schützerstellung des Mannes oder mit
leise bebender Stimme von der Mütterlichkeit, Hingabefähigkeit, Empfänglichkeit und
Gestaltungswilligkeit der Frau letzte Worte zu reden sich getraut. Was wissen wir
denn vom Manne und von der Frau, als daß der Mann nicht Mensch wäre ohne die Frau,
die Frau nicht ohne den Mann, daß beide nicht sich selbst gehören können, ohne eben
damit einander zu gehören? Alle jene Zuweisungen besonderer Tugenden, Vorteile,
Vorrechte, wie sie die alte, in der Regel von Männern verfertigte Ethik zugunsten des
Mannes und wie sie dann die Ideologie der Frauenbewegung mit viel Geräusch zugunsten
der Frau vollzogen hat, kranken daran – und keine geschichtliche Notwendigkeit etwa
der heutigen Lage darf uns daran irre machen, daß sie wirklich daran kranken–, daß sie jene gegenseitige Zugehörigkeit, in der
der Mann allein Mann und die Frau allein Frau sein kann, in Frage stellen.
Wir können alles bisher Gesagte positiv zusammenfassen in dem anderen Wort aus der
Schöpfungsgeschichte
Wir werden von der Ehe als dem Prinzip der Ordnung unserer Geschlechtlichkeit im nächsten Paragraphen zu reden haben. An dieser Stelle können wir nicht weitergehen, ohne einer Voraussetzung, ja in bestimmter Hinsicht der Voraussetzung der Ehe – nicht der Ordnung der Ehe, wohl aber des Eintritts in diese Ordnung zu gedenken. Es erhebt sich nämlich die Frage, ob wir unsere Geschlechtlichkeit bloß im Sinne einer allgemeinen und nicht auch im Sinne einer ganz besonderen schöpfungsmäßigen Bezogenheit und Zusammengehörigkeit eines, dieses Mannes und einer, dieser Frau zu verstehen haben. Es fragt sich, ob es mit der Ehe nicht so steht, daß sie die menschliche Verwirklichung und die ordnungsmäßige Bestätigung und Befestigung einer solchen gewissermaßen prädestinierten gegenseitigen Zuordnung zweier Menschen zwar sein kann, aber nicht durchaus sein muß, und sicher weithin durchaus nicht ist. Die Ehe könnte diese Zuordnung nicht schaffen, wenn sie nun einmal nicht kraft des Willens des Schöpfers schon vor der Ehe und ohne die Ehe besteht. Und an ihrem Bestehen könnte das Fehlen der Ehe nichts ändern, wenn sie wirklich kraft des Willens des Schöpfers besteht. Umgekehrt könnte freilich auch das Fehlen dieser schöpfungsmäßigen Zuordnung nicht hindern, daß zwei Menschen unter der Ordnung der Ehe stehen. Diese Ordnung müßte dann zu einem Joch werden, ohne darum aufzuhören, eine Ordnung zu sein. Es ergäbe sich aber die Einsicht, daß bei der Schließung der Ehe, beim Eintritt unter diese Ordnung nicht sorgfältig genug nach dem Vorhandensein jener Voraussetzung einer Ehe, die nicht den Charakter eines Joches trüge, gefragt werden könnte. Es fragt sich: ob wir uns die individuelle Realisierung jener generellen Zugehörigkeit von Mann und Frau so zu denken haben, daß sie auf dem Zufall oder auf dem freien Wollen und Wählen der beteiligten Menschen beruht – oder ob es so etwas gibt wie ein schöpfungsmäßiges Füreinanderbestimmtsein je nur dieses Mannes zu dieser Frau, dessen Entdeckung das Geheimnis der sogenannten wahren Ehe, |310 dessen Nicht-Entdeckung, dessen Verwechslung mit einem sonstigen gewöhnlichen Fall der Zugehörigkeit von Mann und Frau dann die Schuld und die Not der gewöhnlichen, in bezug auf Gottes Ordnung freilich nicht weniger wahren Ehe wäre. Man kann die Frage auch so formulieren, ob der Satz zu Recht besteht, daß die wahren Ehen im Himmel geschlossen werden, ob es eine bloße Illusion oder eine reale Möglichkeit ist, daß ein Mann die Frau «seine Erwählte», eine Frau einen Mann «ihren Erwählten» nennt, nicht nur in dem trivialen Sinn, daß sie einander eben gegenseitig erwählt haben, sondern in dem Sinn, daß sie füreinander erwählt, schöpfungsmäßig erwählt und für die Ehe miteinander bestimmt sind. Es verhielte sich dann so, daß jede Ehe unter der Frage steht, ob sie in diesem Sinn wahre Ehe, auf Berufung beruhende Zugehörigkeit von Mann und Frau ist oder nicht ist.
Dieser Gedanke ist doch wohl dadurch noch nicht widerlegt, daß er wohl zu irgendeiner
Zeit die vermeintliche Gewißheit jedes liebenden Paares gewesen ist, um dann in
späterer Zeit für dieselben zwei Menschen Gegenstand der Ungewißheit, des Zweifels
oder gar der Negation zu werden. Eine solche Entwicklung der Dinge könnte ja doch
auch nur die Bestätigung dafür sein, daß die schöpfungsmäßige Bestimmtheit dieser
Menschen in bezug auf ihre Geschlechtlichkeit, in dieser Hinsicht freilich mit ganz
besonders einschneidenden und dauernden Folgen ebenso verkannt und
verfehlt worden ist, wie wir sie auch in anderer Hinsicht zu
verkennen und zu verfehlen pflegen, wie es in jeder Hinsicht Gottes Gnade ist, wenn
wir sie nicht verkennen und verfehlen. Und auch das dürfte zur
Abweisung dieses Gedankens nicht ohne weiteres Anlaß geben, daß er, wie nicht zu
leugnen ist, ein esoterischer Lieblingsgedanke der deutschen Romantik gewesen ist.
Man hat die Geschlechtlichkeit als gegenseitige Zugehörigkeit von Mann und Frau noch
nicht in ihrer Wirklichkeit gedacht, wenn man dabei abstrakt an das Verhältnis der
Männer und Frauen überhaupt, statt konkret an das Verhältnis dieses
Mannes zu dieser Frau denkt, in dem die Geschöpflichkeit und
Menschlichkeit Wirklichkeit wird. Und wenn man darin eine Bedrohung
des Begriffs der Ehe sehen möchte, wenn hier ein Verhältnis
statuiert wird, das mit der Ehe als solcher nicht zusammenfällt,
das gleichsam oberhalb der Ehe stattfindet und in der Ehe selbst nicht notwendig, ja
vielleicht in tausend Ehen nicht einmal verwirklicht wird, das auch
in der besten Ehe nicht geschaffen, nicht nachgeholt werden kann, wenn es nicht schon
die Voraussetzung der Eheschließung gewesen ist, wenn also bei der Eheschließung jene
Verwechslung stattgefunden hat – wenn das Alles die Ehe problematisch zu machen
scheint, so ist zu sagen, daß dies jedenfalls von der Ehe als Ordnung
nicht gilt. Man kann aber von der Ehe nicht reden, ohne auch davon zu reden,
wie sie – nicht als Ordnung, wohl aber als das Stehen dieses Mannes und dieser Frau
unter ihrer Ordnung zustandekommt. Hier ist es, wo der Begriff
einer ursprünglichen mit der Ehe nicht zusammenfallenden, durch die Ehe nicht
berührten und ihrerseits die Ehe nicht berührenden individuellen Zugehörigkeit von
Mann und Frau Platz greift: als eigentlicher Sinn des Eintritts in
die Ordnung der Ehe, der bei diesem Tun zweier Menschen entweder getroffen oder aber
– und das dürfte das unverhältnismäßig viel öfter sich Ereignende sein, verfehlt
wird. Die Ordnung der Ehe wird nicht schlechter, sondern besser als
Gottes Gebot verstanden, wenn wir auf Grund jenes Begriffs ihr Zustandekommen als dem Gebot Gottes auch nicht entzogen denken,
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wenn wir also den Gedanken einer schöpfungsmäßigen Zuordnung dieses Mannes zu dieser
Frau und umgekehrt ebenso bejahen wie die Zusammengehörigkeit von Mann und Frau im
Allgemeinen. Man dürfte nicht übersehen, daß
Auch mit dieser zweiten Form unseres Berufes sind uns nun Kriterien in die Hand gegeben in bezug auf das Verhältnis unseres Tuns zu Gottes Gebot. Wir werden nicht nur als Menschen zu handeln haben, sondern als Mann oder als Frau, und das heißt also: in der geschilderten gegenseitigen Bezogenheit beider zueinander. Zweierlei Gruppen von Fragen werden hier zu unterscheiden sein.
Es wird sich bei der Betätigung unseres Willens zum Leben und unserer Ehrfurcht vor
dem fremden Leben erstens fragen, ob wir dabei unserem Beruf als
Mann oder als Frau treu sind, oder ob dabei nicht ein Quidproquo, eine heimliche oder
offene Vertauschung des vom Manne mit dem von der Frau und des von der Frau mit dem
vom Manne Geforderten vorliegt. Wir wissen,
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daß männliches und weibliches Wesen abstrakt sich gegenüberzustellen vom Übel ist.
Es ist aber nicht nur vom Übel, sondern diese Gegenüberstellung ist faktisch auch gar
nicht durchzuführen. Über das, was dem Manne als solchem und der Frau als solcher in
concreto ziemlich, bekömmlich und geboten sei, haben die verschiedenen Zeiten, Völker
und Kulturen bekanntlich sehr verschieden gedacht, und eindeutige Gebote und Verbote
kann die Ethik auch hier nicht aufstellen wollen. Aber gerade wenn man weiß, daß das
Wesen der Geschlechtlichkeit in der gegenseitigen Bezogenheit der zwei Geschlechter
zueinander zu suchen ist, so weiß man auch das andere, daß ihre Unterschiedenheit besteht und damit – und das hat die Ethik einzuschärfen – die Frage,
wieweit sich unser Tun angesichts der schöpfungsmäßigen Unterschiedenheit der Geschlechter verantworten lassen möchte. Diese Frage
wird offenbar um so aktueller, je mehr unser Tun den Charakter des Tuns des anderen
Geschlechtes bekommen sollte, statt, und das ist etwas Anderes, in der Bezogenheit
des eigenen zum anderen Geschlechte stattzufinden. Ein Mann, der im Kampf ums Dasein
vorwiegend aus einem weiblichen Empfinden heraus handelt, oder eine Frau, die sich in
derselben Arena charakteristisch männlich gebärdet, der Typus des lyrischen Dichters
etwa und auf der anderen Seite der Typus der Gewerkschaftssekretärin, würden sich in
gleicher Weise zu fragen haben, ob ihr Tun dem Willen des Schöpfers wirklich
entsprechen oder ob hier nicht das Quidproquo vorliegen möchte. Ein Mann, dessen
Lebenswille sich z.B. mit Vorliebe in Form psychologischen Studiums und
entsprechender Gespräche über seine Mitmenschen betätigte oder vielleicht darin, daß
er von allen Seiten Anregungen, nehmen wir an, lauter sehr geistige Anregungen suchte
und sammelte, könnte in bezug auf seine schöpfungsmäßige Berufung auf dem Holzweg
sein. Gegenüber
Es wird sich dann bei der Betätigung unseres Willens zum Leben und unserer Ehrfurcht
vor dem fremden Leben zweitens fragen, ob dabei unsere
geschlechtliche Bestimmtheit nunmehr als Bezogenheit der beiden
Geschlechter zueinander zu Ehren oder nicht zu Ehren kommt. Man kann dieses zweite
Kriterium so formu|315lieren: Kann ich als Mann mein Tun der Frau gegenüber, kann ich als Frau mein Tun
dem Manne gegenüber verantworten? Und nun eben in jener letzten konkreten Zuspitzung
gefragt: Kann ich es verantworten gegenüber der Frau, gegenüber dem Manne, gegenüber dem Glied des anderen Geschlechtes, das ganz
gleichgültig, ob ich es persönlich kenne oder ob ich es vielleicht nie kennen
[werde], ganz gleichgültig, ob ich mit ihm in der Ehe verbunden bin oder nicht, die Frau, der Mann ist, zu der ich oder zu dem ich
schöpfungsmäßig, erwählungsmäßig gehöre? Der Mensch des anderen Geschlechts, an dem
ich also in dieser Hinsicht ganz konkret gemessen bin. Kann ich es
verantworten? Das heißt: Bedeutet mein Tun zugleich eine
Betätigung dieser Bezogenheit im weiteren und engeren Sinn? Geschieht es in der
schöpfungsmäßigen Zusammengehörigkeit von Mann und Frau? Oder bedeutet es einen Bruch
in dieser Hinsicht, geschieht es heimlich oder offen in jener unguten isolierten
Männlichkeit oder Weiblichkeit, die sich nur als Empörung gegen den Willen des
Schöpfers verstehen läßt? Es gibt eben innerhalb der großen Verantwortlichkeit, die
wir Gott [schuldig sind], und abgesehen von der allgemeinen Verantwortlichkeit, die
der Mensch dem Menschen überhaupt schuldig ist, im Blick auf unsere geschlechtliche
Bestimmtheit diese ganz besondere Verantwortlichkeit, die der Mann der Frau und die
Frau dem Manne schuldig ist, die Verantwortlichkeit für das gemeinsame Menschsein und
Geschöpfsein, die beide nur in der Bezogenheit zueinander betätigen können. Wieder
ist damit eine Frage gestellt, die um so aktueller wird, je mehr etwa unser Tun den
Charakter eines Heraustretens aus dieser Bezogenheit, also den Charakter eines
eigenmächtig abstrakt männlichen oder eines eigenmächtig abstrakt weiblichen Tuns
haben sollte. Dann, dann erst kommt eben die Notwendigkeit der Scham in Frage, dann
hat man das Männliche und Weibliche voreinander zu verstecken um des bösen Lächelns
des Anderen willen, eine Notwendigkeit, die innerhalb jener Bezogenheit geradezu eine
Unmöglichkeit ist. Wieder können wir keine eindeutigen Grenzen ziehen zwischen
solchem
|316
Tun, das innerhalb, und solchem, das außerhalb jener Bezogenheit geschieht. Es ist
nur zu bedenken, daß sie gezogen sind und daß es wiederum keine
Möglichkeiten gibt, die der Frage nach diesem Innerhalb oder Außerhalb etwa entzogen
wären. Es könnte also sein, daß Vieles, allzu Vieles, was sich die Vitalität des
Mannes in aller Gewissensruhe als heiliges Recht meint gestatten zu können, z.B. die
typische Art, wie sich der Mann nach der Arbeit zu erholen, gehen zu lassen und
bedienen zu lassen pflegt, im Lichte des Kriteriums, daß ihm, sichtbar oder
unsichtbar ist ganz gleichgültig, die Frau gegenübergestellt ist, daß er keinen
Augenblick die Frau nicht sehen dürfte, sich als ganz unmöglich
herausstellen müßte, [daß ihm alles dies] möglich nur ist, weil und solange er die
Frau eben nicht sieht. Der Krieg stellt sich zweifellos auch von
der Seite aus als eine fragwürdige Angelegenheit dar, als er eine reine
Männerangelegenheit ist, bei der die Beteiligten die Frau, unter Umständen die Frau
als Mutter, Gattin und Schwester, die eigene und die des Feindes, nicht sehen wollen
dürfen. Es könnte aber auch sein, daß mehr als ein Akt scheinbarer weiblicher Tugend,
sagen wir etwa der Tugend der Geschäftigkeit oder der Zurückhaltung, darum in
Wirklichkeit ein ganz untugendhafter Akt ist, weil die Frau dabei ganz vergißt, daß
sie nicht für sich, sondern wiederum, sichtbar oder unsichtbar, in der Beziehung zum
Manne lebt, daß ihr aufgegeben ist, den Mann zu sehen und immer
wieder zu sehen und daß ihr Tun, nur wenn es in diesem Sehen geschieht, wirkliche
Tugend sein kann. Es könnte sein, sagten wir mit Bedacht auch hier.
Denn es kann auch hier ganz anders sein, als der Augenschein in concreto zu zeigen
scheint. Was unsere Taten wert sind, darüber haben wir nicht zu befinden. Ist es
klar, daß noch nie ein Mensch das Böse gewollt hat, so müßten wir uns ebenso klar
sein darüber, daß wir auch das Gute nicht wollen können. Wir können nur handeln. Wir
können aber wachend und betend handeln, handeln im Bewußtsein von Maßstäben, nicht
von absoluten, aber von relativen Maßstäben. Ein solcher relativer Maßstab ist nun
auch die Verantwortung dem anderen Geschlecht gegenüber, ist die
|317
Frage, ob mir als Mann die Frau, ob mir als Frau der Mann nicht ein lebendiger
Vorwurf ist angesichts meines Tuns. Die ganze menschliche Gesellschaft würde
vielleicht ganz anders aussehen, wenn einmal nur dieses einzige Kriterium in seiner
ganzen Relativität, vielleicht kraft eines Wunders, plötzlich von allen ebenso
bedacht und angewendet werden müßte, wie wir etwa die Bedürfnisse nie ganz zu
vergessen und zu unterdrücken in der Lage sind. Wollten wir dieses Kriterium nicht
gelten lassen und anwenden, weil es allzu relativ sei, so würden wir doch wohl jenem
Schalksknecht gleichen, der sein eines Pfund nahm, in ein Tuch wickelte und vergrub
[vgl.
3. Es gibt eine der Geschlechtlichkeit analoge, aber ihrer ganzen Struktur nach von dieser verschiedene schöpfungsmäßige Bestimmtheit des Menschen zur Freundschaft, die wir bei unserer Umschreibung des Ortes, wo der Mensch von Gottes Gebot getroffen wird, zu berühren allen Anlaß [haben]. Wir können jene Bestimmtheit definieren als die mehr oder weniger jedem Menschen eigene, innerhalb der allgemeinen Solidarität mit allen anderen Menschen sich auszeichnende, in freier Wahl sich realisierende Affinität, d.h. Benachbartheit seiner Existenz zu der Existenz bestimmter anderer Menschen desselben Geschlechts. Ob es, um dies gleich vorwegzunehmen, diese Affinität und also Freundschaft auch gibt zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, nämlich ohne geschlechtliche Bestimmtheit, das ist eine alte und berühmte Frage, die der Weise, von gewissen Grenzfällen abgesehen, wahrscheinlich am besten glatt verneinen wird. Freundschaft zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts ist eben, ein Fall von hunderttausend vielleicht ausgenommen, gewiß Freundschaft, aber eben geschlechtliche Freundschaft, d.h. dann aber entweder geschlechtliches Spiel oder geschlechtlicher Ernst. Beides bedeutet nicht, daß dabei etwas Verwerfliches geschieht, wohl aber, daß dabei mit dem Feuer hantiert wird. Das muß und das darf weithin sein, daß man mit dem Feuer hantiert, aber man muß dann wissen, daß man es tut, und was etwa dabei zu |318 bedenken ist. Nicht das Berühren dieses kritischen Punktes, wohl aber das kühne Nicht-wissen-Wollen an diesem Punkt, die optimistische Art, mit der man das Wunder zur Sitte und Gewohnheit machen zu können meinte, ist eine der übelsten Schrullen der Jugendbewegung in der Zeit vor und nach 1920 gewesen. Wir reden also hier von dem normalen Fall der Benachbartheit zwischen Menschen desselben Geschlechtes. Wenn zwei oder auch mehr Menschen diese ihre Benachbartheit entdecken, dann entdecken sie sich als Freunde. Sie besteht aber auch ohne diese Entdeckung (wie man ja auch sonst oft Nachbarn hat, ohne sie als solche zu kennen), und daß es Freundschaft gibt, die nicht auf solcher Entdeckung und also nicht auf dieser schöpfungsmäßigen Bestimmtheit beruht, das braucht nicht erst gesagt zu werden. Beides bedeutet dann wiederum ein Entbehren, eine Schuld vielleicht und eine ob empfundene oder nicht empfundene Not auf alle Fälle. Denn erschaffen ist der Mensch weder zur Einsamkeit noch zu einer allgemeinen Gemeinsamkeit, sondern zweifellos in der Nachbarschaft oder Nichtgeradenachbarschaft seiner Existenz zu anderen Existenzen, in der größeren oder geringeren Nähe seines «Lebensgefühls» zu dem anderer Menschen, in der Fähigkeit und Notwendigkeit zu einem letztlich unerklärlichen, rein faktischen Vertrauen zu bestimmten Menschen im Unterschied zu anderen.
Der Begriff der Freundschaft ist nicht mehr und nicht weniger als die Wurzel des für das Verständnis des Gebotes Gottes so wichtigen Begriffs des Nächsten, den wir bis jetzt mit Absicht noch gar nicht berührt haben. Der Nächste heißt ja eben der Nachbar, der mir zunächst Stehende. Gewiß, auch Geschlechtlichkeit bedeutet Nachbarschaft. Und – worauf wir nachher zu sprechen kommen9 – auch Verwandtschaft bedeutet Nachbarschaft zwischen bestimmten Menschen, nämlich Nachbarschaft der Herkunft, der Geburt, des Blutes und insofern der Geschichte. Freundschaft ist aber die grundsätzlich und wohl in der Regel auch faktisch zuerst entdeckte, nicht auf der Verwandtschaft des Blutes, sondern auf der der Seele oder des Geistes beruhende |319 Nachbarschaft. Freundschaft ist als freie Bezogenheit von Mensch zu Mensch geradezu der Grundtypus solcher Bezogenheit überhaupt. Wenn der Mensch in seiner späteren Jugend sich selbst zu entdecken beginnt, dann entdeckt er bekanntlich zunächst durchaus nicht das andere Geschlecht, aber auch nicht Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, dann findet vielmehr zunächst jene merkwürdige, oft sanftere, oft borstigere Abwendung gegenüber dem anderen Geschlecht und gegenüber der Familie statt, dann entdeckt er, indem er sich selbst entdeckt, den Freund oder die Freundin. Es würde eine böse Lücke in seinem Wissen um seine eigene Existenz bedeuten – eine Lücke, die freilich durch Schuld oder Schicksal oder durch beides im Leben der meisten Menschen irgendwie Ereignis ist –, wenn er hernach seine verwandtschaftliche und geschlechtliche Bezogenheit nicht ebenfalls entdecken würde. Es bedeutet den freilich oft wunderlich tief ins Leben hinein sich verzögernden normalen Abschluß der sogenannten Pubertätszeit, der Entwicklung der Selbstentdeckung des Menschen, daß er, nachdem er in intimstem Zusammenhang mit dieser Selbstentdeckung seine Freunde entdeckt hat oder doch zu entdecken meinte oder doch entdecken wollte, nachdem er in den unvermeidlichen Enttäuschungen und Leiden dieser Entwicklung einigermaßen reif geworden ist, umgekehrt und, hoffentlich ohne deshalb den Freund, wenn er ihn gefunden, darum preiszugeben, in ganz anderer Weise, auf ganz anderen Ebenen den Nächsten auch in seinen Geschwistern und, wenn es noch Zeit ist, in seinen Eltern und endlich im anderen Geschlecht entdeckt. Aber grundsätzlich zuerst hat er doch den Freund entdeckt oder doch gesucht. Und gerade darin, daß er hernach auch seine natürlichen Verwandten als befreundete Verwandte und in der Geliebten oder dem Geliebten des anderen Geschlechts den geschlechtlichen Freund, beide also nach dem Paradigma der freien geistigen Wahl der Freundschaft erst suchen und finden muß, darin dürfte doch wohl der Beweis dafür vorliegen, daß diese letztere Art der Bezogenheit nicht genetisch und beileibe auch nicht dem Werte nach, aber rein sachlich eine bestimmte Primatstellung einnimmt.
320Mein Freund ist der Mensch, der als mein Mitmensch dadurch in qualifizierter Weise ausgezeichnet ist, daß – wer will erklären wie? – seine und meine Seele sich begegneten, obwohl keine bestehende Blutsgemeinschaft und keine geschlechtliche Beziehung dabei mitwirken konnten, sich begegneten in dem Sinn, daß ich mich bis zu einem gewissen Grade in ihm wiedererkannte, daß mir in ihm in einiger Verhüllung mein eigenes Ich noch einmal begegnete, so daß seine Existenz bis zu einem gewissen Grad meine eigene bedeutet, seine Nicht-Existenz meine eigene Nicht-Existenz bedeuten würde. Er ist mein alter ego, wie die alte Formel sehr schön und richtig sagt. Man kann das auch auf den beiden anderen Ebenen, der der Verwandtschaft und der der Geschlechtlichkeit sagen. Das reif gewordene Verhältnis zu Eltern und Geschwistern wird den Charakter der Freundschaft haben; und wie sollte es anders sein, als daß auch die geschlechtliche Bezogenheit, wenn sie in jener Vollendung stattfindet, von der wir sprachen, aber zum Glück auch in der weniger vollendeten, ja heimlich oder offen höchst unvollkommenen Form der meisten Ehen nicht eben diesen Charakter der Freundschaft bekommen können? Aber dann ist eben die Freundschaft als etwas Besonderes bereichernd, erfüllend und auch wohl tröstend und heilend zu der verwandtschaftlichen oder geschlechtlichen Bezogenheit hinzugetreten und ist doch wohl ihr gegenüber als etwas Besonderes zu verstehen. Dieses Eigene der Freundschaft besteht aber darin, daß sie die charakteristisch humane Bezogenheit des Einen zum Anderen bedeutet. Geschlechtlichkeit und Verwandtschaft gibt es auch unter Tieren. Zur Freundschaft aber bedarf es, soviel wir zu sehen vermögen, der Seele, jenes freien oder auf einer ganz unerklärlichen Nötigung beruhenden Wählenkönnens. Eben in dieser Eigenheit ist nun die Freundschaft die Wurzel des Begriffs des Nächsten, den das Gebot Gottes nicht nur uns entgegensetzt, sondern auch als eine Bestimmtheit unseres schöpfungsmäßigen Berufes bei uns voraussetzt. Das Du, das mir im Freunde als alter ego entgegentritt, ist gleichsam das Tor zum anderen Menschen überhaupt und als solchem, unter das ich mich |321 alsbald, indem ich mich selbst entdecke, gestellt sehe. Wer einen Freund sucht oder findet, der sucht oder findet, indem seine eigene Seele erwacht, nicht das gemeinsame Blut, nicht das Geschlecht, sondern den anderen Menschen als solchen in seiner Zugehörigkeit zur eigenen Existenz. Eben darum ist der Freund das Paradigma des Nächsten. Der gewisse naiv-egoistische Charakter des Begriffs Freundschaft soll bei dem Allem gar nicht geleugnet werden. Es darf uns aber auch nicht daran irremachen, daß eben die Freundschaft auf dem Gebiet des naiven Egoismus das Korrektiv bedeutet, die Berufung, kraft welcher eben der naive Egoismus, den zu betätigen wir nicht wohl unterlassen können, solange wir dieses Leben haben, zum vornherein unter Gottes Gebot gestellt ist.
Weil wir nicht nur geschlechtlich und nicht nur verwandtschaftlich, sondern in der eben gezeigten primären Weise freundschaftlich bestimmt sind, darum ist es nicht so, daß Gottes Gebot uns etwa als solchen begegnete, die, abgesehen von ihrer blutmäßigen und geschlechtlichen Zugehörigkeit zu anderen Menschen, nur um sich selbst wüßten, denen die Zugehörigkeit zum anderen Menschen als solchem als etwas von Hause aus Fremdes von außen auferlegt werden müßte. Gottes Gebot begegnet uns vielmehr als solchen, die schöpfungsmäßig dazu bestimmt sind, sich selbst nicht anders zu finden, als indem sie sich auch im Freunde finden. Es behaftet uns dabei, daß wir jenes rein faktischen Vertrauens gegenüber bestimmten anderen Menschen nicht um ihrer natürlichen Nähe und nicht um ihres Geschlechtes willen fähig sind, und daß es uns, um selbst wirklich leben zu können, notwendig ist, uns in solchem Vertrauen nach außen zu öffnen. So, in dieser Bestimmtheit uns vorfindend, gebietet es uns zu leben und leben zu lassen, leben zu wollen und ehrfürchtig gegenüber fremden Leben zu leben. Der Nächste, ohne den ich nicht ich selbst sein kann, ist die konkrete Einheit dieser beiden Momente des Gebotes des Lebens. Um des Nächsten willen, ohne den ich nicht ich selbst bin, kann ich es nicht für wahr halten wollen, daß mein eigenes Leben sich in sich selbst erschöpfe, daß |322 das fremde Leben mich nichts oder nur in sekundärem Sinne angehe. Der Nächste, der mein Freund ist, bedeutet, gerade weil er mein alter ego, aber eben mein alter ego ist, den prinzipiellen Durchbruch durch die Möglichkeit eines egoistischen oder auch eines bloß durch die Stimme des Blutes und Geschlechtes altruistisch bestimmten Lebens.
Insofern bedeutet nun auch die hier in Frage stehende schöpfungsmäßige Bestimmtheit unseres Daseins ein Kriterium unseres Handelns. Es fragt sich bei Allem, was wir tun, ob wir es tun in derjenigen Geöffnetheit unseres naiv egozentrischen Willens zum Mitmenschen hin, die damit grundsätzlich gesetzt ist, daß wir nachbarlich geschaffen sind, und zwar seelisch nachbarlich, daß wir also von Hause aus gleichsam auf Ausschau gestellt sind nach dem anderen Menschen, der uns nur um seiner unsichtbaren Seele willen interessieren kann. Je mehr wir egozentrisch verschlossen wollen und handeln in [der] ungebrochenen Naivität jenes natürlichen Egozentrismus, oder je mehr unser Handeln und Wollen zwar altruistischen Charakter tragen sollte, aber doch nur innerhalb der für den Menschen als solchen noch nicht bezeichnenden verwandtschaftlichen oder geschlechtlichen Bezogenheit, je weniger wir also durch verwirklichte oder doch gesuchte oder doch ersehnte und vermißte Freundschaft zur Humanität erzogen sind, desto aktueller müßte die an uns gerichtete Frage werden, ob unser Tun nicht etwa, weil Gottes Gebot uns dort trifft, wo Gott uns hingestellt hat, Ungehorsam bedeuten möchte, weil wir doch durch den Freund, ob wir ihn nun entdeckt haben oder nicht – sei es denn einfach durch die leere Stelle in unserem Leben, die der Freund einnehmen müßte – unter jenes Tor gestellt sind, wo kraft einer Komponente unserer eigenen Existenz der Ausblick auf den Mitmenschen sich grundsätzlich auftut. Denn wenn es tausendmal so sein mag, daß die verwirklichte, aber auch die ersehnte und gesuchte Freundschaft faktisch eine Verstärkung unseres naiven Egoismus bedeuten mag, so kann das nur bedeuten, daß wir den schöpfungsmäßigen Beruf, in dem wir uns eben als Freund eines |323 Freundes befinden, verkennen, nicht aber, daß wir uns nicht in diesem Beruf befinden.
Es ist nicht nur dieser und dieser bestimmte Mensch, sondern es ist in diesem und
diesem bestimmten Menschen der Mitmensch als solcher, der in
Gestalt des gefundenen, gesuchten oder entbehrten Freundes seinen festen Platz in
unserer eigenen Existenz hat. Wir können uns nur über uns selbst täuschen, wenn wir
uns über seine Gegenwart täuschen und sein Mandat als Vertreter des Nächsten
überhaupt nicht respektieren. Keine eindeutigen Direktiven sind uns damit gegeben,
kein absolutes Kriterium. Denn was das heißt in concreto: in Gegenwart des Nächsten
wollen und handeln, ihn liebend, wie wir uns selbst lieben [vgl.
4. Auch die vierte schöpfungsmäßige Bestimmtheit, von der nun zu reden ist, besteht
wie die Geschlechtlichkeit und wie die freundschaftliche Benachbartheit in einer
Bezogenheit des Menschen zu anderen Menschen. Ich meine nun eben die Verwandtschaft. Wir werden von der Ordnung der Familie wie von der der Ehe
in § 9 zu reden haben. Hier interessiert
uns das der Familie zugrunde liegende Phänomen als solches: daß wir alle uns mit
bestimmten Menschen auch darin in besonderer, wenn auch mannigfach abgestufter Nähe
befinden, daß wir gemeinsame Vorfahren und insofern dasselbe Blut und wenn nicht eine
gemeinsame Gegenwart, so doch ein Stück gemeinsamer Vergangen|324heit und auf alle Fälle in der Geschichte unserer Vorfahren eine gemeinsame
Vorgeschichte haben. Daß diese Menschen, wobei wir zunächst an Eltern, Kinder und
Geschwister denken mögen, unsere Nächsten sind, das will in der beschriebenen Weise
auf dem Weg über die verwandtschaftliche Freundschaft entdeckt und bejaht sein, weil
es durch das Erwachen des Bewußtseins unserer eigenen Existenz zunächst in den
Hintergrund gedrängt und verdunkelt wird. Aber wenn wir nun davon absehen, so ist
nicht zu verkennen, daß wir es hier mit einer Bezogenheit zu tun haben, die, ob
entdeckt und bejaht oder nicht, vor der Freundschaft und vor der Geschlechtlichkeit
gerade um ihrer größten Natürlichkeit, ja Leiblichkeit willen den Vorzug einer
selbstverständlichen, durch kein Vergessen und Verleugnen zu beseitigenden noch zu
erschütternden Gegebenheit besitzt. Alle Ungebärdigkeit, mit der etwa ein
jugendbewegter Sohn im Eifer seiner Selbstentdeckung über seinen Vater hinwegsehen
und -schreiten zu müssen und zu können glaubt, ändert gar nichts daran, daß er nun
eben doch – und in seiner Ungebärdigkeit vielleicht, ohne daß er es weiß, am
Allermeisten – der Sohn dieses seines Vaters, der Erbe seiner guten und weniger guten
Eigenschaften ist. Wenn er das nicht einsieht und klein beizugeben
irgendwie in der Lage ist, indem er, welches auch sein sachliches Recht sein mag, mit
den Pubertätssprüngen jedenfalls innerlich und äußerlich Schluß zu machen weiß, dann
wird er neben ernsthafteren Folgen, die das haben kann, ganz sicher mit einem
saftigen Vaterkomplex bestraft werden, mit Hilfe dessen er sich die Hörner, die er
sich nicht stutzen lassen wollte, im Leben draußen sicher in sehr schmerzlicher Weise
einrennen wird. Und wenn eine Mutter mit ihrer Tochter nichts Klügeres anzufangen
weiß, als an ihr ihre eigenen Minderwertigkeits- und Eifersuchtsgefühle, ihren
Verdruß über das, was das Leben ihr vermeintlich oder wirklich schuldig geblieben
[ist], abzureagieren durch allerlei Lieblosigkeit und Bedrängnis, so schneidet sie
sich damit ins eigene Fleisch; denn die Mutter der so beleuchteten und behandelten
Tochter bleibt sie darum doch, nur daß sie durch ihr Tun die Quellen
|325
verschüttet und die Wege versperrt für Alles, was die Tochter ihr vielleicht in
ihrer Lebensnot sein wollte und könnte. Oder wenn Brüder, wie das gelegentlich
vorkommen soll, unter sich trotz der Mahnung Josephs: «Zanket nicht auf dem Wege!»
[
Aber wir müssen nun sofort weiterblicken. Wir brauchen den Begriff der Verwandtschaft
bloß zu erweitern, so kommen wir auf geradem Weg über den altgermanischen Begriff der
Sippe oder Horde zum Begriff des Volkstums. Wir meinen hier nicht
das
|326
Staatsvolk. Wir werden vom Staat erst in unserem dritten Kapitel reden. Er gehört
weder zu unserer schöpfungsmäßigen Berufung, noch auch wie Ehe und Familie zu den
Schöpfungsordnungen, von denen wir im nächsten Paragraphen zu handeln haben. Volk und
Staatsvolk decken sich nicht. Volk im eigentlichen und engeren Sinn nennt man eine
solche geschichtlich zusammengehörende Gruppe einer Vielzahl von Familien, deren
Einheit selber die einer Familie ist, d.h. die kraft gemeinsamen Stammes und Blutes,
kraft der Rasse, wie man zu sagen pflegt, und der darauf begründeten relativ
gemeinsamen Geschichte und gleichen oder doch gleichstämmigen Sprache besteht. Man
wird gut tun, sich klarzumachen, daß es Staatsvölker, Völker im politischen Sinn, die
zugleich Völker in diesem eigentlichen Sinn wären, im neuzeitlichen
Beide, Verwandtschaft und Volkstum, bedeuten Bindungen, in denen wir unsere Existenz
vorfinden, und insofern Kriterien unseres Handelns. Keine eindeutigen und keine
letzten Bindungen und darum auch keine absoluten Kriterien. Wo und wie
verwandtschaftliche sowohl wie völkische Treue anfangen und aufhören, wer wollte das
von außen und für Andere oder auch nur für sich selbst eindeutig feststellen? Und daß
hier auch keine letzten und unbedingten Bindungen vorliegen, das zeigt die
Erinnerung, daß eheliche Treue unter Umständen der Verwandtentreue, Treue gegen die
Autorität des Staates oder der Kirche unter Umständen der Treue gegen das Volkstum
vorangehen muß, um von anderen weniger allgemeinen
Möglichkeiten, von Einschränkung dieser Bindungen nicht zu reden. Aber an der
Gegebenheit dieser Wirklichkeiten und an ihrem bindenden Charakter und so auch an
ihrem Charakter als Kriterium wird durch diesen Vorbehalt nichts geändert. Wir leben
nicht im leeren Raum und wir sind nicht diese und jene, sondern wir sind wir und d.h. auch: Wir gehören kraft unseres Blutes im engeren und weiteren
Sinn näher zu diesen als zu jenen Menschen. Bekommt
|328
unser Tun den Charakter eines Hinaustretens oder doch Hinausstrebens aus dieser
Zugehörigkeit, dann erhebt sich offenbar die Frage, ob wir uns nicht etwa entfernen
von dem Ort, wo Gott mit uns reden will, wo wir also auch allein hören können, ob
unser Tun nicht schon darum Ungehorsam sein möchte, weil es Untreue ist. Die Frage
erhebt sich. Vielleicht muß unser Tun dann dennoch weitergehen auf der fraglichen
Bahn, weil es tatsächlich und gegen den Schein, vor Gott jenen Charakter nicht hat. Das Verhalten des zwölfjährigen Jesus im Tempel [vgl.
Aber nun haben wir eine letzte Linie, die hier zu bedenken ist, noch nicht
ausgezogen. Gibt es denn abgesehen von den Schöpfungsordnungen, auf die wir nachher
kommen,12 als schöpfungs|329mäßige Berufung oberhalb und außerhalb des Volkstums noch einen solchen weiteren Kreis von Verwandtschaft? Wir verstanden den Freund als den
Mandatar des Mitmenschen, des Nächsten als solchen, weil Freundschaft auf freier
seelischer Wahl beruht und eben damit unverkennbar ein Korrektiv unseres
natürlich-naiven Egoismus, eine grundsätzliche Anerkennung der Humanität bedeutet.
Verwandtschaft und Volkstum beruhen nicht auf solcher Wahl. Sie sind Gegebenheit. In
jenem Sinne eröffnen sie nicht den Ausblick in die Ferne und Höhe, scheinen sie uns
vielmehr in der Tiefe der Natürlichkeit festzuhalten, uns an einen bestimmten
geschlossenen Kreis von Mitmenschen unter Ausschluß aller Übrigen zu verweisen. Aber
dem scheint doch letztlich bloß so zu sein. So gewiß der Begriff
der Verwandtschaft über sich selbst hinausweist, sich von selbst erweitert zu dem der
Sippe und dann des Volkes, so gewiß können wir auch hier nicht stehenbleiben. Warum
etwa, kraft welches schönen Eigensinnes gerade hier? Sollten die Völker nicht etwa
selbst wieder nur Glieder einer großen Familie sein? Das Wort «Menschheit» hat in unserer konkretionsfreudigen deutschen Gegenwart im
Gegensatz zu der Zeit der Aufklärung und des Idealismus einen so verdächtigen Klang
bekommen, daß man sich ja wirklich fast fürchten muß davor, es auf die Lippen zu
nehmen. Aber es ist nun doch nicht einzusehen, inwiefern etwa der Begriff des Volkes,
wenn wir uns einmal, wie es notwendig ist, auf die Erwägung unserer blutsmäßigen
Bestimmtheit überhaupt einlassen, durchaus die letzte ernst zu nehmende Konkretion,
die hier in Betracht fallen kann, sein, inwiefern eben der Begriff der Menschheit im
Gegensatz zu dem der Verwandtschaft und dem des Volkes auf einmal eine leere
rationalistische Phrase sein sollte. Schon angesichts der bereits berührten Mischung
der Volkstümer innerhalb so ziemlich jedes heutigen europäischen Staatsvolkes, aber
auch angesichts der zahllosen Berührungen und Beziehungen, in denen Volk und Volk
heute auch über die Staatsgrenzen hinweg miteinander steht, dürfte sich die
Abneigung, mit dem Begriff der Menschheit allen Ernstes zu rechnen, vielmehr selbst
als ein leeres, rationali|330stisches, d.h. auf Konstruktion und nicht auf einer Wirklichkeit beruhendes
Ressentiment erweisen. Der Russe, der Japaner, der Inder sind nun
einmal heute nicht mehr die fernen, fernen, nur theoretisch als Mitmenschen in
Betracht fallenden Mitmenschen, als die sie eine nationalistisch eingestellte Ethik
gerne hinzustellen liebt. Mag es im 18. Jahrhundert weithin Schwärmerei gewesen sein,
wenn man von der Menschheit – und damals oft in abstrakter Überspringung der inneren
Kreise, von denen wir hier herkommen, redete, so wäre es im 20. Jahrhundert
Schwärmerei, nicht von ihr zu reden, und es wäre in den
verschiedensten Hinsichten doch wirklich fatal, wenn sich etwa gerade die Kirche
darauf versteifen wollte, ihrer ethischen Besinnung und Verkündigung gerade hier eine
Schranke ziehen zu wollen, die durch die Tatsachen, vor Allem des Wirtschaftslebens,
längst über den Haufen geworfen ist und, wenn nicht Alles täuscht, immer mehr über
den Haufen geworfen werden wird. Man wird auch hier nicht dringend genug davor warnen
können, doch ja nicht mit gewissen lutherischen Gedanken,
Stimmungen und Schemata Mißbrauch zu treiben, als hätte die Wirklichkeit nicht auch
als schöpfungsmäßige Wirklichkeit für uns ein anderes, weiteres Bild bekommen, als
dies zu
Aber selbst wenn dem faktisch nicht so wäre, selbst wenn jemand der völkischen
Reinheit seines Stammbaumes so sicher sein könnte, wie es wahrscheinlich nur noch den
Allerwenigsten wirklich zusteht, und wenn er dazu in der Lage wäre, sich hermetisch
auch gegenüber dem fremden Volkstum innerhalb des eigenen Staates zu verschließen –
kraft welcher grundsätzlichen Einsicht sollte er sich eigentlich gegen die
Konsequenzen der Binsen|331wahrheit, daß wir von
5. Zum Begriff des Berufs, in dem wir vor Gott stehen, gehört als weitere Komponente
unser Lebensalter. Daß wir, identisch mit uns selbst, diese
Identität in einer unübersehbaren, aber begrenzten Reihe von zeitlichen Augenblicken
unter allmählich sich verändernden Bedingungen immer wieder entdecken und behaupten
müssen, daß wir alle irgendwo auf dem merkwürdigen und auf jeder seiner vielen
Stationen wieder besonders merkwürdigen Wege von der Wiege zum Sarge uns befinden,
daß wir hineingestellt sind in ein Werden, das doch schon von Anfang an auch ein
Vergehen ist, um am Ende nur noch als rätselhaftes Vergehen sichtbar zu sein, das ist
auch eine der schöpfungsmäßigen Voraussetzungen, bei denen uns Gottes Gebot behaftet,
die von uns ernst genommen sein wollen. Aber das ernst zu Nehmende besteht auch hier
in etwas ganz Konkretem: Was mich angeht, oder der Ort, wo Gottes Gebot mich angeht,
ist nicht meine Lebenszeit überhaupt, sondern der durch die bewegte Zeit so oder so
bestimmte jetzige Augenblick, von dem aus ich in den nächsten hinübergehe. Es verhält
sich mit der individuellen Lebensphilosophie wie mit der Geschichtsphilosophie im
Ganzen: Versteht man darunter ein Betrachten und Vergleichen verschiedener
Möglichkeiten nebeneinander, dann ist sie ein eitles Unternehmen. Was wissen wir von
unserem Leben als Ganzem? Wir gehören ja doch in keinem Augenblick uns selbst, wir
durch|333schauen uns auch in keinem Augenblick, geschweige denn, daß wir über die ganze Reihe
seiner Augenblicke Herr wären, etwas Wirkliches über sie wüßten und sagen könnten.
Wir sind gerade nicht in der Lage, unser Leben, wie
Wir sind schöpfungsmäßig, so gewiß der Schöpfer der ewige Gott ist, immer gerade das, was wir jetzt sind. Grübeln und Spintisieren über Vergangenheit und Zukunft heißt immer: die Wirklichkeit, in der uns Gott geschaffen hat, nicht ernst nehmen. Aus ihm leben wir ja und werden wir leben, und sein ist auch das Gericht über unser Leben. Unsere Existenz ist aber die Gegenwart als Bereitung für die nächste, die allernächste Zukunft. Zu solcher Bereitung, zu einem Handeln im Wissen um das, was uns Gott heute, heute gesagt hat, sind wir aufgerufen. Also aufgerufen immer gerade auf der Stufe unserer leiblich-seelischen Entwicklung, auf der wir uns eben befinden. Das bedeutet nun aber sofort folgendes: die schöpfungsmäßige Voraussetzung des Lebensalters, in dem wir uns befinden, ernst nehmen, heißt durchaus nicht: dieses Lebensalter als solches ernst nehmen, sondern: in diesem Lebensalter, schon in diesem oder: auch noch in diesem Lebensalter, das Leben selbst ernst nehmen, aufmerkend auf die Fragen, Ansprüche, Forderungen, Verheißungen, die sich mir aus einem wirklichen Hören des Gebotes Gottes ergeben, mit offenem und bereitem Willen dem entgegengehen, was es uns weiter offenbaren will. Der besondere Ernst jedes Lebensalters besteht nicht in einer besonderen Haltung, die wir in dem und dem Alter dem Leben gegenüber einzunehmen hätten, sondern in dem Ernst, in dem wir in dem und dem Alter, als wäre es zum ersten Mal, als gäbe es kein anderes Alter als das, in dem wir eben stehen, zu leben versuchen, dem Herrn des Lebens entgegengehen.
Daß Einer z.B. ein junger Mensch ist, das ist an sich eine ganz uninteressante Tatsache, aus der Aufhebens und Geschrei zu machen sich nicht im geringsten lohnt. «Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehen.»15 Indes ihr eure |335 Jugend als solche betätigen wollt, könntet ihr jung sein, indem ihr euch betätigtet, wie sich eben der Mensch betätigen muß, der die Verantwortlichkeit des gegenwärtigen Augenblicks im Blick auf den kommenden begriffen hat. Man kann nur jung sein und ist dann gerade nicht an sich jung, sondern indem man ein bewegter, eben von der Verantwortlichkeit dieser Stunde, als wäre sie die erste und letzte, bewegter Mensch ist. Wirkliche Jugendbewegung gibt es nur in Form von Bewegtheit durch eine Sache, die an sich mit Jugend und Alter gar nichts zu tun hat, in der Beziehung zu einem Gegenstand, in der man weiter lebt, als junger Mensch gewiß, aber vor Allem weiterlebt, aber ja nicht – Motto: «Verweile doch, du bist so schön!»16 sich seiner Jugend als solcher freuen zu können oder gar zu müssen meint. Man kann sich seiner Jugend nur freuen und man kann sie nur ernst nehmen durch jugendliche Sachlichkeit, mit der man auf irgendeinem Feld seine Bereitschaft, seine Aufmerksamkeit, seinen Gehorsam erprobt, nicht aber, indem man dem Phantom einer vermeintlich typisch jugendlichen Sachlichkeit nachjagt. Jugendlich ist die Fähigkeit und der Wille, sich an ein Objekt hinzugeben, ohne die Reflexion, daß die Art, in der das geschieht, nun gerade jugendlich sein müsse, im Gegenteil: mit Unterdrückung der Reflexion, daß die Art, in der das geschieht, doch unter Umständen noch recht jugendlich sein möchte, mit der grimmigen Absicht, sich an Sachlichkeit dem höheren Lebensalter gleichzustellen. Wenn man ein Kind sein will, dann ist man gerade kein Kind, sondern kindisch. Wenn man ein Kind ist, dann will man kein Kind sein, dann betreibt man auch das Spiel mit bitterem Ernst. Und das eben heißt dem Gebot dieser Lebensstunde in der rechten Treue gegen die ihr eigentümliche Bestimmtheit entgegengehen.
Was exempli causa von der Jugend gesagt wurde, das wäre mutatis mutandis auch auf die
anderen Altersstufen anzuwenden. Sowenig man darin jung ist, daß man sich von der Art
und Tätigkeit der Älteren durch irgendeine besondere jugendliche Art und Betätigung
abhebt, so wenig ist man ein reifer Mensch kraft
|336
dessen, daß man den Idealen und Irrtümern der Jugend mit weisem Gesicht abgesagt hat
und gesetzt und gediegen geworden ist, keine Schwabenstreiche mehr begeht, was nach
einer sehr unzuverlässigen Nachricht vom vierzigsten Lebensjahr ab die Regel sein
soll, sowenig ist das das wirkliche Alter, daß man in der Lage ist, auf eine lange
Vergangenheit zurückzublicken und sich dessen zu trösten, daß der verantwortlichen
Entscheidungen, die die Zukunft bringt, nur noch verhältnismäßig wenige sein werden,
zu deren Erledigung eben die Weisheit der langen Vergangenheit ja gewiß von selber
helfen werde. Wirklich lebendige und d.h. dann also wirklich junge, reife oder alte
Menschen sind wir nicht kraft der eigentümlichen Bestimmtheit jeder dieser Stufen an
sich, sondern kraft der Aufgeschlossenheit, in der wir jedesmal in
der Bestimmtheit dieser oder dieser oder dieser Stufe – nicht diese Bestimmtheit an
sich, sondern den Anspruch des Lebens, dem wir in dieser Bestimmtheit
gegenüberstehen, bejahen. Er wird uns dann wohl auf jeder Stufe in ganz besonderer
Weise zum Gericht und zur Gnade, es wird uns also die Stufe selbst, auf der wir uns
jeweilen befinden, in ganz besonderer Weise zum Kriterium und zur Wegweisung werden.
Es ist selbstverständlich etwas Anderes, ob das Gebot des Lebens in seinen zwei
Momenten uns in den Jahren trifft, die unsere Lehrjahre, oder in denen, die unsere
Wanderjahre, oder in den von
Als unjugendlich wird dann ein solches Tun bedenklich sein, das
geleitet ist von der mit der Dringlichkeit des Gebotes ganz unvereinbaren und nur
scheinbar jugendlichen Vorstellung, als ob wir auch im Verhältnis zu Gott noch ein
langes Leben vor uns hätten, als ob die Entscheidung, die wir jetzt fällen, darum
noch keine ernste Entscheidung sei, weil ihr vermutlich noch viele andere unter neuen
Möglichkeiten folgen werden, als sei also das Träumen und Spielen, das Nachahmen und
selbständige Probieren, das allerdings für diese Stufe charakteristisch ist, nicht
genau so wie das, was nachher kommt, ein verantwortliches Tun. «So freue dich,
Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue,
was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, daß dich Gott um dies
alles wird vor Gericht führen» (
Bedenklich wäre umgekehrt das Tun des reifen
Menschen, wenn hinter ihm etwa die Blindheit dafür stehen sollte, daß all unser Entscheiden, so ernst und verantwortlich es ist, doch
keineswegs die göttliche Entscheidung, sondern der göttlichen Entscheidung
unterworfen ist, zu deren Ernst es sich immer wieder verhalten wird, wie Spiel sich
zu Ernst verhält. Reif sein heißt wissen um diesen Spielcharakter des ernstesten
menschlichen Tuns. Wenn der Mensch auf der Höhe seines Lebens ein Philister und
Bourgeois, ein Schulmeister oder auch ein
6. Die sechste Bestimmtheit des Berufes, in dem wir alle stehen, besteht in all dem, was wir in den zwei Begriffen der Führung und der Begabung zusammenfassen können. Jeder Augenblick und also in jedem Augenblick das Gebot findet uns nämlich in einem ganz bestimmten Stand körperlicher und geistiger Bildung, auf einer bestimmten äußeren und inneren (und in bezug auf das Innere: moralischen, intellektuellen, ästhetischen) Kulturstufe oder in einem bestimmt differenzierten Entwicklungsgrad des Verstandes, Willens und Gefühls, dem eine bestimmte Eukrasie, Kräftigkeit und Geschicklichkeit des Körpers parallel gehen kann, oft genug freilich auch durchaus nicht parallel geht. Jeder Mensch hat unter diesem weiteren, von den bisherigen grundsätzlich ganz unabhängigen Gesichtspunkt seinen bestimmten, ihm schlechterdings und unwiederholbar eigenen Standort in einem System, das man mittels zweiter Koordinaten bezeichnen kann: Führung die eine, Begabung die andere.
Wir verstehen unter Führung die geschichtliche Bestimmtheit, in der das Leben eines jeden Menschen unter allen Umständen gelebt wird. Es ist offenbar nicht gleichgültig, ob jemand als Feuerländer, oder als baltischer Graf, oder als mit Spreewasser getaufter Berliner, ob er im Schatten eines holländischen Kaufmannshauses, oder als sächsischer Proletarier, ob er als Sohn und Großsohn und Urgroßsohn von lauter Basler Theologen, oder als Kind eines Generals der alten deutschen Armee geboren, aufgewachsen und erzogen ist. Obwohl doch alle diese Menschenkinder in den ersten fünf Minuten ihres Daseins alle gleich dürftig |341 dran waren und in den letzten fünf sicher auch wieder alle gleich dürftig dran sein werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutet je das Eine oder Andere für den betreffenden Menschen das Offenstehen einer ganzen Reihe und ebenso das Verschlossensein einer ganzen anderen Reihe von Möglichkeiten, guter und böser, fördernder und hemmender, aber jedenfalls von Möglichkeiten, deren Vorhandensein oder Fehlen seine Existenz in einer ganz bestimmten durch alle späteren Einflüsse und Mischungen hindurch sich behauptenden Weise prägen. Keiner hat sich diese Prägung, in der er von seinen Eltern und seiner Kinderstube her einhergeht, aussuchen können, sowenig er sich seine Eltern aussuchen konnte. Er hat sie aber, er wird sie in Allem, was er tut und sagt, und wäre es nur in der Form heftigster Opposition oder Verleugnung, im Aufsuchen von allerlei Kontrastmöglichkeiten, verraten. Er ist doch, was er ist. Wir können uns aber auch die späteren Einflüsse, durch die wir zu dem gebildet werden, was wir sind, nur zum allergeringsten Teil wirklich selber wählen. Was wissen wir von den geheimnisvollen Nötigungen, auf Grund derer ein Mensch sich jetzt diesem Anderen eröffnet und anvertraut, jetzt diesen Freundeskreis aufsucht, jetzt diese Universität aufsucht und jetzt diesen Lebensberuf ergreift! Auch die Bildungseinflüsse, denen wir uns bewußt und willentlich aussetzen, sind dann in Wirklichkeit immer ganz andere, als wir erwartet hatten, und bestimmen uns auch in der Regel ganz anders, als wir es auf dem Programm hatten. Wer von Ihnen hätte etwa wirklich gewußt, was er tat, als er anfing, Theologie zu studieren, und über wen wären dann nicht ganz unerwartete Mächte gekommen, als er diesen Plan ausführte? Gewiß, wir sind immer dabei, und zwar verantwortlich dabei, das wissen wir wohl, aber das ändert kaum etwas daran, daß unser Leben auch einfach geschieht irgendwo im Großen und im Einzelnen immer nur bis zu einem gewissen Grad durchsichtigen Strom der Geschichte. Und nun können wir offenbar, wenn wir nicht so gottlos sind, da von Zufall oder Schicksal zu reden, wir können auch dann, wenn wir etwa zur Erklärung von dem Allem unsere Zuflucht zu einem in den Ster|342nen uns vorgeschriebenen Programm nehmen wollen, dieses unaufhaltsame Geschehen doch nur als Führung verstehen. Der Schöpfer, durch dessen Willen die Welt nicht nur allein angefangen hat, sondern auch allein besteht in jedem Augenblick, nicht nur im Allgemeinen und Ganzen, sondern auch in jeder noch so kleinen Einzelheit, dieser Schöpfer hat auch, unbeschadet meiner Freiheit und Verantwortlichkeit, ja gerade in meiner Freiheit und Verantwortlichkeit, mich heraufgeführt aus dem Nichts und dann weiter so und so geführt, daß ich das und das wurde, was ich eben heute bin, hat als Töpfer mit dem Ton gemacht, was er wollte, und hat es auf alle Fälle gut gemacht. Und als so Heraufgeführter habe ich ihm nun als dem Gebieter des Gebotes wieder zu begegnen.
Aber das ist nur die eine Koordinate unserer Bildung. Die andere ist meine besondere
Begabung. Wir verstehen darunter die individuelle physiologisch-psychologische Bestimmtheit, in der das Leben des Menschen
wiederum unter allen Umständen gelebt wird. Sie deckt sich offenbar nicht etwa mit
der geschichtlichen, so gewiß diese beiden Linien sich an einem bestimmten Ort
schneiden, wo es dann unmöglich wird, sie eindeutig auseinanderzuhalten. Unter allen
den verschiedenen geschichtlichen Bildungsmöglichkeiten meines Lebens und weithin
unabhängig davon, nicht unzweideutig auf jene zurückzuführen, kann ich von Hause aus
ein gesunder oder ein kranker Mensch sein, ferner: klein oder groß von Gestalt,
auffallend kleine Leute haben fast immer einen ganz besonderen
Minderwertigkeitskomplex, der sie unter Umständen zu den erstaunlichsten Dingen
veranlaßt, auf die sie bei normaler Größe nimmer kommen würden, der ganze
Von Schicksal oder Zufall könnte man natürlich gottloserweise auch hier reden. Wir verstehen den Menschen als Gottes Geschöpf und sagen darum mit dem ja auch in der Profansprache geläufigen Ausdruck: nein, das ist eben seine Begabung. So, mit so Vielem oder so Wenigem hat Gott mich, hat er diesen und jenen begabt, beschenkt, als er mich und ihn und indem er mich und ihn aus dem Nichts emporführte. Aber wer berechtigt uns, hier von viel oder wenig zu reden? Man wird mit allen Wertungen und Abwertungen hier wie bei dem, was wir als die göttliche Führung bezeichnet haben, nicht zurückhaltend genug sein können. Nennen wir das Geschaffene gut geschaffen, so meinen wir damit nichts Anderes, als daß es eben von Gott so und nicht anders geschaffen ist, daß es, wenn es unsere eigene Wirklichkeit ist, die Wirklichkeit ist, in der wir berufen sind, die für Gott jedenfalls gut genug ist, uns darin aufzusuchen. Und nun redet auch diese Komponente unserer Wirklichkeit mit bei der Beantwortung der Frage: was sollen denn wir tun? Denn auch sie ist ein Moment unseres Berufes. Was wir auch tun werden, wir werden es als die so Geführten und Begabten tun. Und das Urteil Gottes seinerseits wird über uns als die so von ihm Geführten und Begabten ergehen. Wieder sind es zwei Gruppen von Fragen, die sich von hier aus in bezug auf unser Tun ergeben.
Die erste Frage: Entspricht unser Tun dem, daß Gottes Gebot uns in dem ganzen Bestand, in dem wir uns, unter jenem dop|345pelten Gesichtspunkt betrachtet, vorfinden, in Anspruch nimmt, mit Beschlag belegt? Oder findet etwa bei unserem Tun nicht immer eine teilweise und vielleicht sehr umfangreiche Zurückhaltung statt? Ist es nicht so, daß wir handeln, als ob gar nicht der ganze Bestand dessen, was wir geworden sind und sind, auf dem Spiele stünde, wenn wir vor Gott stehen, sondern bloß ein Teil, ein sehr kleiner Teil vielleicht? Unser Tun dürfte offenbar um so kritischer zu betrachten sein, je weniger wir ganz dabei sind, je mehr wir uns dabei gleichsam eingeteilt, diese und diese Möglichkeit, Anlage und Fähigkeit, die wir haben, bewußt oder unbewußt als in diesem Fall unbeteiligt in den Hintergrund geschoben haben, je mehr wir vielleicht bloß beiläufig handeln, nicht mit dem Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit, wie man sagt, d.h. nicht mit dem Einsatz der ganzen Wirklichkeit unserer geschichtlichen und physiologisch-psychologischen Existenz. Gewiß, solche Einteilungen und Zurückstellungen vollziehen wir fortwährend, und in sehr Vielem, was wir tun, handeln wir in diesem Sinne bloß beiläufig. Man sagt z.B., wenn man etwa einen Ort des Vergnügens aufsucht: Ich will jetzt den Theologen einmal ganz zu Hause lassen und nur noch harmlos Mensch sein! Oder man sagt: Ja, da muß nun das ästhetische Gefühl schweigen vor anderen wichtigeren Rücksichten! Oder man läßt, auf dem Gebiet der Wissenschaft z.B., seinen Verstand ganz allein laufen wie ein gutes Pferd, das seinen Stall schon allein finden wird. Oder man überspringt, in gewissen gesellschaftlichen Situationen etwa, den wirklichen Stand seiner moralischen oder intellektuellen Bildung, begibt sich, zum Schein wenigstens (denn in Wirklichkeit kann man das ja nicht) an einen höheren oder auch tieferen Ort als den, der einem eigentlich zukommt. Oder der trivialste, aber in dieser Hinsicht häufigste und vielleicht bezeichnendste Fall: man ist ganz einfach faul, man ist des Treibens irgendwie müde, man vernimmt wohl, daß irgend etwas irgendwoher von einem verlangt ist, aber man hat genug, man mag nicht, man zieht zeitweilig vor, jetzt einmal ruhend sich selbst zu sein. Das Alles, mit Inbegriff der Faulheit, kann erlaubt, ja ge|346boten sein. Es kann durchaus in der Ordnung sein, daß ein Teil unserer Existenz manchmal schläft oder doch schlummert, nicht dabei ist bei dem, was wir tun. Wirklich mit dem Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit sind wir wahrscheinlich selten oder nie dabei, und es ist schon besser so, denn sonst würden wir wohl binnen einiger Tage herunterbrennen wie eine Kerze. Aber die Frage, ob wir unserem Beruf, nun im Sinn von Führung und Begabung verstanden, getreu sind, diese Frage erhebt sich gegen uns im Blick auf diesen Sachverhalt, erhebt sich um so energischer gegen uns, je ausgeprägter jeweils dieser Sachverhalt vorliegen sollte. Daß dem so ist, das darf man sich auch nicht verhehlen. Ein Einteilen und Zurückstellen gewisser Möglichkeiten unserer Existenz gegenüber anderen mag, darf, ja muß es je und je geben. Nicht aber den Versuch, gewisse Möglichkeiten unserer Existenz der göttlichen Inanspruchnahme zu entziehen, nicht ein solches Einteilen und Zurückstellen also, das eine Abstraktion von der Wirklichkeit bedeuten würde. In Anspruch genommen ist grundsätzlich meine ganze Existenz, auch in ihren jeweils schlafenden oder schlummernden Komponenten. Ein wirkliches Ausziehen des Theologenrockes zum Behuf freierer Bewegung gibt es z.B. schon nicht. Überhaupt: unsere Begabung und Führung bedeutet einen character indelebilis, den verleugnen zu wollen, nicht von Gutem sein könnte. Von Gottes Gebot getroffen bin ich in der ganzen Breite meiner Existenz, auch in ihren zeitweilig zurückgestellten, schlafenden oder schlummernden Komponenten. In Anspruch genommen bin ich in der Totalität dessen, was ich geworden bin und bin. Wollte ich etwas davon im Ernst absondern, im Ernst und gänzlich es als nicht beansprucht und unbeteiligt, als Adiaphoron gleichsam freimachen als Gebiet und Gegenstand meiner Willkür – so wäre es unfehlbar so, daß ich selbst in diesem freigemachten, Gottes Gebot vermeintlich entzogenen Teil meines Wesens den eigentlichen Sitz meines Lebens hätte und nicht etwa in dem Gottes Gebot scheinbar zur Verfügung gestellten, vielleicht viel größeren übrigen Teil. Einteilungen, die eine wirkliche Abstraktion, eine Aufteilung meines |347 Tuns in eine ernstere und eine weniger ernste Sphäre bedeuten würden, würden auf alle Fälle Ungehorsam bedeuten.
An diesem Kanon also: bin ich, wie einseitig, wie vorzugsweise immer in der und der
Richtung, letztlich eben doch ganz dabei, ganz bei der Sache? Oder umgekehrt gefragt:
ist die Sache eine solche, bei der ich als der, der ich bin, grundsätzlich ganz dabei
sein kann, darf, muß? An diesem Kanon ist unser Tun in dieser Hinsicht vor Allem zu
messen. Wobei es also keine Bedeutung hat, ob das, was ich durch göttliche Führung
und Begabung bin, viel oder wenig ist, ob ich oder ob Andere es für wertvoll oder
wertlos oder gar für gefährlich und schädlich halten. Das Gleichnis von den
anvertrauten Talenten greift hier ein mit seiner Warnung vor dem Verscharren des
einen einzigen Talentes, das jener letzte Knecht empfangen [vgl.
Die zweite Frage: Entspricht unser Tun dem, daß es Gottes Gebot ist, das den ganzen Bestand unseres unter dem Gesichtspunkt der
Führung und Begabung betrachteten Das-Seins und So-Seins in Anspruch nimmt? Gottes Gebot: d.h. aber das Gebot dessen, der uns geschaffen,
geführt und begabt hat bis auf diesen Tag, und der doch letztlich auch allein den Ort
unserer Wirklichkeit weiß, dessen Gebot also jederzeit in einem sehr unerwarteten
Verhältnis zu dem stehen kann, was wir für die Wirklichkeit unseres Berufes halten.
Weil wir um diese Wirklichkeit doch eben nicht so wissen, wie Gott um sie weiß! Ist
unser Tun ein aufgeschlossenes Tun, d.h. ein solches, bei dem wir bereit sind, uns
jederzeit auch über die uns bewußten Grenzen unserer Bestimmtheit hinausführen oder
auch dahinter zurückdrängen zu lassen? Weil unser Bewußtsein davon durchaus nicht das
letzte, sondern eben nur ein vorletztes menschliches Wort darüber sein kann? Oder
sollte unser Tun ein solches von Menschen sein, die über ihr eigenes Geführt- und
Begabtsein Kunde zu haben meinen, als ob sie sich selbst geführt und begabt hätten,
als wären sie
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mindestens wissend um sich selbst ihre eigenen Herren? Unser Tun wäre offenbar um so
kritischer zu betrachten, je mehr es etwa im Guten oder im Bösen bestimmt sein sollte
durch die Erwägung: So und das bin ich nun einmal, und mit diesem meinem Das-Sein und
So-Sein muß nun auch Gott mit seinem Gebot mir gegenüber rechnen,
nach der geschichtlichen und nach der physiologisch-psychologischen Struktur meiner
Existenz hat nun auch Gott sich zu richten, «ultra posse nemo obligatur!»21 Ich kann nicht mehr und nichts Anderes leisten, als ich eben bin und habe.
Das kann selbstbewußt und fröhlich gemeint sein wie etwa in dem Falle, den
Es kann ja sein, daß wir mit unserem Meinen das Richtige treffen, daß wir genau dahin gestellt sind vor Gott, wo wir uns selbst innerhalb unserer Grenzen stehen sehen, und daß dann auch sein Gebot nicht mehr und nicht weniger von uns will, als daß wir getreulichst daselbst stehenbleiben sollen. Es kann aber doch auch das Andere sein, daß Gottes Gebot eine Erniedrigung oder eine Erhöhung gegenüber dem uns bekannten Stande der Dinge bedeutet, und zwar darum, weil eben ein ganz anderer Stand der Dinge als der uns bekannte der wahre ist. Und weil wir nie wissen können, ob nicht der zweite Fall zutrifft, weil das Bejahen des ersten Falles allzuleicht ein bloßer Sophismus unseres Herzens sein, unser Nicht-Können ein Deckmantel unseres Nicht-Wollens sein könnte, darum muß jetzt der zweite Kanon auf alle Fälle lauten: unser Handeln muß in bezug auf die Wirklichkeit unseres Berufes ein jederzeit und nach allen Seiten offenes Handeln sein, ein Handeln in der Bereitschaft, anders zu handeln, als wir jetzt auf Grund unserer Kenntnis unserer Möglichkeiten meinen handeln zu dürfen und zu sollen. Es geht auch bei dieser zweiten |351 Frage, wenn auch in etwas anderem Sinn, um die Treue gegen Gott und um die Wahrheit gegen uns selbst. Wahrheit gegen uns selbst heißt jetzt ehrliches Dazustehen, daß wir das Letzte unserer Existenz und ihrer Bestimmtheit so wenig wissen, wie wir es in unserer Macht haben. Das heißt also noch nicht wahr sein gegen sich selbst, wenn man sich, und wäre es in der schonungslosesten Offenheit, sagte: ja, so bin ich nun einmal, und dazu stehe ich auch!, sondern das hieße wahr sein gegen sich selbst, wenn wir diesen Satz zu überbieten und zu kontrapunktieren uns getrauten durch den ganz anderen: Ja, so finde ich mich zwar vor, dazu kann ich aber jeden Augenblick nur dann stehen, wenn Gottes Gebot mich in diesem meinem Beruf bestätigt, wenn er mir also sagt, daß er dazu steht. Tut er das nicht, ja dann kann ich auch nicht mehr dazu stehen, sondern muß anders werden und handeln, ich muß es, weil ich es dann, wenn Gott sich zu einem anderen als dem von mir vermeinten Sein bekennt, sicher auch kann, und weil es eben auch damit unerbittlich von mir gefordert ist. Diese Wahrheit gegen uns selbst ist dann eo ipso auch Treue gegen Gottes Gebot. Treue, Gehorsam gegen Gott heißt schutzlos, ungesichert, unverschanzt, unverbarrikadiert vor ihm stehen, bereit zu der Einsicht, daß unser wirklicher Ort ein anderer ist als der, den wir uns erträumt hatten und ein wenig trotzig gegen Gott selbst behaupten zu können meinten.
Das sind die beiden Fragen, die in bezug auf unsere Führung und Begabung die Kriterien unseres Tuns bilden.
7. Die siebente und letzte Bestimmtheit unserer Existenz ist so allgemein und
scheinbar so binsenwahr wie die erste, daß wir Menschen sind. Wir sagen nur noch ganz
wenig darüber, weil wir sonst nur ganz viel darüber sagen könnten. Sie besteht sehr
schlicht darin, daß uns «gesetzt ist, einmal zu sterben – danach
aber das Gericht» (