8. August 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum

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Lieber Karl, liebe Lollo,

ich erfahre eben durch einen Brief von Gerty1, daß wieder sehr schwere Tage angebrochen sind und Ihr mehr als je in Not steht.2 Ich bin gerade ganz allein zu Hause, dachte daran, daß Ihr vielleicht morgen eintreffen würdet, da kommt Gertys Post, und nun steigt alles, alles vor mir auf und geht mir durch die Gedanken, was über euch liegt und woran auch ich von Anfang an mittrug. Möchte der Weg gezeigt werden, der weiterführt und der am Äußersten vorbeiträgt. Ich weiß ja nicht im Einzelnen, was ausgebrochen ist, aber ich kann mir alles denken. Könnte man doch raten! Wir werden ja nun vor allem für Nelly dasein müssen. Aber ich hoffe doch so sehr, dich, Karl, doch noch hier oben zu sehen. Oder soll ich einmal herunterkommen?

abends. Nelly und die Kinder sind eingetroffen. Wir waren drüben und haben einander gesehen. Das Chalet ist wirklich ausgezeichnet, geräumig und schön gelegen. Nelly schien erfreut darüber. Sie sagte nicht viel, deutete nur an, daß schwere Tage hinter ihr lägen. Wir sehen uns morgen wieder. Die Kinder sind vergnügt und haben uns noch bis zu unserem nicht sehr nahen Häuslein begleitet.

Laßt von Euch hören, wenn’s möglich ist. Von Mittwoch bis Freitag nächste Woche bin ich weg. Am Samstag kommen wir wieder heim. Sehen wir uns vielleicht doch in acht Tagen?

In treuem Gedenken

Grüße an Ruedi und Gerty!
Euer
Eduard

33 Esther3 wird nun nicht mit nach Mannried4 gehen, sondern mit Sturzeneggers aus St. Gallen5 bis Zürich fahren, Ende nächster Woche.

Sachfußnoten

1
Gerty Pestalozzi, geb. Eidenbenz (1893–1978), und ihr Ehemann Rudolf (1882–1961), Besitzer einer noch heute bestehenden Eisenhandelsfirma in Zürich, beide vielseitig interessiert, gehörten zum Freundeskreis von Barth und Thurneysen; vgl. Bw.Th. I, S. 38, Anm. 1 📖; Busch, S. 87 📖. Vgl. Lebenslauf R. Pestalozzis, verfaßt von G. Pestalozzi (4 maschinengeschriebene Seiten, datiert auf den 17.11.1961, Vervielfältigung), und Lebenslauf Gerty Pestalozzi-Eidenbenz. Geboren 23. Mai 1893-gestorben 9. Juni 1978, geschrieben am 7. Dezember 1969, ergänzt von ihren Kindern, o. O. o. J. [Aarau 1993] (Privatdruck) 📖 im Karl Barth-Archiv. ↩
2
Brief nicht erhalten.↩
3
R. und G. Pestalozzis Tochter Esther Anna Jane, geb. 1919.↩
4
In Mannried bei Zweisimmen (Kanton Bern) fand vom 9. bis 17.8.1930 ein von Walter Lüthi geleiteter Ferienkurs des bernischen Jugendwerkes des Blauen Kreuzes statt, zu dem Thurneysens ihre Kinder Dorothee, Matthias und Katharina mitnahmen. E. Brunners Vorträge in der ersten Hälfte des Kurses standen unter dem Thema «Von den Ordnungen Gottes»; Thurneysen, der nach diesem Brief nur vom 13. bis 16.8. anwesend war, sprach über die Themen «Heiliger Geist» und «Gebet» (vgl. Voranzeige Neunter Mannrieder-Kurs, in: KBRS, Jg. 86 [1930], S. 239 📖). «Es war ein fröhliches Beisammensein mit der Jugend … [bei dem] in einem W[iederholungs-]K[urs] die biederen Schweizer Soldaten buchstäblich über unsere Köpfe hinweg ihre Schießübungen machten» (Typoskript M. Thurneysen, S. 16).↩
5
Thurneysen hatte den Kaufmann Robert Sturzenegger (1883–1961) 1920 als Kirchenpflegspräsidenten (Vorsitzenden des Presbyteriums) in St. Gallen-Bruggen kennengelernt. Er wurde später Mitglied der Leitung des Schweizerischen Kirchenbundes; vgl. Bw.Th. I, S. 382.389.402. 📖 ↩