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30. August 1934
Da sitze ich wieder in meinem Gehege. Wenn der Chrysler einen einmal am Bahnhof Zürich ausgespieen und der Basler Zug aufgenommen hat, dann ist es mit der Ferienherrlichkeit rasch zu Ende. Das hast du ja auch schon erfahren. Es wird so sein müssen. Ich bin aber für meinen Abschluß auf dem Bergli wieder sehr froh und dankbar geworden. Das Schlimme bei uns hier herum ist nicht dies oder jenes Einzelne, was an Ungutem sich vollzieht in Kirche und Theologie, sondern die allgemeine Harmlosigkeit, von der man rings umgeben ist, die Manöverluft, in der man atmet. Du kommst aus dem Graben, wir sind in der Etappe. Und es ist mir ziemlich einerlei, über was ich mit dir reden oder besser dich vernehmen konnte — ich habe dir einfach zugehört und im Zuhören etwas von jener anderen Luft geatmet, den deutschen Wind und Sturm. Nicht daß du selber für Wind und Sturm sorgen mußtest, die Zeiten sind ja vorüber, und es ist schon etwas an jener an dir von Lili Simon in der Châtaigneraie bewunderten Ruhe und «Abgeklärtheit» («Er hat irgendwie menschlich mächtig hinzugewonnen!»), es ist ja draußen schon von selber Krach genug, aber eben du kommst von daher und stehst mitten drin, hast alles auszuhalten und durchzutragen, nun, und das führt dazu, daß du mehr als je in den Zeugenstand versetzt wirst als die einzige Möglichkeit, die übrig bleibt, in allem, was du sagst und tust. Ich könnte — du siehst — wirklich auch meinerseits über dich ein kleines Vorwort schreiben, wenn es sein müßte. Treib’s auf alle |691 Fälle mit dem meinen1 nicht zu bunt! Es ist kein Anlaß dazu da. Ich bin, was mich betrifft, sehr nachdenklich vom Bergli geschieden. So wenn ich etwa an den doch ganz offenbar eben noch zu etappenmäßigen Konfirmandenunterricht denke. Sehen wir zu, wie alles weiterhin ein wenig besser, ein wenig geschärfter zu machen ist. Man kann ja weder aus seiner Haut noch aus seiner Situation. Aber wie sagt der Lukas? «wenigstens» — ja, wenigstens so wach bleiben, als immer möglich ist. Hilf mir weiter dazu! Du tust es ja auch. Und Lollo nicht weniger dadurch, daß sie mir treulich alles Erreichbare schickt. Ich bin sofort hinter das Studium der Konkordienformelnachschrift2 gegangen. Aber du kannst auch ganz zuversichtlich sein: dein Wort fällt auch sonst in der Schweiz herum durchaus nicht auf den Boden. Eben gestern erzählte mir mein Bruder von einem bereits ergrauten Bündnerpfarrer namens Grand in Sent3, der außer der Bibel nichts mehr anderes lese als Karl Barth und absolut intransigent dabei bleibe. Solche Gestalten hat’s sicher noch mehr, als man denkt. Daß die weiter gespiesen werden, wird ein Anliegen bleiben. Ich bin froh darum, daß die Sache von der Châtaigneraie herauskommt. Vielleicht wird auch der Vortrag von Vaumarcus erscheinen können.4 Und hoffentlich, hoffentlich bleibst du selber in Bonn am Steuer! Eben erzählt mir Staehelin von Piper, er sei dieser Tage hier in Basel, habe zwar für ein weiteres Jahr irgendeinen englischen Auftrag, sehe sich aber auch hierzulande um.5 Es ginge ja doch etwas in die Brüche, weniger für dich als für die deutsche Kirche, das ganze deutsche Feld, wenn du ausscheiden müßtest. Es wird auch da kommen, wie es muß. Und ich bin nicht unruhig, oder bei aller Unruhe irgendwie zuversichtlich.
692 Der Grund, weshalb ich schreibe, ist dies: heute morgen kam die Anmeldung von Lackmann6 fürs Alumneum7 in meine Hände. Und da steht es nun schwierig. Es ist natürlich alles in Ordnung, was seine Papiere betrifft, ja mehr als in Ordnung, was seine theologischen Ausweise angeht.8 Aber — in seinem etwas naiven Begleitbrief sagt er einfach, er wolle für zwei bis drei Semester anrücken, es sei ein «heiliger Weg», den er da gehe, jedoch kein Wort wegen der finanziellen Möglichkeiten, irgendetwas selber beizubringen. Auch nicht die ausdrückliche Mittei|693lung, daß er wirklich nichts beibringen könne, es wird allerdings aus seinem Lebenslauf klar, daß er ganz leere Hände hat. Aber er stellt deswegen keine Frage, unterbreitet es gar nicht, sondern bittet einfach um «Gastfreundschaft». Nun steht die Sache so, daß unter diesen Umständen eine Abweisung des Gesuches in der Kommission sicher ist. Denn Freiplätze bestehen keine, außer sie seien durch irgendeine Hilfsstelle, z. B. Adolf Kellers europäische Zentrale9, gedeckt. Diese Zentrale kommt aber bisher ausschließlich armen Ungaren oder Rumänen oder Siebenbürgen oder dergleichem Volke zugute. Ich selber bin auch nicht in der Lage, Lackmann einfach die von ihm erwartete Hilfe zu geben, namentlich nicht für zwei oder drei Semester. Es kommt selbstverständlich immer vor, daß ich solchen deutschen Studenten irgendwie beispringe. Aber die Sache ist gewöhnlich so, daß sie etwas weniges selber aufbringen und ich für den Rest zu sorgen suche. Ich habe da schon einige so auf mir liegen. So jenen Böhm aus Frankfurt, der auch irgendwie über dich und Heiner an mich kam10, oder bisher den jungen Bultmann. Die Frage ist nun die: kann Lackmann aus Deutschland wirklich gar rein nichts flüssig machen? Der normale Pensionspreis in Alumneum ist natürlich viel zu hoch, er beträgt um 600 Fr. pro Wintersemester, aber er kann weit ermäßigt werden bis etwa zur unteren Grenze von 300 Fr., was ja dann, wenn man die Länge des W.S., Heizung usw. in Betracht zieht, wirklich nicht mehr zu viel ist. Und natürlich ist Kolleggelderlaß leicht zu erhalten. Vom 2. Baslersemester an kommt auch ein bescheidenes Stipendium in Betracht. Etwas kann ich natürlich auch für ihn tun. Nur wird es nicht möglich sein, gerade die ganze Summe ihm zuzuschieben. Ich habe sonst noch viel Geld immer wieder aufzutreiben für richtige Armenfälle. Eben diesen Winter hängt mir ein Mann an, für den ich in einer Trinkerheilstätte 400 Fr. sollte flüssig ma|694chen. Die Frage ist nun diese: sollte man vielleicht an Adolf Keller in Genf gelangen und ihn fragen, ob er für solche Fälle aus der Bekenntniskirche auch irgendwie Zuschüsse geben kann? Es müßte sozusagen eine prinzipielle Anfrage an ihn gerichtet werden, nicht nur für Lackmann. Willst du unter Umständen als geistiger Vater dieser Ausgestoßenen einmal an Keller schreiben? Oder sollte das von Oeynhausen11 aus geschehen? Es wäre sicher das richtigere, als wenn ich es tue. Er würde mir wohl einfach den Fall zuschieben zu Handen der Basler. Und da geht es nicht so einfach, wie ich dir eben dargelegt habe. Auch die Bekenntniskirche selbst müßte unter Umständen dazu übergehen, an solche Studenten Stipendien auszurichten. Und vielleicht müßte eben dazu das von Peter zu sammelnde Geld herbeigezogen werden.12 Viel|695leicht überlegst du alle diese Möglichkeiten und schreibst mir, sobald es geht, ein paar Worte. Die Sitzung des Alumneums wird bald stattfinden.13 Und bis dahin sollte ich wenigstens grundsätzlich ein wenig klar sehen. Ich verstehe es nicht ganz, daß Lackmann selber so gar nichts mitüberlegt hat von dieser Seite der Sache. Er konnte sich doch nicht vorstellen, daß man einfach umsonst in der Schweiz hereinsitzen14 kann. Ich kenne ihn nun ja. Aber ich weiß von anderen Beispielen her, daß solche Briefe einen unguten Eindruck erwecken. Man fühlt sich in der Kommission so ein wenig ausgebeutet oder hereingelegt und weist dann von vornherein ab. Er hätte mindestens es offen darlegen, als Not aussprechen und fragen sollen, ob es irgendwie eine Möglichkeit gebe, ihm zu helfen. Nochmals: hältst du es für ganz ausgeschlossen, daß er irgendeinen bescheidenen Beitrag auch aufbringt, irgendein Sümmlein, das er vielleicht jetzt in den Ferien aus seinen Diensten bei dem Pfarrer, bei dem er jetzt sitzt, ersparen konnte?
Eben hatte ich ein Gespräch mit dem Basler Nachrichten-Oeri. Nicht wegen seiner Zeitung, sondern wegen eines Notbundpfarrers, namens Fritz Gerlach. Der ist ein Freund seines künftigen Schwiegersohnes Feldges und ist im Brandenburgischen auf die Straße gesetzt worden. Er ist jungverheiratet, und seine Frau erwartet ein Kind. Er erhält vom Notbund glaub’ pro Monat etwas. Aber Oeris wollen ihn und seine Frau nun für einige Zeit bei sich aufnehmen.15 Und jetzt fragte Oe|696ri, ob ich meine, daß es eine Möglichkeit gebe, den Mann in der Schweiz unterzubringen. Ich halte es nicht einfach für ausgeschlossen, es sei denn, er ist ein ganz unnahbarer Preuße. Aber leicht wird es nicht halten. Und sicher ist es natürlich ganz und gar nicht. Wir werden zusehen müssen. Dieser Gerlach soll sich nun auch auf dich berufen haben. Kennst du ihn? Hat er wohl in Bonn studiert?16 Kannst du ihn wohl empfehlen? Solche Fälle werden sich nun so häufen, daß man nicht mehr weiß, wie helfen. Auch da müßte vielleicht das in der Schweiz zu sammelnde Geld bereitgestellt werden.
Und das ist nun das zweite, das ich von Oeri erfuhr: die Zeitung hat für das Unglück im benachbarten Buggingen 12.300 Fr. gesammelt.17
|697 Aber denk an, sie kann das Geld nicht abliefern, weil die Nazzi sagen, sie wollen es in eine Stiftung werfen zur Erziehung der Kinder der Verunglückten. Die Zeitung aber will mit Recht diese Erziehung nicht finanzieren, sondern möchte das Geld direkt an die Hinterbliebenen zu deren eigener Verwendung verteilen und darf das nicht. Das heißt: niemand will oder darf dieses Geld entgegennehmen! Da wird es allerdings gut sein, wenn man sich auch für die Schweizersammlung irgendwie im voraus sichert. Doch wie wird das möglich sein? Das politische Departement wird sich an den Katholiken Dinichert in Berlin wenden.18 Und der wird sich nicht sehr heftig einsetzen.
Und das dritte war, daß Oeri aus einem deutschen Pressedienst her wußte, daß Koch19 im Rheinland den Eid für die Pfarrer dadurch «möglich» machen möchte, daß er den Hitlerschwur aus dem Kircheneid herauslöst und dieses Gelöbnis zu Hitler als politischen «Beamteneid» durch die Pfarrer möchte schwören lassen, dagegen den Eid an die Reichskirchenleitung verweigert.20 Doch wußte Oeri selber nicht sicher, |698 ob dies mehr nur eine Vermutung des Pressedienstes sei oder wirklich der Wahrheit entspreche. Also benutze die Meldung mit Vorsicht.
Das Leben geht unaufhaltsam weiter. Man sollte sich alle 8 Tage sehen können! Ich hoffe im Stillen, daß ich am nächsten Montagabend doch noch schnell aufs Bergli gelange, um Marguerite abzuholen. Und daß wir uns also noch kurz allerdings nur sehen! Du kannst dir also den Brief noch sparen, bis es klar wird, ob ich kommen kann oder nicht. Im schlimmsten Falle führest du vielleicht mit Marguerite noch rasch in die Stadt am Abend, so daß wir uns am Bahnhof noch ein Stündlein sähen. Ich telefoniere auf alle Fälle von Zürich aus am Abend, wie es bei mir steht. Ich habe ein kleines Vorträglein und eine daran anschließende Aussprache zu bestehen.21
Heute ist Lili Simon nach Paris verreist. Sie hat ihr Geld nun doch noch erhalten, was sie natürlich sehr freute.22 Die «Anstrengungen» des Bergli hat sie mit einem längeren Schlafe abreagiert. Aber sie war richtig erfüllt von allem dort oben Erlebten.
Sei mit Lollo und sei mit Ruedis vielmal und herzlich gegrüßt. Marguerite wird also am Montag vormittag eintreffen.
Heiner, bei dem Lili S. gestern zu Nacht aß, ist nicht recht zufrieden mit deinem Vortrag über den «Zeugen». Er meint scheints, da werde wieder nur der «Prediger» als Zeuge gemeint sein. Und von mir brachte er aus zurückliegenden Diskussionen auch wieder Formulierungen vor, die nichts seien. So daß ich vermuten muß, es habe sich bei ihm neuer|699dings Essig angesammelt über die Ferien, dessen Schärfe vor anderen wieder mir zugedacht ist. Er ist wirklich kein ganz leichter «Bruder»!