30. August 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Da sitze ich wieder in meinem Gehege. Wenn der Chrysler einen einmal am Bahnhof Zürich ausgespieen und der Basler Zug aufgenommen hat, dann ist es mit der Ferienherrlichkeit rasch zu Ende. Das hast du ja auch schon erfahren. Es wird so sein müssen. Ich bin aber für meinen Abschluß auf dem Bergli wieder sehr froh und dankbar geworden. Das Schlimme bei uns hier herum ist nicht dies oder jenes Einzelne, was an Ungutem sich vollzieht in Kirche und Theologie, sondern die allgemeine Harmlosigkeit, von der man rings umgeben ist, die Manöverluft, in der man atmet. Du kommst aus dem Graben, wir sind in der Etappe. Und es ist mir ziemlich einerlei, über was ich mit dir reden oder besser dich vernehmen konnte — ich habe dir einfach zugehört und im Zuhören etwas von jener anderen Luft geatmet, den deutschen Wind und Sturm. Nicht daß du selber für Wind und Sturm sorgen mußtest, die Zeiten sind ja vorüber, und es ist schon etwas an jener an dir von Lili Simon in der Châtaigneraie bewunderten Ruhe und «Abgeklärtheit» («Er hat irgendwie menschlich mächtig hinzugewonnen!»), es ist ja draußen schon von selber Krach genug, aber eben du kommst von daher und stehst mitten drin, hast alles auszuhalten und durchzutragen, nun, und das führt dazu, daß du mehr als je in den Zeugenstand versetzt wirst als die einzige Möglichkeit, die übrig bleibt, in allem, was du sagst und tust. Ich könnte — du siehst — wirklich auch meinerseits über dich ein kleines Vorwort schreiben, wenn es sein müßte. Treib’s auf alle |691 Fälle mit dem meinen1 nicht zu bunt! Es ist kein Anlaß dazu da. Ich bin, was mich betrifft, sehr nachdenklich vom Bergli geschieden. So wenn ich etwa an den doch ganz offenbar eben noch zu etappenmäßigen Konfirmandenunterricht denke. Sehen wir zu, wie alles weiterhin ein wenig besser, ein wenig geschärfter zu machen ist. Man kann ja weder aus seiner Haut noch aus seiner Situation. Aber wie sagt der Lukas? «wenigstens» — ja, wenigstens so wach bleiben, als immer möglich ist. Hilf mir weiter dazu! Du tust es ja auch. Und Lollo nicht weniger dadurch, daß sie mir treulich alles Erreichbare schickt. Ich bin sofort hinter das Studium der Konkordienformelnachschrift2 gegangen. Aber du kannst auch ganz zuversichtlich sein: dein Wort fällt auch sonst in der Schweiz herum durchaus nicht auf den Boden. Eben gestern erzählte mir mein Bruder von einem bereits ergrauten Bündnerpfarrer namens Grand in Sent3, der außer der Bibel nichts mehr anderes lese als Karl Barth und absolut intransigent dabei bleibe. Solche Gestalten hat’s sicher noch mehr, als man denkt. Daß die weiter gespiesen werden, wird ein Anliegen bleiben. Ich bin froh darum, daß die Sache von der Châtaigneraie herauskommt. Vielleicht wird auch der Vortrag von Vaumarcus erscheinen können.4 Und hoffentlich, hoffentlich bleibst du selber in Bonn am Steuer! Eben erzählt mir Staehelin von Piper, er sei dieser Tage hier in Basel, habe zwar für ein weiteres Jahr irgendeinen englischen Auftrag, sehe sich aber auch hierzulande um.5 Es ginge ja doch etwas in die Brüche, weniger für dich als für die deutsche Kirche, das ganze deutsche Feld, wenn du ausscheiden müßtest. Es wird auch da kommen, wie es muß. Und ich bin nicht unruhig, oder bei aller Unruhe irgendwie zuversichtlich.

692 Der Grund, weshalb ich schreibe, ist dies: heute morgen kam die Anmeldung von Lackmann6 fürs Alumneum7 in meine Hände. Und da steht es nun schwierig. Es ist natürlich alles in Ordnung, was seine Papiere betrifft, ja mehr als in Ordnung, was seine theologischen Ausweise angeht.8 Aber — in seinem etwas naiven Begleitbrief sagt er einfach, er wolle für zwei bis drei Semester anrücken, es sei ein «heiliger Weg», den er da gehe, jedoch kein Wort wegen der finanziellen Möglichkeiten, irgendetwas selber beizubringen. Auch nicht die ausdrückliche Mittei|693lung, daß er wirklich nichts beibringen könne, es wird allerdings aus seinem Lebenslauf klar, daß er ganz leere Hände hat. Aber er stellt deswegen keine Frage, unterbreitet es gar nicht, sondern bittet einfach um «Gastfreundschaft». Nun steht die Sache so, daß unter diesen Umständen eine Abweisung des Gesuches in der Kommission sicher ist. Denn Freiplätze bestehen keine, außer sie seien durch irgendeine Hilfsstelle, z. B. Adolf Kellers europäische Zentrale9, gedeckt. Diese Zentrale kommt aber bisher ausschließlich armen Ungaren oder Rumänen oder Siebenbürgen oder dergleichem Volke zugute. Ich selber bin auch nicht in der Lage, Lackmann einfach die von ihm erwartete Hilfe zu geben, namentlich nicht für zwei oder drei Semester. Es kommt selbstverständlich immer vor, daß ich solchen deutschen Studenten irgendwie beispringe. Aber die Sache ist gewöhnlich so, daß sie etwas weniges selber aufbringen und ich für den Rest zu sorgen suche. Ich habe da schon einige so auf mir liegen. So jenen Böhm aus Frankfurt, der auch irgendwie über dich und Heiner an mich kam10, oder bisher den jungen Bultmann. Die Frage ist nun die: kann Lackmann aus Deutschland wirklich gar rein nichts flüssig machen? Der normale Pensionspreis in Alumneum ist natürlich viel zu hoch, er beträgt um 600 Fr. pro Wintersemester, aber er kann weit ermäßigt werden bis etwa zur unteren Grenze von 300 Fr., was ja dann, wenn man die Länge des W.S., Heizung usw. in Betracht zieht, wirklich nicht mehr zu viel ist. Und natürlich ist Kolleggelderlaß leicht zu erhalten. Vom 2. Baslersemester an kommt auch ein bescheidenes Stipendium in Betracht. Etwas kann ich natürlich auch für ihn tun. Nur wird es nicht möglich sein, gerade die ganze Summe ihm zuzuschieben. Ich habe sonst noch viel Geld immer wieder aufzutreiben für richtige Armenfälle. Eben diesen Winter hängt mir ein Mann an, für den ich in einer Trinkerheilstätte 400 Fr. sollte flüssig ma|694chen. Die Frage ist nun diese: sollte man vielleicht an Adolf Keller in Genf gelangen und ihn fragen, ob er für solche Fälle aus der Bekenntniskirche auch irgendwie Zuschüsse geben kann? Es müßte sozusagen eine prinzipielle Anfrage an ihn gerichtet werden, nicht nur für Lackmann. Willst du unter Umständen als geistiger Vater dieser Ausgestoßenen einmal an Keller schreiben? Oder sollte das von Oeynhausen11 aus geschehen? Es wäre sicher das richtigere, als wenn ich es tue. Er würde mir wohl einfach den Fall zuschieben zu Handen der Basler. Und da geht es nicht so einfach, wie ich dir eben dargelegt habe. Auch die Bekenntniskirche selbst müßte unter Umständen dazu übergehen, an solche Studenten Stipendien auszurichten. Und vielleicht müßte eben dazu das von Peter zu sammelnde Geld herbeigezogen werden.12 Viel|695leicht überlegst du alle diese Möglichkeiten und schreibst mir, sobald es geht, ein paar Worte. Die Sitzung des Alumneums wird bald stattfinden.13 Und bis dahin sollte ich wenigstens grundsätzlich ein wenig klar sehen. Ich verstehe es nicht ganz, daß Lackmann selber so gar nichts mitüberlegt hat von dieser Seite der Sache. Er konnte sich doch nicht vorstellen, daß man einfach umsonst in der Schweiz hereinsitzen14 kann. Ich kenne ihn nun ja. Aber ich weiß von anderen Beispielen her, daß solche Briefe einen unguten Eindruck erwecken. Man fühlt sich in der Kommission so ein wenig ausgebeutet oder hereingelegt und weist dann von vornherein ab. Er hätte mindestens es offen darlegen, als Not aussprechen und fragen sollen, ob es irgendwie eine Möglichkeit gebe, ihm zu helfen. Nochmals: hältst du es für ganz ausgeschlossen, daß er irgendeinen bescheidenen Beitrag auch aufbringt, irgendein Sümmlein, das er vielleicht jetzt in den Ferien aus seinen Diensten bei dem Pfarrer, bei dem er jetzt sitzt, ersparen konnte?

Eben hatte ich ein Gespräch mit dem Basler Nachrichten-Oeri. Nicht wegen seiner Zeitung, sondern wegen eines Notbundpfarrers, namens Fritz Gerlach. Der ist ein Freund seines künftigen Schwiegersohnes Feldges und ist im Brandenburgischen auf die Straße gesetzt worden. Er ist jungverheiratet, und seine Frau erwartet ein Kind. Er erhält vom Notbund glaub’ pro Monat etwas. Aber Oeris wollen ihn und seine Frau nun für einige Zeit bei sich aufnehmen.15 Und jetzt fragte Oe|696ri, ob ich meine, daß es eine Möglichkeit gebe, den Mann in der Schweiz unterzubringen. Ich halte es nicht einfach für ausgeschlossen, es sei denn, er ist ein ganz unnahbarer Preuße. Aber leicht wird es nicht halten. Und sicher ist es natürlich ganz und gar nicht. Wir werden zusehen müssen. Dieser Gerlach soll sich nun auch auf dich berufen haben. Kennst du ihn? Hat er wohl in Bonn studiert?16 Kannst du ihn wohl empfehlen? Solche Fälle werden sich nun so häufen, daß man nicht mehr weiß, wie helfen. Auch da müßte vielleicht das in der Schweiz zu sammelnde Geld bereitgestellt werden.

Und das ist nun das zweite, das ich von Oeri erfuhr: die Zeitung hat für das Unglück im benachbarten Buggingen 12.300 Fr. gesammelt.17 |697 Aber denk an, sie kann das Geld nicht abliefern, weil die Nazzi sagen, sie wollen es in eine Stiftung werfen zur Erziehung der Kinder der Verunglückten. Die Zeitung aber will mit Recht diese Erziehung nicht finanzieren, sondern möchte das Geld direkt an die Hinterbliebenen zu deren eigener Verwendung verteilen und darf das nicht. Das heißt: niemand will oder darf dieses Geld entgegennehmen! Da wird es allerdings gut sein, wenn man sich auch für die Schweizersammlung irgendwie im voraus sichert. Doch wie wird das möglich sein? Das politische Departement wird sich an den Katholiken Dinichert in Berlin wenden.18 Und der wird sich nicht sehr heftig einsetzen.

Und das dritte war, daß Oeri aus einem deutschen Pressedienst her wußte, daß Koch19 im Rheinland den Eid für die Pfarrer dadurch «möglich» machen möchte, daß er den Hitlerschwur aus dem Kircheneid herauslöst und dieses Gelöbnis zu Hitler als politischen «Beamteneid» durch die Pfarrer möchte schwören lassen, dagegen den Eid an die Reichskirchenleitung verweigert.20 Doch wußte Oeri selber nicht sicher, |698 ob dies mehr nur eine Vermutung des Pressedienstes sei oder wirklich der Wahrheit entspreche. Also benutze die Meldung mit Vorsicht.

Das Leben geht unaufhaltsam weiter. Man sollte sich alle 8 Tage sehen können! Ich hoffe im Stillen, daß ich am nächsten Montagabend doch noch schnell aufs Bergli gelange, um Marguerite abzuholen. Und daß wir uns also noch kurz allerdings nur sehen! Du kannst dir also den Brief noch sparen, bis es klar wird, ob ich kommen kann oder nicht. Im schlimmsten Falle führest du vielleicht mit Marguerite noch rasch in die Stadt am Abend, so daß wir uns am Bahnhof noch ein Stündlein sähen. Ich telefoniere auf alle Fälle von Zürich aus am Abend, wie es bei mir steht. Ich habe ein kleines Vorträglein und eine daran anschließende Aussprache zu bestehen.21

Heute ist Lili Simon nach Paris verreist. Sie hat ihr Geld nun doch noch erhalten, was sie natürlich sehr freute.22 Die «Anstrengungen» des Bergli hat sie mit einem längeren Schlafe abreagiert. Aber sie war richtig erfüllt von allem dort oben Erlebten.

Sei mit Lollo und sei mit Ruedis vielmal und herzlich gegrüßt. Marguerite wird also am Montag vormittag eintreffen.

Dein
Eduard

Heiner, bei dem Lili S. gestern zu Nacht aß, ist nicht recht zufrieden mit deinem Vortrag über den «Zeugen». Er meint scheints, da werde wieder nur der «Prediger» als Zeuge gemeint sein. Und von mir brachte er aus zurückliegenden Diskussionen auch wieder Formulierungen vor, die nichts seien. So daß ich vermuten muß, es habe sich bei ihm neuer|699dings Essig angesammelt über die Ferien, dessen Schärfe vor anderen wieder mir zugedacht ist. Er ist wirklich kein ganz leichter «Bruder»!

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 640, Anm. 3.↩
2
Protokolle zum Seminar über die Theologie der Konkordienformel im SS 1934 (Heft im Karl Barth-Archiv).↩
3
Jon Grand (1875–1959), 1899–1951 Pfarrer in Sent (Kanton Graubünden).↩
4
Barths Vortrag «Der Dienst am Wort Gottes», gehalten vor einer Pfarrerversammlung in Vaumarcus (Kanton Neuenburg) am 11.9.1934 und vor der Pfarrerkonferenz in Pratteln (Kanton Basel-Landschaft) am 12.9.1934, erschien unter demselben Titel als Heft 13 (München 1934, S. 4–22 📖; und in: Th.Fr.u.A., S. 197–213 📖).↩
5
Otto A. Piper lehrte nach seiner Entlassung auf Grund von § 4 des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 📖» am 30.9.1933 seit 1934 als Gastprofessor zunächst in Swansea, dann als a.o Professor in Bangor an der University of Wales.↩
6
Max Lackmann (geb. 1910) war in seinem vierten Studiensemester an der Bonner Universität durch das Erscheinen des von ihm verfaßten Heftes «Wohin, Herr, sollen wir gehen» (ThExh 11) 📖 (s. Anm. 8) sowie durch seine Weigerung, der nationalsozialistisch geführten Theologischen Fachschaft beizutreten und einen Fragebogen der «Deutschen Studentenschaft» auszufüllen, in Schwierigkeiten geraten, die u. a. zu seinem Ausschluß aus der «Deutschen Studentenschaft», der «Studienstiftung des deutschen Volkes» und der «Bonner Studienstiftung» geführt hatten. Damit fehlte ihm in Deutschland rechtlich und finanziell die Grundlage für die Fortsetzung seines Studiums, das er nach zwei weiteren Semestern in Basel (WS 1934/35 und SS 1935) beendete, finanziell unterstützt von der Bekennenden Kirche Westfalens und des Rheinlands sowie der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt. Als Vikar und Hilfsprediger der Bekennenden Kirche war er mehrfach für kürzere Zeit in Haft, 1941 Verhaftung nach einer Predigt, in der er die Euthanasie als Mord bezeichnete, und bis 1945 im Konzentrationslager Dachau; 1946–1948 Pfarrer in Buren (Westfalen), nach einem Lehrbeanstandungsverfahren mit folgender Amtsenthebung wegen seines Einsatzes in der 1954 von ihm, H. Asmussen u. a. begründeten Bewegung «Die Sammlung» für eine «Erneuerung der der protestantischen Kirche durch den Anschluß an die katholische Kirche» weiterhin Aktivitäten in dieser Richtung (briefliche Auskunft von Herrn W. Günther, Landeskirchliches Archiv Bielefeld, vom 4.8.1999).↩
7
Während seiner Basler Studienzeit wohnte Lackmann im Alumneum. Barth hatte einen Begleitbrief zu seiner Bewerbung verfaßt, in dem er zu berücksichtigen bat, daß die Studentenschaft seit Erscheinen von Lackmanns Schrift versuche, ihm das Studium in Deutschland unmöglich zu machen (Brief vom 22.7.1934 an den Hausvater des Alumneums, J. Wirz). Lackmann hatte Barth am 10.8. zuversichtlich geschrieben, er müsse zwar noch etliche Papiere nachreichen, «Aber ich glaube, es geht alles gut».↩
8
Vgl. M. Lackmann, Herr, wohin sollen wir gehen? Ein Wort eines evangelischen Theologiestudenten an seine Kommilitonen (ThExh 11), München 1934, S. 5–48 📖, mit einem Geleitwort K. Barths vom 27.5.1934, a.a.O., S. 3f. Die Schrift führte zu einer Beschwerde Pfennigsdorfs bei Kultusminister Rust gegen Barth; vgl. Prolingheuer, S. 22f 📖. Die von Prolingheuer geäußerte Vermutung, diese — auf den 21.6. datierte — Beschwerde sei der unmittelbare Anlaß für die am 24.7. erfolgte Beschlagnahme u. a. der ThExh-Hefte im Kaiser Verlag gewesen, erscheint angesichts des zeitlichen Abstands nicht zwingend.↩
9
A. Keller war 1922–1945 Generalsekretär der (ebenso lange bestehenden) Europäischen Zentrale für kirchliche Hilfsaktionen, die 1928 von Zürich nach Genf verlegt worden war. Sie zahlte fast in jedem Semester mehreren osteuropäischen Studenten Teilstipendien aus (vgl. Korrespondenz in der Mappe «Hilfswerke Europäische Zentrale für kirchliche Hilfsaktionen» im Basler Staatsarchiv; Privatarchiv Theologisches Alumneum). Zu Struktur und Arbeit der Zentralstelle in der ersten Hälfte der 30er Jahre vgl. E. van Herck, Die sozialen Ökumeniker. Adolf Keller, Charles Macfarland und die internationalen Organisationen der Zwischenkriegszeit, Zürich 1997, S. 82–98.106-115. 📖 ↩
10
Hans Böhm (näheres konnte nicht ermittelt werden).↩
11
In Bad Oeynhausen, dem Sitz des westfälischen Landeskirchenamtes, befand sich, seit Präses K. Koch am 11.4.1934 die Leitung des «Aktionsausschusses aller um die Reinerhaltung der evangelischen Kirche kämpfenden Kräfte» übernommen hatte, die gemeinsame Zentrale u. a. des «Bruderrates der Bekenntnissynode» und ihres theologischen Ausschusses; vgl. Scholder II, S. 113. 📖 ↩
12
Im Namen der theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern hatte P. Barth zusammen mit A. Barraud und D. Scheuner seine Schweizer Kollegen oder andere Gemeindeglieder im Juli 1934 dazu aufgerufen, oppositionelle deutsche Pfarrer und ihre Frauen durch Aufnahme in den Ferien zu unterstützen, damit sie «einmal aus der seelischen Spannung» herauskämen, «in die sie durch die herrschenden Verhältnisse versetzt sind.» Vgl. KBRS, Jg. 90 (1934), S. 239 📖; Kaiser, S. 292f., Anm. 14 📖 (mit Zitaten aus P. Barths Aufruf); vgl. auch den Artikel «Ferienaktion zugunsten von Pfarrern und Pfarrfrauen der deutschen kirchlichen Opposition», in dem P. Barth auf bereits geglückte Vermittlungen verwies und um weitere Angebote oder Spenden bat (in: Der Kirchenfreund. Blätter für evangelische Wahrheit und kirchliches Leben, Jg. 68 [1934], Nr. 20 vom 4.10.1934, S. 319 📖). — Der Plan einer schweizerischen Unterstützung in Not geratener bekenntniskirchlicher Studenten, Pfarrer und Kandidaten wurde im September weiterverfolgt. Am 22.9.1934 erkundigte sich Thurneysen bei P. Barth nach dem Stand seiner Überlegungen zu der «Sache mit der Geldsammlung für die Bekenntnisfront» und berichtete von ersten Kontakten Koechlins mit Präses Koch. Thurneysen selbst lag vor allem an der «Unterstützung von Studenten der Bekenntnisfront, die in Deutschland nicht mehr studieren können, wie z. B. Lackmann einer ist. Auch junge Pfarrer sind wieder da, die einfach herausgeschmissen sind und nun bei uns in Basel sitzen, um irgendwie irgendwo unterzukommen. … Es sind sehr tüchtige und gefreute Leute — aber freilich wie helfen? » (Brief vom 22.9.1934, im Besitz von Pfr. i.R. S. Barth). Am 15.10. fand in Olten eine von A. Koechlin präsidierte Besprechung über die Möglichkeiten und Bedingungen einer schweiz-weiten Untersrützungsaktion statt, an der u. a. auch P. Barth, Brunner und Thurneysen teilnahmen (Protokoll im Karl Barth-Archiv).↩
13
In ihrer Sitzung am 25.9.1934 beschloß die Alumneumskommission, der für die 13 freien Plätze 17 Bewerbungen vorlagen, Lackmann zum WS 1934/35 ins Alumneum aufzunehmen und ihm eine Reduktion des Kostgeldes zugute kommen zu lassen. Den Anteil dieser Summe, den Lackmann nicht selber aufbringen könne, werde E. Thurneysen übernehmen (Protokolle der Alumneumskommission 1914–1936, S. 164; Staatsarchiv Basel-Stadt)↩
14
D. h. selbstverständlich Ansprüche stellen.↩
15
Friedrich Gerlach (1907–1984), seit seiner Ordination im März 1934 Mitglied des Pfarrernotbundes, war, wie er 1945 rückblickend schrieb, im Juni «wegen meines Widerstandes gegen die Nazi-Kirchenregierung von dem Landrat des Kreises Crossen (Oder) die Ausübung meiner Pfarrtätigkeit in der Gemeinde Eichberg untersagt und, da ich mich dem Terror nicht fügte, während einer Trauung in der Kirche verhaftet, in Schutzhaft gebracht, [am 4.7.1934] von der Gestapo aus dem Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder ausgewiesen und vom Nazi-Kirchenregiment aus dem Dienst der Landeskirche entlassen» worden (Zitat aus Fr. Gerlachs Beantwortung eines Fragebogens vom 30.10.1945). Die Verhaftung erfolgte offenbar mit gezogener Pistole (vgl. J. Schmidt, Martin Niemöller im Kirchenkampf [Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte 8], Hamburg 1971, S. 253 📖). Gerlachs Strafanzeige gegen den Gendarmerie-Oberwachtmeister, der ihn verhaftet hatte, wurde trotz des Zugeständnisses eines Fehlverhaltens abgewiesen mit der Begründung, dem Beamten sei wegen der «im großen und ganzen für den einzelnen nicht verständlich[en]» Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche sein Irrtum nicht vorzuwerfen, und seine verantwortlichen Vorgesetzten gingen straffrei aus, weil sie aus «Übereifer im Kampfe für den natsoz. Gedanken» gehandelt hätten (Gauger II, S. 375 📖). Bis zu seiner Berufung als Pfarrer der Bekennenden Kirche nach Landsberger-Holländer bei Landsberg im März 1935 war Gerlach ohne Anstellung und wurde vom Pfarrernotbund unterstützt. In der Zwischenzeit bemühte er sich zunächst in Hannover, München und Stuttgart um eine Pfarrstelle, wurde aber wegen der polizeilichen Ausweisung abgewiesen. Seine Suche nach einem Schweizer Pfarramt mußte er wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg, aus Geldmangel und angesichts des nahenden Geburtstermins im Oktober 1934 abbrechen. Seine Frau Ellen, geb. Hartleb (1911–1984), die 1935 ihr Examen als Lehrerin und Erzieherin ablegte, brachte am 26.10.1934 ihr erstes Kind, Michael, zur Welt. (Angaben und Dokumente zu Personen und Ereignissen verdanke ich Pfr. M. Gerlach [Briefe vom 23.8. und 3.9.1993].)↩
16
Fr. Gerlach, der sich als Barths Schüler betrachtete, hatte diesen am Abend des 31.10.1933 bei einem Gespräch in einem Kreis theologisch interessierter Laien um seinen Vikarsmentor Praetorius, Pfarrer in Berlin-Lichterfelde, getroffen. Barths Kommen ging auf Gerlachs Initiative zurück. In drei Briefen (vom 3.7., 8.8. und 1.10.1934) schilderte Gerlach selber Barth seine Lage.↩
17
Am 7.5.1934 waren bei einem Brand im Schacht des Kalibergwerks im badischen Buggingen die 86 Bergleute der Frühschicht umgekommen. Der Leiter des Amtes für Volkswohlfahrt der NSDAP im Gau Baden, Fritz Argus, rief am 9.5. zu einer Sammlung zugunsten der 65 Witwen und 107 Kinder unter 15 Jahren auf. In Absprache mit dem Bugginger Bürgermeister konnten Spenden für die Hinterbliebenen der Opfer nur auf die Konten der NS-Volkswohlfahrt eingezahlt werden, die einen Ausschuß gebildet hatte, «damit die Hilfe für die Betroffenen im nationalsozialistischen Sinne durchgeführt werden» könne (Abdruck des Aufrufs in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Jg. 78 [1934], Nr. 235 vom 10.5.1934, S. 3 📖). Die Basler Nachrichten 📖 berichteten ausführlich über das Unglück und riefen schon am 8.5. zu einer Sammlung für die «Katastrophengeschädigten» auf. Vgl. verschiedene Artikel unter der Sammelüberschrift Große Grubenkatastrophe im badischen Kalibergwerk Buggingen, in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 124 vom 8.7.1934, 1. Beilage 📖 (darunter der Spendenaufruf: Sammlung der ‹Basler Nachrichten› für die Katastrophengeschädigten); Zur Bugginger Grubenkatastrophe, a.a.O., Nr. 125 vom 9.5.1934, 1. Beilage 📖; Trauerfeier in Buggingen, a.a.O., Nr. 126 vom 11.5.1934, 1. Beilage 📖 (darin Teilabdruck des NS-Spendenaufrufs und Erinnerung an die Aktion der Basler Nachrichten).↩
18
«Politisches Departement» war die damalige Bezeichnung des schweizerischen Außenministeriums. — Paul Dinichert (1878–1954) war nach diplomatischen Posten in London, Paris, Bern und Südamerika seit Juni 1932 bis 1938 schweizerischer Gesandter in Berlin.↩
19
Karl Koch (1876–1951), 1916–1949 Pfarrer in Bad Oeynhausen, seit 1927 zugleich Superintendent in Vlotho und Präses der westfälischen Provinzialsynode (auch nach deren Neukonstituierung als freie Synode), von Mai 1934 an Präses der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche und Vorsitzender des Reichsbruderrates, 1945–1949 Präses der westfälischen Kirche.↩
20
Sowohl der Reichsbruderrat als auch der Pfarrernotbund hatten in offiziellen Verlautbarungen den kirchlichen Diensteid (vgl. oben S. 682, Anm. 8) abgelehnt, einen staatlichen Eid auf Hitler jedoch für möglich erklärt. Auf Grund des anhaltenden Widerstands gegen das Kirchengesetz legte die Reichskirchenregierung am 13.9.1934 in der «Verordnung über die Vereidigung der kirchlichen Beamten» fest: «Die kirchlichen Beamten sollen jetzt vereidigt werden bis zum 21. September gemäß den Vorschriften, die für öffentliche Beamte gelten…» (vgl. Gauger II, S. 282–285.308 📖; Zitat dort S. 308). Zu den Auseinandersetzungen über das «Kirchengesetz über den Diensteid der Geistlichen und Beamten» vgl. Scholder II, S. 291f. 📖; Meier I, S. 217 📖. Ein zusätzlicher besonderer Vorstoß Kochs für das Rheinland konnte nicht ermittelt werden.↩
21
Auf einem vom 3. bis 7.9.1934 dauernden Pfarrfrauenkurs sprach Thurneysen über Taufe und Abendmahl (genauer Titel unbekannt; Manuskript nicht erhalten); vgl. Kirchenbote für den Kanton Zürich. Ausgabe für die Kirchgemeinde Aussersihl, Nr. 10 vom Oktober 1934, S. 77 📖.↩
22
Trotz Vorliegens der erforderlichen Bewilligungen hatte L. Simon die Überweisung ihres Vaters für den laufenden Monat am 21. August noch nicht erhalten. Sie war dadurch zwar nicht in direkter Verlegenheit, doch da sie sowohl in der Schweiz als auch — «nichtarischer Weise» — in Deutschland keine Arbeitsbewilligung erhielt, und nun auch die väterliche Unterstützung auszubleiben schien, wurde sie unruhig im Hinblick auf die Zukunft (nach einem Brief L. Simons an Ch. von Kirschbaum vom 21.8.1934; vgl. oben S. 664, Anm. 22).↩