13. September 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

699
Lieber Karl,

Es war doch eine ausgezeichnete Sache um dein Kommen nach Pratteln.1 Wir sind alle, soweitherum ich sehen und hören kann unter der Schar der «Gerechten», einfach bestärkt, getröstet und ermahnt und darum beglückt durch diesen Nachmittag. Der Vortrag war eine selten gedrängte, substantielle und doch ganz und gar luzide und, ich muß einfach sagen, in einem ganz eigenen Licht leuchtende Sache: wahrscheinlich hat der so enge Anschluß an die biblischen Texte2 alles mehr nur Vortragshafte ganz ausgelöscht, und dazu der Hintergrund der deutschen Kämpfe und Leiden, der, ohne als solcher hervorzutreten, doch spürbar dastand. Und du hast auch alles eindringlich und dich selber dahinterstellend vorgebracht: ich habe an gewissen Gesichtern während deines Redens gesehen, wie gespannt und mitgenommen zugehört worden ist. Zudem ist das Volk ja wirklich aufgerückt — es ist sicher etwas «passiert», wie Emilius zu sagen pflegt und wie wir’s lieber nicht sagen, wenn’s auch noch so wahr ist. Für dich war es richtig ein Opfer, Lukas hatte recht damit — denn eigentlich hättest du mehr als Grund gehabt, auf dem Bergli nach Vaumarcus einen Tag auszuruhen, bevor du dich wieder Brunner zuzuwenden3 hattest. Hab also doppelten Dank für das Getane! Marguerite ist ganz besorgt wegen deines wirklich nicht brillanten Aussehens zurückgefahren. Was waren deine Ferien? |700 weithin ein Gewühl von Menschen, das dich auch auf dem Bergli umwogte — laß dir jetzt sicher mit und nach der Italienfahrt4 noch Ruhe, Ruhe, Ruhe! Nichtstun, Pfeifenrauchen, ein Gänglein, ein Romänlein, lange Nächte — es wird nachher des Gewühls erst recht wieder genug werden. Mich hat’s gedauert, daß die Diskussion nicht besser ausgefallen ist. Ach diese Fragen! Ach der wirklich sich selber so unheimlich treu bleibende Plauderi5 von Goetz, der allerdings diesmal sicher in seinem dummen Gelächter für sich allein geblieben ist! Ach die Oxfordleute! Ich hätte es so gern gesehen, wenn einer oder der andere deiner Schüler mit einem kleinen Wort des guten Echos sich eingestellt hätte. Es ist sicher gut bestellt um sie, die Frey, Eberhard, Meier6, und wie sie heißen, aber sie wagen’s noch nicht, in deiner Gegenwart herauszutreten. Und daß alle die Fragen einmal gestellt werden konnten, daß das einszwei von Lehre und Leben wirklich in aller Form an den Tag kam, um in der verdienten Versenkung zum Verschwinden gebracht zu werden, war sicher nötig und gut. Reuen muß dich dieser Nachmittag in diesen unteren Gefilden ja nicht. Uns war er eine Hilfe und Ermutigung.

Deutschland — heute war der junge Pfarrer Gerlach bei mir, den sie irgendwo im Osten vom Altar weg verhaftet haben. Er kam direkt von Wurm, weil er alle Möglichkeiten, in Deutschland seinen Weg zu gehen, ausnützen wollte — aber augenblicklich hat er wirklich keine. Wurm konnte ihm unter den augenblicklichen Umständen gar nichts zusichern. Nun sitzt er mit seiner Frau, die ein Kindlein erwartet, auf der Straße, der Notbund hilft ihm einigermaßen, er wird irgendwie versuchen, in der Schweiz seinen Weg zu gehen — aber ob’s gelingt? Es ist auch das mehr als unsicher. Hartenstein war heute in Bern bei Weizsäcker, um mit ihm zu beraten wegen der Missionsüberweisung Wurms7. |701 Weizsäcker sagte ihm 1. er sehe die Sache juristisch für ganz unanfechtbar an, aber es sei doch sehr ernst und gefährlich wegen der Ausschlachtungsmöglichkeit durch die D. C. 2. Die Mission solle so lang als möglich im Hintergrund bleiben, sich nicht weiter dazu äußern, um nicht unter das qui s’excuse s’accuse zu geraten. 3. Er wolle einen Bericht mit möglichster Empfehlung der Mission an das auswärtige Amt und das Innenministerium nach Berlin schicken, damit diese Stellen nicht nur durch den Reibi oder Jäger informiert würden. Wurm selber soll sehr ruhig und entschieden seinen Weg weitergehen. Er kann sein Amt nicht mehr betreten. Es ist besetzt, und er leitet seine Kirche von anderswoher.

Hier die Neuen Wege 📖, die du gelesen ruhig bei Seite werfen magst. Eine merkwürdige Sache um diese Offenbarung, die Ragazius an entscheidender Stelle darlegt!8 Ich lege dazu einen Artikel aus der «Arbei|702terzeitung 📖», der eine sonst von dieser Seite her nicht gewohnte Einsicht in die Lage aus sozialdemokratischer Feder darbietet.9 Er enthält auch sonst allerlei, was ich jedenfalls sonst noch nicht so gelesen habe. Endlich der beiliegende Brief aus Sárospatak10 — was ist dazu zu sagen? Es wäre sicher das Beste, der Mann dort würde in der Tat einfach deine Ethik11 ehrerbietig als solche vorlesen. Was könnten diese Leute Besseres hören? Aber andererseits, so rührend und bewegend auch dieser Eifer und diese Demut sind, es wird doch nicht gut gehen. Vor allem auch darum nicht, weil man nicht so sicher sein kann, daß der Mann nun in der Lage ist, deine Vorlesung wirklich auch zu vertreten, eventuellen Fragen, die sich da anknüpfen, standzuhalten und so etwas wirklich Sinnreiches darzubieten. Überdies könnte ich ihm nur die Ethik I leihen, weil ich von dem II. Heft kein Doppel mehr habe. Was soll ich ihm antworten? Noch schlimmer wäre allerdings, wenn er unter Verzicht auf dein Heft und, statt doch etwas eigenes zu wagen, etwa Emils Wälzer12 dort unten aufschlüge! Es passieren doch merkwürdige Dinge um dich herum!

Der Bettag naht! Ach — und ich muß dies Jahr wieder einmal den großen Schlag tun; Ich denke an Daniel 9 als Text.13 Wäre nur alles wieder für einmal hinter mir! Am Montag fahren wir dann nach Genf zu der kleinen Réunion mit der dortigen Gruppe — du wirst sicher die Ohren läuten hören. Denn sie kommen ja alle von Vaumarcus. Und die Zusammenkunft soll das von dir Gebotene noch etwas ins konkret Praktische des Amtes auszulegen suchen.

Fränzeli ist heute eine Einbahnstraße in verkehrter Richtung durch|703gefahren und erlitt deswegen eine Verhaftung. Das heißt, sie wurde auf den Posten geführt von ihrem polizeilichen Verfolger und gewärtigt nun ein hoffen wir gnädiges Polizeibüßlein. Und dies also nicht im Hitlerreich, sondern in der freien Schweiz. Sie spürte den Mann des Gesetzes hinter sich und suchte ihm noch zu entwischen, aber im Verkehr wurde sie von ihm ereilt, und als sie dann etwas von «Schuppo»14 stammelte, darüber belehrt, daß es das bei uns hier nicht gebe und daß man ihr nicht glaube, daß sie beim Pfarrer Thurneysen wohne. Erst die Rückfrage auf dem Kontrollbureau, die ihre Angabe bestätigte, ergab die Wiederfreilassung, die sie hochaufatmend entgegennahm. Wir dachten an Ruedis: man muß solche Sachen nicht unterstützen … es bleibt natürlich bei dieser Wahrheit, auch wenn sie diesmal nicht ganz richtig durchzuführen war.

Sei mit Lollo und Ruedis vielmal und herzlich gegrüßt! Bevor du endgültig unseren Boden verlässest — möchte es doch eine nochmalige Begrüßung geben irgendwo zwischen Basel und Bern! Ich sehe im Augenblick freilich keine Möglichkeit. Aber wer weiß?

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
L. Christs Einladung, einen Vortrag über ein selbstgewähltes Thema vor dem von ihm geleiteten Pfarrerkonvent in Pratteln zu halten (Brief an Barth vom 1.8.1934), hatte Barth zunächst abgelehnt (Brief vom 15.8.), dann aber Christs Drängen (Brief vom 17.8.) doch nachgegeben und diesen durch Thurneysen von seinem Kommen unterrichten lassen (Brief Christs an Barth vom 7.9.). Am 12.9.1934 wiederholte er vor der Pfarrerkonferenz auf deutsch seinen am 11.9. auf französisch gehaltenen Vortrag «Der Dienst am Wort Gottes» (vgl. oben S. 691, Anm. 4).↩
2
Barth entwickelt in dem genannten Vortrag seinen Gedankengang in fortlaufendem Anschluß an zahlreiche Stellen aus den Pastoralbriefen.↩
3
D. h. der Arbeit an der Schrift «Nein! Antwort an Emil Brunner» (s. oben S. 669, Anm. 8.).↩
4
Am 17.9.1934 brach Barth zusammen mit seinem Bruder Peter, seinem Sohn Markus und E. Wolf zu einer mehrtägigen Reise nach Florenz und Rom auf; vgl. Busch, S. 261 und Abb.49 📖.↩
5
= Schwätzer, Schwadroneur.↩
6
Vielleicht Wilhelm Gottfried Meyer (1903–1987), damals Pfarrer in Auenstein (Kanton Aargau), der nach Aussage seines dortigen Nachfolgers zu dieser Zeit «der eigentliche Barthianer unter den Meiers» (jeglicher Schreibweise) war (telephonische Auskunft von Pfr. W. Meyer [geb. 1909] vom 25.11.1999).↩
7
Unmittelbar nach Bekanntwerden einer Verordnung A. Jägers vom 3.9.1934, mit der die am 9.8. auf der Nationalsynode beschlossene Eingliederung der württembergischen Landeskirche durchgesetzt werden sollte, hatte der Finanzreferent des württembergischen Oberkirchenrates 230 000 Reichsmark aus einem Sonderfonds teils an die Basler Mission, teils an die Bekenntnissynode in Oeynhausen überwiesen, um die Gelder dem möglichen Zugriff durch die Reichskirche zu entziehen. Die Überweisung war rechtmäßig; die Empfänger wurden jedoch wegen befürchteter politischer Nachteile für die Landeskirche bereits am 6.9. zur Rücküberweisung aufgefordert. Trotzdem benutzte Jäger die Angelegenheit als Vorwand, um am 8.9. Wurm (und einige Oberkirchenräte) wegen Geldschiebereien zu beurlauben und die württembergische Landeskirche unter kommissarische Leitung zu stellen. Das Stuttgarter Landesgericht sprach Wurm, der am 14.9. beurlaubt, vom 15. bis 18.9. und wieder seit 6.10. mit Hausarrest belegt und am 10.10. für abgesetzt erklärt wurde, am 20.11.1934 vom Vorwurf der Veruntreuung frei. Vgl. Wurms Bericht über die Ereignisse vom 3. bis 13.9.1934 in: G. K. Schäfer, Die evangelische Landeskirche …, Bd. III, a.a.O. (S. 610, Anm. 11), S. 526–533 📖; Th. Wurm, Erinnerungen aus meinem Leben, Stuttgart 1953, S. 100 📖; zu den Ereignissen in Württemberg bis zum Scheitern der Maßnahmen vgl. G. K. Schäfer, a.a.O., S. 524–672; Gauger II, S. 322–360 (nur die linken Seiten) 📖; Hermelink, S. 139–153 📖; Scholder II, S. 311–315.324-327 📖; Meier I, S. 452–455. 📖 ↩
8
L. Ragaz, Das Erkalten der Liebe (Betrachtung über Mt. 24,12f.), in: NW, Jg. 28 (1934), S. 373–378 📖; s. dort S. 376f.: «Damals, als dieses Wort aufgeschrieben wurde, war das ‹Ende› der Sturz der alten Welt. Dieses Drama mußte sich entfalten, so wie es bildhaft im vierundzwanzigsten Kapitel des Matthäus steht. Diese Entfaltung mußte Offenbarung sein, zu dieser aber gehörte unerhörtes Wachstum der ‹Ungerechtigkeit›, gehörte politische und religiöse Not und Verwirrung furchtbarster Art. Aber das durfte nicht erschrecken. Darin lag ja auch die Verheißung: ‹Wenn ihr solches geschehen sehet, dann wisset, daß das Reich Gottes nahe ist.‹ … So ist die Sache Gottes überhaupt, so die Sache Christi und des Reiches Christi: Es muß sich offenbaren, um sich zu ‹vollenden›. Darum müssen … auch die Gegenmächte offenbar werden. Es muß die Veräußerlichung, die Verweltlichung, der Abfall, die Untreue ganz deutlich werden. Es müssen die Götzen sich offenbaren, um zu stürzen, und offenbaren können sie sich nur im Großwerden. Es muß das Heidentum noch einmal seinen Tag haben, um zu zeigen, was es kann. … Es darf der Antichrist sich zeigen. Ja, er ‹muß› es …!»↩
9
Wahrscheinlich: Deutschland von innen und außen, in: AZ, Jg. 14 (1934), Nr. 213 vom 12.9.1934, S. 1f. 📖 ↩
10
Nicht erhalten.↩
11
Auf R. Pestalozzis Veranlassung waren 1929 hektographierte Abschriften von Barths im SS 1928 und WS 1928/29 (und im SS 1930 und WS 1930/31) gehaltenen Vorlesungen Ethik I und II hergestellt worden; vgl. Ethik I, S. IX. 📖 ↩
12
E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen …, a.a.O. (S. 213, Anm. 6). 📖 ↩
13
Am 16.9.1934, dem eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettag, predigte Thurneysen über Hos. 6,1 (unveröffentlicht, Vervielfältigung im Karl Barth-Archiv).↩
14
Abkürzung für «Schutzpolizei».↩