15. September 1934

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

Karl wird nun bereits dem Süden zurollen, Peter und Markus an seiner Seite. Mögen es gute Tage für ihn werden — die deutschen Sorgen werden ja freilich doch nie ganz loszuwerden sein! Mit Karls freut man sich über Peters Entspannung; ich war vor 8 Tagen bei Lindts in Bern, |704 die von sich aus sehr offen über Peters Lage und Not2 sprachen. Hier ein paar gute Ausschnitte, alle aus der Nat. Ztg. und alle von dem gleichen O Korrespondenten3, der seine Sache stets ausgezeichnet macht. Willst du gelegentlich weitere haben? Laß uns auf alle Fälle auch deine Adressen in den kommenden Wochen wissen! Mir steht nicht klar vor Augen, wo du von Mal zu Mal sein wirst. Hoffentlich hast auch du nicht nur Sorgen und bei allem Alleinsein getroste Tage! Ein Abstecher zu uns hin kommt wohl nicht mehr in Frage?? Ich erhielt gestern eine trübe Nachricht über Gogarten von einem deutschen Theologen, der ihn im Juli in Tübingen reden gehört hatte4: es muß ein richtig herab|705gekommener Vortrag über das «neu zu schaffende» «Bekenntnis» gewesen sein, auch trieb sich G. in T. ausschließlich und taglang mit Leuten wie Rückert und Fezer herum, also D. C.-Leuten. — Pratteln war — von uns aus gesehen — ein selten guter Nachmittag, ob es auch Karl so empfunden hat? Für ihn war es eine Überleistung nach Vaumarcus!

Laß auch von dir hören, grüße Ruedis!
Dein
Eduard

Gelt, du schickst mir den Brief aus dem Balkan5 zurück, der vorgestern an Karl ging — ich sollte ihn beantworten.

Sachfußnoten

1
Die Datierung stützt sich auf die Erwähnung des «vorgestern» an Barth geschickten Briefes «aus dem Balkan» (s. Nachschrift), den Thurneysen seinem Schreiben vom 13.9.1934 an Barth beigelegt hatte (s. oben S. 702). Eine gewisse Unsicherheit bleibt jedoch, da Barth, den Thurneysen bei Abfassung seines Briefes schon unterwegs wähnte (s. Briefanfang), seine Reise nach Rom erst am 17.9.1934 antrat (vgl. oben S. 700, Anm. 4). Daß Ch. von Kirschbaum den vorliegenden Brief noch nicht kannte, als sie am 16.9.1934 an Thurneysen schrieb, spricht jedoch nicht gegen die oben vorgenommene Datierung, denn dessen Schreiben traf erst nach ihrem Aufbruch zu einer mehrtägigen Wanderung am 19.9. auf dem Bergli ein (vgl. unten S. 705, Anm. 1, und S. 706).↩
2
Eheproblemen von Peter und Helene Barth (nach mündlicher Erzählung von Herrn U. Barth; Auskunft von Dr. H. Stoevesandt vom 7.12.1999).↩
3
Welche Artikel Thurneysens Schreiben beilagen, konnte nicht ermittelt werden. In der ersten Septemberhälfte 1934 veröffentlichte die National-Zeitung (Jg. 92) sechs Artikel ihres mit einem Kreis zeichnenden Deutschland-Korrespondenten (fast immer auf dem Titelblatt): Komplott des Auslandes? (in der Rubrik «Aus dem Dritten Reich»), Nr. 403 vom 3.9. 📖; Ein Kaufmann aus Schanghai (Hamburg, Ende August), Nr. 406 vom 4.9. 📖; Drittes Reich ohne Zwang?, Nr. 412 vom 7.9. 📖; Das Fest ist zu Ende, Nr. 418 vom 11.9. 📖; Nürnberger Nachklänge (in der Rubrik «Aus dem Dritten Reich»), Nr. 422 vom 13.9. 📖; Der Kirchenkampf auf dem Höhepunkt (in der Rubrik «Aus dem Dritten Reich»), Nr. 425 vom 15.9., S. 2. 📖 Alle Beiträge lassen die kritische, ablehnende Haltung des Verfassers gegenüber dem nationalsozialistischen Staat erkennen. In zwei dieser Artikel nahm er zudem für die Bekennende Kirche Stellung. So heißt es z. B. in «Drittes Reich ohne Zwang?» (a.a.O.): «Das Schauspiel des Kampfes der evangelischen Kirche gegen den Staat und gegen die Vergewaltigung durch das Irdische ist groß. Pfarrernotbund und freie Bekenntnissynoden rehabilitieren Deutschland vor der ganzen Welt, sie ermutigen alle diejenigen, welche immer noch des festen Glaubens sind, daß selbst die rücksichtsloseste irdische Macht die Seelen auf die Dauer nicht vergewaltigen kann.» In seinem Artikel «Der Kirchenkampf auf dem Höhepunkt» vom 15.9. skizzierte der Korrespondent die bis dahin vergeblichen Maßnahmen zur «Gleichschaltung» der bayerischen, hannoverschen und württembergischen Landeskirche und deutete die Einführung des Amtseids auf Hitler in der Kirche (s. oben S. 682, Anm. 8) als ein Mittel, kirchlich-oppositionelle Pfarrer auf juristischem Weg abzusetzen. «Das eine freilich werden Staat und Staatskirchenorgane nicht verhindern können: daß die Ausgeschlossenen hingehen und die evangelische Kirchentrennung in Deutschland in aller Form endlich wahr machen und der offiziellen nationalsozialistischen und achristlichen deutschen Staatskirche die freie deutsche evangelische Kirche entgegenstellen» (a..a.O.).↩
4
Konnte nicht nachgewiesen werden. Zu Gogartens Position zur Frage des Bekenntnisses in dieser Zeit vgl. Das Bekenntnis der Kirche, mit zwei anderen Arbeiten zusammen erschienen in dem gleichnamigen Band (Jena 1934), S. 5–52. 📖↩
5
Vgl. oben S. 702, Anm. 10.↩