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An die Christen in Deutschland, Weihnachten

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An die Christen in Deutschland

Weihnachten 1941

Am 28.12.1941 fing der Schweizerische Rundspruchdienst um 19 Uhr 15 eine deutschsprachige Sendung der BBC aus England auf, in der «zum zweiten Mal die Weihnachtsbotschaft des berühmten Schweizer Theologen Prof. Karl Barth an die Deutschen verlesen» wurde, aus der «nach Störungen, die die Aufnahme des Anfangs verunmöglichten», mehrere Stellen festgehalten wurden.1 Die erste Übertragung der Botschaft scheint zu Weihnachten gesendet worden zu sein. Ein deutscher Emigrant in der Schweiz, dem Ch. von Kirschbaum Barths Text zugesandt hatte, wartete allerdings am Heiligen Abend vergeblich am Radio und hörte dann im Londoner Sender «neben anderen Zusprüchen an das unterdrückte Deutschland als Zuspruch von der evangelisch-reformierten Kirche nur Worte von Prof. Emil Brunner.»2

Barths Text war erst kurz vor Weihnachten über den britischen Generalkonsul Pyke in Basel nach England gelangt. Pyke hatte Barth eine Bitte von Bischof Bell übermittelt, der Barth sogleich nachgekommen war.3

322In England wurde der Text von der «Religious Division, Ministry of Information» im Dezember in englischer, im Januar in französischer Sprache gedruckt.4 Arthur Frey veröffentlichte den deutschen Originaltext am 31.12.1941 im Schweizer Ev. Pressedienst, mußte jedoch schon am 5.1.1942 eine «Mitteilung an die Redaktionen der Religiösen Blätter» geben: «Die Abteilung Presse und Funkspruch im Armeestab verbietet die Veröffentlichung der Weihnachtsbotschaften von Prof. Dr. K. Barth und Prof. Dr. E. Brunner, die wir am 31.12. publiziert haben.»

Gleichzeitig mit dem Verbot meldeten sich Schweizer Stimmen gegen Barth. Der Präsident des Schweizerischen Ev. Kirchenbundes, A. Koechlin, zeigte wenig Verständnis.5 Aus Aarau schrieb Dr. iur. Erich Zimmerlin, Mitglied des Zentralvorstands des «Schweizerischen Vaterländischen Verbandes», ans Zentralsekretariat in Zürich und teilte mit, er habe im englischen Rundfunk die Weihnachtsbotschaft Barths gehört und sei der Ansicht, sie entspräche «wohl kaum unseren Pflichten zur Neutralität.»6 Der Zentralsekretär Dr. A. Huber wandte sich umgehend an den Bundesanwalt, gab das Zitat des «prominenten Mitglieds unseres Zentralvorstands» weiter, kritisierte, «daß Karl Barth sich in den Dienst der englischen Propaganda stellt», lehnte «die Fortsetzung der neutralitätswidrigen Haltung» Barths ab und forderte den Bundesanwalt auf, der Angelegenheit seine «Aufmerksamkeit zu schenken und nötigenfalls auch dem Politischen Departement davon Kenntnis zu geben.»7 Das Sprachrohr der Schweizer National|323sozialisten, «Die Front. Nationales Kampfblatt der Schweiz», brachte einen Artikel «Beim ‹Barthe› des Propheten!», in dem die «beiden wegen ihrer ausgesprochen antideutschen Einstellung bekannten Gottesstreiter» verhöhnt wurden.8 Die Zeitung fragte, wie die Verbreitung der Weihnachtsbotschaften «mit den Geboten der Neutralität» der Schweiz in Einklang zu bringen wären. Pfarrer Hämmerli9 schrieb an seinen Freund von Steiger, er begrüße es, daß «der Bundesrat inskünftig die Zensur der Presse übernimmt. Besondere Aufmerksamkeit wäre dem evang. Pressedienst in Zürich zu widmen. […] Ist es übrigens wahr, daß Barth und Brunner durch den Sender London zu den Christen Deutschlands gesprochen haben? Diese ‹Kinder› spielen wahrhaftig mit dem Feuer! Es ist Zeit, daß man ihnen die Zündhölzchen aus der Hand schlägt.»10

Bundesrat von Steiger, Leiter des Justiz- und Polizeidepartements und seit dem 30.12.1941 auch Leiter der Abteilung Presse und Funkspruch, ließ Hämmerli versichern, «der gesamten kirchlichen Presse seine besondere Aufmerksamkeit» zu schenken. «Insbesondere um das Verständnis gegenüber den Presseüberwachungsorganen zu fördern»11, lud v. Steiger zum 17.2.1942 17 Abgeordnete der Kirche zu einem Gespräch ein. Es wurde eine Überwachung von Barths Telefon angeordnet: «Es war festzustellen, ob Barth direkte oder indirekte Beziehungen zu den offiziellen oder offiziösen Persönlichkeiten fremder Staaten unterhalte.» Die Telefonkontrolle erbrachte zwischen dem |324 5.2. und 6.3.1942 jedoch keine gravierenden Anhaltspunkte, nur einen Kommentar Barths zur Haltung der Regierung.12 Der Bundesanwalt stellte Nachforschungen nach den Professoren Barth und Brunner und ihren Botschaften an13, schritt jedoch zunächst noch nicht ein.

Erst als Barth eine weitere Botschaft über den Londoner Rundfunk nach Norwegen gerichtet hatte, kam es im Juni 1942 zu einer Anfrage des Erziehungsdepartements bei Barth wegen beider Botschaften und, nach dessen Antwort, zu einer Zurechtweisung Barths durch die Kuratel der Universität (s. nächsten Offenen Brief).

Unter der Überschrift «Weihnachtsbotschaft an die Christen in Deutschland» erschien der Text 1945 in der «Schweizer Stimme».14

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich habe dankbar und freudig Ja gesagt, als man mich bat, euch heute abend zu grüßen. Es muß nun eben von London aus geschehen, in der Kürze von 500 Worten und durch das Mittel einer fremden Stimme. Ihr werdet doch auch so herzlich aufnehmen, was ich euch herzlich sage: daß ich nicht Weihnacht feiern möchte, ohne gerade an euch zu denken: an meine Freunde und Schüler, an die Vielen, mit denen ich einst in Freud und Leid, im Streit und Frieden verbunden war und auch verbunden bleiben werde.

Aber der Gruß, den ich euch sage, soll nicht nur mein persönlicher, sondern ein Gruß aus der ganzen heiligen und allgemeinen Kirche sein. Es ist in den letzten Jahren still geworden zwischen der Kirche in Deutschland und den Kirchen der anderen Länder. Wir wissen nur wenig von euch und ihr wißt nur wenig von uns. Aber nicht wahr: das Wenige genügt. Ihr wißt und wir wissen, daß ein Herr, ein Geist uns vereinigt im gleichen Glauben, in der gleichen Liebe, in der gleichen Hoffnung.15 Ihr vertraut und wir vertrauen darauf, daß diese feste Stadt Gottes von keiner Zerstörung bedroht ist.16 Ihr wartet und wir |325 warten auf den Tag, da sie offenbar werden wird unter einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde.17

Laßt euch Eines besonders sagen: Ihr seid bei uns nicht vergessen. Wir wissen nicht um Alles, aber um Vieles, was es euch schwer macht, in diesem Jahr fröhlich zu feiern: um die Trauer und Sorge in vielen eurer Familien, um die Bedrängnis, die es euch kostet, das Evangelium zu bekennen, um das Schreckliche, was eure und unsere Brüder und Schwestern aus Israel in Deutschland durchzumachen haben18, und nicht zuletzt um den Widerstreit der Gedanken, mit dem ihr das heutige Weltgeschehen 241 begleiten müßt. Ihr sollt wissen, daß für euch gebetet wird. Betet ihr auch für uns! Viel besser aber, nicht wahr, als alles, was wir auch jetzt für einander sein und tun können, ist dies, daß der ewige Gott unser aller gedachte und auch heute gedenkt, indem er unser Bruder wurde und ist, um alle unsere Sünde und Schande und den Tod selber von uns hinwegzunehmen und als unser Heiland der rechte Herr und Sieger über alle Reiche, Mächte und Gewalten19 dieser dunklen Erde zu sein. Das ist unbegreiflich wahr und herrlich über uns allen und für uns alle. Das ist die große Verheißung, uns Christen gegeben, aber für die ganze Welt gültig: daß es keine menschliche Lüge, Anmaßung und Unordnung gibt, die nicht in seiner Wahrheit, in seiner Gerechtigkeit und in seinem Frieden ihre Grenze hätte. Das ist unsere große Freiheit, in der Welt – auch in der Welt des politischen Geschehens – darum keine Angst haben zu müssen, weil er sie überwunden hat.20 Das ist aber auch die große Erinnerung, daß wir unsere christliche Verantwortlichkeit nicht auf das stille Kämmerlein und nicht auf unser Privatleben und nicht auf das Leben der Kirche beschränken können, sondern sie allezeit und überall fröhlich wahrnehmen dürfen. «Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.»21 Sie ist, ihm sei Lob und Dank, keine beschränkte, sondern die unbeschränkte Herrschaft! Ich denke jetzt an eines eurer deutschen Weihnachtslieder, und seine letzte Stro|326phe soll der rechte eigentliche Gruß sein, mit dem ich euch in dieser Stunde grüße22:

«Freu dich, du ewigs Himmelreich,
Freu dich, du Reich der Erden,
Da Gott euch hat gemachet gleich
Und ein Reich lassen werden.
Drum weil du, lieber Jesu Christ,
Des Reiches ewiger König bist,
So wollst du uns vertreten
Und vor dem Feind erretten»!

Sachfußnoten

1
Radio-Abhörbericht Nr. 4790, 29.12.1941. – Am 21.12. waren Ausführungen Barths aufgefangen und zitiert worden, die sich «mit dem Verhältnis von Staat und Kirche» auseinandersetzten [aus Schw.St., S. 186.188f. 📖] (BAB, Bundesanwaltschaft, C.3.8b. E 4320 (B) und 4759 1974/47 📖).↩
2
«Diese waren wohl etwas massiver, aber auch in entscheidenden Punkten weit weniger schriftgemäß als Ihre feinen, ermutigenden und absolut schriftgemäßen Worte. Ich hoffe, daß sie doch noch gesendet und in Deutschland nicht nur gehört, sondern auch im rechten Glauben gehört wurden. Ich bin Ihnen ganz besonders dankbar, daß Sie mit diesen Worten der Bekennenden Kirche in Deutschland gedachten und bezeugten, daß Sie ihrer auch stets im Gebet gedenken. Lassen Sie mich Ihnen als Christ aus Deutschland, wenn auch nicht in Deutschland, antworten, daß ich gewiß bin, daß dort auch für Sie, für die reformierte Kirche der Schweiz wie für die Kirche überhaupt gebetet wird. So bete auch ich.» (Brief von Martin Friedrich Cordes, Küsnacht (Zürich), an Barth vom 31.12.1941)↩
3
Pyke hatte Barth am 8.12. getroffen und dabei entweder Bells Bitte weitergegeben oder schon Barths Antwort entgegengenommen. In Barths Kalender ist verzeichnet: «8.12. Generalkonsul Pyke. 9.12. Rückzug der Deutschen aus Rußland. 11.12. Kriegserklärung Deutschlands und Italiens gegenüber Amerika». Barth erwähnt den Hergang kurz in seinem Brief vom 15.6.1943 an Regierungsrat Miville. (Text s. Einleitung zum nächsten Offenen Brief Barths.)↩
4
BBC Christmas Programme for Germany, Messages to oppressed Christians from world-famous leaders, in: The Spiritual issues of the war, London 1941, Nr. 112 vom 26.12.1941, S. 1f. 📖 – Message de Noël adressé aux chrétiens oppressés d’attemagne, in: Pour la liberté. Bulletin mensuel relatif aux conséquences spirituelles de la guerre actuelle, London Jan. 1942, S. 1f. 📖↩
5
Brief Barths an A. Frey vom 17.1.1942: «Hier hatte ich neulich eine sehr bekümmernde Unterhaltung mit Koechlin wegen meiner Weihnachtsbotschaft. Er läßt mich auch da völlig fallen: das gehe eben nicht usw.»↩
6
Brief vom 2.1.1942, BAB, SSV 51, Dossier Barth 📖.↩
7
Brief vom 5.1.1942 an die Schweizerische Bundesanwaltschaft (BAB, vB; Durchschlag im BAB, Bundesanwaltschaft, C.3.83. E.4320 (B) 1974/47) 📖: «Seitens des englischen Rundspruchs müßte es aber auch als Unfreundlichkeit angesehen werden, wenn ein Schweizer dazu benutzt wird, am Rundfunk unter Schweizerflagge gegen Deutschland und zudem noch für deutsche Hörer bestimmt zu sprechen.»↩
8
Jg. 10 (1942), Nr. 2 vom 15.1.1942, S. 1 📖: «Daß Prof. Barth, an die ‹Christen in Deutschland› gewandt, seinem betrübten Herzen über das ‹Schreckliche, was eure und unsere Brüder und Schwestern aus Israel in Deutschland durchzumachen haben›, Luft verschaffte, ist ebenso wenig erstaunlich, aber auch beachtenswert, wie etwa die Versicherung des Herrn Prof. Brunner, daß ‹alle Scheidewände› weggeschafft würden, die ‹Menschen und Völker und Rassen voneinander trennen …, eine Scheidewand, die nicht von Gott ist, sondern von der Macht der Finsternis.›»↩
9
Siehe Offenen Brief Nr. 28, Anm. 15.↩
10
Brief vom 6.1.1942 (BAB, Justiz-/Pol.-Dep. E 4450/6147 📖).↩
11
Brief des Justiz- u. Polizeidepartements an Hämmerli vom 27.2.1942 (BAB, gleiche Signatur 📖).↩
12
Ergebnis der Überwachung vom 5.2. bis 6.3.1942, (BAB, Handakte v. Steiger 📖).↩
13
Überblick vom 3.2.1942 (BAB, C.3.83 E 4320 (B) 1974/47 📖).↩
14
Schw.St., S. 240f. 📖 ↩
15
Vgl 1.Kor 12,4; 13,13; Eph. 4,4f.↩
16
Vgl. Apk. 3,12; 21,2.10 – auch Apk. 14,8; 16,19; 18,2.10.19f..21.↩
17
Vgl. Apk. 21,1f.↩
18
Seit 1941 war die Verfolgung der Juden in ihre letzte Phase eingetreten: die Ermordung von Millionen in Vernichtungslagern.↩
19
Vgl. Eph. 1,21; Kol. 1,16; 2,10.15.↩
20
Vgl.Joh. 16,33.↩
21
Jes. 9,5.↩
22
Letzte Strophe des Liedes von A. Lobwasser (1579): «Freut euch, freut euch all insgemein!», RG 397; nicht im EKG und EG 🎵.↩