40 · 1942

An meine Freunde in den Niederlanden (durch Hebe Kohlbrugge)

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An meine Freunde in den Niederlanden
(durch Hebe Kohlbrugge)

1942

Nach der Besetzung der Niederlande war ein direkter Kontakt zwischen Barth und seinen holländischen Freunden fast unmöglich geworden. Höchstens wurde einmal ein Dokument ohne Anrede und Unterschrift über die Grenzen geschmuggelt.1 Nachrichten erhielt Barth über Visser ’t Hooft. Da bekam Barth einen Brief aus Chesières im Kanton Waadt, den H. Kohlbrugge dort am 8.7.1942 geschrieben hatte:

Sehr geehrter Herr Professor, sehr gerne würde ich Ende dieser oder Anfang nächster Woche Ihnen Grüße und Berichte überbringen. Da ich ziemlich viel Zeit in Bern nötig habe und ich daher nicht Herr meiner Zeit bin, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir 2 oder 3 Zeiten zur Auswahl geben könnten, an denen es Ihnen passen würde. Sobald ich weiß, wann es Ihnen gelegen kommt, kann ich dann von hieraus anrufen.

Ich hoffe sehr, daß es Ihnen möglich ist, Zeit für mich frei zu machen, da mir an einer ausführlichen Aussprache sehr viel gelegen ist. Ende nächster Woche und auch das Wochenende vom 19.7. habe ich wahrscheinlich auch noch zur Verfügung.

Mit höflichem Gruß

Hebelotte Kohlbrugge

Wollen Sie Ihr Antwortschreiben bitte nicht an mich richten, sondern an Herrn T. Delhaas, Chesières – Le Choncas, ohne Erwähnung meines Namens.

Hebe Charlotte Kohlbrugge (*1914) war 1936 aus Holland nach Deutschland gekommen, um den Nationalsozialismus genauer kennenzulernen, hatte im Buckhardthaus in Berlin einen Kursus absol|339viert und sich in den Dienst der Bekennenden Kirche gestellt.2 Pfarrgehilfin bei Pfarrer Günther Harder in Fehrbellin, war sie jedoch, als sie mit der «Jungschar» für Martin Niemöller die Glocke geläutet hatte, als lästige Ausländerin ausgewiesen, auf Grund der Zusage des Regierungsrates Potsdam zwar zunächst verblieben, dann aber verhaftet und – dank der Fürsprache des holländischen Botschafters – nach Holland abgeschoben.3 Auf Befürwortung Barths war sie im Januar 1939 als Studentin nach Basel gekommen, wo sie bei Freunden von Barth gewohnt hatte; sie war aber nur ein Sommersemester in Basel gewesen, weil infolge des Kriegsausbruchs eine Rückkehr nicht möglich war.4

Nach der Besetzung Hollands durch deutsche Truppen hatte sie Schritte in den Widerstand getan.5 Sie hatte Verbindung zu Pfarrer Dr. Jan genannt Flip Koopmans, dem Generalsekretär der Christlichen Studentenbewegung, und dem Juristen Slotemaker de Bruine, die beide der Bekennenden Kirche in Deutschland verbunden waren.6 Mit befreundeten Pfarrern und Laien berieten sie über ihren «Auftrag und Weg als Christ unter der nationalsozialistischen Beset|340zung», verfaßten und verbreiteten Flugschriften, halfen verfolgten Juden, Arbeitern, die sich weigerten, für die deutsche Industrie zu arbeiten, und Studenten, die zum Arbeitseinsatz nach Deutschland abtransportiert werden sollten.7

Als es 1942 nötig wurde, Kontakt zur holländischen Exilregierung aufzunehmen, kamen junge Männer für Reisen nicht in Frage, weil diese aufgegriffen und nach Deutschland gebracht wurden. Da entschloß sich Hebe Kohlbrugge, in die Schweiz zu gehen, um über die Schweiz Verbindung zur Exilregierung in London aufzunehmen. Ende Juni 1942 überschritt sie drei Grenzen. Von Belgien aus fuhr sie im Zug bis St. Hypolite und wurde von zwei französischen Bauernjungen um Mitternacht über die Schweizer Grenze geführt. In der Schweiz wurde sie mehrere Wochen von Dr. T. Delhaas aufgenommen, der Konrektor an einem holländischen Lyzeum war.

Hebe Kohlbrugge erfuhr große Freundlichkeit einzelner Schweizer, stieß aber auch überall auf die Furcht vieler Schweizer vor Menschen, die sich «illegal» in der Schweiz aufhielten. Der holländischen Botschafter weigerte sich, mit ihr direkt zusamenzutreffen; man sah sich nur von fern. Am 18. Juli fuhr H. Kohlbrugge nach Basel zu Barth. Der hatte keine Angst. Er freute sich sehr, sie zu sehen, ließ sich aus Holland berichten und hielt es für selbstverständlich, daß sie am nächsten Tage gemeinsam zur Kirche gingen. Er war auch der einzige in der Schweiz, der sich um ihren Rückweg sorgte und ihr anbot, ihr weiterzuhelfen, wenn der Grenzübergang mißlänge.8

H. Kohlbrugge brachte Barth einige Fragen mit, die Jan Koopmans und Kornelis Heiko Miskotte ihr mitgegeben hatten.9 Barth war allerdings nicht leicht zu einer Antwort zu bewegen; er meinte zunächst, er könne die holländischen Verhältnisse nicht überblicken. H. Kohlbrugge bestand aber darauf, daß er die Anfragenden nicht enttäuschte, sondern Antwort gab; sie erklärte, sie könne nicht ohne eine Antwortbrief nach Hause kommen.

341So schrieb Barth nach ihrem Besuch einen Brief, den er an ihre Adresse in Chesières sandte. Dafür bedankte sie sich am 21.7.1942:

Haben Sie herzlichen Dank für die Zusendung Ihres Briefes, ich habe mich riesig darüber gefreut und hoffe, daß ich ihn richtig und gut an Ort und Stelle schaffen werde.

Haben Sie auch nochmal herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme. Alle Hilfe hier gibt wieder neuen Mut für das Weitere. […]

Bei Visser ’t Hooft war der Besuch über Erwarten positiv und aufschlußreich. V’t H. bat noch vor allem nicht zu erwähnen, daß die Mitteilungen in Form von Photografien herübergekommen sind.10

Als Hebe Kohlbrugge Visser ’t Hooft besuchte, war der gerade von einem Besuch bei der Königin Wilhelmina und der holländischen Exilregierung in London zurückgekommen11 und überlegte, wie er bessere Kontakte zu den holländischen Widerstandskämpfern herstellen könnte; in Hebe Kohlbrugge fand er die geeignete Kontaktperson.12 Barths Brief wurde durch einen Ingenieur, der mit Visser ’t Hooft zusammenarbeitete, auf Mikrofilm genommen13 und von H. Kohlbrug|342ge über die Grenze geschmuggelt. Sie konnte am 1.8. aus Amsterdam Nachricht geben, daß ihre Rückreise gut verlaufen war.14 Später erzählte Barth, sie habe den Text in einem hohlen Zahn versteckt – was sie jedoch für eine (aus einer diskreten Umschreibung entstandene) «freundliche Legende» erklärte, bei der sie ihn gelassen habe.15 Vom hohlen Zahn sprach Barth schon, als er seinem Freunde Thurneysen von dem Besuch aus Holland berichtete.16

Barths Text war ohne Überschrift, Anrede, Datum und Unterschrift in wenigen Absätzen geschrieben, damit er wenig Platz beanspruchte.17 Er wurde von Hebe und ihrer Schwester Hanna Kohlbrugge zunächst «in großer Zahl vervielfältigt» und dann noch als Flugblatt gedruckt. Vervielfältigt und gedruckt trug er den Titel «Aan de Nederlandsche Christenen. Brief van Prof. Karl Barth. Augustus A.D. 1942» und war zu Anfang durch die Anrede «Beste Vrienden» und am Ende durch den Namen Karl Barths ergänzt. Die Druckfassung war mit einer Nachbemerkung des ungenannten Übersetzers, Kleys Hendrik Kroon, versehen.18 Kroon sprach darin von der gemeinsamen Gefahr und Not, die Kirche und Volk in Holland betroffen hatten, und schloß:

343Daarom zijn wij dankbaar door de leiding Gods, den Nederlandschen Christenen dezen brief te mögen doorgeven van een man, die èn door zijn persoonlijken moed èn vanwege zijn inzicht en wijsheid, dank zij Gods genade, tot een leidsman over ons allen geworden is.

Veel werk dient nog gedaan! Het onderscheid tusschen kerk en politiek (voorheen vaak en graag verdoezeld!) wordt thans, nu er op politiek handelen geen «lintje», maar gevangenisstraf of de kogel Staat opvallend scherp gezien en gehandhaafd.

Daarop geeft Karl Barth een duidelijk bescheid.

En tenslotte kunnen wij niet nalaten nadrukkelijk te wijzen op het ontroerende slot van dezen brief, waarin prof. Barth, tolk van die «wijdere gemeenschap van hoop en moed», ons oproept terwille van den hemel de aarde niet te verachten en mede te werken aan de opbouw van een wereld, waarin meer rechtvaardigheid, vrijheid en liefde, een duister teeken (maar een teeken!) is, van hetgeen ons is toegezegd.

In der holländischen Übersetzung erschienen die fünf Fragen an Barth, von denen dieser in seinem Text die ersten drei im Konjunktiv, nur die letzten beiden im Indikativ wiedergegeben hatte, alle im Indikativ und waren durch Fettdruck und gesonderte Absätze hervorgehoben. – Barths Text machte in Holland einen «tiefen Eindruck.»19 «Der ganze Brief und der Duktus und was Barth zu der ganzen Sache sagte, ein Total, das hatte Bedeutung. Deshalb war die Resonanz in Holland so groß!»20

Hebe Kohlbrugge wurde 1944 auf einer Kurierreise, die nach London gehen sollte, von der Gestapo gefangengenommen und ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht, von wo sie im Januar 1945, an Tuberkulose erkrankt, nach Holland zurückkehren konnte.21

Von der Deutschen Gesandtschaft wandte sich am 12.9.1942 der Pressereferent Trump an den Schweizer Legationsrat Rezzonico im Politischen Departement mit der Beschwerde22:

344Der Schweizer Staatsangehörige Prof. Dr. Karl Barth hat im August einen gedruckten Brief «an die niederländischen Christen» gerichtet, der in Holland auf illegalem Wege verbreitet wurde. In diesem Brief fordert Barth direkt zum Widerstand gegen die Besatzungsbehörden auf. «Der deutsche Nationalsozialismus dagegen», so heißt es wörtlich, «der über euch gekommen ist, ist keine von Gott eingesetzte Behörde; sie verdient nur äußerlichen und zeitweiligen Gehorsam, in Wirklichkeit aber Widerstand und nichts als Widerstand, bis ihre Macht völlig gebrochen ist.» Barth erklärt es weiter für gerechtfertigt und notwendig, daß die kirchlichen Armenverwaltung die Arbeiter, die sich weigern, in Deutschland zu arbeiten, in sozialer Hinsicht unterstütze. An anderer Stelle bezeichnet er den Nationalsozialismus als «Anarchismus im Gewand der Ordnung einer Räuberhöhle». Für den einzelnen Christen sei der Eintritt in illegale Organisationen nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten.

Die Gesandtschaft bittet Sie, an zuständiger Stelle dahin zu wirken, daß die Barth’schen Hirtenbriefe, die in ihrer Auswirkung das deutsch-schweizerische Verhältnis belasten, künftig unterbunden werden.

Das Politische Departement gab die Nachricht sofort ans Justiz- und Polizeidepartement mit dem Kommentar weiter, es sei «leider nicht unwahr», daß «die Aufrufe von Prof. Barth» eine Belastung der auswärtigen Beziehungen bedeuteten: «Sie wissen, wie sehr wir darob in Sorge sind.» Man bat darum, «Ihre Auffassung über diese neue Entgleisung von Prof. Barth bekanntzugeben.»23 Die Angelegenheit scheint aber nicht weiter verfolgt worden zu sein.24

Als Barth den Text im Sommer 1945 in seine Sammlung «Eine Schweizer Stimme» aufnahm, hatte er von der Verbreitung seines Briefes noch keine genauere Kenntnis.25 Er gab nun dem Text die Überschrift «An meine Freunde in den Niederlanden», schloß mit «Euer Karl Barth» und vermerkte bei dem Brief: «Dieses Schriftstück |345 ging im Juli 1942 ‹unterirdisch› nach Holland und ist dort vermutlich entsprechend ‹veröffentlicht› worden.»26 Wenige Monate vor seinem Tode kam Barth in einem Interview auf den Brief nach Holland zurück.27

In Holland wurde Barths Brief im Herbst 1945 in den ersten Nummern der neugegründeten Zeitschrift «In de Waagschaal» abgedruckt28; 1965 wurde ein Teil in Faksimile innerhalb einer englischen Übersetzung wiedergegeben29; 1970 wurde das ganze holländische Flugblatt nachgedruckt.30

1975 erhielt Hebe Kohlbrugge von der Universität Münster den Joost-van-den-Vondel-Preis,

in Würdigung der ungewöhnlichen Verdienste, die sie sich in vier Jahrzehnten um Bewahrung und Pflege […] gefährdeter Beziehungen unter den Kirchen Europas, als Pionierin sowohl des kirchlichen Widerstandes in den Niederlanden von 1940 bis 1945 als auch der Wiederherstellung der niederländisch-deutschen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkriege auf geistigem und kulturellem Gebiete erworben hat, wobei sie sich durch Zähigkeit und Klugheit, durch souveräne Unzugänglichkeit für Schlagworte und Ideologien, von welcher Herkunft und Art auch immer, auszeichnete, ungeachtet aller Gefahren für Stellung, Besitz und Ruf, für Freiheit und Leben.31

Altbundespräsident Gustav Heinemann würdigte H. Kohlbrugge in seiner Laudatio32 und kam dabei auch auf ihren Kurierdienst von |346 1942 zu sprechen.33 Die Preisträgerin erinnerte in ihrer Dankesrede, die dem Thema «Grenzüberschreitung» gewidmet war, zuerst an Pfarrer Koopmans, den Mitverfasser der 1942 an Barth gerichteten Fragen, der 1945 den Tod fand.34 Hebe Kohlbrugge erhielt 1991 in Prag die Würde eines theologischen Ehrendoktors.

An Meine Freunde in den Niederlanden

Eine Gelegenheit, euch einen Gruß zu schicken, soll nicht versäumt werden. Ihr wißt schon, aber es ist sicher gut, wenn ich wieder einmal ausdrücklich sage, daß ich zu den Vielen gehöre, die oft an euch denken und die die ganze gegenwärtige Geschichte eurer Kirche und eures Landes in größter innerer Teilnahme begleiten. Die wichtigsten äußeren Daten und Dokumente der Entwicklungen, die euch in den letzten Jahren beschäftigt haben, sind bei uns allgemein bekannt.

Wir waren und sind froh, aus den Niederlanden so viel Positives zu hören: von klaren Erkenntnissen und Bekenntnissen, von mutigen Entscheidungen, von Handlungen und Verhaltungsweisen unveränderlicher Treue, von erhebender Opferbereitschaft, von einer Kirche, die im Ganzen jedenfalls ernstlich versucht hat, ihr Bekenntnis nicht nur stehen und gelten zu lassen, sondern neu und mit der Tat zu |347 vollziehen. Ihr dürft euch klar sein darüber, daß Alles, was in dieser Richtung geschehen ist und noch geschehen wird, über seinen nächsten und direkten Sinn hinaus früher oder später auch als Trost und Ermutigung weit fern von euch wirksam ist unter allerlei euch nicht bekannten Christen und auch unter allerlei anderem Menschenvolk, das heute sehnlichst auf solche Zeugnisse des Lebens und der Tat wartet, um in der eigenen Anfechtung und Sorge desto besser zu bestehen.

Gelegentlich haben wir ja nun auch andere, weniger gute und erquickende Nachrichten bekommen. Es wurde sichtbar, daß manche Fehler und Schwächen der Kirche und der Gesellschaft in Deutschland sich – bei aller Verschiedenheit der Verhältnisse – doch auch bei euch wiederholt haben. Hörte man dankbar und manchmal aufrichtig beschämt von gutem Widerstand, wo man die entsprechende Einsicht nicht erwartet hätte, so vernahm man doch auch etwas betrübt von allerlei Indifferenz und Vermittlungskunst solcher, auf die man vorher Häuser gebaut hätte. 245 Ihr lieben allzeit kritischen Holländer braucht also nicht etwa besorgt zu sein, daß ich mir ein allzu einseitig heroisches Bild von eurem Kampf mache. Wiederum soll aber niemand denken, daß mich das Negative, das ich auch weiß, an eurer Sache – die nicht nur unser aller, sondern unseres heiligen und barmherzigen Gottes Sache ist – je irre machen könne. Daß die menschliche Wirklichkeit immer ein gemischtes und also trübes Bild bietet – bei euch wie in Deutschland wie bei uns in der Schweiz –, nicht wahr, das wissen wir nun schon ziemlich lange, noch besser aber das Andere, daß Gottes Wort und Recht und Gnade durch diese menschliche Wirklichkeit nicht gebunden35 ist, durch sie nicht zerstört werden wird und endlich und zuletzt uns zum Heil und zu seiner Ehre allüberall über sie triumphieren wird, weil er uns das zugesagt hat und weil er treu ist, auch wenn wir untreu sind.36 Wir schlafen ja immer wieder, auch nachdem uns der Herr einmal und zweimal geweckt hat wie damals seine Jünger.37 Er aber ist für ihre wie für unsere Sünde in den Tod gegangen, und daß er erweckt wurde von den Toten durch die |348 Macht seines Vaters, davon leben wir, ob wir wachen oder schlafen.38 Nur daß wir ja daran nicht denken, uns dessen nicht trösten und erfreuen können, ohne alsbald neu aufzuwachen und mit ihm tapfer zu leben als an seinem Tage. Wer nicht daran denkt und darum nicht tapfer ist, der denke daran, daß Jesus Christus von den Toten auferstanden ist! Das ist das Einzige, was ich – jenseits von Optimismus und Pessimismus, Lob und Tadel zu dem Negativen, das ich auch von euch gehört habe, sagen möchte.

Aber nun sind mir im Blick auf eure gegenwärtige Lage einige konkrete Fragen gestellt worden. Wenn ich hier meine Antworten darauf ausspreche, so werdet ihr das nicht als Einmischung in die von euch selbst zu vollziehenden Entscheidungen auffassen, sondern nur als Zeichen, daß ich mit euch über eure Aufgaben und Nöte nachdenke. Ihr werdet mit dem, was ich sage, machen, was ihr für recht haltet. Ich möchte aber – indem ich mich auf das beschränke, wonach ich gefragt wurde – nicht unterlassen, euch zu sagen, was ich denke:

1. Frage: Oh es möglich sei, das kirchliche Gebet für die Königin der Niederlande39 fallen zu lassen?40 Antwort: Unbedingt Nein! Das Gebet für die Königin war euch hoffentlich in den Zeiten, da es erwünscht war, keine romantische 246 Spielerei und auch nicht die Angelegenheit eines sentimentalen Patriotismus, sondern euer ernstliches Bekenntnis zu dem von Gott eingesetzten rechten Staat, dessen Exponent bei euch das Haus Oranien ist. Eben dieses Bekenntnis ist heute unter euch angefochten. Und Alles, was die Kirche von der Dreieinigkeit Gottes, von der Gottheit Jesu Christi, von der Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben zu bekennen hat, faßt sich |349 heute eben in diesem Bekenntnis zusammen. Nationalsozialismus heißt Anarchie im Gewand der Ordnung einer Räuberhöhle41, heißt eben damit Leugnung aller Artikel des christlichen Glaubens. Ihm hat die Kirche nach wie vor und unter allen Umständen das Bekenntnis zum rechten Staat und eben damit das ganze christliche Bekenntnis entgegenzusetzen. Das heute unerwünschte Gebet für die Königin ist heute die konkrete Form dieses Bekenntnisses. Also darf es gerade heute um keinen Preis unterbleiben. Es ist articulus stantis et cadentis ecclesiae.42

2. Frage: Ob es recht und notwendig sei, daß die kirchliche Diakonie diejenigen Arbeiter wirtschaftlich unterstütze, die sich weigern, in Deutschland Arbeit zu nehmen?43 Antwort: Unbedingt Ja! und zwar ohne Rücksicht darauf, ob diese Arbeiter einer Kirche angehören oder nicht, und ohne Rücksicht darauf, daß gewisse Paragraphen gewisser Reglemente das zu verbieten scheinen. Daß diese Arbeiter in schwerer Not sind, kann niemand bestreiten. Meines Erachtens dürfte eine wirklich kirchliche Diakonie – besonders, wenn sie über solche Mittel verfügt, wie es bei euch der Fall sein soll – vor solcher Not schon unter normalen Umständen nicht Halt machen, geschweige denn heute, wo die Not davon herrührt, daß diese Arbeiter (vielleicht nicht immer ihrer Gesinnung nach, aber faktisch) der Sache nicht dienen wollen, die kein ernster Christ zu der seinigen machen kann. Sie leiden faktisch, wer und was sie auch seien, wie Soldaten an eurer und unserer |350 Stelle. Ihnen beizuspringen ist heute bestimmt eine christliche Liebesaufgabe erster Ordnung. Und wenn dem ein Paragraph eines Reglements entgegensteht, so interpretiert ihn in Gottes Namen extensiv, wie es der Priester Ahimelech 1.Sam.21,7 hinsichtlich jenes heiligen Brotes mit Recht getan hat! Das geschriebene Kirchenrecht als solches verlangt, daß es (unter allen Umständen) im Geist Christi und also (unter be247stimmten Umständen) auch im Gegensatz zu seinem Buchstaben ausgelegt und angewendet werde. Daß doch die soziale Aufgabe jedes einzelnen Christen gerade jetzt nicht verkannt werde! Daß doch die Kirche diese wichtige Stunde nicht versäume, im Gebrauch des ungerechten Mammons44 mit dem guten Beispiel voranzugehen! Es wird ihr hundertfältig vergolten werden45, wenn sie das wagt.46

3. Frage: Ob es den einzelnen Christen erlaubt sei, die «illegalen» Organisationen zur Wiederherstellung des Rechtszustandes in den Niederlanden finanziell und durch persönliche Beteiligung zu unterstützen? Antwort: Nicht nur erlaubt, sondern geboten! Man wird sich ja nicht klar genug sagen können, daß – nicht alles, aber vieles unter anderen Umständen «Illegale», d. h. die ganze Absicht und Arbeit dieser Organisationen, in den heutigen Niederlanden das einzige Legale (nach Calvin: die Funktion eines magistratus inferior47) ist. Der deutsche Nationalsozialismus dagegen, der über euch gekommen ist, ist keine von Gott eingesetzte Obrigkeit; er verdient nur scheinbaren und vorübergehenden Gehorsam, in Wahrheit aber Widerstand und nichts als Widerstand, bis seine Macht gänzlich gebrochen ist. Wer nun die Widerstandsabsicht und die Widerstandsarbeit jener Organisation fördern kann, der soll es tun. Seine Beteiligung am Gebet für die Königin und also am kirchlichen Bekenntnis wäre nicht aufrichtig, wenn er es nicht täte. Nicht von Allen kann Alles verlangt sein, aber von einem Jeden das Seinige. Wenn irgend einmal die Freigebigkeit der älteren und der persönliche Einsatz der jüngeren Christen einen |351 konvenienten Gegenstand hatten, dann in dieser Sache! Und wenn die Kirche als solche sich selbstverständlich nicht mit diesen Organisationen identifizieren kann, weil ihre Aufgabe die der Verkündigung und nicht die der öffentlichen Ordnung ist, so wird sie doch zu bedenken haben, daß sie sich heute faktisch gerade mit jedem Wort echter Verkündigung selber auf den Boden der sogenannten «Illegalität» befindet, so wird sie sich also auch davor wohl hüten, sich jenen Organisationen gegenüber um irgend eines eigenen Vorteils willen distanzieren zu wollen. Die Sache dieser Organisationen ist im gleichen Sinn auch die Sache der Kirche, wie dies auch von der Sache des Hauses Oranien zu sagen ist. 248

4. Frage: Gibt es (im Zusammenhang mit dem gebotenen Kampf für den rechten Staat und gegen den Staat der Räuberhöhle48) ein besonderes Verständnis des göttlichen Gebotes, die Wahrheit zu reden? Antwort (mit Vorsicht und Umsicht, aber unverzagt aufzunehmen): Ja! Dieses Gebot darf nicht suspendiert und nicht gebrochen werden. «Du sollst kein falsches Zeugnis reden!»49 Es darf nicht (auch nicht unter Berufung auf die allgemeine menschliche Sündhaftigkeit, auch nicht in Hoffnung auf die Vergebung der Sünden!) gegen das Gewissen gehandelt, es darf nicht gelogen werden. Aber was heißt die Wahrheit reden und also nicht lügen? Die Wahrheit ist Gott in der Offenbarung seines Willens ganz allein, kein außer dieser Offenbarung in sich selbst feststehender «objektiver» Sachverhalt als solcher. Gott und Gott allein sind wir durch Gottes Gebot verpflichtet. Die dem Menschen gebotene wahrhaftige Rede ist also das tätige Bekenntnis zu Gottes offenbartem Willen. Wer nun durch seine Erkenntnis des (in der heiligen Schrift bezeugten) Willens Gottes in seinem Gewissen gebunden ist, sein tätiges Bekenntnis dazu in Form seiner Beteiligung an jenem Kampf um die Wiederherstellung des Rechtzustandes in den Niederlanden zu vollziehen, der kann nur damit die Wahrheit reden, daß auch seine Rede in dieser Beteiligung geschieht. Ob sie irgend welchen «objektiven» Sachverhalten entspricht, ist dieser ihrer |352 Grundbestimmung gegenüber eine Frage zweiter Ordnung.50 Er ist dem Nächsten unter allen Umständen das Wort als das Wort der Wahrheit schuldig, das ihm in und mit jenem Kampf geboten ist. Er würde unter allen Umständen dann lügen, wenn er nicht auch mit seinem Wort in jenem Kampf stehen würde. Das muß nicht, aber das kann dann bedeuten, daß er mit einem nicht dem «objektiven» Sachverhalt entsprechenden Wort die Wahrheit redet, während er, entspräche es dem «objektiven» Sachverhalt, lügen würde. Nicht der Zweck, wohl aber der Gehorsam gegen den erkannten Willen Gottes heiligt jedes Mittel, während der Ungehorsam gegen diesen ebenso jedes Mittel – auch das der vermeintlich «wahren» Rede – entheiligen, zur Sünde machen würde. Die von der heiligen Schrift mit keinem Wort angefochtene Moral der Erzväter war gerade in diesem Punkt keineswegs eine «niedrige», sondern die im Zusammenhang der Heilsgeschichte 249 rechte und also die allein mögliche Moral. Das im Zusammenhang mit jenem Kampf notwendige besondere Verständnis des göttlichen Gebotes besteht also doch nur in der Erkenntnis, daß das Gebot Gottes in dieser wie in jeder Sache konkretes Gebot ist, das konkreten Gehorsam fordert, daß es von der lebendigen Person des göttlichen Gebieters nicht zu lösen und anders als in der lebendigen Beziehung des Menschen zu dieser göttlichen Person nicht zu erfüllen ist. Der Satz: ama et fac, quod vis!51 ist zweideutig. Der Satz: crede et fac, quod debes! dürfte unzweideutig sein. Und wer hier schnell von «Jesuitismus»52 redet, der soll sich besinnen, ob er das vor der Wahrheit verantworten kann!

3535. Frage: Ob eine kirchliche Gruppe ihre über die Voten der offiziellen kirchlichen Leitung hinausgehenden Aufstellungen und Forderungen ohne Gefahr des Schismas öffentlich aussprechen kann? Antwort: Ja! Von den offiziellen Kirchenbehörden sind in der ganzen Welt zum vorherein (im besten Fall!) nur halbwahre, halbkräftige und halbverbindliche Entscheidungen zu erwarten, weil sie auch ohne böse Absicht gewissermaßen zwangsläufig ebenso ihre Reglemente und Kassen, die äußere Einheit und Erhaltung der Kirche, ihre Beziehungen zu den Staatsbehörden und dergleichen wie das Evangelium zu bedenken pflegen. Die Kirche wäre zu bedauern, wenn es nicht neben den von Amtswegen mit der Leitung Beauftragten immer auch noch freie Vorhuten gäbe, die, ohne mit jenen geradezu zu brechen, die Verantwortung auf sich nehmen, die selbständig geprüften kirchlichen Fragen der ganzen Gemeinde gegenüber in dasjenige grundsätzliche Licht zu rücken, das den Erlassen der offiziellen Kirchenräte und Synoden in der Regel zu fehlen pflegt. Da das christliche Kirchenregiment Sache der ganzen christlichen Gemeinde ist und als solche immer wieder sichtbar werden muß, darf und soll den bestellten Kirchenbehörden bei aller Respektierung ihres Amtes die Kontrolle und die gewisse Konkurrenzierung durch die Tätigkeit solcher freier Gruppen nicht erspart werden. Schismatisch kann diese Tätigkeit nicht werden, wenn und solange sie ihrerseits ernstlich auf die innere Einheit und Erhaltung der Kirche gerichtet ist.53

So viel zur Beantwortung eurer mir bekannt gewordenen 250 Fragen. Ich wollte wohl, daß sie nicht nur den Charakter einer persönlichen Stellungnahme hätte, weil das, was euch erwünscht wäre, zweifellos der brüderliche Rat der anderen Kirchen als solcher und nicht nur der eines Einzelnen wäre. Ich konnte aber nicht einmal mit meinen nächsten Freunden konferieren, so daß ich euch hier wenigstens das Votum einer Gruppe bieten könnte. Sie sind zurzeit in den Ferien. Offizielleres und insofern Besseres ist aber auch hierzulande nicht zu erwarten. Hört mich also freundlich als Einzelnen und darum als Lückenbüßer! Doch glaube ich euch wohl versichern zu dürfen, daß ich euch nun doch nicht nur nach meinem eigenen Sinn, sondern auch in |354 dem Geist geschrieben habe, von dem hier Viele bewegt sind: unter denen, die Christen sein möchten, aber auch unter denen, die außerhalb der bewußt theologisch kirchlichen Kreise mit mehr oder weniger Verstand und Entschlossenheit wissen, was heute auf dem Spiel steht. Es gibt hier und es gibt in allen Ländern innerhalb und außerhalb der Kirche eine Gemeinschaft der Hoffnung und des Mutes. Ich denke, daß ich die Kirche Jesu nicht verleugne, sondern bekenne, wenn ich euch heute auch im Zeichen dieser weiteren Gemeinschaft grüße mit dem Wunsch und Gebet, daß euch auch die irdisch zeitliche Hoffnung und der menschlich politische Mut, wie ihr sie bisher bewährt habt, nicht nur erhalten bleiben, sondern wachsen möchten. Es wäre ja merkwürdig, wenn wir Christen uns darin von Anderen übertreffen lassen, wenn wir sie nicht umgekehrt gerade darin weit, weit übertreffen sollten! Haben nicht gerade wir Christen zuerst auch die Verheißung dieser Hoffnung und dieses Mutes? Haben wir nicht unendlich viel besseren Grund dazu als alle Anderen? Wer weiß, ob die nötige Herstellung der weltlichen Ordnung nicht bloß darum so schrecklich langsam vorangeht, weil wir Christen dem reinigenden, wärmenden und verzehrenden Feuer, das längst brennen könnte und sollte55, den Raum nicht geben, den es gerade in unseren Herzen und Gewissen zuerst haben müßte?

Euer
Karl Barth

Sachfußnoten

1
So erhielt Barth eine solche dreiseitige Schilderung der Zustände in den Niederlanden Ende Oktober 1941. Am 2.11.1941 schrieb ihm der Medizinstudent Joop Bartels, der in die Schweiz in eine Sanatorium reiste, sein Freund Koopmans habe ihm einen Brief an Barth mitgeben wollen, doch sei das Mitnehmen «strengstens untersagt», und er habe deshalb darauf verzichten müssen.↩
2
Ihre Schilderungen ihres Weges in: M. van Beijnum/B. J. Spruyt, De oorlog achter de Oorlog. Christenen onder Hitler in Duitsland en Nederland, Kampen 1995, S. 92–113 📖; Gespräch mit dem Hrsg. am 2.7.1996 in Utrecht; Gespräch von Hebe und Hanna Kohlbrugge mit Chr. Dahling-Sander (am 8.11.1996) Bekennende Kirche, Widerstand und Versöhnung in: Chr. Dahling-Sander/ M. Ernst/ G. Plasger, Herausgeforderte Kirche. Anstöße – Wege – Perspektiven. Eberhard Busch zum 60. Geburtstag, Wuppertal 1997, S. 169–182 📖.↩
3
Die Stunde der Versuchung. Gemeinden im Kirchenkampf 1933–1945. Selbstzeugnisse, hrsg. v. G. Harder und W. Niemöller, München 1963, S. 140 📖. – Brief H. Kohlbrugges an den Hrsg. vom 26.6.1998.↩
4
Briefe an den Hrsg. vom 8.10.1976 und 26.6.1998.↩
5
Auf die Frage des Hrsg., ob sie damals ein Amt innegehabt habe, antwortete sie: «Was ist das?» (8.10.1976). Auch mit der Formulierung «Inzwischen hatte sie sich dem holländischen Widerstand angeschlossen und kam nun in dessen Auftrag …» war sie nicht einverstanden: «Es gab kein ‹Anmeldebüro›, man handelte, man ‹schloß sich nicht an›, man handelte und hatte dazu seine Familie und seine Freunde, und so wuchs das Ganze. Wer hätte den Auftrag geben können? Es gab keine Hierarchie. Man handelte. Ich beschloß zu gehen, und einige Freunde halfen.» (Brief vom 26.6.1998).↩
6
Vgl. Offenen Brief Nr. 29.↩
7
Ihre Darstellung in: Dahling-Sander, a.a.O., S. 174f. 📖↩
8
Interviews mit D. Koch und Chr. Dahling-Sander 1996, s. Anm. 2.↩
9
Nach ihrer Erinnerung handelte es sich dabei um schriftlich formulierte Fragen (Brief an den Hrsg. vom 8.10.1976). Die Fragen sind im Barth-Archiv nicht erhalten.↩
10
Brief an Barth vom 21.7.1942.↩
11
Barth hatte diese Reise in einem Telefongespräch mit Thurneysen am 1.5.1942 erwähnt, was der Abhördienst so festhielt: «Jetzt ist der Toost (?) nach London geflogen. ‹Dä hets guet.› Barth betont, daß die englische Regierung dahinter stecke. Die habe ihn geholt. Das ist mehr als das ökumenische. Die holländische Regierung wünschte, daß er komme.» (BAB, Handakte von Steiger 📖)↩
12
In seiner Autobiographie schrieb er: «Einige Wochen nach meiner Rückkehr aus London arbeitete ich nachmittags im Garten, als eine ebenso kleine wie energische junge Dame durchs Gartentor trat. Sie stellte sich als Hebe Kohlbrugge vor und erzählte mir, als ob es die natürlichste Sache von der Welt wäre, daß sie aus Holland komme und sich über die belgische, französische und Schweizer Grenze hierher geschlichen habe. Sie stehe in enger Verbindung zu einigen meiner Freunde in Holland und finde, daß es hohe Zeit sei, die Kontakte des holländischen Widerstands zur Exilregierung zu intensivieren. Der geeignetste Ort für eine Verbindungsstelle sei die Schweiz. Ich traute meinen Ohren nicht. Ihre und meine Pläne waren praktisch identisch. Ich erklärte ihr, sie komme wie vom Himmel gesandt.» (W. A. Visser ’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde, München 1972, S. 171 📖).↩
13
Er kannte ein Verfahren, Mikrofilme «so dünn herzustellen, daß in kleinen Objekten wie Füllfederhaltern oder ausgehöhlten Zahnbürsten nicht weniger als dreihundert Filme Platz fanden.» Visser ’t Hooft war mit ihm durch Joop Bartels bekannt geworden (s. Anm. 1; Visser ’t Hooft, a.a.O., S. 171 📖).↩
14
T. J. A. Delhaas teilte Barth am 13.8.1941 mit: «Rasch möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, daß Frl. K. wohlbehalten in H. ist eingetroffen. Unsere Kinder erhielten einen hübschen Kartengruß vom 1. August aus Amsterdam.»↩
15
«Wenn ich damals schon einen hohlen Zahn gehabt hätte, hätte ich heute ein Gebiß!» (Mdl. Mitteilung an den Hrsg., Essen 12.7.1976). – Vgl. K. Barth, Gespräche 1964–1968 (GA Abt. IV), hrsg. v. E. Busch, Zürich 1997, S. 452 📖.↩
16
«Ein interessanter Besuch aus Holland: Hebelotte Kohlbrugge, die sich seit ihren Baslersemestern sehr gemacht hat, eine rüstige Kämpferin gegen die deutsche Besetzungsmacht geworden ist, schwarz über alle Grenzen her und nun wieder zurückreiste und nun mit einem in der Schweiz ansässigen und irgendwie auch kämpferisch tätigen Holländer (Schwiegersohn von Kolfhaus merkwürdigerweise) zu mir kam, um mir die Fragen vorzulegen, deren schriftliche Beantwortung Lollo Dir wohl geschickt hat. Es wird da viel mit mikroskopischen Photographien und ähnlichem Zauber gearbeitet, und so wird sie nun auch dieses Dokument in einem hohlen Zahn oder so ähnlich wieder mit sich zurückgebracht haben. Es war ein Pfiff aus einer erheblich bewegteren Welt als der unsrigen.» (Brief vom 3.8.1942).↩
17
Ein Abzug der Fotos der vier Schreibmaschinenseiten befindet sich im KBA.↩
18
Original im Besitz von Frau Hebe Kohlbrugge, Utrecht.↩
19
Brief von H. Kohlbrugge an den Hrsg. vom 8.10.1976.↩
20
H. Kohlbrugge im Gespräch mit Chr. Dahling-Sander 1996 (s. Anm. 2), S. 176 📖.↩
21
Berichte s. Anm. 2.↩
22
BAB, Handakten von Steiger 📖.↩
23
Brief vom 16.9.1941 (BAB, Handakten von Steiger 📖).↩
24
Bisher haben sich keine weiteren Schriftstücke dazu gefunden.↩
25
H. Kohlbrugge meldete sich mit einem langen Briefe vom 21.11.1945 bei Barth, in dem sie aber seinen Offenen Brief nicht erwähnte; es ging um ihre Erfahrungen im KZ und um Barths Beurteilung Martin Niemöllers (s. Nr. 27, S. 201, Anm. 22).↩
26
Schw.St. S. 244 📖.↩
27
Interview von Werner Rings am 24.6.1968, ausgestrahlt 1973 im Fernsehen der Deutschen und Rätoromanischen Schweiz, Text in: K. Barth, Gespräche 1964–1968 (s. Anm. 15), S. 450–452 📖.↩
28
Een illegale brief van Barth, in: In de Waagschaal, Jg. 1 (1945/1946), Amsterdam 6./13./20.10.1945, Nr. 1–3 📖.↩
29
Aan de Nederlandsche Christenen (Augustus 1942), in: Delta. A review of arts, life and thought in the Netherlands, Jg. 8, Amsterdam 1965, Nr. 1, S. 91–97 📖.↩
30
Aan de Nederlandsche Christenen. Een brief van Karl Barth uit 1942, in: Vrij Nederland, Amsterdam, 2.5.1970, S. 12 📖.↩
31
Stiftung F.V.S. zu Hamburg, Verleihung des Joost-van-den-Vondel-Preises 1975 an Mejuffrouw Hebe Charlotte Kohlbrugge, Utrecht (Niederlande), Hamburg o.J. [1975], S. 9 📖.↩
32
«Das stets temperamentvolle und für einen Außenstehenden manchmal umtriebig anmutende Leben von Hebe Kohlbrugge mit seinen zahllosen Aufenthalten in den europäischen Ländern vor und hinter den Vorhängen hat einen Generalnenner. Es ist ein Leben aus der Freiheit des Evangeliums, das über politische Grenzen, über Nationalismen, Totalitarismen und Vorurteile hinweg Freundschaften sucht, um daraus Brücken für eine Begegnung und des wechselseitigen Verstehens werden zu lassen.» (a.a.O., S. 11 📖)↩
33
a.a.O., S. 13 📖.↩
34
Koopmans hatte wie H. Kohlbrugge die Grenze nach Deutschland überschritten, um die Bekennende Kirche kennenzulernen, schrieb 1940 eine Flugschrift «Bijna te laat», «eine der ersten Fanfaren des Widerstandes» in Holland, und wurde im März 1945 tödlich verletzt, als ihn bei einer Geiselerschießung eine verirrte Kugel traf. Als ihn kurz vor seinem Tode H. Kohlbrugge, die tuberkulosekrank in seinem Hause ein Unterkommen gefunden hatte, aufsuchte, sagte er noch zu ihr: «Wie freue ich mich, wenn der Krieg nun bald vorbei ist, mit meinen Brüdern der Bekennenden Kirche wieder das Gespräch aufnehmen zu können.» (Brief vom 26.6.1998 an den Hrsg., ähnlich a.a.O., S. 18 📖).↩
35
Vgl. 2.Tim. 2,9.↩
36
Vgl. 2.Tim. 2,13.↩
37
Mt. 26,36–46 par.↩
38
Vgl. 1.Thess. 5,10.↩
39
Wilhelmina, Königin 1890 (1898) bis 1948, 1940 bis 1945 im Exil.↩
40
Im traditionellen Bitt- und Bußgebet wurde der Königin und des ganzen königlichen Hauses gedacht; die deutsche Besatzungsmacht untersagte jedoch schon die Erwähnung des Namens der Königin und des Hauses Oranien. Die synodale Kommission der Niederländisch Reformierten Kirche schlug im Januar 1941 eine Verkürzte Form des Gebetes für die Not der Christenheit vor, in dem es hieß: «Wir bitten Dich für die weltliche Obrigkeit, für alle Könige, Fürsten und Mächtigen dieser Erde. Insbesondere bitten wir Dich für die Königin, die Du über uns gesetzt hast, und die Besatzungsbehörden, die Du über uns zugelassen hast.» (Th. Herwig, Karl Barth und die Ökumenische Bewegung, Neukirchen 1998, S. 90f. 📖)↩
41
Vgl. A. Augustinus, De civitate dei IV, 4 📖; vgl. auch Barths Rückgriff auf Augustins Vergleich in: K. Barth, Das Halten der Gebote (1927), in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 136 📖.↩
42
So nannte zuerst Valentin Ernst Löscher, Vertreter der lutherischen Orthodoxie gegen den Pietismus, im Jahre 1712 die Lehre von der Rechtfertigung im Glauben (Fr. Loofs, Der articulus stantis et cadentis ecclesiae, in: ThStKr, Jg. 90, 1917, S. 344 📖).↩
43
Im Frühjahr 1941 hatte es in Amsterdam einen Generalstreik gegeben, der sich gegen die systematische Mißhandlung von Juden durch niederländische Nazis und deutsche Polizei und gegen die von den Deutschen erlassen Bestimmung richtete, daß jeder zehnte holländische Metallarbeiter nach Deutschland gehen müsse. «Die Besatzungsmacht sanktionierte aber darüber hinaus die Verweigerung der Arbeitskraft in bestimmten Fällen durch Sperrung der individuellen Bezüge, was die kirchliche Diakonie vor schwere Probleme stellte.» (Herwig, a.a.O., S. 91 📖)↩
44
Vgl. Lk. 16,9.11.↩
45
Vgl. Mt. 19,29; Mk. 10,30.↩
46
In der Folgezeit wurde die Diakonie selbständig gemacht; Hanna Kohlbrugge betreute z. B. viele Arbeiter in Utrecht (Mitteilung von H. Kohlbrugge am 2.7.1996).↩
47
Calvin, Institutio IV, 20.31 📖 («populares magistratus» als Gegenbegriff zu «magistratus superiores»); vgl. Herwig, a.a.O. (s. Anm. 39), S. 91 Anm. 100 📖.↩
48
Vgl. oben Anm. 41. Ob der Inhalt der Klammer schon in der Anfrage aus Holland enthalten war, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Klammer wurde jedenfalls auch in der holländischen Übersetzung von Barths Text als Bestandteil der Frage wiedergegeben.↩
49
Ex. 20,16.↩
50
H. Kohlbrugge erinnert sich, G. Harder sei so prinzipiell «ehrlich» im wörtlichen Sinne gewesen, daß er auf die Frage der Gestapo, ob sich Hebe Kohlbrüge bei ihm befinde, nur mit «Ja» habe antworten können (Mitteilung 1996 an den Hrsg.). – «Die Frage war für mich längst erledigt. Das, was für Harder noch ein ehrliches Problem war, […] das kam schon nicht mehr in die Tüte.» (Gespräch mit Dahling-Sander 1996, s. Anm. 2).↩
51
A. Augustinus, In Epistolam Joannis ad Parthos VII, 8 (MPL 35, Sp. 2033) 📖: «Dilige, et quod vis fac».↩
52
Den Jesuiten wurde in der konfessionellen Polemik lange Zeit nachgesagt, daß sie im Sinne der reservatio mentalis, des verschwiegenen Vorbehalts, und der methodus dirigendae intentionis («Der Zweck heiligt die Mittel») den Sinn von Worten und Handlungen manipulierten.↩
53
Nach H. Kohlbrugge traf das z. B. auf die Flugschrift «Betere Weerstand» von K. H. Miskotte zu (s. Dahling-Sander, a.a.O., S. 175 📖).↩
55
Vgl. Lk. 12,49.↩