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An die Schweizer Öffentlichkeit

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An die Schweizer Öffentlichkeit

1942

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion nahm der Terror gegen die Juden im von den Deutschen besetzten Europa immer schlimmere Formen an.1 Seit Sommer 1942 wurden auch die Juden aus Westeuropa in Vernichtungslager im Osten deportiert. Obwohl seit dem 23.10.1941 die Auswanderung von Juden aus Deutschland «ausnahmslos für die Dauer des Krieges verboten» war, versuchten immer mehr Juden, in die Schweiz zu flüchten. Heinrich Rothmund, der Chef der Polizeiabteilung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, erließ am 13.8.1942 ein vertrauliches Kreisschreiben an die kantonalen Polizeidirektionen und -kommandos, durch das die Grenzen praktisch geschlossen wurden; Flüchtlinge aus Rassegründen galten nicht als politische Flüchtlinge und waren zurückzuweisen. Zwar wurde diese Verordnung am 24.8. etwas gemildert, doch erging bereits am 22.9. eine erneute Verordnung, die die Aufnahme von Flüchtlingen wieder begrenzen sollte; Ausnahmen waren nur in Härtefällen möglich; wieder waren Juden nicht als politische Flüchtlinge anzuerkennen. Das Armeekommando ordnete ab 9.10. eine verschärfte Überwachung der Schweizer Westgrenze an.2

Grundlegende Informationen über die deutschen Mordaktionen an den Juden waren bereits im Sommer und Herbst 1942 in die Schweiz gedrungen. Proteste gegen die staatliche Flüchtlingspolitik wurden laut, auch innerhalb des Schweizer Protestantismus.3 Karl Barth, der im November 1941 eine Unterredung mit Rothmund gehabt hatte, verfolgte die Entwicklung mit großen Bedenken; im Hause Albert von Erlachs, des Schweizer Rotkreuzagenten für Gefangenenaustausch, informierte er sich Ende August auch durch ein Gespräch mit General Guisan.4 Im September verfaßte er zum Bettag ein achtseitiges Flug|356blatt, das, im Anschluß an Dan. 9,18, «mehr ein Ruf zur Besinnung als eine Predigt» war.5

Einen Monat später stellte er Mitte Oktober Thesen zur Flüchtlingshilfe auf.6 Wie er sie in der Öffentlichkeit verwendet hat, ob als Leserbrief oder als eine Stellungnahme in einer innerkirchlichen Auseinandersetzung oder für das Hilfswerk, ließ sich nicht klären.7 Nach Busch war der Text «wohl bestimmt für die am 22. Oktober beginnende Sammlung der Flüchtlingshilfswerke.»8

Die Thesen tragen keine Überschrift und kein Datum; sie sind nur mit «Professor Dr. Karl Barth, Basel» maschinenschriftlich unterschrieben.

Es gibt Gründe für und gegen die uns Schweizern heute nahegelegte Flüchtlingshilfe. Dafür spricht:

Der christliche Grund. «Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!»9 Die Flüchtlinge gehen uns an: nicht darum, weil sie gute, wertvolle, angenehme Menschen, sondern darum, weil sie heute in der ganzen Welt die Geringsten, die Elendesten sind und als solche an unsere Tür klopfen, deren unzertrennlicher Gefährte der Heiland ist. Sie gehen uns an: nicht obwohl sie Juden, sondern gerade weil sie Juden und als solche des Heilands leibliche Brüder sind. (Ich bemerke, daß dieser erste Grund der stärkste und wohl der allein unbedingt durchschlagende Grund für diese Sache ist.)10

357Der schweizerische Grund. Die Flüchtlinge tun uns (ob sie es wissen oder nicht) die Ehre an, in unserem Land einen letzten Hort des Rechtes und des Erbarmens zu sehen und aufzusuchen. Man wird später viel Großes und Schreckliches wieder vergessen, was in dieser Zeit geschehen ist. Man wird aber noch nach Jahrhunderten davon reden, ob die Schweiz ihren Namen als die freie Schweiz in diesen Tagen bestätigt oder verleugnet hat. Die Frage, ob uns das Beste, was wir als Schweizer sind und haben, durch die heutige Krisis hindurch erhalten bleiben wird, entscheidet sich auch daran, ob wir diesen Flüchtlingen unser Herz und unsere Hand öffnen oder aber den Rücken kehren.

Der menschliche Grund. Wir sehen an den Flüchtlingen, was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist. Es ist wohl wahr, daß es heute auch uns nicht zum Besten geht. Es ist aber wiederum wahr: es geht uns immerhin noch so gut, daß wir diesen unglücklichen Mitmenschen als die Wohlversorgten, ja Reichen gegenüber stehen. Können wir das aushaken, ohnen ihnen nach besten Kräften helfen zu wollen?

Wäre es nicht beschämend, die Gründe, die gegen diese Hilfe sprechen, auch nur über die Lippen zu bringen?

Professor Dr. Karl Barth, Basel

Sachfußnoten

1
Vgl. R. Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 2 und 3, Frankfurt 1990 📖, passim.↩
2
H. Kocher, Rationierte Menschlichkeit, Zürich 1996, S. 183–240 📖.↩
3
H. Kocher, a.a.O., S. 191–131.414–440 📖. ↩
4
H. Kocher, a.a.O., S. 208.217.234f. 📖 – Busch, Bogen S. 344–357 📖.↩
5
So Busch, Bogen, S. 356f. 📖 Siehe Predigten 1935–1952 (GA Abt. I), Zürich 1996, S. 430–444 📖. Nach Busch wählte Barth vermutlich «diese Form, um zum ‹Volk› reden zu können, da ihm direkte öffentliche Voten zur politische Situation untersagt waren.»↩
6
Zitiert von Busch, Lebenslauf, S. 332 📖, u. dems., Bogen, S. 358 📖.↩
7
Der Durchschlag des Texts befindet sich im Karl Barth-Archiv unter Durchschlägen von Briefen Barths vom 14./15.10.1942, ohne daß ein Zusammenhang erkennbar wäre. – Auch E. Busch nimmt an, daß der Text «zweifellos» von Barth stammt (Bogen, S. 358 📖).↩
8
Busch, Bogen, S. 358 📖.↩
9
Mt. 25,40.↩
10
Die Leipziger Neueste Nachrichten nahm am 21.12.1942 in einem Artikel Unerwünschte Gäste der Schweiz wahrscheinlich auf diesen Absatz Bezug: «Ein durch zahlreiche Hetzpamphlete berüchtigt gewordener politisierender Theologe äußerte: Bei den jüdischen Emigranten handele es sich durchweg um ‹wertvolle, angenehme Menschen› (!), und gerade deshalb, weil sie Juden seien, müsse man sie in der Schweiz bedingungslos und in möglichst großer Zahl aufnehmen, denn die Juden seien die Gefährten des Heilands.»↩