42 · 1942

Brief an einen amerikanischen Kirchenmann (Samuel M. Cavert)

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Brief an einen amerikanischen Kirchenmann
(Samuel M. Cavert)

1942

Als im Mai 1940, kurz nach Beginn der deutschen Westoffensive, Visser ’t Hooft an Barth herangetreten war, er möge «eine kurze, kräftige Botschaft in Amerika» veröffentlichen, «worin amerikanische Christen aufgerufen werden, um sich angesichts der jetzigen Lage zu entscheiden»1, hatte Barth abgelehnt: er könne einen «Aufruf zu einer so direkten politisch-militärischen Entscheidung als Beamter des Staates Basel-Stadt und also der nun einmal noch neutralen Schweiz unmöglich ausgehen lassen», wenn er auch von Herzen wünschte, «daß es noch rechtzeitig zu dieser Beteiligung kommen möchte.»2

Nachdem Japan am 7.12.1941 mit dem Angriff auf Pearl Harbour den Krieg gegen die USA begonnen und Deutschland am 11.12.1941 den USA den Krieg erklärt hatte, traten im Verlauf des Jahres 1942 Amerikaner an Barth mit der Bitte heran, eine Botschaft an die Amerikaner zu verfassen. So schrieb ihm der Theologe Holmes Rolston aus Charlotte, North Carolina, am 12.5.1942, er habe jahrelang Barths Schriften studiert und auch seine Briefe nach Frankreich und England gelesen:

359As America enters this world struggle, I am wondering if you would not follow your other letters by a letter to Christians in America in which you interpret for us against the background of your understanding of things on the Continent the meaning of this struggle for Christianity in America. In this way, you might make a very large contribution toward leading Christians in America to a true understanding of the present crisis.

I am one of the editors of an Presbyterian weekly. We could publish your letter at once and it would immediately be copied all over America.

Doch erst im Herbst des Jahres 1942 ging Barth auf die Anregungen ein. Als am 19.9. die Zeitschrift «Foreign Affairs» in einem langen Telegramm von Barth einen Artikel über die Rolle der protestantischen Kirchen in Europa erbat, kam er dieser Bitte nach und schrieb einen Text, der im Januar 1943 in den USA erschien.3

Im September 1942 traf Barth in Liestal auf einer Tagung des Schweizer Reformierten Pfarrvereins, der die Frage des Verhältnisses der Christen zu den Juden verhandelte und einen Aufruf zur Solidarität mit jüdischen Flüchtlingen verabschiedete, Samuel McCrea Cavert (1888–1976), den Generalsekretär des Federal Council of the Churches of Christ in America (1921–1950).4 Cavert war mit dem Auftrage nach Europa gekommen, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, ob die Deportation der Juden ihre Vernichtung bedeutete.5 Barth unterhielt sich erst am 30.9. in Basel im Hause Koechlins und dann am 4.10. in Genf, wo er Cavert bei Visser ’t Hooft wiedertraf, stundenlang mit ihm.6 Cavert hat später geschildert, wie es zu dem Offenen Briefe Barths an ihn gekommen ist7:

360In connection with a visit to Switzerland in September and October, 1942, it was my good fortune to become acquainted with Karl Barth. I first saw him in Liestal, when he was in the uniform of a captain in the Swiss Army8, completing a period of active military Service. The next day, while sitting at tea with him in Basle – only a few miles from Nazi fortifications – in the home of Pastor A. Koechlin, President of the Swiss Church Federation, I discovered that the Swiss theologian was intensely interested in knowing what American Christians were thinking about the international situation. When the conversation turned to his own convictions about the war, and particulary to views which he had expressed in a letter to British Christians published a year eralier, I suggested that he write a letter of similar character to Christians of the United States.

Dr. Barth’s first reaction to the Suggestion was decididly negative. He feared that he would appear intrusive and presumptuous if, never having been in America, he should undertake to give advice to American Christians. He also felt that he had too little knowledge both of America and of American Christianity to be able to say anything of value or even of interest to us. Ten days later, however, when we were both in Geneva as guests of W. A. Visser ’t Hooft, General Secretary of the Provisional Committee of the World Council of Churches, I reopened the question. Dr. ’t Hooft reinforced my plea that a friendly communication from Dr. Barth to American Christians would help to build up ecumenical understanding. We urged that Dr. Barth’s great service to the entire Church by his prophetic and courageous opposition to National Socialism in its earlier days had placed all Christians in his debt and meant that his words would receive an eager welcome. He finally agreed that if I would formulate certain questions in which American Christians are especially interested he would answer them frankly.

361Cavert übersandte Barth von Genf aus am 7.10.1942 diese Fragen mit einem Begleitschreiben:

Dear Mr. Barth: In accordance with our conversation of last Sunday I send you herewith some questions in which I am sure American Christians are interested. I hope you will write a letter to the American Churches!

In an old copy of one of our most popular American magazines I found last night an article about your letter to the English Churches. I enclose it herewith.9

It was a great pleasure to me to have the opportunity of becoming acquainted with you during my visit to Switzerland. I sincerely hope you will come to America after the war. If I can be of any assistance to you at any time, write to me at 297 Fourth Avenue, New York.

Fraternally yours Samuel McCrea Cavert

Beigefügt waren sieben Fragen mit einem Nachsatz:

If Dr. Barth would, in his letter to the American Churches, ask them certain questions concerning the adequacy of their religious attitudes and theological convictions in the light of the present world Situation, such questions would be welcomed.

In den nächsten beiden Wochen, zuletzt an einem Wochenende bei seinem Sohn Markus in Bubendorf (16.–18.10.), verfaßte Barth einen Brief nach Amerika, in dem er die sieben Fragen in englischem Wortlaut und in deutscher Übersetzung der Reihe nach wiedergab und beantwortete; er veränderte nur die Reihenfolge insofern, als er die erste und die dritte Frage austauschte.10 Am 21.10.1942 meldet er Visser ’t Hooft nach Genf:

Ich habe nun in einer längeren Reihe von Tages- und Nachtstunden, den sieben Fragen von Cavert folgend, den gewünschten Brief geschrieben. Er ist, wie du siehst, ein ganzes Büchlein geworden, mit dem sie nun eben drüben anfangen mögen, was sie können und wollen.

Natürlich hätte ich die Sache auch direkt hinüberschicken können. Ich vermute aber, daß ihr dort irgend einen besonders sichern und |362 schnellen Beförderungsweg kennt. Und es ist mir auch recht, wenn du von dem Inhalt gleich Kenntnis nimmst. Schon weil ich es nicht unterlassen konnte, am Schluß auch meine bekannte Beschwerde wieder an den Mann zu bringen – diesmal allerdings über deinen Kopf weg an die Adresse der Leute da drüben, hoffentlich diesmal ohne diesen deinen Kopf dabei allzu sehr mit zu beschädigen. Du mußt es mir nicht übel nehmen, wenn ich in dieser Sache nicht locker lasse. Aber wie könntet ihr es mir übel nehmen, wenn ich die ökumenische Bewegung offenbar ernster nehme, als sie selbst das bis dahin tun wollte?

Magst du also so gut sein, das Ding in irgend einer Weise über das Meer hin in Bewegung zu setzen?

Kurz darauf gab Barth sein «zweites Americanum» Arthur Frey11 und zwei weiteren Publizisten zur Lektüre, die beide positiv reagierten. Gottlob Wieser, Herausgeber des Kirchenblatts für die reformierte Schweiz, schrieb, er wolle den Brief gern im Kirchenblatt bringen: «Zur Vorsicht habe ich ein zuverlässiges Mitglied der Zensur angefragt, Dr. G. Steiner, der immer der Meinung ist, wir sollten in Kirchlichen Blättern soviel als möglich sagen. Ich warte nun seinen Bericht ab.»12 Hans Herren vom Ev. Verlag Zollikon-Zürich schrieb, er habe den Brief «geradezu mit Spannung gelesen. Haben Sie dafür herzlichen Dank. Es war und ist für mich ein großer Trost, daß auch Sie das Jahr 1938 als das schlimmste empfanden, dieses Jahr der geistigen Greise, die alles in Watte einzupacken versuchten. Der Brief wird sich übrigens in dem bewußten Band sehr gut ausnehmen.»13 Herren spielte damit auf den Plan an, den Barth auch in seiner Antwort auf Wiesers Anfrage erwähnte und der später in dem Bande «Eine Schweizer Stimme» Gestalt gewann. Barth schrieb Wieser14:

Mit einem Abdruck im Kirchenblatt wäre ich wohl einverstanden. Ich halte es aber für ganz ausgeschlossen, daß die Censur – oder sollten wir wegen Nord-Afrika schon ein solches Stück weiter gekommen sein?15 – zu einer integralen Wiedergabe ihre Zustimmung geben |363 wird. Für eine frisierte und gestutzte Ausgabe würde aber wiederum ich nicht zu gewinnen sein. Es ist schon verabredet, daß Zollikon nach em Kriege einen Sammelband mit dieser meiner ganzen Krypto-Literatur herausgeben wird, vielleicht mit angehängtem Weißbuch aus meiner Korrespondenz zur Beleuchtung der Charakterlumperei, die die Schweiz sich in dieser Zeit geleistet hat.

Während des Krieges kam ein vollständiger Abdruck in deutscher Sprache nicht zustande.

Über den Brief und seine Empfänger reflektierte Barth gegenüber Frau von Erlach, die die Fragen aus Amerika und Barths Antworten gelesen und mit kritischem Kommentar bedacht hatte16:

Es hat mich gefreut zu hören, daß mein Amerikanerbrief bei Ihnen so viel Interesse und auch Heiterkeit erregt hat. Die da drüben sind wirklich ein merkwürdiges Volk, und wenn man sie persönlich hört, immer noch merkwürdiger als aus der Ferne. Der mir jene Fragen stellte, ist ein ziemlich hochgesteller «Kirchenmann». Er war diesen Herbst in der Schweiz, und ich habe mich in Basel und in Genf stundenlang mit ihm unterhalten. Es hat ihm aber nichts ausgemacht, nachher diese enormen Fragen zu Papier zu bringen. Es wird sicher noch allerhand Dramen und auch Komödien geben, wenn die einmal anfangen werden, die ganze Welt und auch uns regieren und beglücken zu wollen. Aber reden muß man trotzdem mit ihnen. So habe ich, so gut es ging, zu antworten versucht. Die Sache soll drüben als Broschüre oder in einer Zeitschrift gedruckt werden.17

364Am 22.11.1942 erkundigte sich Barth bei Visser ’t Hooft: «Darf ich fragen, ob der Brief nach Amerika nun auf dem Wege zu seiner Bestimmung ist? Hätte ich es doch nicht versäumt, ihn gleichzeitig der ‹Pouch› der amerikanischen Gesandtschaft anzuvertrauen!» Erst am 3.12.1942 konnte Visser ’t Hooft Barth «definitiv sagen, daß der amerikanische Brief wirklich weg ist. Vor einer Woche wußte ich, daß er wenigstens von der betreffenden Stelle angenommen war, aber nun habe ich glücklicherweise auch die Bestätigung, daß er dann auch sofort mitgenommen worden ist.» Barths Brief, der seinen Weg über Südfrankreich nehmen sollte, war durch die deutsche Invasion des bisher unbesetzten Südteils Frankreichs (11.11.) aufgehalten worden und erreichte die USA erst im April 1943.18 Cavert druckte ihn im Herbst 1943, leicht gekürzt, unter der Überschrift «A letter to American Christians» in der Zeitschrift «Christendom. The American Institute of Christian philosophy» ab, mit einer Einleitung und Kommentaren.19 Visser ’t Hooft setzte Barth im Frühjahr 1944 von dieser Veröffentlichung in Kenntnis und fügte ihm ein maschinenschriftliches Exemplar bei.20

Wegen des vollständigen Abdrucks des Briefes wandte sich Cavert telegraphisch am 20.10.1943 an Barth: «macmillans willing publish letter ten percent royalty please cable me acceptance and authorize me serve as your agent also mail me written power of attorney = samuel cavert». Das Telegramm wurde Barth laut Stempel als «Unbeanstandet» zugestellt. Am 4.11. schickte Cavert «Via Radiosuisse» ein Radiogramm, das Barth ohne Vermerk erreichte: «to complete |365 arrangements necessary you cable me your authorization act as your attomey in all matters with macmillan concerning manuscript the church and the war stop date of writing is carefully indicated in preface = samuel cavert.» Barth telegraphierte zurück: «Authorize you as attorney.»

Als 1943 Caverts Anfragen eintrafen, befand sich Barth gerade in einer Auseinandersetzung mit der Schweizer Zensur über seine ins Ausland gesandten Texte. Am 3.8.1943 schrieb Oberleutnant Passavant von der Abt. Presse und Funkspruch: «Wir besitzen davon Kenntnis, daß Sie an ausländische Zeitungen und Zeitschriften Artikel, literarische Beiträge etc. gesandt haben oder noch immer senden.» Barth müsse seine Texte bei der Zensurbehörde anmelden und über seine Tätigkeit für das Ausland Antworten auf vier detailliert aufgeführte Fragen geben. Barth füllte das beiliegende Formular nicht aus, sondern erwiderte nur: «Ich betreibe keine Agentur. Bevor ich zu Ihrer Aufforderung Stellung nehme, bitte ich Sie höflich, mir mitzuteilen, auf Grund welcher gesetzlicher Bestimmungen Sie dazu kommen, mir die Beantwortung Ihrer Fragen und die Ausfüllung der mir zugesendeten Anmeldebogen abzuverlangen.»21 Die Zensurbehörde berief sich am 6.8. auf eine Vorschrift vom 12.6.1940 und forderte Barth auf, bis zum 12.8.1943 ihre Fragen zu beantworten.

Daraufhin schaltete Barth einen Rechtsanwalt ein. In dem folgenden Briefwechsel mit der Zensurbehörde22, in dem es vornehmlich um den Aufsatz in Foreign Affairs ging, fügte der Rechtsanwalt am Schluß seines Briefes an: «Im übrigen habe ich noch folgendes mitzuteilen: Am 21. Oktober wurde Herr Professor Barth von Herrn Dr. Samuel Cavert, New-York, Vize-Präsident des Federal Council der protestantischen Kirchen in den USA, angefragt, ob er ihm gestatte, einen im Oktober 1942 an ihn, Dr. Cavert, gerichteten Brief zu veröffentlichen. Herr Professor Barth hat hiezu telegraphisch seine Zusage erteilt. Ich übersende Ihnen beiliegend eine Kopie dieses Briefes.» Darauf scheint die Zensurbehörde nicht mehr reagiert zu haben.

366Cavert veröffentlichte Barths Brief, übersetzt von Antonia H. Froendt, in vollständiger Fassung 1944 in einem Sammelband, der in seinem ersten Teil auch den größten Teil des Aufsatzes aus Foreign Affairs enthielt.23 In seiner Einleitung schilderte Cavert die Entstehungsgeschichte des Briefes, ordnete ihn als den letzten in einer Reihe ähnlicher «ad-hoc-Dokumente» seit Barths Brief nach Prag ein und begründete den Abdruck: «Dr. Barth’s service in exposing the anti-Christian character of National Socialism is too little known in America. […] The superficial inpression, rather widely held in America, that Dr. Barth is unsocial and ‹other-worldly› in his conception of Christianity can hardly survive a careful perusal of his Letter to American Christians, or his other writings about the war.»24

Als Abfassungsdatum des Barth-Briefes gab Cavert in seiner Einleitung den Dezember 1942 an. «It is possible that some of his views (for example, about the role of the Church after the war) might be somewhat modified if he were writing the Letter today.»25 Der Brief stand wieder unter der Überschrift «A Letter to American Christians», war nun aber in zwei Teile geteilt: «The Role of the Church in Wartime» (Frage 1 bis 3) und «The Church and Post-War Reconstruction» (Frage 4 bis 7).26

Barth nahm den deutschen Text seines Briefes 1945 unter dem Titel «Brief an einen amerikanischen Kirchenmann» in die «Schweizer Stimme» auf.27 Ein Exemplar des amerikanischen Buches erhielt Barth im Oktober 1945 aus Genf, als Cavert auf einer erneuten Europareise begriffen war.28

367
Lieber Freund!

Sie und verschiedene andere Christen in den U.S.A. haben mich unabhängig voneinander aufgefordert, einen Brief ähnlichen Inhalts für Amerika zu schreiben wie die, die ich im Laufe der letzten Jahre nach Frankreich und England zu richten hatte. Das etwas Anspruchsvolle dieser Art von Briefen, aber auch die Verantwortlichkeit, die ich damit auf mich nehme, drängt sich auf. Ich sitze schließlich auf keinem apostolischen Stuhl, der mir formal die Pflicht auferlegte und formal das Recht gäbe, immer wieder solche Episteln ausgehen zu lassen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, wie leicht es bei der gebotenen Kürze solcher Äußerungen inmitten der Aufregung unserer Zeit in dem vielfach fremden Milieu, in dem man gelesen wird, zu Mißverständnissen kommt. Ich gestehe z. B., daß ich in Sorge bin, im Gedanken an gewisse Journalisten, die aus solchen Briefen mit Vorliebe ihren eigentlichen, wichtigen Inhalt zu übergehen und dafür ein paar allzu gemeinverständliche Schlagworte zu zitieren und diese dann (unter dem Titel: «Dr. Barth says…»29) als meine Botschaft herumzubieten pflegen. Und nun sind gerade die U.S.A. so groß, so weit – nicht nur geographisch so weit – weg von hier und mir innerlich noch so wenig bekannt, daß ich diesmal noch besonders gezögert habe. Wiederum sehe ich aber, daß das Haus nun einmal brennt, daß das Bedürfnis nach gegenseitiger Verständigung und Bestärkung immer wieder dringend ist, und da man mir nun einmal auch in Amerika das Vertrauen schenkt, will ich ihm auch diesmal zu entsprechen versuchen. Sie, lieber Freund, sind mir damit zu Hilfe gekommen, daß Sie mir eine Reihe von bestimmten Fragen vorgelegt haben, deren Beantwortung Sie für die Christen in Amerika für besonders wichtig halten. So will ich es versuchen, so weit ich Sie verstehe und so gut ich es kann, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen.

Erlauben Sie mir, zunächst einen allgemeinen Gedanken auszusprechen. Ich freue mich, den von Ihnen als Kenner Ihrer 273 christlichen Landsleute formulierten Fragen jedenfalls dies zu entnehmen: Der Ernst der heutigen Weltlage und ihrer Bedeutung für das christliche und kirchliche Gewissen ist nun offenbar auch in den U.S.A. im Be|368griff, voll realisiert zu werden. Alle Ihre Fragen bezeugen, daß die Zeit des allgemeinen Unverständnisses für die Ursache und Notwendigkeit des gegenwärtigen Krieges und auch die Zeit jener merkwürdigen christlichen Gleichgültigkeit, Unparteilichkeit und Unverantwortlichkeit seinen Problemen und Entscheidungen gegenüber im Ganzen auch dort der Vergangenheit angehört. Ich hebe dies darum hervor, weil man sich bei Ihnen kaum vorstellen kann, in welcher Verlegenheit und Unruhe wir uns in den langen Jahren befanden, als wir die nationalsozialistische Welle in Deutschland höher und immer höher steigen sahen, in den übrigen Ländern und Völkern aber – und dann so lange auch noch in Amerika – zwar ein gewisses äußerlich sensationelles Interesse, im Grunde aber der ganzen aufsteigenden Gefahr, ihrem Sinn und ihrer Größe gegenüber die schönste Gelassenheit, den stärksten Willen, sie nur ja nicht sehen, ihr nur ja nicht begegnen zu müssen, wahrnehmen mußten. So stieß man damals auch in den christlich-kirchlichen Kreisen der ganzen Welt kaum auf etwas Anderes als auf die ermüdenden Kundgebungen eines abstrakten Moralismus, der zwar bei gewissen aufregenden Nachrichten aus Deutschland erschrocken das Kreuz machte, ohne doch die grundsätzliche Drohung, die sich dort erhob, auch nur von ferne zu erkennen, der darum – allzu gerecht und gerade darum ungerecht – vor allen verbindlichen Stellungnahmen zurückscheute und warnte, der dauernd Frieden predigte, wo kein Friede mehr war30 noch sein konnte, und der bei dem allem gar nicht merkte, wessen Geschäfte er besorgte. Er hat sicher nicht wenig dazu beigetragen, die Völker in den Schlaf einzulullen, aus dem sie dann später so schrecklich erwachen mußten. So war der schlimmste Tag in den zurückliegenden Jahren für mich und einige Andere nicht etwa der der Niederlage Frankreichs im Jahr 1940 oder der der Eroberung Kretas im Jahr 1941 oder der des Ereignisses von Pearl Harbour31 – sondern der Tag von München 193832, an |369 dem sich die für den Frieden von Versailles verantwortlichen Staaten mit ihrem Verrat an der Tschechoslowakei zu ihrer Unfähigkeit, die 1919 begründete Ordnung 274 aufrecht zu erhalten, bekennen mußten und an dem dann auch die christlichen Kirchen in ganz Europa ihre Glocken läuten ließen und Gott danken zu sollen glaubten für die durch schändlichen Friedensschluß zustande gekommene Vermeidung des Krieges.33 Wenn ich mich recht erinnere, ist man auch in Amerika – auch im christlichen Amerika! – mit dem, was damals geschehen ist, im Ganzen wohl zufrieden gewesen. Wer das nicht tat – ob er nun Winston Churchill hieß34 oder ob er zu den Wenigen gehörte, die damals von christlichen Erwägungen aus in derselben Opposition standen – konnte in jenen Jahren kaum auf Gehör, wohl aber damit rechnen, als Scharfmacher und Kriegshetzer in schlechten Ruf zu kommen. Hat es damals nicht auch in den westlichen Demokratien und auch in den dortigen Kirchen allerlei heimliche oder sogar offene Bewunderer oder doch Verteidiger Hitlers gegeben? Waren wir nicht weithin schon im Begriff, den uns angebotenen Becher mit dem Rausch- und Gifttrank des neuen bösen Menschheitsideals sauersüß lächelnd, aber in einem fatalistischen Glücksgefühl halbwegs an den Mund zu führen? Damals habe ich gezittert – nicht vor Hitler, wohl aber vor der Torheit der Unzähligen, die, ohne ernstlich für Hitler zu sein, doch auch nicht ernstlich gegen ihn zu sein sich entschließen konnten. Sie verstehen, lieber Freund, warum ich heute – obwohl nicht nur die äußere, sondern auch die geistige und geistliche Situation noch immer ungeklärt genug ist – gerade angesichts Ihrer Fragen jedenfalls leichter atme. Gott hat es nun doch nicht gewollt, daß die Welt in jener Ahnungslosigkeit den offenkundigsten Tatsachen gegenüber verharrte und damit in den Abgrund rannte, der sich vor ihr geöffnet hatte. Und Gott hat es vor allem auch der Christenheit nicht erlaubt, die unfruchtbare moralische Träumerei fortzusetzen, in der sie der ganzen Explosion einer prinzipiellen und aggressiven Gottlosigkeit nur das kraftlose Gerede eines längst unchristlich gewordenen Verständigungswillens und Pazifismus entgegenzuhalten wußte.

370Ein gewisses Erwachen hat heute stattgefunden: es bleibt uns nun nur noch übrig, uns die letzten Spuren des hinter uns liegenden Schlafs aus den Augen zu wischen und uns – zur Vermeidung jedes Rückfalls – deutlich zu machen, was es bedeutet, nun wirklich aufgewacht zu sein. Gewisse innere und dann auch politische Entscheidungen sind heute gefallen: es 275 kann sich heute eigentlich nur noch darum handeln, sie gerade für uns Christen zu klaren, sauberen und damit dann auch kräftigen und nachhaltigen Entscheidungen zu gestalten. Das ist die heilsame Veränderung der Lage, die mir schon aus Ihren Fragen sichtbar wird und die es mir heute leichter macht, Ihnen zu schreiben, als wenn ein ähnlicher Auftrag etwa vor vier Jahren an mich herangetreten wäre. Sie müssen mir aber verzeihen, wenn Sie bemerken sollten, daß ich den Schrecken jener vergangenen Zeit noch immer in allen Gliedern trage. Ich habe damals eine Sorge durchgemacht, die mit vielen Anderen auch Sie so nicht gekannt haben.

Ihre erste Frage lautet: How can a Christian be, at the same time, a loyal citizen of a national state and a loyal member of the Universal Church, which transcends national interests?

«Wie kann ein Christ gleichzeitig ein loyaler Bürger eines Nationalstaates und ein loyales Glied der allgemeinen Kirche sein, welche über den nationalen Interessen steht?»

Ich denke, daß man als Christ vor allem dies zu bedenken hat: Es gehört nicht zum Wesen des Staates, daß er ein nationaler, d. h. ein auf ein bestimmtes Land und Volk begrenzter und also nur nationalen Interessen dienender Staat sein muß. Das ist die Staatsauffassung, die im 19. Jahrhundert zum Sieg gekommen ist. Sie war aber nicht die des Mittelalters und nicht die des römischen Reiches und Rechtes. Und sie ist vor allem nicht die der Bibel. Wie sollte es Gott nur mit einem – mit diesem oder jenem nationalen – Staat halten und nicht vielmehr allein mit seinem, dem rechten Staat in allen nationalen Staaten? Ist nicht die Funktion des Staates im Bereich aller Länder und Völker (eingeschlossen den «Staat», den es auch in einem unabhängigen Negerstamm, ja den es auch in einer Räuberhöhle geben mag!35) wesentlich dieselbe: Aufrichtung und Erhaltung einer Ordnung des Verhältnis|371ses zwischen gemeinsamem Recht und persönlicher Freiheit oder vielmehr Verantwortlichkeit? Hat es je einen nationalen Staat gegeben, der es hätte unterlassen können, sich durch internationale Verträge mit anderen Staaten auf den Boden dieses gemeinsamen und offenbar übergeordneten Staatsbegriffs zu stellen? Daß der Staat heute praktisch nur in Gestalt einer Vielzahl von nationalen Staaten 276 besteht, ist nur eine geschichtliche und also veränderliche, nicht eine wesentliche und unveränderliche Tatsache. Es war z. B. im alten Europa einmal ganz anders, und es kann in Europa und in der übrigen Welt auch noch einmal ganz anders werden. Es muß vielleicht aus dem gegenwärtigen Krieg wenigstens die klare Einsicht gewonnen werden, daß gerade in dieser Hinsicht früher oder später Vieles ganz anders werden muß. Solange das noch nicht geschehen ist, wird der Christ freilich auch in dem nationalen Staat, in welchem er lebt, die wesentliche, die international gültige, die von Gott in seiner Geduld eingesetzte Ordnung des rechten Staates nicht verkennen, sondern erkennen und respektieren. Zwischen der allgemeinen Kirche und dem rechten Staat kann ja (eben weil beide, wenn auch in verschiedener Absicht, von Gott eingesetzt sind) ein wesentlicher, ein notwendiger Widerspruch nicht bestehen. Darum aber auch nicht zwischen der allgemeinen Kirche und dem Nationalstaat, sofern dieser in seinem Bereich selber jener wesentliche, internationale, von Gott eingesetzte rechte Staat ist. Der Christ kann also grundsätzlich sehr wohl zugleich ein loyaler Bürger eines Nationalstaates z. B.. wie Sie und ich ein guter Amerikaner und ein guter Schweizer) und ein loyales Glied der allgemeinen Kirche sein. Er hat sogar, solange es nur Nationalstaaten gibt, gar keine andere Wahl, als den Gehorsam und die Anteilnahme, die er dem rechten Staat schuldig ist, nun eben seinem nationalen Staat zuzuwenden. Er würde Gott gar nicht geben, was Gottes ist, wenn er sich für zu gut hielte, nun eben hier, im nationalen Staat, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist.36 Er wird dieses Letztere aber in der Weise tun, daß er im nationalen Staat und also in voller Berücksichtigung der recht verstandenen nationalen Interessen konsequent für die allen Staaten gemeinsame, alle Staaten miteinander verbindende Ordnung des rechten Staates eintritt. Er wird gerade damit das Beste |372 auch seines nationalen Staates suchen und fördern. Er wird in seinem nationalen Staat gegen Alles auf der Wache sein und im Notfall Widerspruch einlegen und Widerstand leisten, was mit dessen Charakter als rechter Staat unverträglich ist. Er wird, so gut es ihm gegeben ist, das Seinige dazu beitragen, den nationalen Staat als rechten Staat zu erhalten und immer besser als solchen zu gestalten. Er wird darum selbstverständich auch immer unter denen zu 277 finden sein, die sich dafür einsetzen, auch die internationalen Beziehungen immer vollständiger auf den Boden zu stellen, auf dem nationale Staaten als rechte Staaten allein miteinander stehen können. Ein nur nationaler, nur nationalen Interessen dienender Staat – wir sehen heute, daß wenigstens Annäherungen an diese Karikatur möglich sind – würde freilich eben damit aufgehört haben, rechter Staat zu sein. In einem solchen nur noch unrechten Staat würde der Christ seine bürgerliche Loyalität nur noch kämpfend und leidend beweisen können. Seien wir, Sie als Amerikaner und ich als Schweizer, dankbar, daß uns dieser Konflikt, in welchem heute z. B. unsere Brüder in Deutschland stehen, insofern erspart ist, als unsere nationalen Staaten in aller ihrer Unvollkommenheit wenigstens ein gutes Stück weit auch als rechte Staaten anzusprechen sind. Machen wir das Beste daraus! Wir werden damit alle Hände voll zu tun haben.

Ihre zweite Frage: Is this war to be conceived as the judgment of God on mankind? And if so, is there no distinction to be made between the more guilty and the less guilty?

«Muß dieser Krieg als Gericht Gottes über die Menschheit verstanden werden? Wenn ja: müssen wir dann nicht zwischen mehr oder weniger Schuldigen unterscheiden?»

Ja, ich denke bestimmt, daß auch dieser Krieg – wie jeder Krieg – eine besonders sichtbare Gestalt des Gerichtes Gottes über die Menschheit ist. Wenn schon im Frieden die Anwendung von Polizeigewalt und das Aussprechen und der Vollzug von Strafurteilen zur Aufrechterhaltung der Staatsordnung unvermeidlich sind, so ist auch das immer ein Anzeichen des göttlichen Gerichtes über die menschliche Gesellschaft. Dasselbe gilt, wenn zwei oder mehrere nationale Staaten ihr Verhältnis zu einander, den Ausgleich ihrer nationalen Interessen, nur noch mit Waffengewalt zu ordnen wissen. Dasselbe |373 gilt aber auch, wenn – wie es in diesem Kriege der Fall ist – der rechte Staat als solcher gegen die Explosion der Tyrannei und Anarchie mit Waffengewalt verteidigt werden muß. Die Notwendigkeit der Anwendung der ultima ratio zeigt doch wohl immer an, daß vorher vielfach – und sicher nie bloß von einer Seite – geirrt und gefehlt worden ist. Die menschliche Sünde, des Menschen Rebellion gegen seinen Gott, ist dann wieder einmal so weit reif 278 geworden, daß, indem der Staat jenes Schwert zieht, das er nach Röm. 13 nicht umsonst trägt, ein schreckliches Zeichen des Zornes Gottes unmißverständlich sichtbar werden muß.37 Man wird dann – und man wird auch im Blick auf den heutigen Krieg – gewiß gut tun, sich einzugestehen, daß es diesem Gericht Gottes gegenüber keine mehr oder weniger Schuldigen gibt. Wer wollte hier Quantitäten messen? Man kann und muß wohl sagen, daß der Staat hier (heute bei den Alliierten) im Ganzen mehr rechter Staat geblieben ist als dort (heute bei Deutschland und seinen Verbündeten). Man kann und muß ferner sagen, daß die direkte Verantwortung für den Kriegsausbruch diesmal einwandfrei auf einer Seite, nämlich auf der Hitlers und des ihm leider blindlings ergebenen und folgenden deutschen Volkes zu suchen ist. Man kann aber unmöglich sagen, daß es auch nur in Sachen der ganzen verwickelten Vorgeschichte dieses Kriegsausbruchs, geschweige denn im Gerichte Gottes, mehr oder weniger Schuldige gebe. Sollte der unselige Hitler im Gerichte Gottes schuldiger sein als die Männer, die 1919 in Versailles keinen besseren (barmherzigeren und strengeren) Frieden zu schließen wußten? oder schuldiger als die, welche die europäische Politik zwischen 1919 und 1933 weder ehrlich idealistisch noch auch ehrlich realistisch, sondern einfach kopflos geleitet haben? oder schuldiger als die prinzipiellen und utilitaristischen Pazifisten, die die Welt der Überraschung von 1933 gegenüber zunächst wehrlos zu machen so viel beigetragen haben?38 Hat sich der Mann auf der Straße von Berlin oder München mit seinen Irrtümern und Torheiten schuldiger gemacht als seine Kameraden in London, Paris oder New York mit den ihrigen? Und man könnte hier fortfahren: haben die Völker den Regierungen mehr vorzuhalten als die Regierungen den Völkern? die |374 Juden den Antisemiten mehr als diese den Juden? die Kirchen der Gesellschaft mehr als die Gesellschaft den Kirchen? Es wird gut und nötig sein, sich auf allen Seiten die begangenen Fehler im Besonderen klar zu machen und einzugestehen. Es wird auch unvermeidlich sein, daß die für die heutige Katastrophe als solche direkt Verantwortlichen auch in besonderer Direktheit für das angerichtete Unheil zu büßen haben. Es könnte aber nur zu einem endlosen Gezänk führen, wenn man ausrechnen und sich gegenseitig vorrechnen wollte, wer daran mehr, wer daran weniger schuld sei, daß wir 279 heute im Kriege Gottes Gericht über die Menschheit erfahren müssen, und wenn man dann Hitler und das deutsche Volk – was ihrer wartet, ist ohnehin schlimm genug – gewissermaßen metaphysisch-theologisch dafür haftbar machen wollte. Und die Quelle einer rechten, sinnvollen und wirksamen Kriegführung würde dabei nur verschüttet werden. Denn anders als unter der Voraussetzung, daß wir Menschen einander im Angesichte Gottes keine Schulden vorzurechnen, sondern daß wir sie uns zu vergeben haben, kann der Krieg nicht gut geführt werden. Er ist gerade kein Instrument der göttlichen Rache der Einen gegen die Anderen – das kann ja schon die Polizeigewalt und die Gerichtsbarkeit im Frieden nimmermehr sein: «Mein ist die Rache, spricht der Herr. Ich will vergelten»39 – sondern sehr schlicht das freilich furchtbare letzte Instrument zur Wiederherstellung der durch gemeinsame Schuld verletzten und zerstörten öffentlichen Ordnung. Daß es im Krieg einen «Feind» gibt, der heute Hitler und leider auch Deutschland heißt, das bedeutet nur, daß dort nun eben die Krankheit, an der wir alle litten, aufgebrochen und eben dort nur noch durch Operation zu heilen ist. So viel Nihilismus40 hatte sich in allen möglichen Formen in der ganzen Welt angesammelt, daß er endlich und zuletzt in der hitlerisch deutschen Tyrannei und Anarchie zur Explosion kommen mußte: das ist’s, was wir aus diesem Kriege zu lernen – und daraus folgt, wie wir uns zu ihm zu verhalten haben. Je ruhiger man einsieht und zugibt, daß wir alle gerade in diesem Krieg in gleicher Weise unter Gottes Gericht stehen, daß gerade dieser Krieg nur den Charakter einer ernsten, unvermeidliches Leid über alle bringenden Polizeiak|375tion zur Verteidigung des rechten Staates haben kann – je weniger er sich (als hätten wir nicht alle in gleicher Weise Gottes Vergebung nötig!) gegen irgendwelche Schuldigen, je mehr er sich schlicht gegen ein bestimmtes unerträgliches Vergehen und auf die Beseitigung von dessen Ursachen und Wirkungen richtet, desto kaltblütiger und energischer wird der Krieg geführt werden, weil man dann – aber auch nur dann – ein gutes Gewissen bei dieser harten und schrecklichen Sache haben wird. Als ernste, ordentlich durchgeführte Polizeiaktion mit dem nüchternen Ziel, Hitler zu beseitigen und Deutschland und seine Verbündeten für alle Zeit unschädlich zu machen, ist er eine in sich gute, bei aller Härte und Schrecklichkeit barm280herzige Sache, die im wahrsten Interesse auch aller direkt Betroffenen liegt. Es wäre für den unseligen Hitler selbst nicht gut gewesen, wenn man ihm 1939 ungehemmt weiter sich auszurasen erlaubt hätte. Es wäre dem deutschen, dem italienischen, dem japanischen Volk nicht gut gewesen, wenn man sich den törichten Aspirationen, mit denen sie in diesen Krieg zogen, gefügt hätte. Der Krieg gegen sie wird in Wahrheit auch für sie geführt. Als Exekution der göttlichen Rache über die Schuldigen oder doch Schuldigeren aber könnte er keine gute Sache sein. Völker und Regierungen und Armeen würden ihn dann nur in heuchlerischer Selbstgerechtigkeit, sie würden ihn angesichts ihrer eigenen Mitschuld nur mit schlechtem Gewissen führen können, und es könnte dann das Ergebnis des Krieges auf alle Fälle nur die Ursache von neuen Übelständen und späteren neuen Kriegen sein. Wenn man das nicht will, dann soll man sich um Gottes willen nicht einreden, heute in einem Kreuzzug der Guten gegen die Bösen, der weißen gegen die schwarzen Schafe begriffen zu sein.

Ich möchte also auf den ersten Teil Ihrer Frage die Antwort geben, daß wir die Worte Röm. 13,1–7 beherzigen müssen – und auf den zweiten Teil Ihrer Frage, daß wir das Wort Röm. 3,23 («Es ist hier kein Unterschied…») daneben zu halten und in ihrem Zusammenhang die ganze christliche und auch politische Wahrheit zu erkennen haben.

Ihre dritte Frage: What is the true function of the Church and its ministers in relation to this war? Should Church bodies and pastors actively support the prosecution of the war by preaching about the issues involved, by urging the members of the Churches to serve in the |376 armed forces, to buy war bonds, etc.? Or should they confine their activities to the timeless «Spiritual» ministries? What are the limits beyond which the Church should not got in identifying itself with any political cause? In what sense is it true that the Church is not at war?

«Welches ist die wirkliche Aufgabe der Kirche und ihrer Diener in diesem Krieg? Sollen die kirchlichen Körperschaften und die Pfarrer die Kriegführung aktiv unterstützen, indem über die einschlägigen Fragen gepredigt wird und die Glieder der Kirche zum Armeedienst, zum Ankauf von Kriegsanleihen usw. 281 aufgefordert werden? Oder sollen sie ihre Tätigkeit auf die zeitlosen, «geistlichen» Funktionen beschränken? Welche Grenzen darf die Kirche nicht überschreiten, wenn sie sich mit einer politischen Sache identifiziert? In wiefern ist es wahr, daß die Kirche sich nicht im Krieg befindet?»

Sie fragen mich, wenn ich Sie recht verstehe, vor allem nach dem, was die Kirchen, d. h. die kirchlichen Körperschaften und ihre Prediger, in der heutigen Lage sagen und nicht sagen, tun und nicht tun sollen. Ich möchte der Frage nicht ausweichen; ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß zuerst und vor allem auch eine zunächst ganz innerliche Aufgabe der Kirche in Betracht kommen dürfte. Ist die Kirche sich klar darüber, daß ihr Auftrag in jeder und so auch in dieser heutigen Zeit einzig und allein (aber dies in vollem Umfang der Begriffe!) darin besteht, das Wort Gottes nach Anweisung der heiligen Schrift den Menschen von heute zu verkündigen? Hat sie sich die Ereignisse und Probleme unserer Zeit vor allem zur Mahnung werden lassen, sich des Sinnes und der Tragweite dieses Auftrags nach allen Seiten ganz neu bewußt zu werden? Hat sie also bemerkt, daß die über uns gekommene Weltkatastrophe auch mit einer Katastrophe der Kirche zusammenhängt, der zu begegnen noch viel wichtiger und dringlicher ist als alles Ja und Nein, das die Kirche nach außen zu verkündigen hat, der zu begegnen die notwendige Vorbedingung für alles kräftige Ja und Nein nach außen ist? Ich möchte mir also hier eine Gegenfrage erlauben: Was wird wohl heute in den kirchlichen Körperschaften, in den Pastoralkonferenzen und an den theologischen Fakultäten, vor allem aber in den Studierzimmern der einzelnen Pfarrer aller Denominationen der U.S.A. dafür getan, damit die Kirche wieder Kirche werde, sich selber als Kirche verstehen und verhalten lerne? Kam nicht viel von der in den letzten Jahren diesseits und Jen|377seits des Atlantik offenbar gewordenen Unsicherheit der Kirchen gegenüber den Zeitereignissen auch davon her, daß eben für die innere Erneuerung der Kirchen nichts oder zu wenig getan wurde? Von den Disteln kann man keine Trauben lesen.41 Von einem Verein zur Pflege eines religiösen Humanismus konnte man gestern nicht erwarten, daß er zur Erkenntnis der nationalsozialistischen Gefahr das rechte Auge und zur Warnung davor die rechte Stimme haben werde. Und von ihm kann man 282 heute nicht erwarten, daß er den Völkern in der großen Schwierigkeit ihrer Kriegsaufgaben und Kriegsleiden deutliche Weisung geben und nun doch das Reich Christi vertreten und nicht in den Dienst irgend eines menschlichen Reiches treten werde. Den schmalen Weg der klaren Entschiedenheit und der vollen Freiheit geht nur die Kirche, die Kirche ist oder doch wieder zu werden im Begriffe steht. Ich weiß nicht, ob und inwieweit es solche Kirche auch in Amerika wieder gibt – wir in Europa haben kaum die ersten Schritte in dieser Richtung hinter uns –, aber gerade wenn es etwas Entsprechendes auch in den U.S.A. geben sollte, wird man mich wohl verstehen, wenn ich sage, daß die wahre Funktion der Kirche vor allem in ihrer eigenen Reformation besteht: in einer Reformation, die nicht weniger gründlich sein kann als die, in der der Protestantismus im 16. Jahrhundert seinen Anfang genommen hat. Wie steht es bei Ihnen mit dieser Reformation? indem ich diese Gegenfrage vorausschicke, möchte ich auf Ihre dritte Frage folgendermaßen antworten:

1. Wenn die Kirche heute wirklich das Wort Gottes verkündigt, dann wird das allerdings insofern eine aktive Unterstützung der Kriegführung bedeuten, als sie mit der dem Worte Gottes entsprechenden Eindeutigkeit bekennen wird, daß die Durchführung jener ernsten Polizeiaktion gegen den Hitlerischen Nihilismus heute eine notwendige Aufgabe des rechten Staates ist, daß darum auch die Regierung der U.S.A. diese Aufgabe mit Recht in Angriff genommen hat und daß der amerikanische Christ verpflichtet ist, ihr im Rahmen seiner Berufung und seiner Kräfte bei der Bewältigung dieser Aufgabe beizustehen. Wir lasen hier in der Schweiz vor kurzem eine Erklärung von 93 führenden amerikanischen Protestanten42 und ließen uns sa|378gen, daß es sich dabei um eine für die Mehrheit der dortigen Kirchen charakteristische Verlautbarung handle. In dieser Erklärung steht der Satz: «Wir verabscheuen den Krieg, aber vom Ausgang dieses Krieges hängt die Verwirklichung christlicher Grundsätze ab, denen kein Christ gleichgültig gegenüberstehen kann.»43 Ich erlaube mir zu bezweifeln, daß das die dem Worte Gottes entsprechende eindeutige Sprache ist, die heute geführt werden sollte. Wenn vom Ausgang dieses Krieges die Verwirklichung christlicher Grundsätze abhängt, dann hat es keinen Sinn zu be283teuern, daß man den Krieg als solchen verabscheue: für abscheulich hält man dann offenbar nur gewisse unnötige und ungerechte Kriege, zu denen man aber diesen Krieg nicht rechnen will. Wenn man aber umgekehrt den Krieg als solchen wirklich verabscheut, dann darf man die Verwirklichung christlicher Grundsätze bestimmt nicht vom Ausgang dieses Krieges abhängig machen: das würde offenbar bedeuten, daß man entschlossen ist, gegen sein Gewissen Böses zu tun, damit Gutes daraus werde. Ich führe das als Beispiel dafür an, wie ich mir eine gute Seelsorge und Predigt in der heutigen Situation nun allerdings nicht vorstelle. Das Wort Gottes kann in solchen zweideutigen Sätzen nicht gut verkündigt werden, und eine bemerkenswerte «aktive Unterstützung der Kriegführung» kann mit solchem Reden auch nicht gut stattfinden.

2. Wenn die Kirche heute das Wort Gottes wirklich nach Anweisung der heiligen Schrift verkündigt, dann wird davon keine Rede sein können, daß sie den Krieg, seine Ursachen, Probleme, Aufgaben und Aussichten zum Thema ihrer Predigt und die Verpflichtung zum Militärdienst, zum Ankauf von Kriegsanleihen und dergl. zum Inhalt ihrer Ermahnung macht. Das ist es doch nicht, was die heilige Schrift von den Predigern des Evangeliums verlangt (und was die Menschen heute wie zu allen Zeiten nötig haben), daß durch die Kirche – arme Prediger und vor allem arme Gemeinden, wo das der Fall wäre! – noch einmal gesagt werde, was in den Zeitungen und durch die Propaganda |379 des Staates ohnehin zur Genüge und sicher viel besser, als die Pfarrer es können, gesagt wird. Was sollen sie predigen? Das Wort von der Versöhnung der Welt mit Gott durch Jesus Christus (2.Kor. 5,17–21) und nichts sonst. Dies aber in seinem vollen Umfang! Was gilt es, indem sie über die alleinige Königsherrschaft Jesu Christi, über seinen menschlichen Ursprung im Volke Israel, über seinen Triumph über alle Mächte und Gewalten, über Gottes in ihm erschienene Barmherzigkeit und Geduld, über die doppelte in ihm beschlossene Wohltat der Kirche und des Staates, über die völlige Unmöglichkeit, hier und dort zwei verschiedenen Herren zu dienen44, über die Freiheit und über den Dienst der durch den heiligen Geist erzeugten Kinder Gottes usw. predigen, werden sie ganz von selbst: in einfacher, strenger Auslegung der biblischen Texte (und 284 in der Regel sogar ohne die Personen und Dinge ausdrücklich zu nennen) auch gegen Hitler, Mussolini und Japan, gegen den Antisemitismus, die Staatsvergötterung, die Unterdrückungs- und Einschüchterungsmethoden, den prinzipiellen Militarismus, gegen die ganze Lüge und das ganze Unrecht des Nationalsozialismus und des Faschismus in seiner europäischen und asiatischen Gestalt und damit von selbst (und ohne «Politik auf die Kanzel zu bringen») für den rechten Staat und auch für eine ehrlich entschlossene Kriegsführung reden. Und auch für die nötige praktische Ermahnung wird dann (in der Regel wiederum ohne daß es nötig sein wird, Militärdienst, Kriegsanleihen und dergl. zur Sprache bringen) tatsächlich aufs beste gesorgt sein. Die Botschaft der Hl. Schrift ist in sich selbst stark und eindeutig genug, um sich gerade heute jedem Kind in ganz bestimmter Richtung verständlich zu machen. Man muß ihr nur wieder völlig und unter Ausschaltung aller Nebenabsichten dienstbar werden. Aber eben dazu muß die Kirche selbst allererst wieder Kirche werden.

3. Wenn die Kirche das Wort Gottes wirklich den Menschen von heute verkündigt, dann kann aber auch davon keine Rede sein, daß sie sich auf einen «zeitlosen» geistlichen Dienst beschränkt. Was soll das überhaupt heißen? Es gibt eine «zeitlose» Religion, eine «zeitlose» Moral. Das Wort Gottes aber ist nie «zeitlos». Die Zeit, in der wir leben, ist die uns durch Gottes Geduld gegebene Zeit zwischen Jesu |380 Christi Auferstehung und seiner Wiederkunft. Also ist sie seine Zeit. Also hat er und sein Wort eine notwendige, innere Beziehung zu allem, was in dieser Zeit geschieht, und also zum Menschen von heute, der sich in Amerika so oder so in den Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan verwickelt sieht. Was wäre das für eine Predigt und was wäre das für eine Seelsorge, deren Trost und Mahnung den Menschen in irgend einen zeitlosen Nebelraum jenseits der wirklichen Verhältnisse in dieser Welt mir ihren Nöten und Aufgaben, die ihn in irgend ein religiös moralisches Innen- und Privatleben verweisen würde? Ob sich wohl die Leute in Amerika, die jetzt, wie es scheint, für eine solche Predigt und Seelsorge eintreten, im Klaren sind darüber, daß sie sich damit aufs genaueste in den Spuren eines gewissen deutschen Luthertums bewegen, das nun seit Jahrhunderten gepredigt hat, daß man das 285 Evangelium und das Gesetz, das Jenseits und das Diesseits, die Kirche und den Staat, das christliche und das politische Leben als zwei säuberlich getrennte Bereiche zu betrachten und zu behandeln habe? Sind sie sich im Klaren darüber, wie stark diese üble Lehre dem deutschen Nationalismus, Etatismus und Militarismus schon des 19. Jahrhunderts und nun zuletzt dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet hat? Wenn man in Amerika Lust hat, dem Aufkommen eines ähnlichen säkularistischen Ungeheuers auch dort den Weg zu bereiten, dann empfehle man der Kirche nur fleißig, sich auf einen «zeitlosen» geistlichen Dienst zu beschränken: der Teufel hört keine Parole lieber als diese! Wenn man das nicht will, dann halte man sich daran, daß es dem Wort Gottes nun einmal gefallen hat, in Jesus Christus zeitlich und also – ohne seinem Charakter als Evangelium, als Jenseitshoffnung, als Wort der Kirche Eintrag zu tun, nein in Bestätigung und Erfüllung dieses seines Charakters – auch gesetzlich, auch diesseitig, auch politisch zu werden. Man lasse ihm seine ganze Selbständigkeit und Würde, indem man es nach Anweisung der heiligen Schrift verkündigt! Man lasse ihm aber – dies ist nach dieser anderen Seite zu sagen – seine ganze Kraft und Tragweite, indem man keinen Augenblick vergißt, es dem Menschen von heute als solchem und also auch in seiner ganzen zeitlichen und politischen Klarheit und Entschiedenheit zu verkündigen!

4. Identifikation der Kirche mit einer politischen Sache? Nein, unter keinen Umständen und auch nicht in den bescheidensten Gren|381zen! Darum handelt es sich wirklich in keiner Weise, daß die Kirche sich selbst mit irgend einer politischen Sache, also z. B. mit der der Alliierten auch nur von ferne identifiziere und also ihre Aufgabe darin suche, zu den schrecklichen Geräuschen, die nun um den ganzen Erdball gehen müssen, die nötige religiöse Begleitmusik zu machen. Damit würde sie ihren Herrn verraten und sich selbst aufgeben, und damit würde sie auch der Sache der Alliierten nicht den geringsten Dienst tun. Ein einziger braver Mann mit einem einfachen Gewehr in der Hand wäre der Sache der Alliierten nützlicher als die Glocken und Orgeln der Kirchen der ganzen Welt, wenn diese, indem sie ihren Herrn verraten und damit sich selbst aufgegeben hätten, keine braven Kirchen mehr wären! Sie können und sollen aber ihren Gliedern 286 und der ganzen Welt – nur in voller Selbständigkeit auch der Sache der Alliierten gegenüber wird das möglich sein – ein Licht sein, in welchem sichtbar wird, daß das furchtbare Geschehen unserer Tage kein blinder Zufall, keine bloße Äußerung allgemeiner menschlicher Narrheit, keine sinnlose Rauferei zwischen verschiedenen imperialistischen Systemen ist, daß es keinen Sinn hätte, sich entrüstet davon abzuwenden und an etwas Anderes zu denken, weil es so «abscheulich» ist, keinen Sinn, davor die Flucht zu ergreifen und die Verantwortung für seine Vollendung irgend welchen Anderen zu überlassen. Die Kirchen können und sollen deutlich machen, daß Jesus Christus auch heute der Herr – wohlverstanden: der Herr der Welt und aller ihrer Mächte45 – ist und daß auch der heutige, diese Welt fast zerreißende Kampf – ob die Menschen es wissen und zugeben oder nicht – tatsächlich in seinem Dienst und zu seiner Ehre gekämpft wird und darum eine Verheißung hat, darum von denen, die ihn kennen und lieben, mehr als von allen Anderen ernst zu nehmen ist. Ist dieser Krieg etwa nicht bedroht von der Möglichkeit, in seinem Sinn nun doch verkannt, nun doch bloß närrisch, wahnsinnig und abscheulich zu werden? Wie sollte es anders sein? Das menschliche Leben ist immer bedroht von dieser Möglichkeit. Es ist die beste Sache nicht sicher davor, in unsern Händen eine böse Sache zu werden. Und wenn dieser Krieg eine gute Sache ist, so ist er doch zweifellos eine gefährliche, eine für alle beteiligten Völker und Regierungen und Armeen |382 versuchliche Sache. Wehe, wenn die Kirche sich dieser Sache gegenüber entheiligen, statt umgekehrt dafür sorgen würde, daß diese Sache durch sie geheiligt, daß das Recht und die Notwendigkeit dieses Krieges zur Verteidigung des rechten Staates den Völkern, den Regierungen und Armeen bewußt und damit das gute Gewissen zu seiner Führung, aber auch die Besonnenheit zu seiner rechten Vollendung erhalten bleibe. Dieses Amt, in welchem sie mitten im Krieg schon den rechten Frieden verkündigt und also den Krieg nur um des rechten Friedens willen (um seinetwillen nun aber mit ganzem Ernst) gutheißt – dieses prophetische Amt ist das Amt der Kirche in diesem Kriege. Und wenn sie nur Kirche ist und bleibt, so ist nicht abzusehen, inwiefern sie sich in Wahrnehmung dieses Amtes irgendwelche Grenzen auferlegen dürfte. Ihr geistliches Amt ist auch in dieser Hinsicht grenzen287los. Sie sehe nur zu, daß sie ihm wirklich als ihrem geistlichen Amte treu sei und bleibe!

5. Der Satz, daß die Kirche nicht im Kriege ist, ist darin teilweise wahr, als er bedeuten kann: die Kirche ist keineswegs eines von den Instrumenten des kriegführenden Staates. Sie dient im Krieg wie im Frieden ihrem eigenen Herrn. Sie führt im Krieg wie im Frieden ihre eigene Sache und Sprache: die Sache und Sprache des gleicherweise an Freund und Feind sich richtenden, von keinem Ausgang des Krieges abhängigen Evangeliums. Sie betet, indem sie die Freunde mahnt, ganz fest zu sein und zu bleiben, für sie und die Feinde. Sie bleibt entschlossen und bereit, wenn nötig jederzeit auch für das Recht der Feinde einzutreten.

Derselbe Satz ist teilweise nicht wahr, sofern er bedeuten kann: die Kirche ist neutral, sie schaut zu und hütet sich, sich zu kompromittieren. Sie verkündigt ein um die Frage des rechten Staates unbekümmertes, ein auf keine klaren politischen Entscheidungen und Zielsetzungen drängendes Evangelium. Sie verbreitet womöglich die Lüge, als ob eine Erkenntnis zwischen rechts und links, gut und böse in diesem Krieg gar nicht gefordert und gar nicht möglich sei. Sie beschränkt sich auf jenen zeitlos geistlichen Dienst usw.

Derselbe Satz ist ganz wahr, sofern er bedeuten soll: die Kirche lebt und wirkt, gerade indem sie den Krieg ernst nimmt, mitten im Krieg im vollen tiefsten Frieden der Erkenntnis, daß der, der alles neu macht, heute schon siegreich zur Rechten Gottes sitzt46: der König, |383 dessen Reich kein Ende hat47, der unseren menschlichen Dienst nicht nötig hat und der es nun doch nicht verschmäht, ihn u. zw. unseren ernstlichen, entschiedenen, folgerichtigen Dienst in Kirche und Staat für sich in Anspruch zu nehmen.

Ihre vierte Frage: How far should the Churches go in formulating concrete plans for a better political and economic order in Europe – and in the world – after the war? Should they, for example, insist in the name of Christianity on the formation of a federated Europe (and possibly: a world federation) in which national sovereignity is transcended?

«Wie weit ist es die Aufgabe der Kirchen, konkrete Pläne für eine bessere politische und wirtschaftliche Ordnung in Europa – 288 und in der Welt – für die Zeit nach dem Kriege auszuarbeiten? Müssen sie z. B. im Namen des Christentums auf der Gründung eines ‹Vereinigten Europas› (und womöglich eines Weltbundes) mit übernationaler Autorität bestehen?»

Diese Fragen und alle nachfolgenden betreffen die Zukunft nach dem Kriege. – Erlauben Sie mir zunächst wieder eine allgemeine Gegenfrage.

Ich habe immer etwas Mühe, nicht unruhig, ja fast ein wenig ungeduldig zu werden, wenn ich meine englischen und amerikanischen Freunde so viel über die Kriegsziele und über allerlei Probleme und Absichten für die Zeit nach dem Kriege reden und diskutieren höre. Der Vorgang erinnert mich unheimlich daran, wie man von 1933 an die deutschen Emigranten in Paris, London, New York und anderswo dauernd mit der neuen Verfassung und Ordnung des Deutschen Reiches beschäftigt sah, mit der sie nach dem bald zu erwartenden Sturz Hitlers ihre Heimat zu beglücken gedachten. Ich komme über das Mißverhältnis zwischen diesen Zukunftssorgen und der gegenwärtigen Wirklichkeit nicht hinweg. Die Russen und die Chinesen48 kämpfen wie die Verzweifelten, leiden, bluten, sterben. In den besetzten Ländern trotzt ein verbissener Widerstand den deutschen Exekutionskommandos, droht aber auch immer mehr der Hunger und die |384 moralische Auflösung aller Art überhand zu nehmen. Sogar die bescheidene Aufgabe, die Schweiz als eine Insel der Ordnung und der Menschlichkeit zu erhalten, nimmt hier unsere ganze Kraft von einem Monat zum anderen in Anspruch. Bei Ihnen aber, lieber Freund, scheint es immer noch weite Kreise zu geben, die überschüssige Zeit und Energie genug haben, um sich den Kopf mit großem Eifer darüber zu zerbrechen, wie das Fell des Bären nachher – dann, wenn Alles, was heute zu seiner Erlegung zu tun ist, getan und zu seinem Ziel gekommen sein wird – verteilt werden soll! Hier stehe ich vor einem Rätsel, das ich vorläufig weder menschlich noch politisch noch theologisch lösen kann. Es ist selbstverständlich, daß wir alle uns gewisse Vorstellungen und Gedanken auch von der Nachkriegszeit zu machen versuchen. Ich möchte aber – bereit, mich belehren zu lassen – fragen, was man nun eigentlich davon erwartet, diese Vorstellungen und Gedanken in Form einer ganzen kleinen Eschatologie so in 289 den Vordergrund seiner Überlegungen zu ziehen, wie es in Ihren Fragen geschieht? Meint man die Nöte und Aufgaben von heute besser bewältigen zu können, wenn man heute schon dauernd von morgen träumt? Oder meint man morgen mit den dann auftretenden neuen Nöten und Aufgaben besser fertig zu werden, wenn man heute über Pläne spekuliert, nach denen man morgen vorzugehen gedenkt? Stört Sie denn dabei gar nicht die triviale Einsicht, daß offenbar jetzt, jetzt, jetzt – und wenn es jetzt noch physisch unmöglich ist, dann wenigstens sehr bald – mit aller Macht und allen Mitteln gehandelt, geholfen, gekämpft werden müßte, weil gerade die Zukunft so oder so ganz und gar von dem abhängen könnte, was jetzt oder sehr bald getan (oder nicht getan!) wird?49 Wäre es, um auch diesen Gesichtspunkt geltend zu machen, nicht besserer Stil, diese Zukunftsdiskussionen mindestens erst dann zu eröffnen, wenn die alliierten Truppen nun wirklich am Rhein oder noch besser jenseits des Rheins stehen oder in anderer Weise die große entscheidende Anstrengung erfolgreich hinter sich haben werden, auf die man sich nun schon so lange vorbereitete und von der man nun schon so viel geredet hat? Und stört Sie auch |385 nicht die ebenfalls triviale Wahrheit, daß die menschlichen Dinge – sicher gerade darum, weil sie in Gottes Hand sind – im Kleinen wie im Großen mit gewisser Regelmäßigkeit irgend einen ganz anderen Verlauf zu nehmen pflegen, als man jeweils vorgesehen hatte, und daß die heute konstruierten Zukunftsprogramme, wenn die Zukunft Gegenwart wird, sich fast regelmäßig als Makulatur und verlorene Liebesmühe zu erweisen pflegen, weil gerade die wichtigsten Tatsachen der Gegenwart gewordenen Zukunft sich gewöhnlich so überraschend einstellen, daß ein Strich durch die ganze vorher aufgestellte Rechnung einfach unvermeidlich wird? Leben wir denn etwa heute nach den Plänen, die wir vor drei oder fünf Jahren uns ausgedacht haben? Wie können wir da meinen, in wieder drei oder fünf Jahren von dem zu leben, was wir heute für dann uns auszudenken bemühen? Steht nicht auch in Ihrer Bibel das Wort, daß wir nicht sorgen sollten für den nächsten Tag, weil es genug sei, daß jeder Tag seine eigene Plage habe?50 und nicht auch die Geschichte von den Israeliten in der Wüste, die jeden Tag die himmlische Speise bekamen, die sie für diesen Tag brauchten, während dieselbe himmlische Speise stinkend 290 wurde, sobald sie sie als Vorrat für den nächsten Tag aufheben wollten?51

Es ist doch so: Wenn zunächst die Kirchen heute sich mit allem Ernst an die Aufgabe machten, ihrem eigentlichen Auftrag wieder getreu und also aus wohlmeinenden Religionsgesellschaften wieder zu wirklichen Kirchen zu werden – wenn sie, in diesem Akt der Buße und der Erneuerung begriffen, heute das rechte klare freudige Wort zu den Nöten und Aufgaben von heute und also zu der der Welt heute auferlegten Kriegsführung suchen, finden und dann sicher auch nicht ohne Kraft aussprechen würden, dann wäre eben das ihre wirklich solide und verheißungsvolle Vorbereitung auf ihre Aufgabe von morgen, nach dem Kriege, welches immer das Ergebnis des Krieges im einzelnen sein und welche Aufgabe dann immer im besonderen auch auf die Kirchen warten mag. Was brauchen diese denn eigentlich für jene Zukunft vorauszuwissen, außer dem Einen, daß ihr Herr auch dann bei ihnen sein wird («alle Tage» Matth. 28,20) und daß auch dann Alles darauf ankommen wird, daß sie für seinen Auftrag willig |386 und bereit sind? Und was können sie denn etwa tun für jene Zukunft außer dem Einen, daß sie jetzt – in der Gegenwart, in der sie jener Zukunft entgegengehen – ihrem Auftrag wirklich gehorsam sind? «Heute, da ihr seine Stimme höret…!» (Hebr. 3,7)?

Und es ist doch so: Wenn sich der Staat seinerseits heute gründlich und weitsichtig und energisch seinen vielfältigen Kriegsaufgaben zuwendet und also heute als rechter Staat sich bewährt und betätigt, wenn er heute politisch, militärisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell genau das tut, was er, entschlossen zur wirksamen Beseitigung des uns heute bedrohenden Übels, tun muß, wenn sein Handeln heute eine Probe nüchterner und entschlossener Durchführung seines besonderen Auftrags ist, dann ist eben das nicht nur seine beste, sondern auch die einzig realistische Vorbereitung auf das Kriegsende und auf den Frieden mit den Fragen und Aufgaben, die dann auf ihn warten werden. Daß Roosevelt und Churchill uns in der berühmten Atlantic-Charta eine kleine Skizze ihrer Vorstellungen von der Zeit nach dem Krieg gegeben haben52, war gut und schön, und daß es sicher in allen Regierungen auch eine Unterabteilung gibt, in der allerhand konkrete Nachkriegspläne für diesen oder jenen 291 Fall bereit gestellt werden, ist praktisch wohl noch besser. Aber hat es nicht auch einmal so etwas wie die ebenfalls berühmten vierzehn Punkte des Präsidenten Wilson gegeben?53 Kann ein vernünftiger Mensch bezweifeln, daß auch die Atlantic-Charta für gewisse Propagandabedürfnisse der Gegenwart – heute vielleicht schon der Vergangenheit – interessanter war als für die wirkliche Zukunft, über die mit uns Allen auch Roosevelt und Churchill wohl träumen und nachdenken, nicht aber – ich bin sicher, daß |387 diese Männer die Ersten sein würden, das zuzugestehen – verfügen können? Und wenn heute in jenen Unterabteilungen für Zukunftspläne wirklich gute Arbeit geleistet wird, in was kann sie dann bestehen als in der Fixierung gewisser Gesichtspunkte für sehr verschiedene Eventualitäten, wobei doch ganz neue, unerwartete Eventualitäten die Regierungen im entscheidenen Augenblick noch einmal zu ganz anderen Fixierungen nötigen könnten? Was gerade für die Zukunft von Seiten des Staates (und in unserer Eigenschaft als Staatsbürger von uns allen) getan – nicht geschwatzt, sondern getan! – werden kann, das muß in der Gegenwart und für die Gegenwart getan werden oder es wird überhaupt nicht getan. Wird es getan – tun wir es (als Christen in der fröhlichen Zuversicht, daß unsere Zukunft wie unsere Gegenwart nicht uns, sondern Gott gehört), dann wollen wir es doch darauf ankommen lassen, ob wir nicht auch am Kriegsende und im Frieden die Leute sein werden, die dann in irgend einer anderen Form auf uns wartenden Lasten auf uns zu nehmen.

Ich bitte um Verzeihung, wenn ich in der Formulierung dieser Gegenfrage darum besonders ausführlich sein mußte, weil ich den Eindruck habe, daß ich hier bei meinen amerikanischen Freunden gegen eine ganz besonders dicke Mauer rede, und weil ich die Existenz dieser dicken Mauer für eine geradezu gefährliche Sache halte. Habe ich über das alles nicht schon in meinem Brief nach England, der ja auch in Amerika fleißig gelesen worden ist54, eifrig genug geredet? Wenn ich doch diese Mauer – diesen, wie mir vorläufig scheint, in bedrohlicher Weise lebensfremden «Futurismus» – ein wenig erschüttern oder aber mich überzeugen lassen könnte, daß er menschlich, politisch und christlich die gute und nötige Sache ist, für die er bei Ihnen offenbar gehalten wird und für die ich ihn vorläufig so gar nicht halten 292 kann! – Aber nun will ich mich einer direkten Beantwortung Ihrer vierten Frage – unter dem Vorbehalt, der mit dieser meiner Gegenfrage gegeben ist – nicht länger entziehen.

Der von den Kirchen heute wie morgen zu vertretende christliche Begriff des rechten Staates hat zweifellos eine bestimmte Grenze und eine bestimmte Richtung. Indem er auf Ordnung zielt, widerspricht und widersteht er aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ty|388rannei und Anarchie. Und indem er das gemeinsame Recht und die persönliche Verantwortlichkeit zum Maßstab der Ordnung macht, liegt die Demokratie mehr in seiner Linie als eine aristokratische oder monarchische Diktatur, der Sozialismus mehr als die ungebundene Wirtschaft und das auf sie begründete Gesellschafts- und Erwerbssystem, eine Föderation freier (auch vom Nationalitätenprinzip möglichst freier!) Staaten mehr als das Nebeneinander unabhängiger und unkontrolliert konkurrierender Nationalstaaten. Darum konnte und kann es für die Kirchen im heutigen Konflikt nur eine Stellungnahme geben. Und damit dürfte auch über den Ausgangspunkt und die allgemeine Richtung ihrer künftigen Stellungnahme beim Kriegsende und angesichts der Probleme des Friedens entschieden sein. Man darf aber nicht vergessen: der christliche Begriff des rechten Staates enthält wohl die absolute Forderung von Ordnung, Recht und Freiheit, aber keine absolute Forderung hinsichtlich der auf dieser Grundlage möglichen konkreten Gestaltung des öffentliches Lebens in dieser oder jener Staatsform. Man könnte – schon mit Rücksicht darauf, daß Röm. 13,1–7 nun einmal im Blick auf den römischen Staat zur Zeit Neros geschrieben worden ist – nicht sagen, daß die Demokratie, der Sozialismus, eine im engeren oder weiteren Kreis föderierte Staatenwelt, schlechthin notwendige, immer, überall und unter allen Umständen geltend zu machende christliche Postulate, die Diktatur, ein ungebundenes Wirtschaftssystem, das bisherige Nebeneinander der Nationalstaaten aber als schlechthin unchristlich zu verwerfen und zu bekämpfen seien. Ordnung, Recht und Freiheit können auch unter jenen besseren Gestalten zu Schanden werden, und sie können auch unter jenen schlechten Gestalten zu Ehren kommen. Daß unter allen Umständen das Letztere geschehe, das und nur das – und nicht die Einführung der besseren, die Abschaffung der schlechteren Ge293stalten öffentlichen Lebens – ist absolute christliche Forderung. Die Kirchen werden sich auch in Zukunft an diese Unterscheidung zu halten haben. Sie werden, auch wenn die notwendige allgemeine Erneuerung nach dem Krieg einmal vor der Türe und praktisch zur Diskussion steht – immer mit dem Auftrag, das lebendige Wort Gottes zu verkündigen – an jene Grenze zu erinnern und in jene Richtung zu weisen haben. Sie werden dann hoffentlich unbedingt eintreten für das, was unbedingt Geltung hat. Sie werden sich dann aber hoffentlich |389 wohl hüten, sich mit irgendeiner Staats- und Gesellschaftsphilosophie zu identifizieren oder sich gar zu gebärden, als ob sie selbst eine «christliche» Staats- und Gesellschaftsphilosophie zu vertreten und durchzusetzen hätten, als ob diese das Unbedingte wäre, das sie zu verkündigen haben. Im Hören auf das lebendige göttliche Wort, aber auch im Blick auf die praktischen Bedingungen und Voraussetzungen der notwendigen Erneuerung werden sie dann zu sagen haben, was in dieser Sache zu sagen sein wird, und wird es sich dann entscheiden, in welcher Form sie für die Ordnung, in welchem Maß und Sinn sie für die demokratische, sozialistische und föderative Aufrichtung von Recht und Freiheit einzutreten haben. Wie sollten sie heute schon Nachforschungen darüber anstellen, Vereinbarungen darüber treffen und Auskunft darüber geben können, welchen konkreten Inhalt ihre Verkündigung, ihre Forderungen, vielleicht auch ihr Protest dann haben werden? Das Wort Gottes wird morgen sicher nicht einfach eine Wiederholung dessen sein, was wir heute nach bestem Wissen und Gewissen zu hören meinen. Und was wissen wir heute über die praktischen Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen es dann zu verkündigen sein wird? Was wissen wir über die Gestalt, in der Sowjetrußland aus diesem Krieg hervorgehen [wird], und über das, was wir dann von ihm zu lernen und nicht zu lernen haben werden? Oder über die Art, in der Deutschland seine Niederlage erleben und aufnehmen, und über die Art, in der sich die Umwälzung dort vollziehen wird? Oder über die Kräfte, die die U.S.A. und England jetzt zusammengeführt haben, aber vielleicht auch wieder auseinander führen können? Oder über die Faktoren, die China und vielleicht auch Indien in jenem Augenblick sein werden? Oder über die Gesinnungen, in denen die Bourgeoisie und in denen die Arbeiterschaft in den kriegführenden und 294 neutralen Staaten, in denen die jetzt unterdrückten Massen in Deutschland, Italien und Japan aus der heutigen Krisis hervorgehen werden? Oder über die Personen, die dann hüben und drüben am Ruder sein und an den Konferenztischen sitzen werden? – man weiß doch, was gerade die Personen bei der Gestaltung des Friedens von 1919 für eine Rolle gespielt haben – oder über die Frage, ob man zu jenem Zeitpunkt mit einem gewissen brauchbaren politischen Enthusiasmus oder aber mit einer allgemeinen lähmenden Müdigkeit und Gleichgültigkeit – nach 1918 hat die ganze Welt bekanntlich nur |390 noch tanzen wollen!55 – zu rechnen haben wird? Ich bitte: Wie soll man angesichts so vieler wichtigster, aber gänzlich unbekannter Faktoren jetzt schon konkrete Pläne fassen und darüber beschließen können, in welcher Form, in welchem Maß und Sinn der christliche Begriff des rechten Staates dann von der Kirche geltend zu machen sein wird? Wieviel wird dann vielleicht möglich und notwendig sein, wovon wir uns jetzt noch nicht einmal träumen lassen können! Und wieviel wird dann vielleicht glatt unmöglich und völlig unnütz sein, was wir jetzt zum sichersten Inventar unserer Zukunftserwartungen rechnen! Brauchen wir denn wirklich schon heute zu wissen, was wir dann sagen wollen? Ist es angesichts von Matth. 10,11–12 nicht doch ein bißchen ungläubig, das durchaus schon heute wissen zu wollen? Haben wir nicht Besseres zu tun? Ich fürchte: wenn wir heute nichts Besseres zu tun wissen, dann werden wir – gerade mit unseren konkreten Plänen im Kopf und in der Tasche – im entscheidenden Augenblick wieder einmal sehr ratlos dastehen.

Ihre fünfte Frage: Should the American Churches try to persuade the American people and the American government to accept a responsibility for enforcing Order and peace, by the use of armed force, after the war? If they do so, how can they avoid the rise of an American «imperialism»?

«Ist es die Pflicht der amerikanischen Kirchen, das amerikanische Volk und die amerikanische Regierung zu überzeugen, daß sie verantwortlich sind, nach Kriegsende Ordnung und Frieden mit Waffengewalt sicherzustellen? Wird das unternommen, wie ist dann das Aufkommen eines amerikanischen ‹Imperalismus› zu vermeiden?» 295

Ob es nötig sein wird, daß die amerikanische Regierung Ordnung und Frieden durch den Gebrauch bewaffneter Macht nicht nur durch den Krieg wiederherstellen, sondern auch nach dem Krieg aufrecht erhalten hilft, das wissen wir heute nicht. Wird es nötig sein, so sehe ich nicht ein, wie dann die amerikanische Regierung halbe Arbeit tun, d. h. das Erste tun, das Zweite aber unterlassen könnte. Alle Regierungen haben hoffentlich aus dem Mißerfolg des Friedens von Ver|391sailles gelernt, daß – wenn die Weltpolitik endlich einen gewissen Sinn bekommen soll – wer A sagt, auch B, C und D sagen muß. So ist es mir unzweifelhaft, daß die amerikanischen Kirchen – wenn die amerikanische Regierung hier unerwarteter Weise versagen sollte – die Pflicht haben werden, sie zu bitten, sich auch in dieser Hinsicht als Regierung eines rechten Staates zu verhalten. Der Friede nach diesem Krieg muß ein mit allen menschlichen Mitteln garantierter Friede werden. Sonst wäre auch dieser Krieg wieder umsonst geführt worden.

Aber nun fürchten Sie offenbar in diesem Zusammenhang einen amerikanischen «Imperialismus». Ja, das kann man freilich überhaupt fürchten, daß es in der Folge dieses Krieges zu allerhand neuen und vielleicht schlimmeren Imperialismen kommen könnte. Sowjetrußland!? Der natürliche Mensch ist ein böses Tier, das sein Spiel, auch wenn es für einmal zu Ende ist, allzu gerne in einer neuen Maske an einem anderen Ort von vorne anfängt. Aber sehen Sie, es ist nie vom Guten, wenn man sich auf einem rechten Weg durch die Möglichkeit von allerhand Gefahren, die sich da früher oder später einstellen könnten, irre machen und aufhalten läßt. Die Gefahr eines amerikanischen Imperialismus beweist gar nichts dagegen, daß Amerika den Weg, den es angetreten hat, zu Ende gehen und also ganze Arbeit tun muß. Nochmals: sonst ist Alles umsonst gewesen! Suchen Sie jeden Amerikaner davon zu überzeugen: damit tun Sie dann auch das Beste, was gegen jene Gefahr, wenn sie wirklich drohen sollte, geschehen kann. Einen amerikanischen Imperialismus hatte man damals zu fürchten, als Amerika sich nach üblen nationalistischen Vorbildern nur um sich selbst kümmern wollte. Bleibt es der von ihm übernommenen weltpolitischen Aufgabe treu, dann wird es von selbst nicht imperialistisch werden. Ich sehe also nicht ein, daß die amerikanischen Kirchen 296 etwas Besseres tun könnten, als dafür einzutreten, daß Amerika der von ihm übernommenen weltpolitischen Aufgabe treu bleiben möge. Wenn das aus irgend einem Grunde nicht geschehen und wenn dann jene Gefahr doch akut werden sollte – ja dann würde man wohl die Kirchen und Völker in ähnlicher Weise gegen Amerika aufrufen müssen, wie man sie heute gegen Hitler aufrufen muß. Zweifeln Sie nicht, daß ich dann auch nicht schweigen würde! Aber warum sollten Sie und ich uns heute damit unterhalten, solche Teufel an die Wand zu malen?

392Ihre sechste Frage lautet What policies should the American Churches support with reference to relations with a.) Germany, b) Russia after the war?

«Welche Nachkriegspolitik a) gegenüber Deutschland, b) gegenüber Rußland sollen die amerikanischen Kirchen unterstützen?»

Hier bekenne ich, Ihrem eschatologischen Interesse gegenüber in besonderer Verlegenheit zu sein. Wir wissen nicht, was a) Deutschland, b) Rußland nach dem Krieg sein werden. Wie können wir wissen, welche Politik ihnen gegenüber dann die passendste, welche dann also von den amerikanischen Kirchen zu unterstützen sein wird? Wir wissen nur a), daß die deutsche Armee noch nicht geschlagen ist56, und b), daß es bis jetzt Rußland gewesen ist, das im Krieg gegen Deutschland die wirksamsten Leistungen vollbracht und auch die größten Opfer gebracht hat.57 Ich kann Ihre Aufmerksamkeit nicht dringend genug auf diese sicheren Gegenwartstatsachen lenken.

So wage ich nur im Blick auf das mir besonders am Herzen liegende Deutschland einen allgemeinen Gedanken zu äußern, von dem ich vermute, daß er bei Kriegsende ernstlich in Erwägung gezogen werden sollte: Wenn dann die von Deutschland her in irgend einer Weise vielleicht auch in Zukunft drohende Gefahr gründlich beseitigt und zugleich den deutschen Völkern und Menschen ein gründlicher Dienst getan werden soll, dann wird man es wagen müssen, die Deutschen besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen, und also das unglückliche Werk Bismarcks58 – als den schlimmsten unter den na|393tionalistischen Irrtümern des 19. Jahrhunderts – wieder rückgängig zu machen, d. h. den verschiedenen deutschen Staaten (Österreich, Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, Hessen usw.59) in einem noch näher zu 297 bestimmenden Sinn und Umfang ihre Souveränität zurückzugeben. Das «Deutsche Reich» beruht auf einem Mißverständnis, das sich nun nicht nur für die anderen Völker und Staaten, sondern vor allem für Deutschland selbst unheilvoll genug ausgewirkt hat. Laßt die deutschen Stämme politisch wieder sein, was sie sind und was sie trotz Bismarck und Hitler zu sein nie aufgehört haben! Sorgt dafür, daß sie sich wirtschaftlich erhalten können, aber helft ihnen dazu, den für sie selbst noch mehr als für alle Anderen nur schrecklichen politischen Großmachtstraum nun endlich auszuträumen und damit fähig zu werden, in der Gemeinschaft der anderen Völker wirklich ihr eigenes Leben zu leben und wirklich ihrer eigenen Sendung treu zu sein! Die Deutschen werden nach dem Kriege viele selbstlose, aufmerksame und geduldige Freunde nötig haben. So im tiefsten krank war vielleicht noch nie ein Volk wie heute das deutsche.60 Es wird morgen bestimmt viel mehr zu bedauern sein als alle die andern, über die es heute so viel Leid gebracht hat. Man wird ihm aber, soweit das durch Menschen und von außen her überhaupt möglich ist, nur dann helfen können, wenn die Hand, die ihm geboten wird, eine ganz feste Hand ist. Die Aufgabe wird eine riesengroße sein. Ich beeile mich aber, hinzuzufügen, daß auch diese Frage, wenn der Krieg erst beendigt ist, noch einmal ein ganz anderes Gesicht zeigen könnte, und möchte darum auch den hier angedeuteten Gedanken nur in Parenthese geäußert haben.

Ihre siebente Frage: What Spiritual qualifications are essential in American Christians who desire to be helpful to the European Churches in the period of reconstruction following the war?

394«Welche geistlichen Qualitäten werden amerikanischen Christen nötig sein, die den europäischen Kirchen in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg hilfreich zu sein wünschen?»

Ich bin auch hier in gewisser Verlegenheit. Wir werden nach dem Krieg sicher jedem amerikanischen Christen herzlich dankbar sein, der es auf sich nehmen will, den europäischen Kirchen in der dem Krieg folgenden Zeit der Rekonstruktion hilfreich zu sein. Die Beantwortung der Frage, welche geistlichen Qualitäten auf Seiten eines solchen Amerikaners dazu wesentlich sein werden, hängt aber davon ab, was man a) unter «geistlichen Qualitäten» und b) unter «hilfreich» verstehen will. Ist die Frage streng 298 neutestamentlich gemeint, dann kann wohl nur geantwortet werden: ein solcher Amerikaner wird als Träger des vollen apostolischen Evangeliums von Jesus Christus zu uns kommen und unseren Kirchen damit hilfreich sein müssen, daß er ihnen in seiner Person und mit seinem Wort zeigt, wie sie besser als in der Vergangenheit Kirchen sein, glauben, lieben und hoffen und damit Lichter in dieser dunklen Welt sein können. Aber vielleicht ist die Frage weniger streng gemeint. Sie wollen das Wort (spiritual) vielleicht mehr im Sinn von «geistig» als von «geistlich» verstanden wissen. Dann möchte ich eine doppelte Antwort geben:

1. Ein solcher Amerikaner müßte die europäischen Kirchen, denen er helfen will, nicht erst kennen lernen, wenn er zu uns herüberkommt. Er dürfte sich auch nicht allzu rasch und schlagwortmäßig über sie informiert haben. Er müßte sich mit ihrer besonderen Geschichte, ihrer äußeren und inneren Lage, ihren Problemen und Nöten, ihren Erkenntnissen und Kräften schon ernstlich beschäftigt und ein gutes Stück weit vertraut gemacht haben. Ich möchte als dringenden Wunsch hinzufügen: er müßte auch unsere Sprache ein wenig kennen, unsere Bücher und Zeitungen zur Not selber lesen, unseren Gottesdiensten und anderen Versammlungen mit einigem Verständnis folgen und womöglich auch ein wenig in unserer Sprache zu uns reden können.

2. Ein solcher Amerikaner müßte den europäischen Kirchen gegenüber lieber mit einer besseren – ja nicht etwa mit einer noch schlechteren Theologie ausgerüstet sein als die, die hier landläufig ist. Er müßte christlich festeren Boden unter den Füßen haben, er müßte ein besserer Bibelkenner, Prediger, Seelsorger und Kirchenpolitiker sein |395 und er müßte als solcher einen größeren Ernst und auch mehr Humor um sich verbreiten als der Durchschnitt der europäischen Theologen. Diese haben viele und schwere Fehler: sie dürften dann durch den Amerikaner ja nicht darin bestärkt werden! Sie haben auch einige gute Eigenschaften: in diesen dürften sie durch den Amerikaner ja nicht unterboten, sondern nur überboten werden!

Sie sehen, lieber Freund, daß es recht schwer sein wird, den europäischen Kirchen von Amerika aus hilfreich zu sein. Nicht darum, weil sie besonders anspruchsvoll, wohl aber darum, weil sie besonders bedürftig sein werden. Das Beste an geistlichen und 299 geistigen Qualitäten auf Seiten des hilfsbereiten Amerikaners wird gerade gut genug sein, um uns wirksam beizuspringen. Ich würde Ihre Frage nicht ernst nehmen, wenn ich Ihnen etwas Anderes antworten würde. Sie sehen aber, daß meine Antwort auch hier auf die Gegenwart zurückweist: es kommt ja Alles darauf an, welche Qualitäten sich die amerikanischen Kirchen und Christen heute erwerben, um mit ihrer Hilfe morgen Anderen hilfreich sein zu können.

Und nun erlauben Sie mir im Anschluß an diese Ihre letzte Frage noch eine Frage und Bitte meinerseits: Ich weiß, daß die amerikanischen Kirchen ein großes und löbliches Interesse an der ökumenischen Bewegung nehmen, deren «Rat» oder deren Bureau in unserem Land in Genf seinen Sitz hat. Und ich denke, daß die Ausgestaltung und Aktivierung dieser Organisation auch zu den Dingen gehört, in denen man dort gerade dem Europa und der Welt der Nachkriegszeit hilfreich zu sein nicht abgeneigt sein wird. Ich hatte nun in den vergangenen Jahren mehrfach Anlaß, es zu beklagen, daß in Genf wohl allerlei nützliche Beobachtungen gesammelt und Berichte herausgegeben, allerlei vorbereitende Studien getrieben, allerlei Verkehr und Korrespondenz gefördert, allerlei technische Hilfe geleistet, auch gelegentlich (aber doch mehr persönlich) gewisse Ratschläge an die in den Kampf gedrängten und leidenden Kirchen vermittelt wurden, daß aber «Genf» und also die ökumenische Bewegung auch in den entscheidendsten Augenblicken der Geschichte dieser Jahre nie zu hören war, daß es weder nach 1933 (zur Zeit des deutschen Kirchenkampfs) noch im Sommer und Herbst 1938, als der politische Sturm sich zusammenzog, noch 1939, als er ausbrach, weder zur Zeit der Katastro|396phe von 1940 noch seither im Namen der dort konkret vereinigten Kirchen der Welt ein bekennendes, klärendes, ermunterndes und tröstliches Wort an die Christenheit und Menschheit gerichtet hat.61 Warum mußte und muß ich als Privatmann solche Briefe in die Welt hinausschreiben, nachdem man nun seit 1925 immer wieder so viele schöne Worte über die in der ökumenischen Bewegung neu entdeckte Einheit der Kirche Jesu Christi gesprochen und geschrieben hat? Warum hat es «Genf» immer mir überlassen zu reden? Warum haben auch Sie – via Genf allerdings – Ihre Fragen 300 an mich gerichtet und nicht an Genf selber? Ich meine damit: Warum ist die eine Kirche als solche nicht auf dem Plan mit ihrem Wort, wenn solche Fragen wie die Ihrigen in den einzelnen Kirchen zur Diskussion stehen? Warum muß man sich dann an einen Professor halten, der als solcher doch nur sein Wort zu bieten hat, zum vornherein behindert dadurch, daß man es doch nur als sein Wort aufnehmen und behandeln wird? Auf alle diese Fragen, mit denen ich unseren gemeinsamen Freund in Genf62 schon oft genug geplagt habe, bekam ich immer wieder die Antwort, daß der ökumenische Rat oder das ökumenische Bureau – an seinem Hause las ich aber in drei Sprachen das Wort «Rat»! – keine Autorität, keinen Auftrag und keine Vollmacht habe, in der von mir gewünschten Weise öffentlich und verbindlich zu reden. Ich hörte immer wieder, daß das ganze Institut erst «in process of formation» und also gewissermaßen noch nicht handlungsfähig sei. Erlauben Sie mir, jetzt noch einmal ein bißchen lebhaft zu werden: Ist es nun nicht doch recht bedauerlich, daß das einzige Organ in der Welt, in welchem die ökumenische Bewegung und also die, wie man sagt, wiederentdeckte eine Kirche Jesu Christi nicht nur Gegenstand von schönen Reden war, sondern eine bescheidene, aber immerhin in Gestalt eines ganzen kleinen Stabes von beauftragten und qualifizierten Männern und Frauen sichtbare Gestalt hatte, gerade in diesen Jahren leider noch nicht handlungsfähig, sondern in irgend einem unendlichen Werdeprozeß begriffen war und daß es offenbar vorderhand dabei bleiben soll? Ist es nicht fast tragikomisch, daß man dort zwar über das Thema «Die Botschaft der Kir|397che an die Welt»63 Konferenzen veranstaltet und allerlei sicher wertvolle Gutachten sammelt, an die Konzipierung und Veröffentlichung wirklicher Botschaften der Kirche an die Welt aber – immer noch im process of formation begriffen – auch nicht einmal zu denken wagt? Auf was wartet man eigentlich – ich habe diese Frage bis jetzt an unseren Freund nach Genf gerichtet, sehe aber ein, daß ich sie billigerweise nicht nur an «Genf» richten kann –, diesen Prozeß ein wenig energisch zu beschleunigen und also dem Genfer Organ in irgend einer Weise die Autorität, den Auftrag, die Vollmacht zu geben, es im Notfall auch so zu verstärken und zu erweitern, daß es fähig wird, wirklich ökumenischer Rat zu sein und also nicht nur ernstlich zu 301 beraten, sondern auch ernstlich Rat zu geben, wie es die Kirchen in Europa und in der ganzen Welt doch wahrhaftig nötig haben? Man soll mir doch nicht sagen, daß so etwas wie das öffentlich verbindliche Wort eines wirklichen Rates der in der ökumenischen Bewegung vereinigten Kirchen notwendig den Charakter eines päpstlichen Erlasses haben müßte und daß die Vereinigung dieser Kirchen dazu noch lange nicht weit genug gediehen sei? Gibt es denn nicht auch so etwas wie ein in apostolischer Freiheit öffentlich und verbindlich gesprochenes Bruderwort, und müßte sich die Echtheit der neu entdeckten geistlichen Einheit der Kirche Christi – gerade im Gegensatz zu der päpstlichen Einheit der falschen Kirche, der wir wahrlich nicht nachzueifern haben! – nicht darin erweisen, daß solche freien apostolischen Bruderworte heute in ihrem Namen gesprochen werden? Ich frage: Auf was wartet man in den Kirchen der Welt, um dem Genfer Organ in irgend einer (vielleicht unter den heutigen Umständen weniger form- als sachgerechten!) Weise zu bestätigen, daß man solche Worte gerade von dort zu hören hofft, daß man nun nicht mehr bloß studiert und diskutiert, sondern christlich geredet und damit christlich gehandelt zu sehen wünscht? Sieht man denn nicht ein, daß die ökumenische Bewegung und der ökumenische Rat, wenn sie dessen nicht fähig sind, vor der Geschichte einmal als ein ganz ähnlich freundliches, aber ohnmächtiges Spiel dastehen werden wie der Völkerbund von 1919, der schließlich ebenfalls daran moralisch zugrunde gegangen ist, daß nie|398mand die Lust dazu hatte und die Verantwortung dafür übernehmen wollte, ihn mit Macht auszustatten? Was die ökumenische Bewegung und der ökumenische Rat nötig haben, ist geistliche Macht. Unsere Freunde in Genf behaupten, diese nicht zu haben, solange die Kirchen der Welt sich nicht in ausdrücklicher Vertrauenserklärung und mit ausdrücklichem Auftrag hinter sie stellen. Ich bin zwar anderer Ansicht: sie hätten längst, ohne zu fragen, den Beweis des Geistes und der Kraft führen64 sollen auf die Gefahr hin, daß man sich da und dort über sie beklagt hätte. Ich sehe aber ein, daß sie eine solche Vertrauenserklärung und Beauftragung nun einmal faktisch nötig haben. Und darum bitte ich: man gebe sie ihnen!65 Man wartet doch hoffentlich nicht etwa auch in dieser Sache futuristisch auf das Eschaton des Kriegsendes und irgendwelcher für jene Zeit ins Auge zu 302 fassender Möglichkeiten? Nein, jetzt, jetzt müßte die eine Kirche in den Kirchen hörbar und damit zu einer lebendigen Wirklichkeit werden. Wie sollte sie es später werden, wenn sie es gerade jetzt nicht gewagt hat und immer noch nicht wagen will, sich hören zu lassen? Darf ich den amerikanischen Kirchen, die ich hier in Ihrer Person anrede, nicht zurufen, sie möchten für sich oder mit den Kirchen anderer Länder zusammen die Schritte sofort unternehmen, die hier sofortigen Wandel möglich und wirklich zu machen geeignet sind? Hier könnten die amerikanischen Christen den europäischen Kirchen jetzt schon – und nicht erst in der Periode der projektierten Rekonstruktion – hilfreich sein.

Damit soll nun aber dieser lang gewordene Brief zu Ende sein. Ich weiß, daß Sie ihn in allen Einzelheiten freundlich und verständnisvoll aufnehmen werden. Grüßen Sie Alle, die mit Ihnen von den Fragen bewegt sind, zu denen ich Ihnen hier meine Gedanken gesagt habe! Gott sei mit Ihnen dort und mit uns hier!

In christlicher Verbundenheit
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
«Es sieht doch wohl so aus, als ob – menschlich gesehen – das Schicksal Europas für längere Zeit von der Haltung der Amerikaner abhängt.» (Brief vom 14.5.1940; s. auch Th. Herwig, Karl Barth und die Ökumenische Bewegung, Neukirchen 1998, S. 82–84 📖).↩
2
Brief vom 8.6.1940. Barth konnte sich höchstens ein Votum des Weltrats der Kirchen vorstellen, zu dem er sich «dann in irgend einer erkennbaren aber doch indirekten Weise bekennen würde.» Doch fehlten leider zu einem Votum die Voraussetzungen, weil der Rat versäumt habe, ein Votum, nach dem Barth «nun ein Jahr lang vergeblich gerufen» habe, «nämlich ein solches mit der Kundgabe einer verbindlichen christlichen Stellungnahme zu diesem Krieg als solchem, nicht von sich gegeben hat. Wir können doch die Amerikaner (im Namen der Kirche!) nur dann gegen Hitler zu Hilfe rufen, wenn wir selbst uns zuvor offen dazu bekannt hätten, daß wir als Christen den Krieg gegen Hitler als recht und notwendig ansehen. Das haben wir nun aber eben nicht getan.» (Herwig, a.a.O., S. 83 📖).↩
3
The Protestant churches in Europe, in: Foreign Affairs. An American quarterly review, Jg. 21, New York 1943, Nr. 2, S. 260–275 📖. – Das deutsche Manuskript wurde im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz unter dem Titel Die protestantischen Kirchen in Europa, veröffentlicht, wobei einige Stellen «mit Rücksicht auf die schweizerischen Zensurverhältnisse im Ausdruck leicht verändert» wurden (Jg. 99, 1943, Nr. 7f., S. 98–102.114–118 📖); dazu: Busch, Bogen, S. 500 📖; vollständiger Abdruck: Schw.St. S. 251–271 📖.↩
4
Busch, Bogen, S. 355f. 📖↩
5
A. Boyens, Kirchenkampf und Ökumene 1939-45. Darstellung und Dokumentation, München 1973, S. 122f. 📖 ↩
6
Brief Barths an Frau E. von Erlach vom 19.12.1942.↩
7
Am Anfang seiner Einleitung zu K. Barth, The Church and the War, New York 1944, Seite V 📖.↩
8
An den Rand dieser Stelle setzte Barth in seinem Exemplar ein «?!». Es läßt sich nicht mehr feststellen, ob es bedeuten soll, daß Barth sich 1945, als er die Broschüre erhielt, nicht mehr an den Vorgang erinnerte, oder ob er Caverts Darstellung bezweifelte. Busch kommentiert Caverts Darstellung so: «Demnach hätte Barth, der schon zwei Wochen zuvor seinen Wehrdienst für das Jahr abgeschlossen hatte, eigens für diesen Auftritt sein Soldatenkleid angezogen.» (Bogen, S. 356 📖)↩
9
Dabei handelte es sich wahrscheinlich um den Artikel des Magazins «Time» Karl Barth declares war 📖, s. Offenen Brief Nr. 34, S. 275, Anm. 35.↩
10
Wortlaut der Fragen im Karl Barth-Archiv: «SOME QUESTIONS FROM AMERICA».↩
11
Brief an Frey vom 26.10.1942.↩
12
Brief vom 20.11.1942.↩
13
Brief vom 20.11.1942.↩
14
Brief an G. Wieser vom 21.11.1942.↩
15
Nach der Großoffensive der britischen 8. Armee unter Montgomery gegen die deutsch-italienische Panzerarmee seit dem 23.10. und der Landung amerikanisch-britischer Invasionsstreitkräfte in Marokko und Algerien am 7./8.11.1942.↩
16
Brief an Barth vom 23.11.1942: «Leider sind diese Fragen so unglaublich kindisch, daß es einem Leid tun könnte, daß Sie Zeit und Mühe verwenden mußten, um auf deren Inhalt einzugehen. […] Was die dritte Frage anbelangt, so denke ich, wird der Mann von Ihren Ausführungen etwas enttäuscht sein –, denn: ‹Dr. Barth does not say, that a sure way to please God is to buy war bonds!‹ […] Was die späteren Fragen anbelangt, so muß man sich wirklich fragen, wie man einen schwerbeschäftigten Professor mit dieser ärmlichen Fragerei zu belästigen wagt? […] Mir sind die Haare einzeln auf dem Kopfe hochgestanden über die siebente Frage! Ihre Antwort darauf ist Alles, was sie sein soll, und ich schließe nur ein kleines Gebet an, daß, wenn dann der ‹helpful American Christian› uns zu Hilfe kommt, wir bewahrt werden mögen vor der Sünde des geistigen Hochmuts.»↩
17
Brief an Frau Emilie v. Erlach vom 19.12.1942.↩
18
Herwig, a.a.O., S. 95 📖. ↩
19
New York, Jg. 8, Nr. 4, vom August 1943, S. 441–460 📖. Es folgten Kommentare von Cavert selbst (S. 458–460), John Coleman Bennet, Systematiker am New Yorker Union Theological Seminary und Mitarbeiter R. Niebuhrs (S. 460–462), Charles Clayton Morrison, dem Herausgeber der Zeitschrift The Christian Century (S. 462–465), Wilhelm Pauck, dem Kirchenhistoriker in Chicago (S. 465–469) und dem Quäker Douglas van Steere, Philosophieprofessor in Pennsylvania (S. 469–472); Darstellung bei Herwig, a.a.O., S. 97–99 📖. Die Zeitschrift The Christian Century brachte 1943 (Jg. 60) zwei Kommentare: War as a judgement of God (S. 1126–1128) 📖 und Fighting in the dark (S. 1159–1161) 📖.↩
20
Brief vom 7.3.1944, Herwig, a.a.O., S. 97 📖. ↩
21
Brief vom 5.8.1943.↩
22
Abdruck für einen Band der Abt. VI der Karl Barth-Gesamtausgabe vorgesehen.↩
23
K. Barth, The Church and the War, A wartime book, New York 1944 📖.↩
24
a.a.O., S. VI.IX 📖. ↩
25
a.a.O., S. IX 📖. ↩
26
a.a.O., S. 19–34.35–49 📖. ↩
27
Schw.St. S. 272–302 📖.↩
28
Brief Caverts an Barth vom 10.10.1945: «I presume you received from the American publishers a copy of the little book which prints your ‹Letter to American Christians›, but in the vicissitudes of war-time posts, it may not have reached you. I send you a copy from Geneva today. Next month you will receive from the publishers a check for royalties in the book. Not a very large check, – about 450 or 500 Sw. francs.»↩
29
Wohl u. a. Anspielung auf den Titel des Artikels in «Time» 📖, s. Anm. 9.↩
30
Vgl. Jer. 6,14; 8,11; Hes. 13,10.16; 1.Thess. 5,3.↩
31
Frankreich mußte am 22.6.1940 mit Deutschland einen Waffenstillstand schließen, der einer Kapitulation gleichkam; deutsche Truppen landeten am 20.5.1941 auf Kreta und eroberten die Insel bis zum 1.6.; Japan eröffnete am 7.12.1941 durch Angriff auf Pearl Harbour den Krieg gegen die USA.↩
32
Das Münchener Abkommen vom 29.9.1938, vgl. Barth Offenen Brief an Hromádka, Nr. 17.↩
33
Siehe die Einleitung zu Barths Brief an Hromádka, Nr. 17.↩
34
W. Churchill, Gegner der Appeasement-Politik, löste als Premierminister N. Chamberlain am 10.5.1940 ab.↩
35
Vgl. A. Augustinus, De civitate Dei IV, 4 📖.↩
36
Vgl. Mt. 22,21; Lk. 20,25; Mk. 12,17.↩
37
Röm. 13,4.↩
38
Vgl. Barths Brief an Hromádka, Nr. 17.↩
39
Deut. 32,35; Röm. 12,19; Hebr. 10,30.↩
40
Vgl. Offenen Brief Nr. 30, S. 246, Anm. 24.↩
41
Vgl. Mt. 7,16.↩
42
A Declaration by Protestant Leaders to Their Fellow Christians on Spiritual Issues at Stake in Outcome of War, in: The Christian Century vom 26.8.1942, S. 1033f. 📖 In den «Mitteilungen des Schweizerischen evangelischen Pressedienstes» wurde darüber unter der Überschrift «Eine Erklärung amerikanischer Protestanten» berichtet (Nr. 40 vom 7.10.1942, Blatt 8 📖).↩
43
a.a.O., S. 1034 📖. In den «Mitteilungen des Schweiz. evang. Pressedienstes» 📖 wird dieser Satz wörtlich so zitiert.↩
44
Vgl Mt. 6,24; Lk. 16,13.↩
45
Vgl. Eph. 1,20f.; Apk. 11,15.↩
46
Vgl. Eph. 1,20.↩
47
Vgl. Lk. 1,33.↩
48
Seit Sommer 1937 wehrte sich China gegen eine umfassende japanische Offensive.↩
49
«Und nun haben die Engländer und Amerikaner doch ziemlich plötzlich zu handeln begonnen», urteilte Barth kurz darauf, am 10.11.1942 in einem Briefe an Albert von Erlach (über die Ereignisse in Afrika s. Anm. 15). Dagegen erfolgte eine lange erwartete Landung in Süditalien erst am 10.7.1943.↩
50
Mt. 6,34.↩
51
Ex. 16,16–20.↩
52
In der Atlantik-Charta verkündeten der US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Churchill am 14.8.1941 gemeinsame Friedensziele: Selbstbestimmungsrecht aller Völker, freier Welthandel, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Entwaffnung der Angreiferstaaten, Errichtung eines allgemeinen Sicherheitssystems, Gewaltverzicht usw.↩
53
Der US-Präsident Woodrow Wilson hatte am 8.1.1918 14 Punkte als Richtlinien für einen Weltfrieden aufgestellt: Öffentlichkeit aller internationalen Vereinbarungen, Freiheit der Meere und des Welthandels, Rüstungsbeschränkung, Räumung und Freiheit der von Deutschen besetzten Länder, nationale Autonomie für die Völker Österreich-Ungarns und der Türkei, Gründung eines Völkerbundes usw. Diese Ziele wurden in den Verträgen, die den I. Weltkrieg beendeten, nur teilweise verwirklicht.↩
54
Siehe Offenen Brief Nr. 34, S. 274–276, Einleitung und Anm. 29–39.↩
55
Anspielung auf die Tendenz vieler Menschen, sich nach 1918 in Vergnügungen zu stürzen; vielleicht auch auf einen bestimmten Schlager.↩
56
Als Barth den Brief schrieb, hatte das nationalsozialistische deutsche Imperium gerade seine größte Ausdehnung erreicht: im Osten bis zum Kaukasus und zum Don, im Norden bis Hammerfest, im Westen bis zur Biskaya und im Süden bis Tunis und Libyen in Afrika. Nur wer die Ressourcen beider Seiten verglich, konnte den Sieg der Alliierten für sicher halten.↩
57
Die Sowjetunion gab später die Verluste im II. Weltkrieg mit 20,6 Millionen an, darunter 7 Millionen Zivilisten. Frankreich verlor 810000, Großbritannien 386000, die USA 259000 Menschen (Der Große Ploetz, Auszug aus der Geschichte32, Freiburg/Würzburg 1999, S. 802 📖).↩
58
Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 unter Preußens Führung als Folge des siegreichen Krieges gegen Frankreich. Der Reichskanzler, 1871–1890 Fürst Otto von Bismarck, wurde nicht von der Mehrheit der Reichstagsabgeordneten gewählt, sondern hing von der Gunst des Deutschen Kaisers, des Königs von Preußen, ab.↩
59
Preußen hatte 1866 das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen-Kassel, das Herzogtum Nassau und die Stadt Frankfurt/Main annektiert. Die Königreiche Sachsen, Bayern und Württemberg stimmten 1871 der Gründung eines Deutschen Reiches zu, in dem der König von Preußen jeweils Deutscher Kaiser und der preußische Ministerpräsident jeweils Reichskanzler war.↩
60
Eine der ersten Publikationen Barths nach dem Kriege bekam den Titel: Wie können die Deutschen gesund werden? (Zollikon-Zürich 1945) 📖.↩
61
Dazu vgl. W. Visser ’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde. Autobiographie, München 1972, S. 141–164 📖. – A. Boyens, a.a.O. (s. Anm. 5), S. 49–82.109–117 und 299–306 📖 (Briefwechsel Barth – Visser ’t Hooft 📖 1939).↩
62
Willem A. Visser ’t Hooft.↩
63
Über die Konferenzen und Studien des Ökumenischen Rats der Kirchen s. A. Boyens, a.a.O. (s. Anm. 5), S. 197ff. 📖 ↩
64
1.Kor. 2,4.↩
65
In seiner Autobiographie vermerkt Visser ’t Hooft, nachdem er diesen Angriff Barths auf ihn referiert hatte: «1939 und 1940 hatte ich versucht, den Weltrat dazu zu bewegen, sich ungeachtet des ‹vorläufigen› Charakters zu äußern. […] Jetzt, da wir uns nicht mehr treffen konnten, war es ganz unmöglich, als ‹Weltrat› in so stark umstrittenen Fragen Stellung zu beziehen.» (a.a.O., S. 163f. 📖)↩