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Brief Nach Holland

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Brief nach Holland

1942

Unmittelbar nach der fünften Wipkinger Tagung am 15./16.11.1942, auf der das theologische Verständnis der Juden auf der Grundlage von Röm. 9-11 besprochen worden war1, traf die Nachricht ein, daß die schon bekannten Deportationen von Juden in den Osten Europas in einer Massenvernichtung endeten. So wurde schon am 19.11. zu einer Dringlichkeitssitzung der Kommission am 25.11. eingeladen.2 (Zu deren Ergebnis siehe den Text Anhang B.) In der kurzen Zwischenzeit erfüllte Barth die Bitte Visser ’t Hoofts, erneut einen Brief nach Holland zu verfassen (vgl. seinen Offenen Brief Nr. 40).3 Im Begleitbrief vom 22.11. schrieb Barth: «Hier kommt der gewünschte ‹episkopale› Trostbrief. Ich hoffe, daß er deinen Vorstellungen entspreche und daß er dort unten seinen Dienst tun möge.» Am gleichen Tage schickte er den Text auch an Arthur Frey: «Ich habe auf dringenden Wunsch von Visser ’t Hooft schon wieder ein ökumenisches Schreiben verfassen müssen, das ich dir hier wie üblich zur Kenntnisnahme und evtl. Archivierung beilege. In Bern müßten sie4 immer neue Freude an mir haben, wenn sie jeweilen wüßten, was ich wieder getan habe. Irgend einmal kommt dann freilich Alles an den Tag. Aber vielleicht nahen nun auch schon die Tage, wo sie dort froh sein werden darüber, daß immerhin auch solcher ‹Export›5 stattgefunden hat.»

Am 3.12.1942 teilte Visser ’t Hooft Barth mit:

Jetzt versuchen wir, die Botschaft nach Holland wegzukriegen, und da wir zwei verschiedene Methoden haben, so dürfen wir doch hoffen, daß sie noch zeitig da sein wird. Ich bin Dir recht dankbar für dieses Wort, das jetzt wohl ganz in die Lage hineinpaßt. Gestern hörten wir, daß nun etwa 100 Pastoren, 50 der Hervormden und 50 der |400 Gereformeerden Kirchen, entweder als Geisel oder als Gefangenen festgenommen worden sind. Und dazu kommen noch die vielen, die immer unterwegs sind, weil sie nicht zu Hause bleiben können. Da darf man doch froh sein, daß gleichzeitig berichtet wird, daß die Haltung der Kirche fest bleibt und daß auch noch immer in der großen Mehrzahl der Kirchen deutlich gepredigt wird und für die Königin gebetet wird.

Wie der Text, den Barth schon in der Handschrift «Brief nach Holland» überschrieb6, nach Holland gelangte, ist nicht bekannt. Vielleicht kam der Text auf der sog. «Schweizer Straße» dahin: auf Mikrofilm aufgenommen und durch Mitglieder der Widerstandsbewegung geschmuggelt7 oder von einem Buchbinder im Rücken eines Buches versteckt, das von der Schweiz nach Holland ausgeliehen wurde; womöglich auch auf noch andere Weise.8 In Holland wurde er in «einigen Kirchen verlesen».9

Als Barth diesen Brief 1945 als letzten Offenen Brief aus der Kriegszeit in die «Schweizer Stimme» aufnahm10, ergänzte er den Titel durch die Angabe «Zur Adventszeit 1942» und schloß am Ende an das Datum «im November 1942» die Anmerkung an:

Es ist kein Zufall, daß eine Äußerung aus der Zeit vom Ende 1942 bis Mitte 1944 hier nicht vorzulegen ist. Am 22.1.1943 fiel Tripolis11, am 31. Stalingrad12 – am 6. Juni 1944 begann die Invasion in |401 Frankreich.13 Es war die Zeit der Wende dieses zweiten Weltkriegs, zu der ich, bis neue Fragestellungen sich aufdrängten, gerne geschwiegen habe.14

Liebe Brüder und Schwestern!

Ihr steht mitten in einer schweren Prüfung eures Glaubens, eurer Treue, eurer Geduld. Der Weg, den ihr zu gehen habt, liegt ohne jeden Schatten eines Zweifels klar vor euch. Es gibt für euch nur eine Wahl, nur eine Entscheidung, nur eine Pflicht. Was ein einsichtiger Schweizer für uns Schweizer geschrieben hat, gilt auch für jeden christlichen Menschen in Holland: «Jeder von uns hat entweder sein Leben schon abgeschrieben, um es für Vaterland und Freiheit herzugeben, oder er ist ein Landesverräter.»15 Aber der Weg, den ihr in dieser Klarheit zu gehen habt, ist ein furchtbar harter Weg. Ihr wißt nicht und niemand weiß, ob er nicht noch viel härter werden wird und wann und wie ihr an seinem Ende anlangen werdet. Ihr seid – je sicherer ihr eurer Sache seid, um so mehr – täglich und stündlich von Angst und Sorge, von Drohung und Tod umgeben. Es fällt euch schwer, fest zu bleiben und immer aufs neue fest zu werden. Wir zittern und leiden mit euch: wir, die Christen in der ganzen Welt, die euch kennen und lieb haben, die um eure Aufgabe und eure Lage wissen. Wir verstehen es wahrhaftig, daß ihr nach Trost verlangt.

402Der Trost, mit dem wir euch grüßen, kann kein anderer sein als der, mit dem die heilige Kirche Jesu Christi sich zu allen Zeiten und in den schlimmsten Zeiten am freudigsten getröstet hat: Der Herr ist nahe!16 Ihr versteht wohl, es heißt nicht: der Engländer oder der Amerikaner ist nahe! es heißt nicht: die erhoffte Wendung, der Sieg, die Befreiung ist nahe! Das könnte auch wahr sein. Aber das ist es nicht, was wir euch zurufen möchten. Das wäre kein Trost, das wäre nur eine Beschwichtigung. Eure Befreiung kann plötzlich kommen; sie kann aber auch noch lange verziehen. Nur mit der Aussicht darauf könnt ihr euren schweren Weg nicht gehen, wie er gegangen sein will. Vielleicht gibt es darum auch Gedankenlose, auch Unentschlossene, auch unbewußte Verräter unter euch, weil man mit bloßen 304 Zukunftshoffnungen allerdings nicht tapfer leben kann. Was ihr braucht, ist wohl Hoffnung, aber eine gegenwärtige Hoffnung: die Hoffnung, mit der ihr jetzt, heute, mitten in der Finsternis, und morgen und übermorgen, da vielleicht immer noch Finsternis sein wird, tapfer leben könnt – die Hoffnung, die auch die wirklich und völlig tröstet, die den Tag der Befreiung vielleicht nicht mehr sehen werden. Diese rechte Hoffnung und also der rechte Trost ist die Adventsbotschaft: der Herr ist nahe!

Wisset und bedenket mit der ganzen Christenheit, daß die Zeit, auch die gegenwärtige Zeit, auch unsere Lebenszeit in ihrer ganzen Länge und in allen ihren kleinsten Teilen, nicht uns gehört und noch weniger einem finsteren Schicksal, das wir aus eigener Kraft meistern müssen, und noch weniger dem Teufel oder sonst einem heimtückischen und gewaltigen Feind des Menschen. Wir haben ein leuchtendes und funkelndes Wort, das widerspricht allen solchen Gedanken: Jesus Christus ist geboren; Er ist für uns gestorben; Er ist wahrhaftig auferstanden. Ihm gehört die Zeit: auch die Zeit unseres Leides, unserer Anfechtung, unserer Versuchung, auch die Zeit Hitlers, auch die dunkle Zeit der Unterdrückung und des Schreckens, der Schande und des Verrates, auch die Zeit unserer mühseligen, fast verzweifelten Anstrengung, gegen den Strom zu schwimmen, der uns mitreißen will. Es gibt keine Zeit, die nicht sein wäre. Er kam am Anfang aller Zeit – auch aller solcher Zeit –, und von ihrem Ende her kommt wieder Er uns |403 entgegen: Er als Gottes Barmherzigkeit und Heiligkeit in Person, Er als der Helfer der Müden und Elenden, Er als der König aller Könige und Herr aller Herren. Dieser Herr ist nahe! Das ist die Adventsbotschaft.

Niemand versteht, daß der Herr nahe ist, der nicht mit tiefstem Entsetzen hineingesehen hat in die Abgründe der menschlichen Torheit und Bosheit, der nicht schon darüber erschrocken wäre, wie gut es doch die Torheit versteht, sich als Weisheit – und die Bosheit, sich als Gerechtigkeit zu gebärden. Niemand versteht, daß der Herr nahe ist, der nicht von Herzen verzagt ist: nicht nur über die Beschränktheit seiner eigenen Fähigkeiten und Hilfsmittel, sondern noch viel mehr darüber, daß auch er selbst, daß auch alle Guten und Besseren in die Torheit, die klug, und in die Bosheit, die tüchtig sein möchte, so tief verstrickt sind. Und wieder versteht niemand, daß der Herr nahe ist, der die 305 Hände in den Schoß legt, der sich mit bloßem Zuschauen und Abwarten begnügt; kein Unentschlossener, kein Neutraler. Keiner, der nicht an seinem Ort und in seiner Weise ehrlich trägt, was uns in unserer Zeit zu tragen aufgegeben ist, Keiner, der nicht ehrlich streitet mit jenem ganzen Einsatz. Wem es zu gut geht und wer zu wenig zu tun hat, wie sollte der den Herrn verstehen, der gekommen ist und wieder kommt? Wir haben alle lange Zeiten hinter uns, in denen es uns viel zu gut ging und in denen wir uns viel zu wenig anzustrengen hatten: Zeiten, in denen wir darum die Adventsbotschaft kaum recht verstehen konnten. Für euch, liebe Mitchristen in Holland, sind diese Zeiten bestimmt vorbei. Ihr lebt unter Bedingungen, die es euch erlauben und gebieten, es sofort und tief in euch aufzunehmen, daß der Herr nahe ist. Wir sind sicher, daß ihr darin eine freundliche Gabe und Fügung Gottes seht.

Aber auch die besten Bedingungen zur Aufnahme der Adventsbotschaft sind nicht so gut, wie diese Botschaft selber, weil deren Wahrheit und Kraft ganz von Gott und, hoch über allen guten und weniger guten menschlichen Voraussetzungen, voll klarer göttlicher Herrlichkeit ist. Wir bitten euch, ihr möchtet euch mit uns vor Augen halten, daß wir in dieser Botschaft eine Zusage haben, die nicht trügen, die sich nur erfüllen kann, die schon jetzt an uns allen und so auch an einem jeden Einzelnen in Erfüllung gehen will und wird: in viel Stärke mitten in der Schwachheit, in viel Freude mitten im Leid, in viel ern|404ster Bruderliebe und auch in einer von aller Sentimentalität freien, würdigen und strengen Feindesliebe mitten im Streit, in viel Erkenntnis mitten in der Verworrenheit, in viel Ruhe mitten in der Unruhe, in viel Konsequenz und Unerbittlichkeit mitten in aller Angst und Menschenfurcht. Wir bitten euch: Glaubet es mit uns und erfahret es mit uns, daß es euch und uns an dem Allem schon jetzt und gerade jetzt unmöglich fehlen kann, weil es wahr ist, daß der Herr nahe ist: Er, der treue Heiland Israels, Er, das Haupt seiner Kirche, der auch das Haupt aller Mächte ist – Er, in welchem Gott selber mit uns und mitten unter uns und auch Herrscher inmitten aller seiner Feinde ist. Wir bitten euch, eure Ohren mit uns offen zu behalten für sein freies und wahres Wort. Es wird uns und euch gerade heute nicht gereuen, ihm unter allen Umständen getrost und fröhlich entgegenzueilen. Die 306 das tun, leben von selber das tapfere Leben, das heute von uns allen gefordert ist.

Das ist der Trost, mit dem ich euch im Sinn und im Namen von vielen Anderen, die an euch denken, grüßen möchte.

Karl Barth

Sachfußnoten

1
Vgl. Busch, Bogen, S. 393–399 📖.↩
2
Busch, a.a.O., S. 494 📖. ↩
3
Eine schriftliche Anfrage ließ sich bisher nicht nachweisen (s. Th. Herwig, Karl Barth und die Ökumenische Bewegung, Neukirchen 1998, S. 271 📖).↩
4
Die Bundesräte, d.h. die Regierung der Schweiz.↩
5
Vgl. Offenen Brief Nr. 34.↩
6
Manuskript im KBA.↩
7
Siehe W. Visser ’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde, München 1972, S. 171f. 📖 ↩
8
Hebe Kohlbrugge: «Es wird vermutet, daß ein deutscher (Unter)offizier ihn nach Groningen brachte zu Pf. Uitman, einem vom Luterse Kring.» (Brief vom 26.6.1998 an den Hrsg.)↩
9
Bisher ist kein Abdruck in holländischer Sprache aus der Kriegszeit bekannt geworden. Nach Hanna Kohlbrugge wurde der Brief nicht übersetzt und nicht gedruckt. Vgl. ihren Beitrag in: H. C. Touw, Het veezet vous de Hervormde Kerk, Bd. 1, Boekencentrum, 1946, S. 160 📖.↩
10
Schw.St. S. 303–306 📖.↩
11
Barth entnahm diese Angabe seinem Kalender 1942. Darin steht unter dem 8.11.: «Amerikaner und Engländer landen in Marokko – Algier», 22.11.: «Russische Offensive bei Stalingrad», 27.11.: «Französische Flotte versenkt sich in Toulon», 22.1.1943 «Fall von Tripolis». Nach Aufgabe der italienischen Kolonie ergaben sich dann am 13.5. die Reste der Heeresgruppe Afrika (250.000 Mann).↩
12
In Stalingrad ergaben sich die Reste der 6. Armee; 130.000 Mann gerieten in sowjetische Gefangenschaft (146.000 Gefallene).↩
13
Die lange erwartete Landung der Engländer und Amerikaner in der Normandie, die bis zum Jahresende zur Befreiung Frankreichs führte.↩
14
a.a.O., S. 306 📖. – Womöglich galt aber auch weiterhin, was Barth am 31.1.1942 an Fritz Frei schrieb (s. Offenen Brief Nr. 36, S. 306, Anm. 3 und 4): «Daß Sie nichts mehr von mir hören, hat seinen guten Grund darin, daß ich nun einmal, sobald es um Politik geht, ein verbotener Schriftsteller und Redner bin. Soweit meine Stimme reicht, hört man mich schon, ich weiß aber nicht, wie ich ihr in der relativen Einsamkeit, in der ich mich befinde, weiteren Schall geben könnte.»↩
15
Barth folgt dem mit Ga. gezeichneten Leitartikel Die Schweiz und die neue Kriegslage in der Basler National-Zeitung, Nr. 543 vom 21./22.11.1942, S. 1 📖, in dem das Zitat mit den Worten eingeführt wird: «Es ist eben zutiefst wahr, was kürzlich Jean Mussard sagte: ‹Jeder […]›». J. Mussard (1888–1967), Direktor der General Motors Suisse S.A. Biel, äußerte sich wiederholt in Vorträgen und Schriften zu historischen und politischen Themen.↩
16
Phil. 4,5.↩