Brief Nach Holland
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Brief nach Holland
1942
Unmittelbar nach der fünften
Am 3.12.1942 teilte Visser ’t Hooft Barth mit:
Jetzt versuchen wir, die Botschaft nach Holland wegzukriegen, und da wir zwei verschiedene Methoden haben, so dürfen wir doch hoffen, daß sie noch zeitig da sein wird. Ich bin Dir recht dankbar für dieses Wort, das jetzt wohl ganz in die Lage hineinpaßt. Gestern hörten wir, daß nun etwa 100 Pastoren, 50 der Hervormden und 50 der |400 Gereformeerden Kirchen, entweder als Geisel oder als Gefangenen festgenommen worden sind. Und dazu kommen noch die vielen, die immer unterwegs sind, weil sie nicht zu Hause bleiben können. Da darf man doch froh sein, daß gleichzeitig berichtet wird, daß die Haltung der Kirche fest bleibt und daß auch noch immer in der großen Mehrzahl der Kirchen deutlich gepredigt wird und für die Königin gebetet wird.
Wie der Text, den
Als Barth diesen Brief 1945 als letzten Offenen Brief aus der Kriegszeit in die «Schweizer Stimme» aufnahm10, ergänzte er den Titel durch die Angabe «Zur Adventszeit 1942» und schloß am Ende an das Datum «im November 1942» die Anmerkung an:
Es ist kein Zufall, daß eine Äußerung aus der Zeit vom Ende 1942 bis Mitte 1944 hier nicht vorzulegen ist. Am 22.1.1943 fiel
Ihr steht mitten in einer schweren Prüfung eures Glaubens, eurer Treue, eurer Geduld. Der Weg, den ihr zu gehen habt, liegt ohne jeden Schatten eines Zweifels klar vor euch. Es gibt für euch nur eine Wahl, nur eine Entscheidung, nur eine Pflicht. Was ein einsichtiger Schweizer für uns Schweizer geschrieben hat, gilt auch für jeden christlichen Menschen in
402Der Trost, mit dem wir euch grüßen, kann kein anderer sein als der, mit dem die heilige Kirche Jesu Christi sich zu allen Zeiten und in den schlimmsten Zeiten am freudigsten getröstet hat: Der Herr ist nahe!16 Ihr versteht wohl, es heißt nicht: der Engländer oder der Amerikaner ist nahe! es heißt nicht: die erhoffte Wendung, der Sieg, die Befreiung ist nahe! Das könnte auch wahr sein. Aber das ist es nicht, was wir euch zurufen möchten. Das wäre kein Trost, das wäre nur eine Beschwichtigung. Eure Befreiung kann plötzlich kommen; sie kann aber auch noch lange verziehen. Nur mit der Aussicht darauf könnt ihr euren schweren Weg nicht gehen, wie er gegangen sein will. Vielleicht gibt es darum auch Gedankenlose, auch Unentschlossene, auch unbewußte Verräter unter euch, weil man mit bloßen 304 Zukunftshoffnungen allerdings nicht tapfer leben kann. Was ihr braucht, ist wohl Hoffnung, aber eine gegenwärtige Hoffnung: die Hoffnung, mit der ihr jetzt, heute, mitten in der Finsternis, und morgen und übermorgen, da vielleicht immer noch Finsternis sein wird, tapfer leben könnt – die Hoffnung, die auch die wirklich und völlig tröstet, die den Tag der Befreiung vielleicht nicht mehr sehen werden. Diese rechte Hoffnung und also der rechte Trost ist die Adventsbotschaft: der Herr ist nahe!
Wisset und bedenket mit der ganzen Christenheit, daß die Zeit, auch die gegenwärtige Zeit, auch unsere Lebenszeit in ihrer ganzen Länge und in allen ihren kleinsten Teilen, nicht uns gehört und noch weniger einem finsteren Schicksal, das wir aus eigener Kraft meistern müssen, und noch weniger dem Teufel oder sonst einem heimtückischen und gewaltigen Feind des Menschen. Wir haben ein leuchtendes und funkelndes Wort, das widerspricht allen solchen Gedanken: Jesus Christus ist geboren; Er ist für uns gestorben; Er ist wahrhaftig auferstanden. Ihm gehört die Zeit: auch die Zeit unseres Leides, unserer Anfechtung, unserer Versuchung, auch die Zeit
Niemand versteht, daß der Herr nahe ist, der nicht mit tiefstem Entsetzen hineingesehen hat in die Abgründe der menschlichen Torheit und Bosheit, der nicht schon darüber erschrocken wäre, wie gut es doch die Torheit versteht, sich als Weisheit – und die Bosheit, sich als Gerechtigkeit zu gebärden. Niemand versteht, daß der Herr nahe ist, der nicht von Herzen verzagt ist: nicht nur über die Beschränktheit seiner eigenen Fähigkeiten und Hilfsmittel, sondern noch viel mehr darüber, daß auch er selbst, daß auch alle Guten und Besseren in die Torheit, die klug, und in die Bosheit, die tüchtig sein möchte, so tief verstrickt sind. Und wieder versteht niemand, daß der Herr nahe ist, der die 305 Hände in den Schoß legt, der sich mit bloßem Zuschauen und Abwarten begnügt; kein Unentschlossener, kein Neutraler. Keiner, der nicht an seinem Ort und in seiner Weise ehrlich trägt, was uns in unserer Zeit zu tragen aufgegeben ist, Keiner, der nicht ehrlich streitet mit jenem ganzen Einsatz. Wem es zu gut geht und wer zu wenig zu tun hat, wie sollte der den Herrn verstehen, der gekommen ist und wieder kommt? Wir haben alle lange Zeiten hinter uns, in denen es uns viel zu gut ging und in denen wir uns viel zu wenig anzustrengen hatten: Zeiten, in denen wir darum die Adventsbotschaft kaum recht verstehen konnten. Für euch, liebe Mitchristen in
Aber auch die besten Bedingungen zur Aufnahme der Adventsbotschaft sind nicht so gut, wie diese Botschaft selber, weil deren Wahrheit und Kraft ganz von Gott und, hoch über allen guten und weniger guten menschlichen Voraussetzungen, voll klarer göttlicher Herrlichkeit ist. Wir bitten euch, ihr möchtet euch mit uns vor Augen halten, daß wir in dieser Botschaft eine Zusage haben, die nicht trügen, die sich nur erfüllen kann, die schon jetzt an uns allen und so auch an einem jeden Einzelnen in Erfüllung gehen will und wird: in viel Stärke mitten in der Schwachheit, in viel Freude mitten im Leid, in viel ern|404ster Bruderliebe und auch in einer von aller Sentimentalität freien, würdigen und strengen Feindesliebe mitten im Streit, in viel Erkenntnis mitten in der Verworrenheit, in viel Ruhe mitten in der Unruhe, in viel Konsequenz und Unerbittlichkeit mitten in aller Angst und Menschenfurcht. Wir bitten euch: Glaubet es mit uns und erfahret es mit uns, daß es euch und uns an dem Allem schon jetzt und gerade jetzt unmöglich fehlen kann, weil es wahr ist, daß der Herr nahe ist: Er, der treue Heiland Israels, Er, das Haupt seiner Kirche, der auch das Haupt aller Mächte ist – Er, in welchem Gott selber mit uns und mitten unter uns und auch Herrscher inmitten aller seiner Feinde ist. Wir bitten euch, eure Ohren mit uns offen zu behalten für sein freies und wahres Wort. Es wird uns und euch gerade heute nicht gereuen, ihm unter allen Umständen getrost und fröhlich entgegenzueilen. Die 306 das tun, leben von selber das tapfere Leben, das heute von uns allen gefordert ist.
Das ist der Trost, mit dem ich euch im Sinn und im Namen von vielen Anderen, die an euch denken, grüßen möchte.