6. März 1921

Matthäus 22,23­–33

62
556
Matthäus 22,23­–33
[An dem Tage traten zu ihm die Sadduzäer, die da halten, es sei kein Auferstehen, und fragten ihn und sprachen: Meister, Mose hat gesagt: So einer stirbt und hat nicht Kinder, so soll sein Bruder sein Weib freien und seinem Bruder Samen erwecken. Nun sind bei uns gewesen sieben Brüder. Der erste freite und starb; und dieweil er nicht Samen hatte, ließ er sein Weib seinem Bruder; desgleichen der andere und der dritte bis an den siebenten. Zuletzt nach allen starb auch das Weib. Nun in der Auferstehung, wes Weib wird sie sein unter den sieben? Sie haben sie ja alle gehabt. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irret und wisset die Schrift nicht noch die Kraft Gottes. In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel. Habt ihr aber nicht gelesen von der Toten Auferstehung, was euch gesagt ist von Gott, der da spricht: «Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs»? Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Und da solches das Volk hörte, entsetzten sie sich über seine Lehre.]

1.

Das Wort «Auferstehung» ist ein dunkles, schwer verständliches, schwer glaubwürdiges Wort. Nicht erst für uns heutige Menschen. Wir hören aus unserem Text, daß es schon zur Zeit Jesu unter den Juden eine Richtung gab – Sadduzäer nannte man sie -, die dafür hielten, es gebe keine Auferstehung. Wir wissen ferner aus dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs, daß es auch unter den Christen der ältesten Zeit solche gab, die den Gedanken der Auferstehung ablehnten [ V. 12]. Und es braucht kaum gesagt zu werden, daß jene Juden und diese Christen zu allen Zeiten unzählige Gesinnungsgenossen gehabt haben. Wir dürfen die Menschen früherer Jahrhunderte und Jahrtausende nicht für so einfältig und leichtgläubig halten, wie wir es oft tun. Sie wußten im Großen Ganzen ebenso gut zu unterscheiden zwischen Möglichem und Unmöglichem wie wir. Von dieser Einfalt und Leichtgläubigkeit früherer Zeiten ist erstens zu sagen, daß tatsächlich, wie wir heute im Zeitalter des Spiritismus und der Anthro|63posophie2 wieder wissen, sehr viel mehr Dinge möglich sind, als man noch vor etwa 30 Jahren glaubte, so daß jene Menschen klüger und einsichtiger waren als wir und nicht umgekehrt, wenn sie an allerlei Wunder glaubten. Sie wußten eben, daß es mögliche Wunder gibt. Es ist aber zweitens zu sagen, daß auch dieser Wunderglaube früherer Zeiten seine ganz bestimmten Grenzen hatte. Es gab zu allen Zeiten einen Punkt, da hörten die Menschen in der Regel auf zu glauben. Sie hielten mit Recht oder Unrecht mehr Dinge für möglich als wir, aber wenn sie durch das Gebiet des für sie Möglichen hindurchgegangen und bis an den Punkt gekommen waren, wo das Mögliche an das Unmögliche grenzt, dann kehrten schon vor 1000 und 6000 Jahren die allermeisten um und gingen traurig davon wie der reiche Jüngling, als Jesus zu ihm sagte: Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen! [Mk. 10,21 par.]. Dieser Punkt ist derselbe, vor dem auch wir kopfschüttelnd Halt zu machen pflegen. Bis hieher und nicht weiter [vgl. Hiob 38,11]. Heute ist dieser Punkt wieder weiter hinausgeschoben als noch vor 30 Jahren. Wir werden uns damit abfinden müssen, daß es allerhand mögliche Wunder gibt. Aber die Grenze des Möglichen ist heute wie vor 30, wie vor 2000 Jahren das Unmögliche. Wer wagt es, da zu glauben? Da, wo der Glaube, was man gewöhnlich so nennt, entweder aufhört oder etwas ganz und gar Neues und Anderes werden müßte als das, was man gewöhnlich so nennt? An diesem Punkt steht das Wort «Auferstehung». Es ist ein dunkles, ein schwer verständliches, ein schwer glaubwürdiges Wort.

64

2.

Und nun ist gerade dieses dunkle Wort die entscheidende, die gründliche, die einzige Erklärung für ein anderes Wort, das uns in der Regel nicht so dunkel scheint: für das Wort «Gott». Wenn wir dieses Wort «Gott» etwa vergessen haben sollten – und wir vergessen es alle Tage -, dann ertönt dieses andere dunkle Wort wie eine Weckuhr: Auferstehung! Kann man Gott vergessen, wenn es sich darum handelt? Wenn uns etwa «Gott» ein allzu gewohntes und darum gleichgiltiges Wort geworden ist wie ein altes, verblaßtes Bild in einem schönen goldenen Rahmen, seht, da bekommt das Bild auf einmal Farbe und Gestalt: "Auferstehung!" heißt’s, wer wird da den Rahmen auch nur noch ansehen, der vorher das einzige war, das wir sahen, wem sollte Gott etwas Gewohntes und Gleichgiltiges sein, wenn es sich darum handelt? Wenn es sein sollte, daß wir an Gottzweifeln – und wer von uns zweifelt nicht an Gott? ­-, seht, dann erklärt uns das Wort «Auferstehung», warum wir eigentlich an Gott zweifeln; denn das wissen wir gewöhnlich nicht. Ist das gemeint, dann können wir merken, daß wir allen Grund haben zu zweifeln, dann wird unser Zweifel aus einer bloßen Laune, aus einem bloßen Mißverständnis ein ernster, großer Zweifel, so groß, daß er schon beinahe wieder Glaube ist. Und wenn es sein sollte, daß wir Gottlieben – und es ist keines unter uns, das nicht auch etwas von solcher Liebe zu Gott in sich trüge -, dann springt das Wort «Auferstehung» auf und mag uns sagen, was das für etwas Ungeheures ist, daß wir kleinen Menschen Gott lieben dürfen und können, so groß, daß wir zugleich auch an uns selbst zweifeln und uns sagen müssen: es ist ganz unmöglich, daß wir selbst es sind, die das tun. Seht, so wird das Wort «Gott» erklärt durch das Wort «Auferstehung», wie das Wort «Eidgenossenschaft» erklärt wird durch das Wort «Schweiz», wie das Wort «Sozialismus» erklärt wird durch das Wort «Aufhebung der Klassenunterschiede», wie das Wort «Völkerbund» erklärt wird durch das Wort «Friedensvertrag von Versailles». Das Wort «Auferstehung» zeigt auf das Wort «Gott» und sagt uns: An mich sollt ihr denken bei diesem Wort, ich bin seine wahre Meinung, sein Inhalt, sein Sinn, seine Bedeutung, seine Kraft und nichts Anderes neben mir. In dem Wort «Auferstehung» ist’s ausgesprochen, daß Gott Gott ist, das Göttliche an Gott, das, was Gott von allem Anderen unterscheidet. An diesem Wort kann man den rechten Glauben ken|65nen oder auch den rechten Unglauben. An diesem Wort können [wir die] Ehrfurcht lernen, die wir Gott schuldig sind, oder dann also den Haß, mit dem wir ihn hassen müssen, wenn wir ihm die Ehrfurcht verweigern wollen. An diesem Wort geht jedenfalls alles das zu Grunde, was in der Mitte ist, die Götzen, der Halb-­ und Halbglaube, alles Laue, alles Sowohl-­als-­auch. Mächtig bricht es hervor aus Gott: Ja oder Nein, Entweder – Oder! Angezogen oder abgestoßen sind wir von Gott, erwählt oder verworfen, gerechtfertigt oder verdammt, lebendig gemacht oder getötet. Ein Drittes aber gibt es nicht!

3.

Die Sadduzäer hätten nicht so schnell sagen dürfen: wir glauben nicht an die Auferstehung! Denn damit sagten sie eigentlich: wir glauben nicht an Gott. Und das wollten und durften sie doch nicht sagen. Wenn sie mit ihren Gegnern, den Pharisäern, stritten über die Frage, ob es eine Auferstehung gebe oder nicht, dann war von Gott nicht weiter die Rede. Niemand war bei diesem Streit tiefer beunruhigt, niemand vor ein Entweder-­Oder gestellt, niemand vor den brennenden Busch des Mose [Ex. 3,2]; niemandem wurde die Pistole auf die Brust gesetzt. Man zankte für und gegen mit besseren oder schlechteren Gründen. Man marktete miteinander, ob man ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger glauben wolle. Die Sadduzäer sagten: an die Auferstehung zu glauben, das geht uns zu weit! Die Pharisäer antworteten: wir aber gehen so weit, sogar an die Auferstehung zu glauben. Es war kein ernsthafter Streit. Es wurde nicht scharf geschossen. Es merkte niemand, daß es nicht bloß um verschiedene Meinungen, sondern um das Eins und Alles ging. Das Ja und das Nein in diesem Streit war ungefähr gleich viel wert, ungefähr wie in dem Streit zwischen der gläubigen und der freisinnigen Richtung3 in der christlichen Kirche. Denn auch die Pharisäer hätten nicht so schnell sagen dürfen: Wir glauben an die Auferstehung. Damit sagten sie ja: wir glauben an Gott. Und das wollten und durften sie im Grunde nicht sagen. Denn das Wort «Auferstehung» allein tut’s natürlich nicht und der Glaube daran auch nicht. Wer darf denn sagen: ich glaube nicht an Gott!, und |66 wer darf denn sagen: ich glaube an Gott?4 Kann man noch zanken, kann man noch Ja oder Nein sagen, gibt es ein Mehr oder Weniger, wenn man merkt, daß es sich um Gott handelt? Beide Teile merkten es nicht. Beide Teile redeten, wie wir Menschen miteinander zu reden pflegen, von ihren Meinungen und Standpunkten und Lehren. Beide Teile wußten nicht, was sie sagten. Die Antwort, die Jesus den Sadduzäern gab, war wie ein Blitz, der auf einmal klar machte, um was es ging. Sie deckte den Zusammenhang auf, daß das Wort «Auferstehung» nur die Erklärung ist für das Wort «Gott». Sie machte dem ganzen Zank, allem Ja und Nein, allem Glauben und Unglauben ein Ende. Sie brachte beide Parteien zum Schweigen. Wenn Auferstehung das ist, was Jesus darunter verstand, dann sind Pharisäer und Sadduzäer, Gläubige und Freisinnige, Jasager und Neinsager nahe beieinander. Über das, was möglich und unmöglich ist, kann man verschiedener Meinung sein. Wenn das, was unmöglich ist, ins Spiel kommt, dann kommen alle noch so verschiedenen menschlichen Meinungen auf einen Haufen, dann fängt eine ganz neue Frage an: das Ja oder Nein, das aus Gott hervorbricht. Und eben das hat Jesus unter Auferstehung verstanden: das, was dem Menschen, allen Menschen unmöglich ist, Gott. Und darum entsetzte sich das Volk über seine Lehre.

4.

Die Frage, die die Sadduzäer an Jesus gerichtet haben, war sinnreich: Wem gehört in der Auferstehung die Frau, die in diesem Leben sieben Männer gehabt hat? Der Fall ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Hätten sie statt sieben gesagt zwei, wie es noch jetzt alle Tage vorkommt, die Frage wäre nicht leichter gewesen. Sie wollten offenbar sagen: ein Leben nach dem Tod, das geht nicht. Die Ordnungen und Verhältnisse dieses Lebens machen ein anderes Leben unmöglich, sie schließen es aus. Die Frau gehörte in diesem Leben meh|67reren Männern nacheinander, also kann es kein anderes Leben geben, in dem sie allen miteinander gehören müßte. Ungefähr so, wie ich dieser Tage in den Lebenserinnerungen des deutschen Generals Ludendorff gelesen habe: in der Menschheit zählt nun einmal das Recht der Starken; also ist es ein Wahn, an einen Zustand zu glauben, in dem man mit der Friedenspalme gegen das Schwert kämpfen könnte5. Und wir könnten fortfahren: Die Menschen sind nun einmal verschieden begabt, also ist es Narrheit, einen Zustand zu erstreben, in dem Allen gleiches Recht wird. Die Menschen sind nun einmal leichtsinnig und genußsüchtig, also ist es verkehrt, daran zu denken, alle Menschen nüchtern und ernst machen zu wollen. Die Menschen können nun einmal nicht leben ohne den Unterschied von Mein und Dein, also ist es Wahnwitz, diesen Unterschied aufheben zu wollen. Der Mensch verschläft und verträumt nun einmal mindestens ein Drittel seines Lebens und verbringt den übrigen Teil mit notwendigen Nichtigkeiten, die nicht viel besser sind als Schlafen; also ist es ein Unsinn, daran auch nur zu denken, daß sein ganzes Leben einen Sinn haben solle. Auf das alles konnten die Pharisäer damals und kann man heute nur mit Seufzern [?], Predigten und Ermahnungen antworten:6

Lieder:
  • Nr. 187 «Herr! dir ist niemand zu vergleichen» nach J. A. Cramer, Strophen 1.2 🎵
  • Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1.2.6 (RG [1998] 482,1.2.4; EG 115,1.2.6) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 8. März schrieb Barth an Thurneysen: "Die Predigt über die Sadduzäerfrage entstand z.T. erst am Sonntag Morgen in Notizenform." (Bw.Th. I, S. 473)↩
2
Rudolf Steiner (1861–1925) vertrat einen Erkenntnisweg, der jenseits der traditionellen Wissenschaften mit eigenen Methoden die Welt des Geistigen hinter der sichtbaren Welt erschließen soll. 1913 gründete er die «Anthroposophische Gesellschaft». Zentrum wurde das Goetheanum in Dornach bei Basel. Vgl. K. Baral, Art. «Anthroposophie», in: RGG4 1, Sp. 529f. Zum als Gegenbewegung gegen den weltanschaulichen Materialismus des 19. Jahrhunderts erstarkten Spiritismus vgl. M. Bergunder, Art. «Spiritismus», in: RGG4 7, Sp. 1583f. Barth hatte seine Genfer Konfirmanden gewarnt: «Das Jenseits (des Todes) kann u. darf nicht Gegenstand unsrer Neugierde u. Nachforschung sein. […] (Spiritismus wissenschaftlich unmöglich, religiös sicher gleichgiltig)» (Konfirmandenunterricht 1909-1921, S. 41).↩
3
Die theologischen Richtungen, die in Deutschland "orthodox" und "liberal" genannt wurden, hießen in der Schweiz "positiv" und "freisinnig". Die Bezeichnung "gläubig" entstammt der Polemik.↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 3432-3437 (Marthens Garten):
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub’ ihn?
Wer empfinden
Und sich unterwinden,
Zu sagen: ich glaub’ ihn nicht?
↩
5
E. Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 1919, S. 5: "Die oberste Heeresleitung vertrat die Ansicht, erst solle die Menschheit sich ändern, dann könnten wir auch die Waffen niederlegen und an Verständigung denken; sonst sei mit Sicherheit vorauszusehen, daß wir Schaden leiden würden. Die Friedenspalme ist keine Wehr gegen das Schwert. Solange die Menschen und namentlich unsere Feinde so blieben, wie die Menschheit bisher war, hieß es für Deutschland, […] das Schwert festzuhalten und immer wieder zu schärfen." Barth berichtete Thurneysen am 8. März von der Lektüre dieses Buches (Bw.Th. I, S. 473).↩
6
Das Manuskript bricht hier ab.↩
7
Die Tinte ist verwischt, statt Nr. 18 könnte auch 15 zu lesen sein. Das wäre dann "Die Himmel erheben des Ewigen Ehre" von Chr. F. Gellert (RG [1998] 12 mit Textabweichungen).↩