Matthäus 22,23–33
1.
Das Wort «Auferstehung» ist ein dunkles, schwer verständliches, schwer glaubwürdiges Wort. Nicht
erst für uns heutige Menschen. Wir hören aus unserem Text, daß es schon zur Zeit Jesu
unter den Juden eine Richtung gab – Sadduzäer nannte man sie -, die dafür hielten, es gebe keine
Auferstehung. Wir wissen ferner aus dem 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs, daß es auch
unter den Christen der ältesten Zeit solche gab, die den Gedanken
der Auferstehung ablehnten [
2.
Und nun ist gerade dieses dunkle Wort die entscheidende, die gründliche, die einzige Erklärung für ein anderes Wort, das uns in der Regel nicht so dunkel scheint: für das Wort «Gott». Wenn wir dieses Wort «Gott» etwa vergessen haben sollten – und wir vergessen es alle Tage -, dann ertönt dieses andere dunkle Wort wie eine Weckuhr: Auferstehung! Kann man Gott vergessen, wenn es sich darum handelt? Wenn uns etwa «Gott» ein allzu gewohntes und darum gleichgiltiges Wort geworden ist wie ein altes, verblaßtes Bild in einem schönen goldenen Rahmen, seht, da bekommt das Bild auf einmal Farbe und Gestalt: "Auferstehung!" heißt’s, wer wird da den Rahmen auch nur noch ansehen, der vorher das einzige war, das wir sahen, wem sollte Gott etwas Gewohntes und Gleichgiltiges sein, wenn es sich darum handelt? Wenn es sein sollte, daß wir an Gottzweifeln – und wer von uns zweifelt nicht an Gott? -, seht, dann erklärt uns das Wort «Auferstehung», warum wir eigentlich an Gott zweifeln; denn das wissen wir gewöhnlich nicht. Ist das gemeint, dann können wir merken, daß wir allen Grund haben zu zweifeln, dann wird unser Zweifel aus einer bloßen Laune, aus einem bloßen Mißverständnis ein ernster, großer Zweifel, so groß, daß er schon beinahe wieder Glaube ist. Und wenn es sein sollte, daß wir Gottlieben – und es ist keines unter uns, das nicht auch etwas von solcher Liebe zu Gott in sich trüge -, dann springt das Wort «Auferstehung» auf und mag uns sagen, was das für etwas Ungeheures ist, daß wir kleinen Menschen Gott lieben dürfen und können, so groß, daß wir zugleich auch an uns selbst zweifeln und uns sagen müssen: es ist ganz unmöglich, daß wir selbst es sind, die das tun. Seht, so wird das Wort «Gott» erklärt durch das Wort «Auferstehung», wie das Wort «Eidgenossenschaft» erklärt wird durch das Wort «Schweiz», wie das Wort «Sozialismus» erklärt wird durch das Wort «Aufhebung der Klassenunterschiede», wie das Wort «Völkerbund» erklärt wird durch das Wort «Friedensvertrag von Versailles». Das Wort «Auferstehung» zeigt auf das Wort «Gott» und sagt uns: An mich sollt ihr denken bei diesem Wort, ich bin seine wahre Meinung, sein Inhalt, sein Sinn, seine Bedeutung, seine Kraft und nichts Anderes neben mir. In dem Wort «Auferstehung» ist’s ausgesprochen, daß Gott Gott ist, das Göttliche an Gott, das, was Gott von allem Anderen unterscheidet. An diesem Wort kann man den rechten Glauben ken|65nen oder auch den rechten Unglauben. An diesem Wort können [wir die] Ehrfurcht lernen, die wir Gott schuldig sind, oder dann also den Haß, mit dem wir ihn hassen müssen, wenn wir ihm die Ehrfurcht verweigern wollen. An diesem Wort geht jedenfalls alles das zu Grunde, was in der Mitte ist, die Götzen, der Halb- und Halbglaube, alles Laue, alles Sowohl-als-auch. Mächtig bricht es hervor aus Gott: Ja oder Nein, Entweder – Oder! Angezogen oder abgestoßen sind wir von Gott, erwählt oder verworfen, gerechtfertigt oder verdammt, lebendig gemacht oder getötet. Ein Drittes aber gibt es nicht!
3.
Die Sadduzäer hätten nicht so schnell sagen
dürfen: wir glauben nicht an die Auferstehung! Denn damit sagten sie eigentlich: wir
glauben nicht an Gott. Und das wollten und
durften sie doch nicht sagen. Wenn sie mit ihren Gegnern, den Pharisäern, stritten über die Frage, ob es eine Auferstehung gebe
oder nicht, dann war von Gott nicht weiter die Rede. Niemand war bei diesem Streit
tiefer beunruhigt, niemand vor ein Entweder-Oder gestellt, niemand vor den brennenden
Busch des
4.
Die Frage, die die Sadduzäer an Jesus gerichtet haben, war sinnreich: Wem gehört in
der Auferstehung die Frau, die in diesem Leben sieben Männer gehabt hat? Der Fall ist
unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Hätten sie statt sieben gesagt zwei, wie es noch
jetzt alle Tage vorkommt, die Frage wäre nicht leichter gewesen. Sie wollten offenbar
sagen: ein Leben nach dem Tod, das geht nicht. Die Ordnungen und
Verhältnisse dieses Lebens machen ein anderes Leben unmöglich, sie schließen es
aus. Die Frau gehörte in diesem Leben meh|67reren Männern nacheinander, also kann es kein anderes Leben geben,
in dem sie allen miteinander gehören müßte. Ungefähr so, wie ich dieser Tage in den
Lebenserinnerungen des deutschen Generals
- Nr. 187 «Herr! dir ist niemand zu vergleichen»
nach J. A. Cramer, Strophen 1.2
- Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1.2.6 (RG
[1998] 482,1.2.4; EG 115,1.2.6)