13. März 1921

Matthäus 24,1­–14

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Matthäus 24,1­–14
[Und Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine Jünger traten zu ihm, daß sie ihm zeigten des Tempels Gebäude. Jesus aber sprach zu ihnen: Sehet ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde. Und als er auf dem Ölberge saß, traten zu ihm seine Jünger besonders und sprachen: Sage uns, wann wird das geschehen? Und welches wird das Zeichen sein deiner Zukunft und des Endes der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Sehet zu, daß euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: «Ich bin Christus» und werden viele verführen. Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen; sehet zu und erschrecket nicht. Das muß zum ersten alles geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich empören ein Volk wider das andere und ein Königreich wider das andere, und werden sein Pestilenz und teure Zeit und Erdbeben hin und wieder. Da wird sich allererst die Not anheben. Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal und werden euch töten. Und ihr müsset gehaßt werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden sich viele ärgern und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viel falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und dieweil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharret bis ans Ende, der wird selig. Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen.]

1.

«Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde!» Das hat Jesus vom Tempel in Jerusalem gesagt. Aber nicht nur von ihm, sondern von allem, was Menschenhand gebaut, Menschenwille erstrebt und erreicht, was das Menschenherz ersonnen hat. Von allem, was unter den Menschen steht und gilt, was unter den Menschen Kraft, Wahrheit, Wert und Würde hat. Über alles Hier blickt Jesus hinweg wie über ein Gräberfeld auf ein Dort. Das Hier kann Kirche heißen oder Staat, gesellschaftlicher Fortschritt |69 oder persönliche Größe eines Einzelnen, Glück oder Bildung, menschliche Gerechtigkeit oder menschliche Ungerechtigkeit, Christentum oder Welt. Jesus blickt suchend, fragend, im letzten Grunde zweifelnd über alles, was hier ist, hinweg. Es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben. Alles, was hier steht, steht auf Abbruch. Gibt es nicht doch eine Ausnahme? Etwas hier, das nicht zerbrochen werden muß und kann? Wir blicken uns um und möchten vielleicht doch etwas Menschliches nennen, das uns so schön, so hoch, so göttlich erscheint, daß es nicht unter jenes Urteil fallen kann. Wenn Jesus, als er jenes Wort sprach, an eine Ausnahme gedacht hätte, dann hätte gerade der Tempel von Jerusalem diese Ausnahme bilden müssen. Denn der Gottesdienst, dem er geweiht war, war nicht nur nach der Meinung der damaligen Juden, sondern auch nach dem Urteil vieler ernsthafter heidnischer Zeitgenossen und sicher auch in den Augen Jesu selbst der Gipfel, das Edelste, Tiefsinnigste und Reinste im damaligen Menschheitsleben. Und gerade angesichts dieses Tempels stellt Jesus die Regel auf: Es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben.

2.

Es ist wirklich eine Regel, eine Notwendigkeit, der Jesus da Ausdruck gibt. Er sagte das nicht zufällig, etwa aus Zorn darüber, daß er dort nicht Verständnis und Glauben gefunden hatte. Er hätte es auch dann gesagt, wenn ihn die Hohenpriester und Schriftgelehrten mit Dankbarkeit und Begeisterung aufgenommen hätten. Daß alles, was von Menschenhänden gebaut ist, zerbrochen werden muß, das gilt auch dann, wenn diese Hände die Hände guter, frommer, wohlmeinender, einsichtiger, christlicher Menschen sind. Auch nicht beiläufig hat Jesus dieses Wort gesagt. Es macht ja jeder ernste Mensch gelegentlich seufzend oder auch spöttisch eine Bemerkung über die Vergänglichkeit alles Irdischen, ohne daß man allzuviel dahinter suchen darf. Bei Jesus aber steht Alles hinter dieser Bemerkung, alles, was er zu sagen hat, alles, was er für die Menschheit bedeutet, alles, was er der Welt bringt. Wer etwa dieses Wort überhören wollte, der würde überhaupt an Jesus vorbeihören. Denn auf der letzten, höchsten Stufe seines Weges hat Jesus dieses Wort gesprochen: dort, wo es von Stunde zu Stunde klarer wurde, wohin sein Weg führte. Er führte zum Kreuz, zum Ende, dorthin, wo von Jesus nichts mehr zu sehen war als das «Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller |70 Hohn»2 und nichts mehr zu hören als der laute Schrei: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [Mk. 15,34 par.]. Dazu paßt und gehört jenes Wort. Es redet von dem, was Jesus in seinem Tode vollbracht hat, vom Ende, vom Ende alles Menschlichen. Es ist der Schatten, der vom Kreuz her auf den Menschen, auf alle Menschengedanken und Menschenwerke fällt. Es ist gleichsam ein Abdruck vom Angesicht des leidenden und sterbenden Heilands, wie jenes Schweißtuch der Veronika, von dem die Sage erzählt3. Das Sterben Jesu ist wie ein Wellenwirbel in einem Fluß, der alles, was in seine Nähe kommt, an sich reißt: Sterben müssen mit dem Menschen Jesus alle Menschen und alles, was Menschen bauen, schaffen, wollen, denken und sind. Es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben. In dem Augenblick, wo es uns klar und wahr wird, daß alles, was Jesus uns zu sagen hat, was er bringt und ist, darin liegt, daß er für uns gestorben ist, müssen wir auch bereit sein, uns das Wort von unserem Ende, vom Ende der Welt sagen zu lassen.

3.

Aber das ist etwas Unermeßliches: unser Ende, das Ende der Welt, das im Tod Jesu uns angekündigt wird. Wir müssen weit zurücktreten, um auch nur eine Ahnung davon zu bekommen, wie hoch der Berg ist, an dessen Fuß wir da stehen. Darum hat Jesus gesagt: «Sehet zu, daß euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen in meinem Namen und sagen: Ich bin Christus! und werden viele verführen!» Was ist das für eine Verführung, von der er da redet? Es ist die Verführung, sich darüber zu täuschen, daß das Ende wirklich das Ende ist und keine Fortsetzung hat. Wenn Jesus vom Ende redet, dann will er damit sagen: Hier fängt Gott an, Gott selbst, Gott allein. Das heißt aber: Hier hört Alles auf, hier geht dem Menschen, den wir kennen, der Atem aus, es sei denn, daß er von neuem, von oben geboren ein ganz neuer, ein ganz anderer Mensch werde [vgl. Joh. 3,3]. Darum hat Jesus nie etwas darüber gesagt, was nach dem Ende ist, was die Auferstehung ist, das Ja, welches dem Nein folgt, von dem alles Menschliche zerbrochen wird. Darum haben auch seine Jünger später |71 die Auferstehung verkündigt und bezeugt, aber nie und nirgends gesagt, was sie ist. Denn sie ist das, was man nicht sagen, nicht zeigen, nicht schauen, nicht denken kann. Darum hat Jesus auch nichts gesagt über die Zeit des Endes, das er verkündigte, sondern hat ausdrücklich gesagt, sie sei die Zeit, von der kein Mensch etwas wissen kann, eine andere Zeit als unsere Zeit, weder unsere Vergangenheit, noch unsere Gegenwart, noch unsere Zukunft. Darum hat Jesus nie eine Beschreibung gegeben von dem unbekannten Land, das anfängt an der Grenze des Landes, in dem wir leben. Er hat nur immer wieder darauf hingewiesen, schließlich mit seinem Tod darauf hingewiesen: dort, gerade dort fängt es an, unbekannt, neu, ganz anders. Er sagt dort, wo wir mit stürmischer Ungeduld etwas erfahren möchten, gar nichts, voll Erwartung, ob wir wohl merken, daß wir gerade mit diesem «gar nichts» Alles erfahren. Er führt uns wie im Sturm [?] an einenAbgrund und verläßt uns dann, voll Erwartung, ob wir’s wohl merken, daß uns nun nichts Anderes übrig bleibt, als zu springen. Er wirft eine brennendeFrage in unsere Seele, voll Erwartung, ob wir’s wohl merken, daß die Frage selbst, wenn sie uns wirklich brennt, die Antwort ist. Er nimmt uns Alles, Alles aus der Hand, voll Erwartung, ob wir’s wohl merken, daß wir jetzt, nämlich eben mit leeren Händen reich sind in Gott. Es kommt Alles darauf an, daß wir es einsehen: das Ende ist wirklich das Ende und hat keine Fortsetzung. Auf Gott sind [wir] gewiesen und geworfen. Gott ist das Ende. Weil wir in Gott leben sollen, müssen wir an Gott sterben. Weil in Gott Alles neu anfangen soll, darum muß an Gott Alles aufhören. Weil die Welt in Gott auferbaut werden soll, darum muß sie an Gott zerbrechen. |

Die Verführung aber besteht darin, daß uns diese Einsicht erspart bleibt. Es fällt uns ja wirklich hart, das einzusehen. Das Evangelium wäre uns allen lieber, wenn es uns nicht so grimmig ernst auf das Ende, auf das wirkliche Ende, d. h. aber auf Gott selbst, auf Gott allein hinweisen würde. Und wenn uns nun jemand kommt und uns die Sache leichter macht, indem er uns sagt: Das Ende ist gar nicht das Ende. Sieh da: so und so geht’s weiter, entweder nach dem Tode in ein Jenseits, das nur so ein bißchen anders ist als das Diesseits und über das sich doch recht Vieles sagen läßt, oder jetzt schon im inneren Leben der Seele, das doch auch noch ein Stück Menschenleben ist, oder aber in der Zukunft, in glücklichen und gerechten Verhältnissen |72 des Menschenlebens auf dieser Erde! Wenn uns jemand so greifbar, so menschlich vom Ende redet, nicht wahr, dann horchen wir auf, dann sind wir gern dabei. Da merken wir eben instinktiv, daß wir dabei nicht sterben müssen, daß wir dabei nicht auf Gott gewiesen und geworfen sind. Da heißt’s nicht, daß hier kein Stein auf dem anderen bleibt, sondern da wird fröhlich weitergebaut, aus dem irdischen ins vermeintliche himmlische Leben, aus der Welt in das vermeintliche Reich Gottes hinein. Das ist das Geheimnis der Spiritisten und Anthroposophen unserer Tage4, wie es schon das Geheimnis fast unzähliger Richtungen und Gemeinschaften zu allen Zeiten gewesen ist. «Viele werden kommen …» Sie zeigen den Menschen ein hohes Stockwerk [?] ihres Lebens und sagen ihnen: bitte, hier ist die Treppe! Sie ersparen ihm jene Veränderung, die er haßt wie den Tod, weil sie tatsächlich Tod ist. Darum werden sie viele verführen. Jesus warnt uns: Sehet zu! Laßt euch nicht verführen. Tretet weit genug zurück, um zu sehen, daß ein Anfang in Gott zugleich ein wirkliches Ende ist. Werdet mißtrauisch gegen alle solche Verbiegungen der Wahrheit, gegen alle solche Vereinfachungen der Ewigkeit. Sie sind auch ein Zeichen, aber das Zeichen, daß das Ende noch nicht da ist.5

Sachfußnoten

1
Am 14. März schrieb Barth an Thurneysen: "Gestern Predigt über Matth. 24,1–14 Die schriftliche Vorbereitung versagt in letzter Zeit auffallend oft, und ich muß mich mit überlegten, aber nicht formulierten Mitteilungen begnügen.» (Bw.Th. I, S. 475)↩
2
Lied Nr. 112 "O Haupt …" von P. Gerhardt (RG [1998] 445; EG 85).↩
3
Vgl. Kl. Unterburger, Art. "Veronika", I. Kirchengeschichtlich, in: RGG4 8, Sp. 1045.↩
4
Vgl. oben S. 63, Anm. 2↩
5
Liedangaben fehlen.↩