Matthäus 24,29–31
1.
Unser Text redet von ewigen Dingen. Seltsam und ungeheuerlich, auf alle Fälle höchst fremdartig hören sich seine Worte an. Wir hören und, nicht wahr, wir wissen nicht recht, was wir hören. Wir spüren, daß uns dazu irgendwie die Anschauungen und die Begriffe fehlen. Ich könnte mich fürchten vor der Aufgabe, dazu nun etwas zu sagen, und ihr könntet euch fürchten, darüber nun eine Predigt hören zu müssen. Wir denken daran, wie Vieles, Phantastisches, Kindisches und Schwärmerisches, über diese Dinge in manchen außerkirchlichen Gemeinschaften und Richtungen gesagt wird. Wir denken auch daran, daß in den allermeisten Kirchen überhaupt nichts davon gesagt wird, als ob es überhaupt nicht da wäre. Als ich am letzten Sonntag über einen ähnlichen Text predigte1, sagte mir nachher jemand, es sei ihm gar nicht recht bewußt gewesen, daß diese Dinge in der Bibel stünden. Sie stehen aber sogar sehr häufig in der Bibel und an sehr entscheidenden Stellen. Sie ragen gewiß fast auf jeder Seite der Bibel in das Übrige hinein, das wir besser zu verstehen meinen und das uns auch besser gefällt. Sie sind irgendwie der geheime Sinn, der Schlüssel des Ganzen. Wie sollen wir denn Karfreitag und Ostern feiern, wenn wir es den Schwärmern überlassen wollen, von der Ewigkeit zu reden und zu hören? Es ist sehr zu befürchten, daß uns das Wesentliche des Christentums verloren und verborgen ist, wenn wir uns davor scheuen, gerade hier der Wahrheit, die uns aus der Bibel entgegenleuchtet, ins Gesicht zu sehen.
2.
Freilich, es hat seinen Grund, daß wir uns vor den ewigen Dingen scheuen. Der Ort, wo
sie in der Bibel und in unserem eigenen Leben und überall in der Welt in das
gewöhnliche, bekannte Leben hineinragen, ist ein Ort, den wir lieber vermeiden als
aufsuchen würden. «Alsbald nach der Bedrängnis jener Tage», so fängt Jesus an. Also der
Ort, wo die anderen Dinge aufhören und die ewigen Dinge anfangen, ist die Bedrängnis. Tage der Bedrängnis, Tage höchster Not
und Beklemmung, Tage, wo Angst, Schrecken und Herzeleid über uns geht wie eine
Flutwelle, Tage, wo wir ratlos, verlassen, hungernd und dürstend einfach in der Wüste
sind. Das ist immer das Letzte, wirklich das Allerletzte, was wir Menschen suchen,
begreifen, erleben – bevor die ewigen Dinge
eintreten und da sind. Aber eben: die ewigen Dinge. Das Nachher ist ganz und gar anders
und verschieden vom Vorher, so verschieden wie unmöglich und möglich. Für uns ist das
Vorher, die Bedrängnis, wirklich das Letzte. Denn nachher sind wir nicht mehr, nachher
ist ein neuer Mensch. Nachher ist kein Tag
mehr, auch nicht ein letzter Tag, nachher ist Gottes Zeit2. Nachher ist das
Unanschauliche, das Unbegreifliche, das, was nicht zu erleben ist, was kein Auge
gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist [
3.
Die Ewigkeit bringt eine Veränderung von Grund auf. Das sagen die nächsten Worte Jesu: «Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond nicht mehr scheinen, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen!» Es wäre allzu |76 wohlfeil, wenn wir sagen wollten, das seien unmögliche, unvorstellbare Vorgänge. Man kann das schon sagen. Solange wir nicht in der Bedrängnis sind, solange uns die Zweifelsnot, die Sorgennot, die Todesnot nicht wirklich gepackt hat, solange wir nichts wissen von dem Letzten, dem Allerletzten in unserem Leben, solange wir also eigentlich kühle Zuschauer unseres eigenen Lebens sind, solange erscheinen uns nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern auch noch viele kleine Erscheinungen und Lichter dieser unserer Welt als feste, unerschütterliche Tatsachen und Größen, solange sehen wir die Natur und die menschliche Gesellschaft und unser eigenes Leben mit dem, was wir gut, schön, glücklich, wahr nennen, fest aufeinandergestellt und ineinandergreifend als ein Gefüge, das unmöglich anders sein kann. Aber die Zeit hat ein Ende, und der Raum hat eine Ende, und alle Dinge haben ein Ende, und der Mensch hat ein Ende. Wir denken nur nicht daran, aber sowie wir uns darüber besinnen, was alle diese Worte sagen, müssen wir auch an ihr Ende denken. Der Tod ist auch über Sonne, Mond und Sternen, um von den kleinen Lichtern nicht zu reden. Könnten wir vom Ende aus, vom Tod aus die Welt ansehen, so würden wir tatsächlich sehen, wie alle ihre Lichter erlöschen. Vom Tod aus gesehen bewegt und kehrt sich Alles, das Größte und das Kleinste, und das Oberste kommt zuunterst. Denn was Leben ist, das muß sich uns vom Tod aus zeigen, der über allem ist, was wir jetzt Leben nennen, und jenes Leben ist dann auf alle Fälle ein ganz anderes Leben mit ganz anderen Lichtern als dieses Leben. Was Jesus hier beschreibt, ist viel mehr als der sogenannte Weltuntergang. Es ist der Blitz der Erkenntnis, der über alles leuchtet, was ist, und zugleich alles verzehrt, was im Tode nichts ist, nichts mehr sein kann. Dieser Blitz der Erkenntnis leuchtet dort, wo die Ewigkeit anbricht. Und die Ewigkeit bricht überall da an, wo der Mensch aufs Letzte, aufs Allerletzte gekommen ist. Vielleicht, daß da und dort ein Sterbender im Augenblick seines Abscheidens etwas gesehen hat davon, wie die Sonne sich verfinstert und der Mond nicht mehr scheint. Vielleicht aber auch da und dort nicht erst ein Sterbender. Das leibliche Sterben tut’s ja nicht, sondern die Bedrängnis, die auch im Leben über uns kommen kann. Und auch die Bedrängnis selbst nicht, sondern wenn wir Gott erkennen, Gott gehorsam werden, Gott lieben lernen in der Bedrängnis. Als Jesus starb, da waren Menschen, die hatten Augen, zu sehen, |77 und sahen, was vom Ende, vom Tod aus zu sehen ist: Die Sonne verlor ihren Schein [vgl. Mk. 15,33 par.], das Alte verging, und es ward ein neuer Himmel und eine neue Erde [vgl. Apk. 21,1 u. ö.]. Und das war dann Ostern.
4.
Die Ewigkeit bringt ein Verständnis für Jesus. Das sagt das folgende Wort: «Alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel.»3
- Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von J. Heermann (RG [1998]
440; EG 81)
- Nr. 342 «Wachet auf, ruft uns die Stimme» von Ph. Nicolai (RG [1998] 850; EG
147)