20. März 1921

Matthäus 24,29­–31

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Matthäus 24,29­–31
[Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen kommen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem anderen.]

1.

Unser Text redet von ewigen Dingen. Seltsam und ungeheuerlich, auf alle Fälle höchst fremdartig hören sich seine Worte an. Wir hören und, nicht wahr, wir wissen nicht recht, was wir hören. Wir spüren, daß uns dazu irgendwie die Anschauungen und die Begriffe fehlen. Ich könnte mich fürchten vor der Aufgabe, dazu nun etwas zu sagen, und ihr könntet euch fürchten, darüber nun eine Predigt hören zu müssen. Wir denken daran, wie Vieles, Phantastisches, Kindisches und Schwärmerisches, über diese Dinge in manchen außerkirchlichen Gemeinschaften und Richtungen gesagt wird. Wir denken auch daran, daß in den allermeisten Kirchen überhaupt nichts davon gesagt wird, als ob es überhaupt nicht da wäre. Als ich am letzten Sonntag über einen ähnlichen Text predigte1, sagte mir nachher jemand, es sei ihm gar nicht recht bewußt gewesen, daß diese Dinge in der Bibel stünden. Sie stehen aber sogar sehr häufig in der Bibel und an sehr entscheidenden Stellen. Sie ragen gewiß fast auf jeder Seite der Bibel in das Übrige hinein, das wir besser zu verstehen meinen und das uns auch besser gefällt. Sie sind irgendwie der geheime Sinn, der Schlüssel des Ganzen. Wie sollen wir denn Karfreitag und Ostern feiern, wenn wir es den Schwärmern überlassen wollen, von der Ewigkeit zu reden und zu hören? Es ist sehr zu befürchten, daß uns das Wesentliche des Christentums verloren und verborgen ist, wenn wir uns davor scheuen, gerade hier der Wahrheit, die uns aus der Bibel entgegenleuchtet, ins Gesicht zu sehen.

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2.

Freilich, es hat seinen Grund, daß wir uns vor den ewigen Dingen scheuen. Der Ort, wo sie in der Bibel und in unserem eigenen Leben und überall in der Welt in das gewöhnliche, bekannte Leben hineinragen, ist ein Ort, den wir lieber vermeiden als aufsuchen würden. «Alsbald nach der Bedrängnis jener Tage», so fängt Jesus an. Also der Ort, wo die anderen Dinge aufhören und die ewigen Dinge anfangen, ist die Bedrängnis. Tage der Bedrängnis, Tage höchster Not und Beklemmung, Tage, wo Angst, Schrecken und Herzeleid über uns geht wie eine Flutwelle, Tage, wo wir ratlos, verlassen, hungernd und dürstend einfach in der Wüste sind. Das ist immer das Letzte, wirklich das Allerletzte, was wir Menschen suchen, begreifen, erleben – bevor die ewigen Dinge eintreten und da sind. Aber eben: die ewigen Dinge. Das Nachher ist ganz und gar anders und verschieden vom Vorher, so verschieden wie unmöglich und möglich. Für uns ist das Vorher, die Bedrängnis, wirklich das Letzte. Denn nachher sind wir nicht mehr, nachher ist ein neuer Mensch. Nachher ist kein Tag mehr, auch nicht ein letzter Tag, nachher ist Gottes Zeit2. Nachher ist das Unanschauliche, das Unbegreifliche, das, was nicht zu erleben ist, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist [1. Kor. 2,9]. Es ist wohl begreiflich, daß wir vor dem Ort, wo Alles aufhört, zurückschrecken. Es ist der Ort letzter Bedrängnis, wo nur die Wahl bleibt zwischen der Verzweiflung und Gott. Im Leben Jesu war diese Bedrängnis sein Weg hinauf nach Jerusalem, sein Kampf im Garten Gethsemane, die Finsternis von Golgatha. Die Tage der Bedrängnis, von denen er in unserem Text redet, waren die Zeit der Eroberung und Zerstörung Jerusalems mit dem unbarmherzigen «Es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben!» [Mt. 24,2], die er kommen sah. Die Bedrängnis in unserem Leben – ja, nun mag ein Jedes von uns an seine Bedrängnis denken, so klein sie neben dem Leiden Jesu und neben dem großen Untergang eines ganzen Volkes, von dem er |75 hier redet, erscheinen mag. Nicht wahr, irgendwo in unserem Leben, vielleicht ganz verborgen, irgendwo haben wir einen Schmerz, eine Unruhe, eine Sorge, eine Frage, einen Zweifel, eine Not, die bedroht uns, die will zum Ausbruch kommen, die will ganz groß und brennend werden. In dieser Not, die sich vielleicht jetzt eben erst ankündigt, werden wir einmal das Letzte, das Allerletzte erleben. In dieser Not sollen wir einmal, vielleicht noch lange nicht, vielleicht ganz anders, als wir es jetzt meinen, vor die Entscheidung gestellt werden: die Verzweiflung oder Gott? Wir möchten nicht daran denken, daß das kommt, wir möchten es leicht nehmen, wir möchten uns trösten. Das ist natürlich, das ist menschlich. Aber seht, darin besteht nun zunächst einmal das Christentum, daß wir diese Not ernst nehmen, daß wir ihr Näherkommen und Anschwellen, wenn auch unter Zittern und Zagen, begrüßen, als ein Zeichen der Hoffnung nehmen, daß es vorwärts geht, dem Letzten, dem Ende entgegen, daß wir für sie gefaßt, bereit und willig werden. «Alsbald nach der Bedrängnis jener Tage», sagt Jesus. Also die Bedrängnis ist der Ort, wo die ewigen Dinge in unser Leben hineinragen. Darum scheuen wir sie. Alles, fast alles, was wir davon fassen können in unseren Gedanken und aussprechen in unseren Worten, erinnert uns an diese letzte Bedrängnis. Auch das, was Jesus selbst davon sagt. Die ewigen Dinge selber erscheinen in seinen Worten als eine furchtbare Bedrängnis, die über die Welt und die Menschen kommen muß. Das Christentum besteht darin, daß wir es wissen: Sie sind trotzdem die ewigen Dinge. Und wir können sie nicht scheuen wegen der Bedrängnis, wegen des dunklen Ortes, wo sie anbrechen. Wir müssen ihnen entgegengehen, weil sie die ewigen Dinge sind und weil sie gerade darum für uns das Letzte, das Allerletzte sein müssen. Wir können nicht die Ewigkeit nicht wollen. Und wir müssen wollen, daß die Ewigkeit die Ewigkeit sei. Darum müssen wir auch die Flutwelle, die über uns gehen will, und die Wüste, durch die wir wandern müssen, wollen, wie Jesus schließlich seinen Kreuzestod nicht nur erlitten, sondern gewollt hat.

3.

Die Ewigkeit bringt eine Veränderung von Grund auf. Das sagen die nächsten Worte Jesu: «Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond nicht mehr scheinen, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen!» Es wäre allzu |76 wohlfeil, wenn wir sagen wollten, das seien unmögliche, unvorstellbare Vorgänge. Man kann das schon sagen. Solange wir nicht in der Bedrängnis sind, solange uns die Zweifelsnot, die Sorgennot, die Todesnot nicht wirklich gepackt hat, solange wir nichts wissen von dem Letzten, dem Allerletzten in unserem Leben, solange wir also eigentlich kühle Zuschauer unseres eigenen Lebens sind, solange erscheinen uns nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern auch noch viele kleine Erscheinungen und Lichter dieser unserer Welt als feste, unerschütterliche Tatsachen und Größen, solange sehen wir die Natur und die menschliche Gesellschaft und unser eigenes Leben mit dem, was wir gut, schön, glücklich, wahr nennen, fest aufeinandergestellt und ineinandergreifend als ein Gefüge, das unmöglich anders sein kann. Aber die Zeit hat ein Ende, und der Raum hat eine Ende, und alle Dinge haben ein Ende, und der Mensch hat ein Ende. Wir denken nur nicht daran, aber sowie wir uns darüber besinnen, was alle diese Worte sagen, müssen wir auch an ihr Ende denken. Der Tod ist auch über Sonne, Mond und Sternen, um von den kleinen Lichtern nicht zu reden. Könnten wir vom Ende aus, vom Tod aus die Welt ansehen, so würden wir tatsächlich sehen, wie alle ihre Lichter erlöschen. Vom Tod aus gesehen bewegt und kehrt sich Alles, das Größte und das Kleinste, und das Oberste kommt zuunterst. Denn was Leben ist, das muß sich uns vom Tod aus zeigen, der über allem ist, was wir jetzt Leben nennen, und jenes Leben ist dann auf alle Fälle ein ganz anderes Leben mit ganz anderen Lichtern als dieses Leben. Was Jesus hier beschreibt, ist viel mehr als der sogenannte Weltuntergang. Es ist der Blitz der Erkenntnis, der über alles leuchtet, was ist, und zugleich alles verzehrt, was im Tode nichts ist, nichts mehr sein kann. Dieser Blitz der Erkenntnis leuchtet dort, wo die Ewigkeit anbricht. Und die Ewigkeit bricht überall da an, wo der Mensch aufs Letzte, aufs Allerletzte gekommen ist. Vielleicht, daß da und dort ein Sterbender im Augenblick seines Abscheidens etwas gesehen hat davon, wie die Sonne sich verfinstert und der Mond nicht mehr scheint. Vielleicht aber auch da und dort nicht erst ein Sterbender. Das leibliche Sterben tut’s ja nicht, sondern die Bedrängnis, die auch im Leben über uns kommen kann. Und auch die Bedrängnis selbst nicht, sondern wenn wir Gott erkennen, Gott gehorsam werden, Gott lieben lernen in der Bedrängnis. Als Jesus starb, da waren Menschen, die hatten Augen, zu sehen, |77 und sahen, was vom Ende, vom Tod aus zu sehen ist: Die Sonne verlor ihren Schein [vgl. Mk. 15,33 par.], das Alte verging, und es ward ein neuer Himmel und eine neue Erde [vgl. Apk. 21,1 u. ö.]. Und das war dann Ostern.

4.

Die Ewigkeit bringt ein Verständnis für Jesus. Das sagt das folgende Wort: «Alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel.»3

Lieder4:
  • Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von J. Heermann (RG [1998] 440; EG 81) 🎵
  • Nr. 342 «Wachet auf, ruft uns die Stimme» von Ph. Nicolai (RG [1998] 850; EG 147) 🎵

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 68 Nr. 557, Mt. 24,1-14.↩
2
Am 18. März schrieb Barth an Thurneysen im Blick auf die Auslegung von Röm. 6: "ich sehe mich genötigt, sogar eine neue grammatische Kategorie aufzustellen, das unzeitliche ‹Futurum resurrectionis›" (Bw.Th. I, S. 477 📖), das besagt: "unsere Zukunft" ist "als Gleichnis unsrer Ewigkeit" zu verstehen: "Nur als Gleichnis!" (Römerbrief 2, S. 177 [bzw. S. 175]; vgl. auch S. 181.184.188f.194.205 [bzw. S. 179.182.186f.192.203]). Barth gebraucht dort auch den Begriff "Futurum aeternum" (S. 172.178.182 [bzw. S. 170.176.180]).↩
3
Das Manuskript bricht hier ab. Vgl. dazu oben S. 68, Anm. 1↩
4
Bei den Liedern finden sich keine Strophenangaben.↩