3. April 1921

1. Petrus 3,19­–20

99
562
1.Petrus 3,19­–20
Im Geist ist Christus auch zu den Geistern im Gefängnis gegangen und predigte ihnen, ihnen, die ungehorsam waren zur Zeit, da die Geduld Gottes wartete.1

1.

«Den Geistern im Gefängnis», das scheint auf den ersten Blick ein merkwürdiger Gedanke, weitab liegend jedenfalls vom hellen Licht unseres eigenen täglichen Lebens, das wir sehen und verstehen. Aber ich sage euch: diese Geister im Gefängnis sind uns näher, als wir denken. Ihr wißt, daß es in unserer Gemeinde einige Flure gibt, auf denen der Pflug des Landmanns noch jetzt gelegentlich auf die Fundamente von Gebäuden stößt, die einst, in der Römerzeit dort gestanden haben.2 So nahe ist manchmal uralte Geschichte dem Geschehen unseres Alltags. So nahe sind uns auch die Geister im Gefängnis. Und diese Geister gehen uns näher an als die paar alten Steine aus der Römerzeit. Sie gehen uns näher an als alles, was uns in unserem werktäglichen oder sonntäglichen Leben erfüllt und beschäftigt, näher als die schwere Arbeitslast, die wir zu tragen haben, näher als das, was wir am meisten fürchten, und näher als das, was wir am meisten erhoffen, näher auch als die Menschen, Dinge und Verhältnisse, die wir mit größter Liebe lieben oder mit größtem Haß hassen. Wir könnten nicht tiefer in unser eigenes tägliches Leben hineingreifen, als indem wir von den Geistern im Gefängnis reden und hören.

2.

Denn diese Geister im Gefängnis, das ist ja das Verborgene, das Geheimnisvolle, das Lebendige in uns Menschen selbst. Du, du selbst, das, was du eben jetzt in diesem Augenblick in deinem Innersten bist, das ist so ein Geist. Ist das nicht unendlich viel naheliegender und |100 wichtiger als alles, was du daneben vielleicht in diesem Augenblick denkst und willst und fühlst, naheliegender und wichtiger als alles, was du gestern getan oder erlitten hast und morgen tun und erleiden wirst? Wer lebt denn dein tägliches Leben mit seinen Sorgen und Freuden, mit seinen Leidenschaften und Schicksalen? Du, du selbst, nur du, du, entblößt von allem Anderen. Und was alles Andere ist und wird, das hängt davon ab, was du selbst bist. Das gleiche tägliche Leben wäre ein ganz und gar anderes Leben, wenn du nicht du, sondern ein ganz anderes Du wärest. Du bist aber du, du bist du selbst. Sieh, das ist so ein Geist. Nur einer! Es gibt unzählige Geister. Es gibt so viele Geister, als es Menschen gab, gibt und geben wird. Aber nein, es gibt unendlich viel mehr. Denn wer sagt uns, daß auf einen Menschen nur ein Geist kommt? Was wissen wir Menschen eigentlich von dem Geist in uns, von dem Ich, das immer das gleiche bleibt? Wir wissen doch offenbar nur das Gegenteil, daß wir selber uns nie ganz gleich sind. Bist du etwa der gleiche Mensch, der heute vor acht Tagen oder heute vor einem Jahr hier saß oder über die Straße ging, und sollte der Unterschied nur der sein, daß du jetzt ein paar Tage oder ein Jahr älter geworden bist? Bist du der gleiche Mensch, der vor 20 oder 30 Jahren hier auf diesen Bänken saß, um konfirmiert zu werden, und der dann mutig oder vielleicht auch übermütig ins Leben hinausging, und sollte der Unterschied nur der sein, daß du unterdessen ein bißchen erfahrener geworden bist, wie man sagt? Wirst du in einer Stunde, wenn du mit dem Nachbarn nach Hause gehst, der gleiche Mensch sein wie jetzt, wo du hier sitzest und versuchst, in dich aufzunehmen, was du hörst, und werde ich der gleiche sein heute nachmittag oder heute abend wie jetzt, wo ich predigend auf der Kanzel stehe? Ist das betende, das arbeitende, das jubilierende, das jammernde, das redende, das schweigende Du oder Ich etwa immer wieder dasselbe? Nein, nicht wahr, wir wissen alle, daß wir unterwegs sind, und wenn wir auch langsam weiterkommen, so kommen wir doch unaufhaltsam weiter, und wenn es auch scheint, wir seien immer dieselben, so sind wir doch nie ganz dieselben, so ist’s doch immer wieder ein neues Ich und Du, ein neues Geheimnisvolles, Verborgenes, Lebendiges, ein neuer Geist in uns, gut oder böse. Vielleicht darf man sagen, daß es in jedem einzelnen Menschenleben so viele Geister gibt, als dieses Menschenleben Augenblicke hat. Geist bedeutet ja eigentlich: ein Luft|101hauch, ein Duft, ein Klang, eine Feuerlohe. Das alles deutet uns auf etwas Augenblickliches hin. Einmal gewesen, ist es nicht mehr, und ein Neues tritt an seine Stelle. Stimmt das nicht ganz merkwürdig überein mit dem, was wir von uns selbst wissen, von dem Heer der Geister, das da in unendlicher Reihe, bald fein und leise, bald in Sturm und Drang, bald himmlisch, bald höllisch, bald als edler Menschengeist, bald als gemeiner Tiergeist wie die wilde Jagd, von der unsere Vorfahren sich erzählten3, durch unser Leben zieht? Denk nur nicht, daß ich dir da eine fremdartige, hohe Geschichte erzähle. Ich rede von etwas ganz Gewöhnlichem, Alltäglichem, von dir, von dir selbst. Du, wie du [?] der hier bist, bist ein solcher wandernder, bewegter, ruheloser Geist. Und morgen schon, heute noch wird ein anderer solcher Geist deinen Namen tragen, dein Leben leben, wie es ein anderer Geist war, der gestern deinen Namen trug und dein Leben lebte.

3.

«Geister im Gefängnis» nennt unser Text diese Geister. Warum im Gefängnis? Vielleicht gerade auch darum, weil wir so ruhelos sind, so gar nicht sein und bleiben können, was wir sind, sondern immer wieder uns wandeln müssen. Unwillkürlich denkt man doch an ein Raubtier, das, ohne einen Augenblick anzuhalten, rastlos in seinem Käfig auf und nieder rennt. Wer offene Augen hat, der sieht es manchmal, wie diese gefangenen Geister sehnsüchtig durch die engen, kleinen Fenster ihrer Gefängnisse in die Ferne blicken. Wer offene Ohren hat, der hört manchmal ihr lautes Seufzen. Und wer ein feines, offenes Herz hat, der spürt es, wie manchmal die Erde zittert und dröhnt von all den Ketten, die da in Verzweiflung geschüttelt werden und doch nicht abfallen wollen. Wer das tägliche Leben nimmt, wie es ist, der versteht seine Mitmenschen: er ahnt überall die gefangenen Geister, die etwas anderes sein möchten, als sie jetzt sind und sein können. Und wer aufrichtig ist, der versteht wie Alle auch sich selbst als einen gefangenen Geist, der sich nach seiner Heimat, nach der Freiheit sehnt, gestern, heute, morgen, immer wieder, immer wieder ein Geist im Gefängnis, das bin ich. Vielleicht scheint es uns hart und grausam, |102 das Leben so aufzufassen; vielleicht möchten wir uns Augen und Ohren verstopfen, um nichts mehr wahrnehmen zu müssen von all der Gefangenschaft um uns her und von der Gefangenschaft, in der wir selbst uns befinden. Vielleicht spüren wir aber auch umgekehrt, daß das die wahrhaft barmherzige Auffassung des Lebens ist. Sie bedeutet Barmherzigkeit für unsere Mitmenschen, denn wenn wir einsehen, daß sie Gefangene sind, dann hört das Verurteilen auf und fängt das Begreifen an. Sie bedeutet aber auch Barmherzigkeit für uns selbst: oder ist’s nicht so? Wir möchten doch alle von Allen verstanden sein; und was heißt das?, verstanden, daß wir in einer Verlegenheit sind, in einer Not, verstanden, daß etwas in uns ist, das nicht reden und sich nicht bewegen kann, verstanden, daß wir anders möchten und doch nicht anders können, verstanden, daß wir gefangen sind, nicht wahr? Sieh da, du bist verstanden. Du bist ein Geist im Gefängnis. Wenn du das rücksichtslos und ohne beleidigt zu sein und ohne dich rechtfertigen zu wollen zugeben kannst, dann hast du den wichtigsten Teil von dem, was Christus den Geistern im Gefängnis gepredigt hat, schon gehört: Er hat ihnen gesagt, daß sie von Gott verstanden sind, daß Gott weiß, daß sie Gefangene sind. Er ist zu ihnen gegangen mit Gottes Barmherzigkeit.4

Lieder5:
  • Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (RG [1998] 162; EG 165) 🎵
  • Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold (GERS [1952] 306; EG 388) 🎵

Sachfußnoten

1
Eigene Übersetzung Barths, der sich 1907/1908 in seiner "Acceßarbeit" zum 1. theologischen Examen "Die Vorstellung vom Descensus Christi ad inferos in der kirchlichen Literatur bis Origenes" ausführlich mit 1. Petr. 3,18-20 beschäftigt hatte: V.u.kl.A. 1905-1909, S. 244–312, bes. S. 259–272.↩
2
Spätere Ausgrabungen - 1923 im benachbarten Kölliken, in 1970-er Jahren in Safenwil - belegten, daß es sich wohl tatsächlich um Reste aus römischer Zeit handelte.↩
3
Die «Wilde Jagd» bzw. das «Wilde Heer» bezeichnete im alten Volksglauben deutschsprachiger Länder ein Geister- bzw. Totenheer, das nachts mit Jagdrufen und Hundegebell durch die Luft braust.↩
4
Das Manuskript bricht hier ab. Am 7. April schrieb Barth an Thurneysen: "Was wurde aus deiner Predigt über die Höllenfahrt? Die meinige verunglückte wieder ganz, resp. sie zerfloß mir irgendwie unter den Händen zu einer Reihe von Mitteilungen (‹es steht da so etwas›), die diesmal nur den Vorzug der Gemeinverständlichkeit gehabt haben sollen." (Bw.Th. I, S. 482 📖)↩
5
Bei den Liedern finden sich keine Strophenangaben.↩