1. Korinther 13,12[b]
1.
Was
2.
«Jetzt erkenne ich stückweise», sagt
Paulus sagt: ich erkenne stückweise. Er will damit sagen: ich habe allerlei Stücke, die alle zur Erkenntnis gehören, die alle auf Erkenntnis hinweisen, wie etwa behauene Steine und Hölzer auf einem Bauplatz darauf hinweisen, daß da irgendwo in der Tasche des Architekten ein Plan vorhanden sein muß, in dem sie bereits ihre bestimmte Stelle haben, Stücke, die, wenn sie zusammengefügt wären, zusammen Erkenntnis wären, aus denen also Erkenntnis entstehen könnte, mit denen es eigentlich möglich sein müßte, den Menschen, das Leben und die Welt zu begreifen, richtig zu begreifen und anzuwenden, mit denen es möglich sein müßte, das Ziel und den Weg zu sehen – wenn, ja wenn es nicht bloß Stücke wären, die nicht zueinander passen, die einander widersprechen, die jedes doch wieder in eine andere Richtung weisen, die jedes doch wieder etwas für sich sind, wenn eben nicht das Ganze fehlte, die Einheit, der Plan, der gemeinsame Sinn dieser einzelnen Stücke. |
Wenn wir den Paulus fragen: Hast du
Erkenntnis oder nicht? So würde er uns also antworten: Nein, ich habe sie nicht, denn
mein stückweises Erkennen ist nicht Erkenntnis. Er würde dann freilich sofort
hinzufügen: Aber vielleicht ist das eben meine Erkenntnis, daß ich erkenne, daß ich
keine Erkenntnis habe. Habt ihr diese Erkenntnis
auch? Erkennt ihr auch, daß ihr nur stückweise erkennt und daß das keine Erkenntnis ist?
Er würde uns fragen, ob wir schon so weit sind, |114 einzusehen,
daß wir zu dem großen Zweck, das Richtige zu treffen, zu verstehen und zu tun, wohl
allerlei Stücke, allerlei Bausteine, allerlei Material haben, daß wir das Zeug dazu
haben, könnte man auch sagen, daß aber irgendwie ganz in der Mitte des Menschen, des
Lebens und der Welt tatsächlich ein Loch ist wie
in der Mitte eines Wagenrades2, und da ist nicht Licht,
nicht Klarheit, nicht Bestimmtheit, da fehlt uns zu dem großen Zweck, das Richtige zu
treffen, immer gerade das Letzte, das Entscheidende, das, worauf Alles ankäme, und darum
gelingt es uns wirklich nicht: Es gelingt uns nicht, menschliche Wesen zu sein, ein
lebendiges Leben zu leben, eine Welt zu bauen, die etwas Anderes wäre als ein Garnknäuel
oder ein Scherbenhaufen. Ob wir das auch wissen, würde uns
3.
Ich will euch dieses stückweise Erkennen an einigen Beispielen zu erklären suchen. Ein Stück, das zur Erkenntnis gehört, ein sehr wichtiges Stück sogar ist die Einsicht, daß der Mensch eine Vernunft und ein Gewissen hat, die ihm sagen können, was recht ist, wenn er nur auf sie hören will. Hört er wirklich auf sie, aber wirklich, immer wieder, dann muß dieser Mensch Schritt für Schritt in eine immer [?] unheimlichere, immer steilere [?] Strenge gegen sich selbst und die Mitmenschen hinein kommen. Immer mehr muß er von sich selbst und von ihnen verlangen. Immer mehr Opfer muß er bringen. In immer schärferen Kampf muß er sich verwickeln. Er wird zuletzt im fürchterlichsten Krieg mit der ganzen Welt und mit sich selbst stehen, oder er wird in eine Wüste fliehen müssen. Es gibt keine andere Möglichkeit, wenn er wirklich auf seine Vernunft und auf sein Gewissen hören will. Wer schon vorher mit der Unvernunft und mit der Gewissenlosigkeit Frieden geschlossen hat, der mag es leicht haben, er soll aber auf jene keine Steine werfen. Dahin kommt man mit diesem Stück. Aber daß das nun Erkenntnis, daß das nun das Richtige sei, was jener tut, wer wollte das behaupten? |
Darum steht neben diesem Stück ein anderes Stück. Das mag etwa in der Einsicht bestehen, daß der Mensch Gott muß walten lassen. |115 Auch das ist ein wichtiges und gutes Stück zur Erkenntnis. Er überläßt sich dann, ohne aber scharf nachzudenken, was er will und tut, ohne von sich selbst oder Anderen etwas Besonderes zu verlangen, einer gewissen Führung. Aber was heißt das? Könnte man nicht auch sagen: einem gewissen Zufall? Heißt das nicht, daß er sich im Grunde treiben und gehen läßt, wie es eben kommt? Man kann das in sehr freundlicher, sehr anständiger, sehr frommer Weise tun: man ist beschaulich und zufrieden, man überläßt die Welt sich selbst, man beobachtet mehr, als man redet, man denkt mehr, als man sagt, man ist ein stiller Zuschauer auf dem Kampfplatz, den die Anderen, die Vernunfts- und Gewissensleute mit ihrem mehr oder weniger großen Lärm erfüllen. Man nimmt nichts tragisch, sondern freut sich an dem Gedanken, daß Gott oder auch das Schicksal seinen Willen haben müsse und daß man dagegen doch nichts tun könne. Hat man wirklich damit angefangen und fährt man damit weiter, daß man Gott müsse walten lassen, so ist offenbar auch hier keine andere Möglichkeit. Wer kein solches blindes, volles [?] Gottvertrauen hat, der soll auf den, der es nicht3 hat, auch keine Steine werfen. Aber eine andere Frage ist die, ob das eine Erkenntnis, ob das nun das Richtige ist? |
Halt, sagst du, wer zwingt mich denn, eines von diesen Stücken, nur eines zu wählen und so oder so ein solch extremer Mensch zu sein? Kann ich nicht von beiden etwas nehmen, also ein wenig meine Vernunft zu brauchen und ein wenig Gott walten zu lassen, und so schön in der Mitte durchkommen? Ganz recht, die meisten Menschen werden in der Tat versuchen, zwischen diesen beiden Unmöglichkeiten in der Mitte durchzukommen. Aber weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß sie links und rechts vom Stück ein Stücklein abschlagen, ein bißchen dies und ein bißchen das tun, aber nichts ganz. Das ist sehr angenehm, denn dabei wird man in der Tat nicht ein Mensch, bei dem sich’s deutlich zeigte, wie unmöglich sein Tun ist; man kann nicht auf ihn zeigen und sagen: seht da, wie häßlich dieser Kämpfer, dieser einseitige Trotzkopf, der mit dem Kopf durch die Wand will! – oder: seht da den Nichtswoller und Nichtstuer, der nur auf Gott vertraut! Aber ist das nun etwa besser, wenn man lau ist statt heiß oder kalt [vgl. Apk. 3,15f.]? Ist das nun etwa das Richtige, ist das Erkenntnis? Wie |116 vereinigst du deine zwei Stücklein; das ist die Frage! O wie wäre die Welt so voll von Erkenntnis, wenn jeder Mittelmäßige mit seinen zwei Stücklein in der Hand deshalb [?] Erkenntnis hätte. Nein, wie stückweis unser Erkennen ist, das zeigt sich im Grund nur noch deutlicher an den Unzähligen, die statt [mit] einem großen, groben Stück mit zwei oder drei Stücklein herumlaufen. |
Ich könnte noch weiter erinnern an das Stück, das zur Erkenntnis gehört, das in der Lebensauffassung besteht, wonach Alles im Grunde zum Besten bestellt wäre: der Mensch ist gut, und die Welt ist gut, und das Leben ist sehr schön, wenn man’s nur richtig auffaßt. Alle Tage Sonnenschein4, wenn man nur den Fensterladen nicht verschließt. Das gibt dann jene ewig Lächelnden, ewig Heiteren, ewig Strahlenden, die gleichsam tänzelnd an allen Dunkelheiten, allen Schwierigkeiten vorüberkommen und uns zuzurufen scheinen: Seht da, warum macht ihr’s nicht wie ich? Ihr könntet auch glücklich sein! Ist das etwa das Richtige? Ist das etwa Erkenntnis? |
Dem gegenüber als anderes Stück die Lebensauffassung, wonach im Grunde Alles verpfuscht und schlecht ist. Die Menschen sind schlecht. Das Leben ist schwer. Die Welt ist dunkel. Einmal müssen wir alle sterben. Das gibt dann jene gerunzelten Stirnen, jene trüben Augen, jene gesenkte Kopfhaltung, jene ewig bedenklichen, ewig mißtrauischen, ewig grämlichen Wesen. Pessimisten gegen Optimisten, Traurige gegen Fröhliche, Geknickte gegen Aufrechte – ist’s das nun etwa? Ist das nun das Richtige? Ist das Erkenntnis? |
Oder wollen wir auch da wieder mischen, vermitteln, von jedem Stück ein Stücklein nehmen, ein bißchen weltselig und ein bißchen weltschmerzlich sein, heute eine rote und morgen eine schwarze Brille tragen, heute Glücks- und morgen Unglückspropheten sein? Ja, so machen es freilich die Meisten von uns, aber wie vereinigen sie diese beiden Stücklein? Wie sollte das Erkenntnis sein, ein bißchen von diesem und ein bißchen von jenem Unrichtigen zu haben und mit beidem ein richtiger Halber zu sein? |
Und so könnte ich noch weiter erinnern an den Streit derer, die Alles aus dem Geist erklären wollen, mit denen, die Alles auf
Natur
|117 zurückführen, oder an den Streit derer, die grundsätzlich
immer für den sogenannte Fortschritt, für das
Neue sind, mit denen, die ebenso grundsätzlich für das sogenannte gute Alte eintreten,
ach, und an wie so manchen anderen Streit! Es ist ja immer dasselbe: ein Stück hier, und
siehe, gerade wenn man’s ganz ernst nimmt damit, ist’s keine Erkenntnis, ist’s nicht das
Richtige, und ein Stück dort, und siehe, wenn man[’s] ernst nimmt, ist[’s] auch nicht
das Richtige, und wenn man beide nicht ernst nimmt und einen Mittelweg geht, so ist’s
erst recht nicht und noch viel weniger das Richtige. Versteht ihr’s jetzt, daß das ein
Seufzer ist, ein Schrei aus tief gequälter
Brust, ein Schrei des Entsetzens über die Lage der Menschen, wenn
4. 5
Jetzt – dann aber! Jetzt: Scharfe Grenzen, von denen wir umgeben sind. So sind wir dran. Weiter kommen wir nicht. Das ist’s, was uns möglich ist: solche Stücke! Dann aber – kommt das Unmögliche. Weil er die Grenzen scharf sieht, sieht er hinüber. Dort ist Gott, Auferstehung, ewiges Leben. Was heißt das? Etwas Menschen mögliches. Nein, wir haben unsere M[enschen]möglichkeiten geendet [?], auch [?] wäre [?] da nichts zu tun! Aber die Möglichkeit Gottes! Vielleicht wenn wir einsehen: damit geht’s nicht, begreifen wir diese Möglichkeit. Für P[au]l[us] die Wirklichkeit: ich bin erkannt. Im Tode Xi [= Christi] das Ende dieses M., der Anfang eines neuen. Warum greift der M. bald nach diesem, bald nach jenem Stück? Warum suchen die meisten zu vermitteln? Sie sehen alle das Ganze. Sie müssen es sehen. Sie können es sehen, ohne es zu kennen. Wie ich erkannt bin, so werde ich erkennen.
- Nr. 4 «Ich singe dir mit Herz und Mund» von P. Gerhardt (RG [1998] 723; EG
324)
- Nr. 352 «Ich hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt» von J. T. Hermes (FEG
[1907] 491)