1.
Unser Text redet von einer Reihe von Dingen, die aufhören werden. «Alles Ding hat seine Zeit»1.
Wenn seine Zeit um ist, dann ist es nicht mehr, wie es vor seiner Zeit nicht gewesen
ist. Außerhalb seiner Zeit ist es nichts. Es gibt Dinge, die haben eine sehr lange Zeit,
vielleicht eine so lange Zeit, daß wir sie mit dem Wörtlein «immer» bezeichnen müssen.
Aber was heißt «immer»? Wir haben neben diesem Wörtlein das andere Wörtlein «nimmer»,
uns selbst zur Erinnerung, daß das «immer» eine Grenze hat. Ein großes Meer an Zeit ist eben nur ein Meer an Zeit, aber kein
Tröpflein Ewigkeit. Was nur in der Zeit immer ist, das ist eben darum nicht «nimmer»,
was nur in der Zeit ist, das ist eben darum nicht ewig. Alle Dinge sind in der Zeit, im
besten Fall immer, aber nicht mehr. Darum werden sie aufhören. Sie sind uns gegeben,
darum können sie uns auch genommen werden. Sie sind da, darum können sie auch nicht da
sein. Sie sind möglich, darum können sie auch unmöglich werden. Über allen Dingen steht
groß geschrieben für alle Augen, die sehen können: Sie werden aufhören.
2.
Es sind große Dinge, von denen Paulus das
sagt: Weissagungen, Sprachen, Erkenntnis. Das
sind sehr hohe Dinge, so hohe Dinge, daß sie uns, die wir nicht Paulus sind, die wir nicht in jener wunderbaren Zeit
des ersten Christentums leben, sozusagen unbekannt sind. Immerhin, sie könnten uns
bekannt sein, sie könnten uns vielleicht wieder einmal bekannt werden. Paulus nennt nicht alle Dinge, die aufgehoben werden,
er nennt nur die letzten, höchsten, die er kennt. Wir könnten, um ihn besser zu
verstehen, seine Reihe vervollständigen mit Dingen, die wir besser kennen: z. B. unsere
Überzeugung wird aufhören, unser gutes Gewissen wird aufhören, unsere Frömmigkeit
|119 wird aufhören, unsere Begeisterung (wenn eine solche in uns
lebt, und warum sollte sie nicht?) wird aufhören, unsere Liebe (ja auch unsere Liebe,
das, was wir Liebe heißen!) wird aufhören, und dann also (mit Paulus) Weissagungen, Sprachen, Erkenntnisse – werden aufhören. Es ist etwas
Bedrängendes, Betrübendes, Erschreckendes in diesem «Sie werden aufhören», die besten,
schönsten, höchsten Dinge werden aufhören, um wieviel mehr allerlei geringere, weniger
bedeutende, und die uns doch auch lieb und wert sind. Was ist Familie, Beruf, Vaterland, was ist Gesundheit, Glück, Zufriedenheit;
wie sollten sie bestehen, wenn es von den höchsten Gaben heißt: Sie werden aufhören? Ist es nicht, wie wenn in einem großen
Saal mit vielen großen und kleinen Lichtern der Reihe nach eins ums andere ausgelöscht
würde, immer dunkler wird’s, und nun? was dann, wenn’s ganz dunkel ist? Aber nicht wahr,
es könnte ja sein, daß dieses Lichter-Löschen darum geschieht, weil draußen schon der
Tag angebrochen ist, und daß unsere Augen nur einen Augenblick die scheinbare Dunkelheit
ertragen müssen, um dann im Lichte dieses
Tages Alles viel besser, viel natürlicher, viel deutlicher zu sehen als vorher im Lichte
jener künstlichen Lichter. Es könnte sein, daß es nichts Bedrängendes, Betrübendes,
Erschreckendes ist, wenn es von den schönsten und besten Dingen heißt: «Sie werden
aufhören», sondern etwas Befreiendes, Erhellendes, Erlösendes. Es könnte sein, daß wir
darum einsehen müssen, daß alles Zeitliche aufhören wird, weil wir einsehen dürfen, daß
das Ewige anfängt. Es könnte sein, daß die
ganze Bedrohung und Erschütterung unseres Menschenlebens, die wir in diesem «Sie werden
aufhören» deutlich genug verspüren, nur ein Anzeichen davon ist, wie sehr unser
Menschenleben umgeben, umschlossen ist vom Frieden Gottes, der aber höher, wirklich
höher ist als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7].
3.
«Aufhören», sagt Paulus. Das bedeutet
nicht: zunichte werden, zerstört [?] werden, ertötet werden. Das Wort bedeutet
eigentlich: Aufgehoben werden, aufgehoben, um umgekehrt zu werden. Nur für einen
Augenblick kann es, wenn das sich ankündigt, aussehen, als ob nun etwa Alles ganz und
gar aus sei. Nichts ist aus, gar nichts. Es wird nur Alles ganz und gar anders. Die ganz
und gar andere Seite aller Dinge soll an die Reihe kommen für alle Dinge, indem sie
«aufhören» |120 müssen. Gott ist nicht der, der die Menschen und
die menschlichen Dinge vernichtet, sondern der, der sie aufhebt und umkehrt. Und der
Sinn für Gott besteht nicht darin, daß wir etwa seufzend und verzweifelnd einsehen, daß
es mit uns und allem Unsrigen nichts ist, sondern [ist] der Sinn für dieses Aufheben und
Umkehren, das Gott an uns und allem Unsrigen üben will, die heiße Sehnsucht danach, die
Bereitschaft dafür. Wir wollen also, wenn in unserem Leben sich da und dort etwas
ankündigt von dem Aufhören auch der schönsten Dinge, nicht gleich die Hände über dem
Kopf zusammenschlagen, als dürfte das nicht sein. Es kann dir z. B. geschehen, daß du an
einer guten, sicher begründeten Meinung, die du bis jetzt hattest, auf einmal
zweifelhaft wirst. Es kann dir geschehen, daß du irre wirst an einem Menschen, an deinem
Weg, den du für deine Pflicht hieltest, an dir selbst, ja vielleicht sogar an dem, was
du bis jetzt Gott nanntest. Es kann dir geschehen, daß dir eine große Freudigkeit, die
du hattest, verdorben wird oder der Mut zu einem Unternehmen gebrochen, daß du in einer
Lage, wo dir zuvor alles klar war, nur noch seufzen kannst: ich weiß nicht mehr, was ich
tun soll! Sieh, das sind so Ankündigungen und Vorschein [?] von dem großen Aufhören. Es ist ja gut, daß dieses Aufhören nicht
mit einem Schlag über uns hereinbricht und da ist – das könnten wir nicht ertragen -,
sondern so nach und nach im Lauf der Zeit eintritt und sich geltend macht. Aber nicht
wahr, es fällt uns ja auch, wenn es einzeln kommt, noch schwer genug. Wir möchten gegen
jedes einzelne Aufhören aufschreien: Jetzt ist’s ja aus, das ist ja die Finsternis, das
ist ja das Nein, das Nein, das mir Alles nimmt, das ist ja der Tod. Es ist aber nicht der Tod, es ist Gott. Gott, der nicht töten,
sondern aufheben und umkehren will. Die andere Seite soll nun drankommen in deinen
Gedanken, in deinem Gewissen, in deinen Erfahrungen. Die andere Seite ist das Ewige
darin, bis jetzt waren sie offenbar zeitlich. Darum können sie aufhören, und das ist das Erschreckende an diesem
Aufhören. Aber eben, weil sie zeitlich waren, müssen sie ja auch aufhören, damit ihre
ewige Seite drankomme, und das ist [das] Erfreuende, Beruhigende, Beseligende an diesem
Aufhören, wenn man’s recht auffaßt. Und nicht wahr, es könnte ja sein, daß ein Mensch
das recht auffaßt, daß er nach und nach einen Sinn bekommt gleichsam für das göttliche
[?] Maßwerk [?] unseres Lebens, das darin besteht, daß nach und nach in immer mehr
menschlichen |121 Dingen das Zeitliche gegenüber dem Ewigen den Platz räumen muß. Sie nehmen ab, und
gerade dieses Abnehmen ist ihr wahres Wachstum. Sie gehen zu Grunde und doch nicht ganz
zu Grunde. Sie sterben, und ihr Sterben ist der Triumph des wirklichen Lebens. Wer das
sieht, der steht im Frieden Gottes, von dem
wir umgeben und umschlossen sind.
4.
Freilich, es ist ein großes Aufhören, auf das wir uns da gefaßt machen müssen. Nicht
umsonst nennt Paulus gerade die höchsten
Dinge als solche, die aufhören müssen. Es ist, wie wenn er befürchtete, wir könnten uns
etwa von den niederen auf die hohen und höchsten Stufen menschlicher Dinge flüchten, um
daselbst dem Aufgehoben- und Umgekehrt-Werden zu entgehen. Daß Jugendlust,
Arbeitskraft und Gesundheit mit der Zeit aufhören, das kann man einsehen. Daß z. B. auch das gute Gewissen oder das Frommsein aufhören müssen, das ist schon schwerer einzusehen. Und nun nennt ja
Paulus noch höhere Dinge: Weissagungen,
Sprachen, Erkenntnis: sie werden aufhören.
Weissagung:2 Zustand eines M[enschen] der sich viel u. ernst mit d. Göttl.
beschäftigt, ein Anderer geworden. Erlebt. Ergriffen. Das kommt zum Ausdruck. Er fällt
auf. Er überragt die Anderen. Er eilt s. Zeit voran. Er hat eine Genialität für Gott. Er
sieht Dinge, die Andere nicht sehen. Er ist ein Prophet.
Sprachen: Fähigkeit von Gott zu reden.
Nicht «verständlich», sondern gerade im Geheimnis. Eine Gewalt in der Rede. Die Gewalt
des Wunders. Er darf sagen was Andere nicht sagen dürfen. Er kann das Unmögliche sagen.
Man hört Gott in s. Wort.
Erkenntnis: Einsicht in d. Menschen, die
Welt, d. Leben. Fähigkeit den Weg zu sehen. Auf dem Gipfel, wenn wir einsehen, daß wir
keine Erkenntnis haben.3 Daß bei Gott die Weisheit ist.
Das sind für uns seltene Dinge! Und die sollen aufhören? Ja, auch die! Es ist offenkundig so: sie hören auf. Gerade an solchen M.
zeigt sich bes. stark die harte Hand G’s: Ihre Leidenschaften verwirren das |122 reine Bild, ihre Kraft nimmt ab, ihre Wirkung ist beschränkt.
Entsprechende [?] Bewegungen stehen wieder still. – Auf so weit gehendes Aufhören müssen
wir uns gefaßt machen.
5.
Die Liebe höret nimmer auf. Liebe: was nimmer
aufhört, was jenseits Alles dessen, was aufhören kann und muß. Auf Grabstein?4 Ja gerade dazu nur gerade das gut genug! Etwas menschliches
Begreifliches. Nicht «die Liebe» da hört auf. Liebe: Eine Leidenschaft, ein Begehren
[?], eine Treue, ein Einstehen. Ist nicht bei allem Aufhören eine solche Liebe? Die
Liebe zum Aufhören. Liebe die das Jenseits sucht [?]. Liebe zu Gott u. den Menschen.