24. April 1921

1. Korinther 13,8

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1. Korinther 13,8
Die Liebe höret nimmer auf, wo doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.

1.

Unser Text redet von einer Reihe von Dingen, die aufhören werden. «Alles Ding hat seine Zeit»1. Wenn seine Zeit um ist, dann ist es nicht mehr, wie es vor seiner Zeit nicht gewesen ist. Außerhalb seiner Zeit ist es nichts. Es gibt Dinge, die haben eine sehr lange Zeit, vielleicht eine so lange Zeit, daß wir sie mit dem Wörtlein «immer» bezeichnen müssen. Aber was heißt «immer»? Wir haben neben diesem Wörtlein das andere Wörtlein «nimmer», uns selbst zur Erinnerung, daß das «immer» eine Grenze hat. Ein großes Meer an Zeit ist eben nur ein Meer an Zeit, aber kein Tröpflein Ewigkeit. Was nur in der Zeit immer ist, das ist eben darum nicht «nimmer», was nur in der Zeit ist, das ist eben darum nicht ewig. Alle Dinge sind in der Zeit, im besten Fall immer, aber nicht mehr. Darum werden sie aufhören. Sie sind uns gegeben, darum können sie uns auch genommen werden. Sie sind da, darum können sie auch nicht da sein. Sie sind möglich, darum können sie auch unmöglich werden. Über allen Dingen steht groß geschrieben für alle Augen, die sehen können: Sie werden aufhören.

2.

Es sind große Dinge, von denen Paulus das sagt: Weissagungen, Sprachen, Erkenntnis. Das sind sehr hohe Dinge, so hohe Dinge, daß sie uns, die wir nicht Paulus sind, die wir nicht in jener wunderbaren Zeit des ersten Christentums leben, sozusagen unbekannt sind. Immerhin, sie könnten uns bekannt sein, sie könnten uns vielleicht wieder einmal bekannt werden. Paulus nennt nicht alle Dinge, die aufgehoben werden, er nennt nur die letzten, höchsten, die er kennt. Wir könnten, um ihn besser zu verstehen, seine Reihe vervollständigen mit Dingen, die wir besser kennen: z. B. unsere Überzeugung wird aufhören, unser gutes Gewissen wird aufhören, unsere Frömmigkeit |119 wird aufhören, unsere Begeisterung (wenn eine solche in uns lebt, und warum sollte sie nicht?) wird aufhören, unsere Liebe (ja auch unsere Liebe, das, was wir Liebe heißen!) wird aufhören, und dann also (mit Paulus) Weissagungen, Sprachen, Erkenntnisse – werden aufhören. Es ist etwas Bedrängendes, Betrübendes, Erschreckendes in diesem «Sie werden aufhören», die besten, schönsten, höchsten Dinge werden aufhören, um wieviel mehr allerlei geringere, weniger bedeutende, und die uns doch auch lieb und wert sind. Was ist Familie, Beruf, Vaterland, was ist Gesundheit, Glück, Zufriedenheit; wie sollten sie bestehen, wenn es von den höchsten Gaben heißt: Sie werden aufhören? Ist es nicht, wie wenn in einem großen Saal mit vielen großen und kleinen Lichtern der Reihe nach eins ums andere ausgelöscht würde, immer dunkler wird’s, und nun? was dann, wenn’s ganz dunkel ist? Aber nicht wahr, es könnte ja sein, daß dieses Lichter-­Löschen darum geschieht, weil draußen schon der Tag angebrochen ist, und daß unsere Augen nur einen Augenblick die scheinbare Dunkelheit ertragen müssen, um dann im Lichte dieses Tages Alles viel besser, viel natürlicher, viel deutlicher zu sehen als vorher im Lichte jener künstlichen Lichter. Es könnte sein, daß es nichts Bedrängendes, Betrübendes, Erschreckendes ist, wenn es von den schönsten und besten Dingen heißt: «Sie werden aufhören», sondern etwas Befreiendes, Erhellendes, Erlösendes. Es könnte sein, daß wir darum einsehen müssen, daß alles Zeitliche aufhören wird, weil wir einsehen dürfen, daß das Ewige anfängt. Es könnte sein, daß die ganze Bedrohung und Erschütterung unseres Menschenlebens, die wir in diesem «Sie werden aufhören» deutlich genug verspüren, nur ein Anzeichen davon ist, wie sehr unser Menschenleben umgeben, umschlossen ist vom Frieden Gottes, der aber höher, wirklich höher ist als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7].

3.

«Aufhören», sagt Paulus. Das bedeutet nicht: zunichte werden, zerstört [?] werden, ertötet werden. Das Wort bedeutet eigentlich: Aufgehoben werden, aufgehoben, um umgekehrt zu werden. Nur für einen Augenblick kann es, wenn das sich ankündigt, aussehen, als ob nun etwa Alles ganz und gar aus sei. Nichts ist aus, gar nichts. Es wird nur Alles ganz und gar anders. Die ganz und gar andere Seite aller Dinge soll an die Reihe kommen für alle Dinge, indem sie «aufhören» |120 müssen. Gott ist nicht der, der die Menschen und die menschlichen Dinge vernichtet, sondern der, der sie aufhebt und umkehrt. Und der Sinn für Gott besteht nicht darin, daß wir etwa seufzend und verzweifelnd einsehen, daß es mit uns und allem Unsrigen nichts ist, sondern [ist] der Sinn für dieses Aufheben und Umkehren, das Gott an uns und allem Unsrigen üben will, die heiße Sehnsucht danach, die Bereitschaft dafür. Wir wollen also, wenn in unserem Leben sich da und dort etwas ankündigt von dem Aufhören auch der schönsten Dinge, nicht gleich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, als dürfte das nicht sein. Es kann dir z. B. geschehen, daß du an einer guten, sicher begründeten Meinung, die du bis jetzt hattest, auf einmal zweifelhaft wirst. Es kann dir geschehen, daß du irre wirst an einem Menschen, an deinem Weg, den du für deine Pflicht hieltest, an dir selbst, ja vielleicht sogar an dem, was du bis jetzt Gott nanntest. Es kann dir geschehen, daß dir eine große Freudigkeit, die du hattest, verdorben wird oder der Mut zu einem Unternehmen gebrochen, daß du in einer Lage, wo dir zuvor alles klar war, nur noch seufzen kannst: ich weiß nicht mehr, was ich tun soll! Sieh, das sind so Ankündigungen und Vorschein [?] von dem großen Aufhören. Es ist ja gut, daß dieses Aufhören nicht mit einem Schlag über uns hereinbricht und da ist – das könnten wir nicht ertragen -, sondern so nach und nach im Lauf der Zeit eintritt und sich geltend macht. Aber nicht wahr, es fällt uns ja auch, wenn es einzeln kommt, noch schwer genug. Wir möchten gegen jedes einzelne Aufhören aufschreien: Jetzt ist’s ja aus, das ist ja die Finsternis, das ist ja das Nein, das Nein, das mir Alles nimmt, das ist ja der Tod. Es ist aber nicht der Tod, es ist Gott. Gott, der nicht töten, sondern aufheben und umkehren will. Die andere Seite soll nun drankommen in deinen Gedanken, in deinem Gewissen, in deinen Erfahrungen. Die andere Seite ist das Ewige darin, bis jetzt waren sie offenbar zeitlich. Darum können sie aufhören, und das ist das Erschreckende an diesem Aufhören. Aber eben, weil sie zeitlich waren, müssen sie ja auch aufhören, damit ihre ewige Seite drankomme, und das ist [das] Erfreuende, Beruhigende, Beseligende an diesem Aufhören, wenn man’s recht auffaßt. Und nicht wahr, es könnte ja sein, daß ein Mensch das recht auffaßt, daß er nach und nach einen Sinn bekommt gleichsam für das göttliche [?] Maßwerk [?] unseres Lebens, das darin besteht, daß nach und nach in immer mehr menschlichen |121 Dingen das Zeitliche gegenüber dem Ewigen den Platz räumen muß. Sie nehmen ab, und gerade dieses Abnehmen ist ihr wahres Wachstum. Sie gehen zu Grunde und doch nicht ganz zu Grunde. Sie sterben, und ihr Sterben ist der Triumph des wirklichen Lebens. Wer das sieht, der steht im Frieden Gottes, von dem wir umgeben und umschlossen sind.

4.

Freilich, es ist ein großes Aufhören, auf das wir uns da gefaßt machen müssen. Nicht umsonst nennt Paulus gerade die höchsten Dinge als solche, die aufhören müssen. Es ist, wie wenn er befürchtete, wir könnten uns etwa von den niederen auf die hohen und höchsten Stufen menschlicher Dinge flüchten, um daselbst dem Aufgehoben-­ und Umgekehrt-­Werden zu entgehen. Daß Jugendlust, Arbeitskraft und Gesundheit mit der Zeit aufhören, das kann man einsehen. Daß z. B. auch das gute Gewissen oder das Frommsein aufhören müssen, das ist schon schwerer einzusehen. Und nun nennt ja Paulus noch höhere Dinge: Weissagungen, Sprachen, Erkenntnis: sie werden aufhören.

Weissagung:2 Zustand eines M[enschen] der sich viel u. ernst mit d. Göttl. beschäftigt, ein Anderer geworden. Erlebt. Ergriffen. Das kommt zum Ausdruck. Er fällt auf. Er überragt die Anderen. Er eilt s. Zeit voran. Er hat eine Genialität für Gott. Er sieht Dinge, die Andere nicht sehen. Er ist ein Prophet.

Sprachen: Fähigkeit von Gott zu reden. Nicht «verständlich», sondern gerade im Geheimnis. Eine Gewalt in der Rede. Die Gewalt des Wunders. Er darf sagen was Andere nicht sagen dürfen. Er kann das Unmögliche sagen. Man hört Gott in s. Wort.

Erkenntnis: Einsicht in d. Menschen, die Welt, d. Leben. Fähigkeit den Weg zu sehen. Auf dem Gipfel, wenn wir einsehen, daß wir keine Erkenntnis haben.3 Daß bei Gott die Weisheit ist.

Das sind für uns seltene Dinge! Und die sollen aufhören? Ja, auch die! Es ist offenkundig so: sie hören auf. Gerade an solchen M. zeigt sich bes. stark die harte Hand G’s: Ihre Leidenschaften verwirren das |122 reine Bild, ihre Kraft nimmt ab, ihre Wirkung ist beschränkt. Entsprechende [?] Bewegungen stehen wieder still. – Auf so weit gehendes Aufhören müssen wir uns gefaßt machen.

5.

Die Liebe höret nimmer auf. Liebe: was nimmer aufhört, was jenseits Alles dessen, was aufhören kann und muß. Auf Grabstein?4 Ja gerade dazu nur gerade das gut genug! Etwas menschliches Begreifliches. Nicht «die Liebe» da hört auf. Liebe: Eine Leidenschaft, ein Begehren [?], eine Treue, ein Einstehen. Ist nicht bei allem Aufhören eine solche Liebe? Die Liebe zum Aufhören. Liebe die das Jenseits sucht [?]. Liebe zu Gott u. den Menschen.

Lieder:
  • Nr. 3 «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1.3.11 (RG [1998] 724,1.3.10; EG 325,1.3.10; jeweils mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 241 «Ich will dich lieben, meine Stärke» von J. Scheffler, ohne Strophenangabe (RG [1998] 682; EG 400) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. den Kehrreim des Eingangsliedes (s. unten S. 122): "Alles Ding währt seine Zeit".↩
2
Von hier an gibt Barth nur noch eine Skizze; der Text wird buchstabengetreu wiedergegeben.↩
3
Vgl. die Predigt vom vorangehenden Sonntag über 1. Kor. 13,12b.↩
4
Noch 1927 erwägt Barth, wie sinnvoll es ist, diesen Spruch auf Grabsteine zu setzen (V.u.kl.A.1925–1930, S. 291). Die Rückfrage nach Safenwil verlief negativ, da – so schreibt P. Leuenberger – "bei uns die Grabsteine in der Regel spätestens nach 25 Jahren erneuert werden. Auch auf dem ‹Hüssy-Friedhof› (mit alten Grabsteinen) habe ich das Zitat aus 1. Kor. 13 nicht gefunden." (Brief vom 12.4.2001 an Hermann Schmidt).↩