1. Mai 1921

1. Korinther 13,1­–3

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1. Korinther 13,1­–3
[Wenn ich mit Menschen-­ und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.]

1.

Tausend Nullen aneinandergereiht ergeben miteinander noch keine Zahl, sondern das kleinste, schwächste, unscheinbarste Eins ist mehr als sie. Tausend Holzklötze aufeinandergehäuft sind darum noch kein Feuer, sondern das kleinste, nur einen Augenblick glühende und dann wieder verlöschende Fünklein ist mehr als sie. Tausend auserlesene chemische Bestandteile, kunstreich gemischt und vereinigt, sind aller Kunst zum Trotz nicht ein lebendiges Wesen, sondern das einfachste Gräslein, das unser Fuß zertritt, das kurzlebigste Mücklein in der Luft ist mehr als sie. Tausend Jahre Weltgeschichte hintereinander mit all dem Großen, Umwälzenden, Wichtigen, Herrlichen, das in tausend Jahren geschehen kann, sind noch keine Sekunde Ewigkeit, und tausend Menschlichkeiten, und wenn es die edelsten, bedeutendsten und reinsten wären, tausend Heldentaten, Erfindungen oder Kunstwerke, tausend schöne und lobenswerte Eigenschaften des Charakters und der Gesinnung sind darum noch nicht göttlich, sondern ein einziger Strahl vom Lichte Gottes selbst ist mehr als sie. Das ist’s, was Paulus meint mit seinem wahrhaft erschütternden «Und hätte der Liebe nicht», das er dem Reden von Menschen-­ und Engelzungen, dem Weissagen und Wissen und Glauben, der Selbstlosigkeit des Menschenfreundes, so alle seine Habe den Armen gibt, und dem Heldenmut des Märtyrers, der seinen Leib verbrennen läßt, gegenüberstellt.

2.

Paulus will wahrhaftig nicht sagen, daß das alles nichts wert sei. Es kann etwas wert sein. Es kann sogar viel, unermeßlich viel wert sein. Aber es ist nicht selbstverständlich, daß es etwas wert ist. Nichts ist selbstverständlich etwas wert. Es fragt sich. Alles, auch das Größte, |124 das Schönste, das Heiligste, setzt Paulus auf die Messerschneide, auf die Waage, auf die Messerschneide dieses: Es fragt sich! Da kommt Alles ins Wanken, in Bewegung, in Veränderung; da muß Alles sich gefallen lassen, zweifelnd, kritisch betrachtet zu werden. Bei allem Menschlichen heißt es: es fragt sich. «Und hätte der Liebe nicht», das ist die Frage. Man kann diese Frage, die durch die ganze Bibel hindurchgeht, als eineBeunruhigung, als eine Störung, als eine Gefahr auffassen. Sie ist es auch in gewissem Sinn; denn sie ist die Ankündigung, daß alle menschlichen Dinge ein Ende haben, wo sie sich umkehren müssen, um ihre andere Seite zu zeigen. Behüt’ uns Gott!, sagen wir dann, da rutscht einem ja der Boden unter den Füßen weg, da versteht man ja gar nichts mehr vom Leben, da weiß man ja gar nicht mehr, was man tun soll. Man kann sich aber auch freuen, wenn diese Frage kommt, weil man merkt, daß da der Friede kommt, die Klarheit, der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. Joh. 14,6]. Eigentlich warten ja doch alle menschlichen Dinge darauf, umgekehrt zu werden. Eigentlich sehnen sich doch alle die 1000 Nullen unseres Lebens nach der erlösenden Frage, nach dem Eins, das ihnen voranstehen muß. Eigentlich wissen wir es ja doch gut genug, wie alles Menschliche im Einzelnen wankt und rutscht und sich bewegt, und können nur froh sein darüber, zu hören, daß wirklich Alles in Bewegung ist und warum und wohin die Reise geht. Gott sei Dank!, können wir auch sagen, da wird’s endlich ausgesprochen, was wir ja längst wußten, was uns ja immer fehlte, da kommt nun endlich die Hauptsache, da kündigt sich nun endlich die Sonne an nach der langen Nacht, in der wir uns mit künstlichen Lichtern kümmerlich genug behelfen mußten.

3.

Es war zu vermuten, und man konnte es gestern in der Zeitung lesen1, daß heute wohl in den allermeisten Kirchen Predigten über die Arbeiterfrage und Arbeiterbewegung gehalten werden. Soweit ich die heutige Lage in der Kirche kenne, ist anzunehmen, daß dabei das «Behüt’ uns Gott!» und das «Gott sei Dank!» wunderlich durcheinander gehen und daß an den meisten Orten das «Behüt’ uns |125 Gott!» das Übergewicht haben wird. Ihr kennt meine Stellung in dieser Sache und werdet es nicht mißverstehen, wenn ich keine solche Predigt halte, wie ich auch am 1. August keine Vaterlandspredigten zu halten pflege. Ich halte diese Art Predigten für ein bedenkliches Zeichen dafür, daß die Kirche ein schlechtes Gewissen hat und daß sie nicht weiß, was sie will. Wüßte sie, was sie will, hätte sie ein eigenes Thema, eine bestimmte eigene Sache, einen klaren eigenen Weg, dann brauchte sie nicht solche Anleihen zu machen. Wäre es selbstverständlich, daß in jeder Kirche an jedem Sonntag von der Frage die Rede ist, der alles Menschliche ausgesetzt ist, und von der Bewegung, in der sich alle menschlichen Dinge befinden, dann wäre auch in jeder Kirche und an jedem Sonntag von der Arbeiterfrage und Arbeiterbewegung die Rede, ohne daß es nötig wäre, diese Worte auch nur zu nennen.2

[Beilage]

1000 Nullen keine Zahl. 1000 Holzklötze kein Feuer. 1000 Elemente k. Leben. 1000 J[ahre] keine Ewigkeit. 1000 Menschlichkeiten o [= nicht] göttlich. «Und hätte …» M'liche Dinge o fest, sinken u. steigen wie Quecksilber. M'liche Dinge o selbstverständlich gut, stehen unter einer Frage. Ein Geheimnis, dort entscheidet es sich, ob lebendig, ob etwas, ob wert. Neues u. Anderes. Ort wo Perpendikel aufliegt. P[au]l[us] «die Liebe».

Wenn wir das hören: uns fragen, ob wahr, ob kennen? Vielleicht nein. Nicht jedermanns Sache a) Geheimnis zuzugeben b) alles M'liche auf d. Messers Schneide, kritisches Auge, es fragt sich c) nicht bei uns selbst die Entscheidung. göttlich. «Und hätte …» M’liche Dinge o fest, sinken u. steigen wie Quecksilber. M’liche Dinge o selbstverständlich gut, stehen unter einer Frage. Ein Geheimnis, dort entscheidet es sich, ob lebendig, ob etwas, ob wert. Neues u. Anderes. Ort wo Perpendikel aufliegt. P[au]l[us] «die Liebe».

Wenn wir das hören: uns fragen, ob wahr, ob kennen? Vielleicht nein. Nicht jedermanns Sache a) Geheimnis zuzugeben b) alles M’liche auf d. Messers Schneide, kritisches Auge, es fragt sich c) nicht bei uns selbst die Entscheidung. Beunruhigende Gedanken. Lehrt uns Gott. Vielleicht kennst du sie doch. a) Tüchtiger M. der dir nichts sagt b) Gutes Bulletin [?], das dich nicht befriedigt c) vollkommene Arbeit, die dir nicht genügt d) rechte Sache, die dir unlebendig ist e) dein Lebenslauf, in dem eine Leere ist. – Kennst Stelle [?] Wird dort anders, wo alles anders.

126 Und habe die Liebe nicht. Pl. nennt d. Geheimnis «Liebe». Er kennt Propheten u. Helden ohne Liebe, er kennt sich selbst u. urteilt: nichts! Liebe muß etwas Großes sein. Wir sind keine Propheten, bringen [?] sogar solche M. davon ab, um wieviel mehr wir. Also nicht durch Kleines die große Lücke [?] verstopfen. Achtung vor Wort Liebe. Liebsein u. Liebestun? Darin zeigt sie sich. Aber danach haben Viele gegriffen, ohne Erfolg, gaben es wieder auf. Die Lücke blieb. Gutes [?] wissen gegen besseres [?] tun [?]. Weitere Null, weiteres Holz. («Und wenn ich alle …)

Was ist Liebe? Keine Antwort od. unbegreifliche Antwort (köstlicher Weg [1.Kor. 12,31]) Das was uns Allen fehlt – was wir Alle haben als Wunder Gottes. Was k. M. sich nehmen od. machen kann – was in jedem M. lebt als s. Erstes. Wovon man nicht reden kann – was selber redet. Eine Möglichkeit, ein Licht, ein Ja – das ist Liebe.

Warum Liebe? Weil wir Entbehrende, Suchende, Leidende sind ausgestreckt nach diesem Einen. Weil wir durch dieses Leiden frei sind von uns selbst, auf [?] die Anderen die [?] die uns verstehen. Weil wir von dorther geliebt sind. Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,8.16].3

Sachfußnoten

1
In den in den Bibliotheken aufbewahrten Zeitungen nicht zu ermitteln. Vermutlich stand die Notiz in einem nicht archivierten Lokalanzeiger.↩
2
Der ausformulierte Text endet hier. Auf einem beigelegten Viertelblatt steht das Stichwort-Konzept der ganzen Predigt, das im folgenden buchstabengetreu wiedergegeben wird.↩
3
Zu dieser Predigt gibt es keine Liedangaben.↩