5. Mai 1921

Apostelgeschichte 1,9 (Himmelfahrt)

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Himmelfahrt
Apostelgeschichte 1,9
Da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.

1.

Nicht wahr, einfach, ganz einfach ist unser Menschenleben! Wir meinen doch ungefähr zu wissen, wie wir dran sind, was wir zu erwarten haben und was wir wollen. Da ist kein Geheimnis. Da geschieht kein Wunder. Da unterbricht keine Himmelfahrt senkrecht nach oben unseren geordneten waagrechten Gang von der Wiege zum Sarge, von der Ruhe zur Arbeit und wieder zur Ruhe, vom Bösen zum Guten und zurück zum Bösen, vom Fortschritt zum Stillstand zu neuem Fortschritt. Haben wir nicht alle unsere Pflichten, unsere Freuden, unser Gewissen, unsere Überzeugungen, unseren Weg? Es ist immer das Eine, Gleiche, Sichere, unser Leben, das Eine, Gleiche, Sichere, dem nichts Anderes gegenübersteht. Hier stehe ich, ich kann nicht anders!, können wir alle sagen, auch wenn wir nicht Luther sind.2 Hier sitzen wir und sind, was wir sind, wer wir sind und wie wir sind. Es gibt nichts Neues unter der Sonne [Pred. 1,9]. Wie mit Wurzeln sind wir festgewachsen in dieser Einfachheit unseres Lebens. Vieles fehlt uns Menschen vielleicht, jedem von uns fehlt irgend etwas; was aber Keinem fehlt, das sind diese Wurzeln. Hoch bis zum Himmel hinauf mögen wir steigen mit unseren Gedanken und Gefühlen; es ist doch gesorgt dafür, daß sie immer wieder zur Erde zurückkehren, zu jenem Einfachen, wie ein Fesselballon schließlich wieder zurückgezogen wird und nicht etwa davonfliegen darf. Vieles mag uns geheimnisvoll sein; wir staunen vielleicht darüber, und dann gewöhnen wir |128 uns daran, daß es unter den gewöhnlichen auch geheimnisvolle Dinge gibt, und das Leben hat keinen Augenblick aufgehört, einfach zu sein. Meint ihr, daß etwas anders würde, wenn jetzt hier in unserer Mitte ein Wunder geschähe, wenn heute nachmittag mitten in unserem Dorf ein Mensch zum Himmel führe? Ich sage euch: Wir würden schreien und jubeln und uns entsetzen, wir würden eine Woche oder ein Jahr oder viele Jahre davon reden, und über dem allem würde unser Leben immer das Eine, Gleiche, Sichere bleiben, kein Anderer würden wir werden über dem allem in unseren Wurzeln, unsere Wurzeln im Boden hätten über dem allem auch nicht den leisesten Wank getan3. Seht, so tief geht die Einfachheit unseres Menschenlebens, daß auch das Schwerste, das Dunkelste, das Höchste, das uns geschieht oder geschehen könnte, es nicht zweifach machen kann. Auf der höchsten Höhe und in der tiefsten Tiefe und in der sicheren Mitte erst recht ist’s immer der Mensch, nur der Mensch!

Unser Text aus der Himmelfahrtsgeschichte fängt an mit den Worten «Da er solches gesagt». Bis zu diesem «Da er solches gesagt» steht auch Jesus Christus mitten in der Einfachheit des Menschenlebens. Ein edler, ein frommer, ein höchst außerordentlicher Mensch vor 2000 Jahren im fernen Land Palästina. Viel Schönes hat er gewollt, dem man nur Beifall geben kann. Viele Wunder hat er getan, über die man staunen muß. Viel Solches hat er gesagt, das immer wieder zu denken gibt. Aber – ganz leise sei’s hinzugefügt: auch er natürlich ein Mensch, nur ein Mensch. Auch da das Eine, Gleiche, Sichere. Einfach, ganz einfach das Menschenleben auch da. Auch da kein Wank in den Wurzeln. Auch da nichts Anderes, nichts ganz Anderes4.

2.

Oder doch? Oder ist unser Menschenleben doch nicht so ganz einfach? – Versuchen wir nur einmal, uns dieses unser ganzes Menschenleben vorzustellen als einen großen, meinetwegen fast unendlich großen Kreis, so groß, daß nicht nur alles Mögliche und Gewöhnliche, sondern auch alle allfälligen Geheimnisse, Wunder und Himmelfahrten davon eingeschlossen sind, so groß, daß auch das, was wir «Gott» nennen, davon eingeschlossen ist. Aber was ist dann außerhalb dieses |129 Kreises? Wir können es nicht sagen! nicht [auch] nur «vielleicht» antworten [?]. Aber damit haben wir doch schon etwas gesagt. Wir haben damit gesagt, daß da draußen jedenfalls noch eine Frage ist. Im ganzen Umkreis, von allen Seiten ist unser einfaches Menschenleben von einer großen Frage umgeben. Denkt euch einmal, was damit gesagt ist. Dann ist das Menschenleben jedenfalls sicher nicht ganz einfach, dann würde es zweifach, dann taucht da ein Anderes auf, das wir nicht kennen, das aber uns zu kennen scheint; denn wie kämen wir sonst dazu, zu merken, daß da eine Frage ist? Und nun?, lautet diese Frage, und nun, du Mensch in der Mitte dieses großen Kreises, du Mensch mitsamt allem Gewöhnlichen und Ungewöhnlichen deines Lebens, du mit deinem «Gott», und nun, was soll das Ganze dieses deines Lebens? Wer bist denn du, der sich erlaubt, so fest gewurzelt in diesem Ganzen drinzustehen, als ob es wirklich so einfach wäre? Was warst du, da du noch nicht warst? Und was wirst du sein, wenn du nicht mehr sein wirst? Und wer bist du, wenn es so mit dir steht, daß du einst noch nicht warst und einst nicht mehr sein wirst? Du weißt etwas – aber was weißt du denn? Du willst etwas, aber was willst du denn? Du lebst – aber wann lebst du denn, wo du doch keine Sekunde Zeit hast zu leben, wo doch jede Sekunde entweder als vergangen nicht mehr oder als zukünftig noch nicht dir gehört? Was ist denn wahr in dem, was du wahr nennst? Was ist denn gut in dem, was du gut nennst? Was ist denn sicher in dem, was du sicher nennst? Ist denn das Gott, was du Gott nennst? |

Seht, so entfaltet sich diese Frage, so stürmt sie auf uns ein von allen Seiten, umgibt unseren einfachen Lebenskreis wie eine belagerte Festung, so bricht sie gegen uns los wie ein Feind, gegen den wir fechten müssen. O ich weiß wohl, man kann diese Frage auch vergessen, verschlafen, verträumen [?] – leben wir nicht alle tagelang, jahrelang, jahrzehntelang, ohne an sie zu denken? Aber ich weiß auch das Andere: sie ist einfach da, sie wohnt in unserer Seele, sie offenbart sich in unseren alltäglichsten Worten, sie redet aus dem, was wir heute, gestern und morgen erfahren, tun und leiden. Sie stellt sich uns selber, wenn wir sie uns etwa nicht stellen wollen. Kein noch so einfacher Mensch, der ihr etwa tatsächlich entrinnen kann. Sieh da, wie das Leben zweifach wird, ob wir’s wollen oder nicht: zuerst das Einfache und dann ihm gegenüber die Frage, die große, drängende Lebensfrage: Und nun? Und dann? Und du? Sieh da das Andere, das ganz Andere.

130 Wir lesen in unserem Himmelfahrtstext weiter die Worte: «Er ward aufgehoben». Du kannst dir vielleicht wenig denken bei diesen Worten. So denk du zunächst einmal wenig dabei. Denk an die große Frage, von der wir eben geredet. Denk dir einmal, Jesus Christus sei nichts Anderes als diese große Frage, die an uns gerichtet ist. Nicht wahr, du siehst auch das ein: Diese Frage ist wirklich «aufgehoben» über die Erde. Sie gehört nicht zu dem Einen, Gleichen, Sicheren unseres Lebens. Sie schwebt darüber. Sie war darin verborgen, aber indem sie auftaucht, zeigt es sich, daß sie immer etwas ganz anderes war. Sie steigt empor, höher und höher, je länger wir sie anschauen. Und wenn unsere kühnsten Gedanken und Gefühle schließlich wie der Fesselballon wieder zur Erde zurückkehren, die Frage, die große Frage kehrt nicht mehr zurück, wird nicht mehr eins mit dem Einfachen. Und wenn alles, was wir sehen und hören und denken, immer der Mensch, nur der Mensch ist, die Frage, die große Frage ist nicht nur der Mensch, denn der Mensch mit Allem, was er sieht, hört und denkt, ist ja gerade der, der gefragt ist: Adam, wo bist du? [Gen. 3,9] und nicht antworten kann. Und wenn nichts uns an die Wurzeln ginge, die Frage, die große Frage geht uns an die Wurzeln, sie ist schon daran. «Er ward aufgehoben». Wer? Jesus Christus. Denn Jesus Christus ist die große Frage, die von Gott – nicht von dem, den wir Gott nennen, sondern von dem ewigen, lebendigen Gott an uns gerichtet ist. Nein, das Menschenleben ist eben doch nicht so ganz einfach.

3.

Aber Jesus Christus ist mehr als die Frage. Er ist die Antwort. Er ist die Antwort, indem er die Frage ist. Er ist auch ein Ganzes gegenüber dem Ganzen unseres Menschenlebens. Er ist auch einfach, aber einfach in Gott gegenüber unserer Einfachheit. Er ist das neue Ganze. Er ist die neue Einfachheit. Er ist der neue Mensch. Er ist das neue Leben. Er ist die neue Welt. Wir können uns diese Wörtlein nur nicht genug unterstreichen und einprägen, wenn wir an ihn denken. «Er ward aufgehoben». Seht, das muß stehen bleiben in der Himmelfahrtsgeschichte, gerade wie das leere Grab stehen bleiben muß in der Ostergeschichte, und die Geburt von Maria der Jungfrau in der Weihnachtsgeschichte und die Ausgießung des heiligen Geistes vom Himmel in der Pfingstgeschichte. Obwohl es uns unmöglich ist, das alles zu glauben. Nein gerade, weil es uns unmöglich ist. Er ist eben das, |131 was uns unmöglich ist zu glauben. Er ist eben das, was von außen, als etwas Neues an den geschlossenen Kreis unseres einfachen Lebens herankommt und es zweifach macht. In jeder von diesen Geschichten ist gerade das Wunderbare das Wichtige: wenn wir es nämlich richtig auffassen als das Wunder aller Wunder, als das Neue, von dessen Geschehen da jedesmal erzählt wird. Er ist das Neue Gottes. Er ist die Antwort. Weil Gott uns kennt, darum brennt uns die Frage: wer bist denn du? Weil wir sein waren und sein werden, darum können wir nicht sagen, was wir jetzt sind. Weil er die Wahrheit ist, ist all unser Wissen Stückwerk [1.Kor. 13,9]. Weil er das Gute ist, muß all unser Wollen immer wieder zerbrechen. Weil er der Ewige ist, können wir in der Zeit keine Ruhe, kein Jetzt finden. Weil er Gott ist, können wir uns mit dem, was wir Gott zu nennen vermögen, nie zufrieden geben. Und nun?, lautet unsere große Frage. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen! [1.Kor. 13,13], lautet unsere große Antwort. Darum bestürmt und bedrängt uns die große Frage so stark, weil die große Antwort Gottes darin enthalten ist, weil Gott uns durchaus diese Antwort geben will und doch nicht anders geben kann, als indem er die Frage in unser einfaches Leben hineinwirft wie ein verzehrendes Feuer [vgl. Dtn. 4,24; Hebr. 12,29].

Seht, wo das verstanden wurde, hieß es dann auch immer, wie es in unserem Himmelfahrtstext heißt: zusehends wurde er aufgehoben. Das Aufheben, das Auftreten, das Hereinbrechen des Neuen wurde dann gesehen. Dieses Zusehen geht durch die ganze Bibel. Abraham durfte zusehen, als er mit der bittersten Frage im Herzen sein Vaterland verlassen und dann seinen geliebten Sohn opfern mußte [Gen. 12,1; 22,2]. Jeremia durfte zusehen, als er voller Fragen: warum machst du mich zu dem, was ich bin? Gottes Prophet werden mußte. Hiob durfte zusehen, als [er] unter Fragen, die fast gotteslästerlich klangen, leiden und immer wieder leiden mußte unter der harten Hand Gottes. Sie alle durften sehen, wie die Frage, die schwere, große Frage aufgehoben wurde von der Erde, wie in der Frage selbst ihnen etwas ganz Anderes, nämlich die Antwort begegnete, die Liebe Gottes, die nur darauf wartet, daß der Mensch sie erkenne. Und so durften die Jünger Jesu zusehen, als der Herr, der Gekreuzigte, der als solcher nichts als eine einzige große Frage für sie war, aufgehoben wurde von |132 der Erde, sich ihnen offenbarte als der ewig Lebendige. Es gibt ein solches Zusehen, wo der Mensch sehen kann, wie das Himmlische sich löst vom Irdischen, das Göttliche vom Menschlichen, das Ewige vom Zeitlichen und wie ihm dann erst, in diesem Gelösten, Erhöhten, Aufgehobenen das wahrhaft Einfache erscheint, das vorher und sonst doch nur eine Täuschung ist. Das Neue ist das Einfache. Gott ist einfach. Wir müssen es erst werden.

4.

Zum Schluß noch ein Wort von der Wolke, die ihn aufnahm vor ihren Augen weg.5 Zum Anfang zurück. Menschenleben, wie es ist. Einfach? Zwischen Vergessen und Erinnern, Erinnern und Vergessen. Wir leben am Leben vorbei: an der Frage voller Antwort. Darum die vielen Fragen, auf die wir keine Antwort wissen. Darum «Gott» ein Rätselwort. Unter der Wolke. Sei es denn. Es ist doch gesagt und hängt nicht ab von unserem Erfahren: Siehe, ich bin bei euch alle Tage [Mt. 28,20]!

Lieder:
  • Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Strophe 1 nach J. Stapfer, Strophe 3 nach J. J. Spreng (RG [1998] 27,1.3) 🎵
  • Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1­-3 (RG [1998] 482,1.2.-; EG 115,1­-3) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 4. Mai schrieb Barth an Thurneysen: "Ich sitze, vorläufig nur dumpf brütend, vor der Aufgabe, eine Himmelfahrtspredigt zu verfassen, und vermute dich in ähnlicher Lage». «Morgen möchte ich über das ‹aufgehoben zusehends› Apg. 1,9 predigen. Was wird das werden?" (Bw.Th. I, S. 482.484 📖).↩
2
"Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Got helff mir, Amen": der Überlieferung nach Schlußwort Luthers auf dem Reichstag zu Worms am 18.4.1521; vgl. WA 7,838,9; Büchmann, S. 424; Fr. Lau, Luther, Berlin 1959, S. 74f.↩
3
= hätten nicht im geringsten gewankt, sich nicht im geringsten bewegt.↩
4
Vgl. oben S. 52, Anm. 4.↩
5
Von hier an folgt nur noch eine Skizze des Gedankengangs.↩