Apostelgeschichte 1,9 (Himmelfahrt)
1.
Nicht wahr, einfach, ganz einfach ist unser
Menschenleben! Wir meinen doch ungefähr zu wissen, wie wir dran sind, was wir zu
erwarten haben und was wir wollen. Da ist kein Geheimnis. Da geschieht kein Wunder. Da
unterbricht keine Himmelfahrt senkrecht nach
oben unseren geordneten waagrechten Gang von der Wiege zum Sarge, von der Ruhe zur
Arbeit und wieder zur Ruhe, vom Bösen zum Guten und zurück zum Bösen, vom Fortschritt
zum Stillstand zu neuem Fortschritt. Haben wir nicht alle unsere Pflichten, unsere
Freuden, unser Gewissen, unsere Überzeugungen, unseren Weg? Es ist immer das Eine,
Gleiche, Sichere, unser Leben, das Eine, Gleiche, Sichere, dem nichts Anderes
gegenübersteht. Hier stehe ich, ich kann nicht anders!, können wir alle sagen, auch wenn
wir nicht
Unser Text aus der Himmelfahrtsgeschichte fängt an mit den Worten «Da er solches gesagt». Bis zu diesem «Da er solches gesagt» steht auch Jesus Christus mitten in der Einfachheit des Menschenlebens. Ein edler, ein frommer, ein höchst außerordentlicher Mensch vor 2000 Jahren im fernen Land Palästina. Viel Schönes hat er gewollt, dem man nur Beifall geben kann. Viele Wunder hat er getan, über die man staunen muß. Viel Solches hat er gesagt, das immer wieder zu denken gibt. Aber – ganz leise sei’s hinzugefügt: auch er natürlich ein Mensch, nur ein Mensch. Auch da das Eine, Gleiche, Sichere. Einfach, ganz einfach das Menschenleben auch da. Auch da kein Wank in den Wurzeln. Auch da nichts Anderes, nichts ganz Anderes4.
2.
Oder doch? Oder ist unser Menschenleben doch nicht so ganz einfach? – Versuchen wir nur einmal, uns dieses unser ganzes Menschenleben vorzustellen als einen großen, meinetwegen fast unendlich großen Kreis, so groß, daß nicht nur alles Mögliche und Gewöhnliche, sondern auch alle allfälligen Geheimnisse, Wunder und Himmelfahrten davon eingeschlossen sind, so groß, daß auch das, was wir «Gott» nennen, davon eingeschlossen ist. Aber was ist dann außerhalb dieses |129 Kreises? Wir können es nicht sagen! nicht [auch] nur «vielleicht» antworten [?]. Aber damit haben wir doch schon etwas gesagt. Wir haben damit gesagt, daß da draußen jedenfalls noch eine Frage ist. Im ganzen Umkreis, von allen Seiten ist unser einfaches Menschenleben von einer großen Frage umgeben. Denkt euch einmal, was damit gesagt ist. Dann ist das Menschenleben jedenfalls sicher nicht ganz einfach, dann würde es zweifach, dann taucht da ein Anderes auf, das wir nicht kennen, das aber uns zu kennen scheint; denn wie kämen wir sonst dazu, zu merken, daß da eine Frage ist? Und nun?, lautet diese Frage, und nun, du Mensch in der Mitte dieses großen Kreises, du Mensch mitsamt allem Gewöhnlichen und Ungewöhnlichen deines Lebens, du mit deinem «Gott», und nun, was soll das Ganze dieses deines Lebens? Wer bist denn du, der sich erlaubt, so fest gewurzelt in diesem Ganzen drinzustehen, als ob es wirklich so einfach wäre? Was warst du, da du noch nicht warst? Und was wirst du sein, wenn du nicht mehr sein wirst? Und wer bist du, wenn es so mit dir steht, daß du einst noch nicht warst und einst nicht mehr sein wirst? Du weißt etwas – aber was weißt du denn? Du willst etwas, aber was willst du denn? Du lebst – aber wann lebst du denn, wo du doch keine Sekunde Zeit hast zu leben, wo doch jede Sekunde entweder als vergangen nicht mehr oder als zukünftig noch nicht dir gehört? Was ist denn wahr in dem, was du wahr nennst? Was ist denn gut in dem, was du gut nennst? Was ist denn sicher in dem, was du sicher nennst? Ist denn das Gott, was du Gott nennst? |
Seht, so entfaltet sich diese Frage, so stürmt sie auf uns ein von allen Seiten, umgibt unseren einfachen Lebenskreis wie eine belagerte Festung, so bricht sie gegen uns los wie ein Feind, gegen den wir fechten müssen. O ich weiß wohl, man kann diese Frage auch vergessen, verschlafen, verträumen [?] – leben wir nicht alle tagelang, jahrelang, jahrzehntelang, ohne an sie zu denken? Aber ich weiß auch das Andere: sie ist einfach da, sie wohnt in unserer Seele, sie offenbart sich in unseren alltäglichsten Worten, sie redet aus dem, was wir heute, gestern und morgen erfahren, tun und leiden. Sie stellt sich uns selber, wenn wir sie uns etwa nicht stellen wollen. Kein noch so einfacher Mensch, der ihr etwa tatsächlich entrinnen kann. Sieh da, wie das Leben zweifach wird, ob wir’s wollen oder nicht: zuerst das Einfache und dann ihm gegenüber die Frage, die große, drängende Lebensfrage: Und nun? Und dann? Und du? Sieh da das Andere, das ganz Andere.
130 Wir lesen in unserem Himmelfahrtstext weiter die Worte: «Er ward aufgehoben». Du kannst dir vielleicht wenig denken bei diesen Worten. So denk du zunächst einmal wenig dabei. Denk an die große Frage, von der wir eben geredet. Denk dir einmal, Jesus Christus sei nichts Anderes als diese große Frage, die an uns gerichtet ist. Nicht wahr, du siehst auch das ein: Diese Frage ist wirklich «aufgehoben» über die Erde. Sie gehört nicht zu dem Einen, Gleichen, Sicheren unseres Lebens. Sie schwebt darüber. Sie war darin verborgen, aber indem sie auftaucht, zeigt es sich, daß sie immer etwas ganz anderes war. Sie steigt empor, höher und höher, je länger wir sie anschauen. Und wenn unsere kühnsten Gedanken und Gefühle schließlich wie der Fesselballon wieder zur Erde zurückkehren, die Frage, die große Frage kehrt nicht mehr zurück, wird nicht mehr eins mit dem Einfachen. Und wenn alles, was wir sehen und hören und denken, immer der Mensch, nur der Mensch ist, die Frage, die große Frage ist nicht nur der Mensch, denn der Mensch mit Allem, was er sieht, hört und denkt, ist ja gerade der, der gefragt ist: Adam, wo bist du? [Gen. 3,9] und nicht antworten kann. Und wenn nichts uns an die Wurzeln ginge, die Frage, die große Frage geht uns an die Wurzeln, sie ist schon daran. «Er ward aufgehoben». Wer? Jesus Christus. Denn Jesus Christus ist die große Frage, die von Gott – nicht von dem, den wir Gott nennen, sondern von dem ewigen, lebendigen Gott an uns gerichtet ist. Nein, das Menschenleben ist eben doch nicht so ganz einfach.
3.
Aber Jesus Christus ist mehr als die Frage. Er ist die Antwort. Er ist die Antwort, indem er die Frage ist. Er ist auch
ein Ganzes gegenüber dem Ganzen unseres Menschenlebens. Er ist auch einfach, aber einfach in Gott gegenüber unserer
Einfachheit. Er ist das neue Ganze. Er ist die neue Einfachheit. Er ist der neue Mensch. Er ist das neue Leben. Er ist die neue
Welt. Wir können uns diese Wörtlein nur nicht genug unterstreichen und einprägen, wenn
wir an ihn denken. «Er ward aufgehoben». Seht, das muß stehen bleiben in der Himmelfahrtsgeschichte, gerade wie das leere
Grab stehen bleiben muß in der Ostergeschichte, und die Geburt von
Seht, wo das verstanden wurde, hieß es dann auch immer, wie es in unserem
Himmelfahrtstext heißt: zusehends wurde er aufgehoben. Das Aufheben, das Auftreten, das
Hereinbrechen des Neuen wurde dann gesehen. Dieses Zusehen geht durch die ganze Bibel. Abraham durfte zusehen, als er mit der bittersten Frage im Herzen sein
Vaterland verlassen und dann seinen geliebten Sohn
opfern mußte [Gen. 12,1; 22,2].
4.
Zum Schluß noch ein Wort von der Wolke, die ihn aufnahm vor ihren Augen weg.5 Zum Anfang zurück. Menschenleben, wie es ist. Einfach? Zwischen Vergessen und Erinnern, Erinnern und Vergessen. Wir leben am Leben vorbei: an der Frage voller Antwort. Darum die vielen Fragen, auf die wir keine Antwort wissen. Darum «Gott» ein Rätselwort. Unter der Wolke. Sei es denn. Es ist doch gesagt und hängt nicht ab von unserem Erfahren: Siehe, ich bin bei euch alle Tage [Mt. 28,20]!
- Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit», Strophe 1 nach J. Stapfer, Strophe 3 nach J.
J. Spreng (RG [1998] 27,1.3)
- Nr. 132 «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1-3 (RG
[1998] 482,1.2.-; EG 115,1-3)