Brief Nr. 9 · 17. Januar 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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L.L.!

Nelly hat mir dein Brieflein an sie geschickt1, aus dem ich sehe, daß du heil zurückgekehrt und nun wieder in deine Arbeit eingetaucht bist. Wie ich hier in die meinige. Die Neujahrstage mit dir waren doch sehr gut. Zu der Karte, die ich dir aus Danzig schreiben wollte, kam es dann nicht. Es geschah auch nichts Besonderes bei jener Konferenz2. Man stand aber sehr unter dem Eindruck der Bedrängnis, unter der sich die deutschen Polen befinden. In Berlin war ich auf dem Ministerium, und es kam zu einer annehmbaren Einigung über unser Haus in Göttingen. Hier in Münster werde ich wahrscheinlich (zum ersten Mal in meinem Leben) einen Prozeß führen müssen, um meiner Familie endlich an diesem Ort ihre Unterkunft zu verschaffen. Ich hoffe wirklich, du werdest uns dann im April (merke dir: 12.-15. April Ferienkurs in Münster3) hier vorfinden.|

Wie endete denn die Geschichte mit dem Mann mit der goldenen Kette (oder was es war) und die andere mit dem Prozeß, wo du zeugen sollst? Wirklich, ich staune immer wieder über die bewegten Szenen, durch die dein Lebensweg dich hindurchführt! Hast du das Bedürfnis, den Elberfelder Vortrag von Lic. Cordier4 nochmals zu lesen? Er steht |14 dir gerne zur Verfügung und in derselben Nummer der Reformierten Kirchenzeitung ein Artikel: «Die Theologie Karl Barths in ihrer Bedeutung für die !! Pädagogik !! der Gegenwart»5 – leider mehr ein Kehr- als ein Quertunnel, um mit Cordier zu reden6, obwohl der Mann treulich begeistert ist.

Sei herzlich gegrüßt
von deinem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Brief von Kirschbaums an Nelly Barth vom 4.1.1926.↩
2
Siehe oben S. 10, Anm. 5.↩
3
In der Regel gaben Professoren und Dozenten alle zwei Jahre einen «Ferienkurs für Pfarrer, Religionslehrer und Religionslehrerinnen» (Neuser, S. 17 📖). Der für 1926 geplante Ferienkurs wurde dann freilich nicht abgehalten; s. dazu Neuser, S. 79 (ergänzende Anmerkungen zu Bw.Th. II, S. 391 📖).↩
4
L. Cordier, Neuentdeckung der Kirche. Vortrag zum Abschluß der theologischen Woche des Reformierten Bundes in Elberfeld, in: RKZ, Jg. 76 (1926), S. 9-11 📖. – Leopold Cordier (1887–1939), Lic. Dr., Pfarrer in Wuppertal-Elberfeld, ab Sommer 1926 Professor für praktische Theologie in Gießen.↩
5
E. Schmidt, Die Theologie Karl Barth’s in ihrer Bedeutung für die Pädagogik der Gegenwart, in: RKZ, Jg. 76 (1926), S. 11-13 📖.↩
6
In seinem Vortrag (s. Anm. 4) führte Cordier im «Blick auf die besondere zeitgeschichtliche Lage des deutschen Protestantismus» u. a. aus: «Vielleicht sind wir heute in der Lage des Reisenden, der durch einen Tunnel fährt. In was für einem Tunnel befindet er sich: Quertunnel, Durchbruch durch den Gebirgsstock – oder Kehrtunnel?» Wenn «wir ehrlich sind, gestehen wir es uns offen: was wir im allgemeinen bisher unternommen» haben, das «sieht Kehrtunnels verzweifelt ähnlich», auch wenn «solche Kehrtunnels» innerhalb unserer «geistlichen Verkehrsmöglichkeiten» bestimmt «recht nützlich sein» können (a.a.O., S. 10f. 📖).↩