Brief Nr. 10 · 5. Februar 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Ich wollte dir schon längst auf deinen früheren Brief antworten; nun kommt schon der zweite und mahnt mich. Du mußt nichts Anderes meinen, als daß mich deine Briefe sehr freuen. Ich setze mich immer besonders behaglich zurecht, wenn ich unter meinen Postsachen deine Handschrift entdecke, und dann lese und bedenke ich es zwei- bis dreimal und sehe dich vor mir in der strengen Diakonissentracht1 oder auch in dem weißen Gewand mit dem roten Gürtel, den |15 meine Einbildungskraft hinzugefügt hat, und sage: Grüß Gott und fein, daß du da bist! Also laß dich nicht verdrießen, wenn ich meinerseits dann oft lange stumm bin. In München wird dir ja dann Georg jeweilen Anteil an den nach der Schweiz gehenden Rundbriefen2 geben, wenn du sie nicht vielleicht jetzt schon bekommst. Es ist mir «irgendwie» verdrießlich, daß du nach München3 gehst, weil ich es «irgendwie» gut fand, daß du dich auch in dieser extremen Ecke von Deutschland befindest. Aber es wird so auch gut sein.|

In der Umzugssache haben wir nichts, aber auch gar nichts als Verdruß. Es ist so weit gekommen, daß ich nun einen richtigen Prozeß mit Anwalt, Klage, Gericht etc. führen muß, und nun kann es noch Monate gehen. Etwas vom Schlimmsten ist, daß meine sämtlichen Bücher seit November in 20 Kisten verpackt sind, so daß ich in den Ferien nicht recht werde arbeiten können in Göttingen. Und denk, der Ferienkurs4 hier wird vielleicht überhaupt verschoben für übers Jahr. Würdest du uns wohl eventuell auch in Göttingen besuchen ohne Ferienkurs? Die praktisch-pädagogischen Erfolge, von denen du schreibst, sind wohl meine fünf Kinder? Aber für deren gute Erziehung kann ich nichts, sondern die ist ganz allein Nellys Werk. Sie weiß sie unglaublich gut zu nehmen, während der «Papa» bei uns mehr ein Gegenstand der Unterhaltung und Belustigung ist.|

Ich schicke dir mit gleicher Post zwei Drucksachen, eine interessante Rezension von 1.Kor. 15 📖5 und das Vorwort zum Römerbrief6. Heute hatten wir eine sehr schöne Seminarsitzung7. Eine katholische |16 Studentin trug eine schn[eidi]g8 gemachte Arbeit über ein protestantisches Thema (Dordrechter Synode 1619)9 vor und mußte sich dann gewaltig verantworten gegen die Fragen und Einwürfe der Anderen. Diese Stunden mit ihrem lebhaften Hin und Her, bei dem ich mehr führe als selber rede, würden dir auch Spaß machen. Es kommt positiv oder negativ immer allerhand an den Tag, und die Sache erfrischt mich mehr, als alle andere Erholung es könnte, obwohl ich dabei aufpassen muß wie ein Sperber, damit Alles schließlich gut abläuft.|

Am 18. Januar bei der Reichsgründungsfeier10 durfte ich mich zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder einmal richtig verkleiden, nämlich in ein prächtiges violett-schwarzes Gewand mit einer Art Turban. So sieht man da aus als evangelischer Theologieprofessor, die Mediziner grün (= Hoffnung auf Gesundheit), die Juristen rot (= Aussicht auf den Henker) usf. Die Sache war wirklich hübsch.

Eine große Freude war das Hiersein von Eduard und Marguerite und von Göttingen her Nelly vor acht Tagen. Wir hatten wirklich gute Tage zusammen. Einen ganz lieben Brief bekam ich [vor]gestern11 von Gerty.12 Ich kann mich wirklich nicht beklagen über Mangel an tragender Sympathie von allen Seiten.

Leb wohl für diesmal, kleine Lollo. Die Rücksendung der Drucksachen eilt nicht. Einmal möchte ich dann noch wissen, wie die letzten der verschiedenen Räubergeschichten, an denen dein Dasein so reich ist, ausgelaufen sind. Mach dich nicht mehr müde, als nötig ist, und laß dir den Glauben, die Liebe und die Hoffnung nicht nehmen [vgl. 1.Kor. 13,13]. Aber das willst und wirst du auch nicht.

Es grüßt dich
Dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Daß Barth keinen Unterschied zwischen der Diakonissen- und der Rotkreuzschwesterntracht machte, zeigt auch sein Rundbrief vom 25.10.1925, in dem er über das Treffen in Wuppertal-Elberfeld schreibt: «Alsbald wurde auch das erfreuliche Gesicht von Lollo von Kirschbaum sichtbar, diesmal unter einer Diakonissenhaube» (vgl. Bw.Th. II, S. 380 📖, dort ausgelassen).↩
2
Diese Rundbriefe sind abgedruckt in: Bw.Th. II, S. 18–24.25–54.59–68.69–78.85–96.102–107.111–118.120–137.149–155.160–171.182–189.205–212.220–227.231–238.250–256.285–295.301–310.327–336.377–384.395–401.413–421 📖.↩
3
Siehe unten S. 29.↩
4
Siehe oben S. 13, Anm. 3.↩
5
Vermutlich R. Bultmann, Karl Barth, «Die Auferstehung der Toten» [Rezension von K. Barth, Die Auferstehung der Toten. Eine akademische Vorlesung über 1.Kor. 15, München 1924], in: ThBl, Jg. 5 (1926), Sp. 1-14 📖; wieder abgedruckt in: R. Bultmann, Glauben und Verstehen, Gesammelte Aufsätze, Bd. I, Tübingen 19808, S. 38-64 📖.↩
6
Vorwort zur fünften Auflage, in: K. Barth, Der Römerbrief, 4. Abdruck der neuen Bearbeitung, München 1926, S. XXV-XXVII 📖; s. auch: K. Barth, Vorwort zur fünften Auflage des «Römerbriefs», in: ZZ, Jg. 4 (1926), S. 99-101 📖.↩
7
Thema des Kolloquiums bzw. Seminars im Wintersemester 1925/26 war «Calvin und reformierte Bekenntnisschriften» (vgl. oben S. 8).↩
8
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
9
Niederländische Nationalsynode 1618/19 mit Beteiligung von Vertretern ausländischer reformierter Kirchen über die Prädestinationslehre. Vgl. dazu K. Barth, Die Theologie der reformierten Bekenntnisschriften. 1923, hrsg. von der Karl Barth-Forschungsstelle an der Universität Göttingen (Leitung Eberhard Busch) (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1998, S. 329–348 📖.↩
10
Jahrestag der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles am 18.1.1871.↩
11
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
12
Nicht erhalten.↩