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Barth an v.K. auf dem Bergli
Rom, Hotel Hassler, Via Sistina, 20.9.1934
Ja nun ist es so: ich sitze an einem offenen Fenster und sehe über die ganze
Stadt Rom
nach St. Peter
hinüber auf den Gianicolo1 und was es da sonst zu sehen gibt. Du weißt ja, wie es
hier ist2, und Ersteindrücke, |362 wie sie
Peter jeden Tag für seine
Dora Scheuner zu Papier
bringt, könnten dir schwerlich imponieren. Aber gelt, eine Begrüßung nimmst du
doch gerne entgegen?! Wir haben eine schöne und fröhliche Reise gehabt, seit wir euch
damals winkend – dennoch eine ganz abnormale Szene!! – auf der Straße stehen
sahen. Wir gingen dann alle wohlzufrieden in den Speisewagen. Im Coupé traf ich
übrigens einen meiner ehemaligen Kirchenpfleger von Safenwil, der jetzt altkatholisch ist und mit dem ich
einst viel Widrigkeit gehabt hatte! Dann ging’s nach Italien hinein, und bald nahm
die Hitze gewaltig zu, so daß schon unterwegs ein gelbes Jäcklein in Funktion treten mußte. In
Genua konnten wir gerade noch einen
Nachtspaziergang machen und ein unerhört großes Seeschiff besichtigen. Am
anderen Morgen fuhren wir, wie gemeldet, schon morgens 520
weiter los und ohne Frühstück, nur rauchend, durch etwa achtzig Tunnels bei schönem Sonnenaufgang und
erfreulichem Anblick des Meeres nach Pisa. Ach, es waren schon dort der
Erinnerungen viele!! Dann also Pisa mit
dem Torre Pendente und den ersten italienischen Pflasterwanderungen, die
wirklich etwas Anderes sind – im Guten und im Bösen – als unsere Autofahrten.
Mir scheint, ich komme in diesem Land aus dem Schwitzen gar nicht mehr heraus!
Abends kamen wir dann zufrieden und nach schöner Fahrt hier an, haben uns noch ein Kino besehen und gingen dann schlafen. Der gestrige Tag
war ganz St. Peter, dem
Vatikan und überhaupt der Gegend dort drüben gewidmet. Endlich habe ich nun
Alles genau besehen – obwohl durch einen Führer immer noch etwas gedrängt! – und
weiß nun also, wie es is. St. Peter ist
doch eine kalte Angelegenheit! Aber auf dem Gianicolo war es sehr schön, und die
Sixtinische Kapelle hat mich eher noch mehr angesprochen als damals. Heute
geht’s nun aufs Forum usw.
Weißt du, was über Allem gute Fortschritte gemacht hat? Brunner, dem ich jeden der frühen Morgen und den ganzen Abend widmete!3
|363 Man kann auch in Rom sehr gut arbeiten, besonders wohl da droben, wo die Luft so gut
ist. Ich wußte die Situation auch gleich organisch in die Darstellung zu verflechten4,
wie du dann hören wirst!!
Die Reisegesellschaft ist gut zusammengesetzt. Peter ist munter und witzig, in Gedanken beständig
bei seiner Dora! Er schlug
vor, ob wir uns hier nicht Bärte wachsen lassen wollten, um unsere fernen Lieben
nachher zu erfreuen! Dagegen ist Markus wirklich ein Objekt, das noch einiger Erziehung durch den
Vater oder durch das Leben nicht unbedürftig ist. Er hat am ersten Abend
gemudert5 wie ein Kind, weil ich ihm nicht ebenfalls
ein Zimmer mit Aussicht verschaffen konnte, was nun dort diesmal sicher die
Sache der drei älteren Herren sein mußte, und wo er doch weder Briefe noch
Streitschriften zu verfassen hat. Er ist sich «irgendwie» seines Ortes und
seiner Grenzen noch nicht nach Gebühr bewußt.
Was magst du, Liebling,
unterdessen getan und erlebt haben? Hoffentlich gute Tage. Ob du
mir auch einmal schreibst? Ich muß ja schon erwähnen, daß Peter schon gestern einen langen Brief bekommen
hat. Wir sind natürlich reifer, immerhin!
Gestern bin ich dort drüben doch richtig müde geworden von dem vielen
Herumlaufen und Herumstehen. Aber ich habe es geschafft. Nur daß ich abends dann
gerne hier blieb, während die Anderen ein weiteres Kino besuchten!! Ich werde es weiter so halten und schlage
so zwei Fliegen mit einer Klappe: Ruhe
und Förderung der Arbeit.
Weißt du, ich würde gerne mit dir hier wohnen und leben. Wir würden Alles
noch viel schöner gestalten. Doch glaube ich, daß du
hinsichtlich der gesunden Gestaltung meines jetzigen Aufenthalts
keinerlei Sorge zu tragen brauchst!
Gelt, du denkst nur ganz selten an mich? Wäre ich Goethe, so würde ich dich wohl
fragen, ob du gelegentlich mit jemandem «äu|364gelst»6. Ach, du bist ja
so lieb, und ich habe dich auch so lieb, und auch
in Zukunft soll es gelten: «in Treue fest»7, und
wenn du fromm bist, so bist du angenehm [vgl. Gen. 4,7] und alle Prüfungen führen nur zu immer neuen
Bewährungen und Bestätigungen, und dabei soll es auch bleiben.
Ob dich der Brief noch auf dem Bergli
erreicht? Dann grüße Rudi und Gerty
nochmals und sag ihnen, daß ich ihnen gut sei. Ich blicke mit großem und
vorbildlichem Frieden in die Welt! Sei du Liebstes tausendmal gegrüßt und
geküßt