Brief Nr. 148 · 20. September 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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Liebste Lollo!

Ja nun ist es so: ich sitze an einem offenen Fenster und sehe über die ganze Stadt Rom nach St. Peter hinüber auf den Gianicolo1 und was es da sonst zu sehen gibt. Du weißt ja, wie es hier ist2, und Ersteindrücke, |362 wie sie Peter jeden Tag für seine Dora Scheuner zu Papier bringt, könnten dir schwerlich imponieren. Aber gelt, eine Begrüßung nimmst du doch gerne entgegen?! Wir haben eine schöne und fröhliche Reise gehabt, seit wir euch damals winkend – dennoch eine ganz abnormale Szene!! – auf der Straße stehen sahen. Wir gingen dann alle wohlzufrieden in den Speisewagen. Im Coupé traf ich übrigens einen meiner ehemaligen Kirchenpfleger von Safenwil, der jetzt altkatholisch ist und mit dem ich einst viel Widrigkeit gehabt hatte! Dann ging’s nach Italien hinein, und bald nahm die Hitze gewaltig zu, so daß schon unterwegs ein gelbes Jäcklein in Funktion treten mußte. In Genua konnten wir gerade noch einen Nachtspaziergang machen und ein unerhört großes Seeschiff besichtigen. Am anderen Morgen fuhren wir, wie gemeldet, schon morgens 520 weiter los und ohne Frühstück, nur rauchend, durch etwa achtzig Tunnels bei schönem Sonnenaufgang und erfreulichem Anblick des Meeres nach Pisa. Ach, es waren schon dort der Erinnerungen viele!! Dann also Pisa mit dem Torre Pendente und den ersten italienischen Pflasterwanderungen, die wirklich etwas Anderes sind – im Guten und im Bösen – als unsere Autofahrten. Mir scheint, ich komme in diesem Land aus dem Schwitzen gar nicht mehr heraus! Abends kamen wir dann zufrieden und nach schöner Fahrt hier an, haben uns noch ein Kino besehen und gingen dann schlafen. Der gestrige Tag war ganz St. Peter, dem Vatikan und überhaupt der Gegend dort drüben gewidmet. Endlich habe ich nun Alles genau besehen – obwohl durch einen Führer immer noch etwas gedrängt! – und weiß nun also, wie es is. St. Peter ist doch eine kalte Angelegenheit! Aber auf dem Gianicolo war es sehr schön, und die Sixtinische Kapelle hat mich eher noch mehr angesprochen als damals. Heute geht’s nun aufs Forum usw.

Weißt du, was über Allem gute Fortschritte gemacht hat? Brunner, dem ich jeden der frühen Morgen und den ganzen Abend widmete!3 |363 Man kann auch in Rom sehr gut arbeiten, besonders wohl da droben, wo die Luft so gut ist. Ich wußte die Situation auch gleich organisch in die Darstellung zu verflechten4, wie du dann hören wirst!!

Die Reisegesellschaft ist gut zusammengesetzt. Peter ist munter und witzig, in Gedanken beständig bei seiner Dora! Er schlug vor, ob wir uns hier nicht Bärte wachsen lassen wollten, um unsere fernen Lieben nachher zu erfreuen! Dagegen ist Markus wirklich ein Objekt, das noch einiger Erziehung durch den Vater oder durch das Leben nicht unbedürftig ist. Er hat am ersten Abend gemudert5 wie ein Kind, weil ich ihm nicht ebenfalls ein Zimmer mit Aussicht verschaffen konnte, was nun dort diesmal sicher die Sache der drei älteren Herren sein mußte, und wo er doch weder Briefe noch Streitschriften zu verfassen hat. Er ist sich «irgendwie» seines Ortes und seiner Grenzen noch nicht nach Gebühr bewußt.

Was magst du, Liebling, unterdessen getan und erlebt haben? Hoffentlich gute Tage. Ob du mir auch einmal schreibst? Ich muß ja schon erwähnen, daß Peter schon gestern einen langen Brief bekommen hat. Wir sind natürlich reifer, immerhin!

Gestern bin ich dort drüben doch richtig müde geworden von dem vielen Herumlaufen und Herumstehen. Aber ich habe es geschafft. Nur daß ich abends dann gerne hier blieb, während die Anderen ein weiteres Kino besuchten!! Ich werde es weiter so halten und schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe: Ruhe und Förderung der Arbeit.

Weißt du, ich würde gerne mit dir hier wohnen und leben. Wir würden Alles noch viel schöner gestalten. Doch glaube ich, daß du hinsichtlich der gesunden Gestaltung meines jetzigen Aufenthalts keinerlei Sorge zu tragen brauchst!

Gelt, du denkst nur ganz selten an mich? Wäre ich Goethe, so würde ich dich wohl fragen, ob du gelegentlich mit jemandem «äu|364gelst»6. Ach, du bist ja so lieb, und ich habe dich auch so lieb, und auch in Zukunft soll es gelten: «in Treue fest»7, und wenn du fromm bist, so bist du angenehm [vgl. Gen. 4,7] und alle Prüfungen führen nur zu immer neuen Bewährungen und Bestätigungen, und dabei soll es auch bleiben.

Ob dich der Brief noch auf dem Bergli erreicht? Dann grüße Rudi und Gerty nochmals und sag ihnen, daß ich ihnen gut sei. Ich blicke mit großem und vorbildlichem Frieden in die Welt! Sei du Liebstes tausendmal gegrüßt und geküßt

von Deinem lb.
Karl

Sachfußnoten

1
Der Monte Gianicolo ist ein südöstlich an den Vatikan angrenzender Höhenzug, der den Ausblick über die Stadt von dem an der Spanischen Treppe gelegenen Hotel aus abschließt.↩
2
Vom 8.-26.6.1929 waren Barth und von Kirschbaum gemeinsam mit dem Ehepaar Pestalozzi zu einer touristischen Exkursion in Italien gewesen, bei der sie auch einige Tage Rom besucht hatten.↩
3
Barth verfaßte hier «jeweils ‹im Morgenglanz› zwischen 5 und 6 Uhr» (Busch, S. 261 📖) einen Teil seiner Streitschrift Nein! Antwort an Emil Brunner (ThExh 14), München 1934 📖. Damit antwortete er auf die kurz zuvor von E. Brunner publizierte Schrift Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth, Tübingen 1934 📖. Brunner seinerseits antwortete schon kurze Zeit später auf Barths Replik mit einer zweiten, stark erweiterten Auflage von Natur und Gnade, Tübingen 1935 (die erste Auflage ist wieder abgedruckt in: E. Brunner, Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917-1962, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich 1981, S. 333-375 📖).↩
4
«Der Ort, an dem ich diesen Abschnitt schreibe, ist nicht wenig geeignet, die Phantasie hinsichtlich der Perspektiven, die sich, wenn Brunner recht hätte, eröffnen würden, mächtig anzuregen. Ich sitze nämlich an einem offenen Fenster auf dem Monte Pincio zu Rom. Dort drüben winkt unverkennbar St. Peter.» (ThExh 14, S. 32 📖) Dieser «Ausblick» auf Sankt Peter gab Barth den «kritischen Einfall», «daß bei Brunner die ‹römische Gefahr› der ‹analogia entis› drohe» (Busch, S. 261 📖).↩
5
= hat murrend sein Mißvergnügen geäußert, hat gegrollt.↩
6
«äugeln» = liebevolle Blicke werfen bzw. austauschen. Vgl. J. W. von Goethe, «Geheimes», in: West-östlicher Divan, Buch der Liebe 📖 («meines Liebchens Äugeln […] heißt: ich liebe diesen»). Im gleichen Sinn braucht Goethe das Substantiv «Äugelchen»: «Ich hoffe, daß du […] die Äugelchen für den Schatz aufheben wirst» (Brief an Christiane Vulpius vom 20.6.1798).↩
7
Das Motto geht zurück auf die gotische Umschrift des Hubertusordens (Bayern 1444): «In traw vast», d. h. in Treue fest; vgl. Art. «Hubertusorden», in: Meyers Neues Konversationslexikon, Leipzig / Wien 1896-19015, Bd. 9, S. 4 📖.↩