Brief Nr. 158 · 30. September 1934

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl!

So froh war ich über deine Karte heute morgen. (Bayern hat jetzt auch Sonntagspost!!) – Du mußt dich nicht plagen mit Schreiben. Ich kann mir denken, daß es viel und daß es unruhig ist in Bern. Morgen der Vortrag. Ich denke daran. – Wie gut, daß du die Tage mit Fränzeli hattest! Das ist sicher das Beste, was sich für sie ereignen konnte. Was du über ihr Geschick mit M[ax] Z[ellweger] schreibst, kann ich natürlich noch nicht ganz überblicken. Auf dem Bergli schien mir der Stand der Dinge problematisch, aber wenn sie jetzt anders darüber denkt und du es bejahen kannst, dann wird es recht so sein, und dann freue ich mich natürlich mit ihr über die einfache Lösung. –

Heute morgen hörte ich Sammetreuther. Seit dem vorigen Jahr – da hörten wir ihn am Erntedankfest zusammen2 – hat er viel gelernt. Es war eine tapfere, aufrechte Predigt. Theologisch wäre freilich Manches zu bemerken, so vor allem schien mir fatal die immer noch reichlich isolierte Betrachtung des 1. Artikels.3 Aber vielleicht lernen die älteren Pfarrer das nicht mehr. Die Jungen merken, daß es noch um eine viel grundsätzlichere Besinnung und Revision gehen muß. Ich sprach mit Steck darüber. –

Am Nachmittag war ich mit Emmy im Botanischen Garten, wo wir auch voriges Jahr waren: Du, Steck, Emmy und ich. – – Es war schön und friedlich, und sie sprach mir – zum ersten Mal! – unter Tränen – von ihrer Mutter und ihrer Jugend. –

383 Zu Hause geht es mangelhaft. Meine Mutter ist sehr nervös und gereizt, und ich fliehe oft. Heute abend langes politisches Gespräch mit dem Bruder. Erstaunlich, erstaunlich!! –

Hier schicke ich dir Traubs Brief4.* Er hat mich in seiner Offenheit von ihm gefreut, in den einzelnen Mitteilungen bedrückt. Es wird dir auch so gehen. Aber wir kennen es ja. – – – Es grüßt dich und sagt dir Gute Nacht! unter vielen Gedanken und Wünschen

Deine
L.

* Zeige ihn bitte nicht!!

Sachfußnoten

1
Bedeutung der griechischen Buchstaben nicht geklärt.↩
2
Über das Wochenende 30.9./1.10.1933 hielten sich Barth und von Kirschbaum anläßlich der Aussprache über die Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» in München auf (s. oben S. 316, Anm. 10).↩
3
Der Schöpfungsartikel konnte, isoliert für sich genommen, zur Grundlage für die Rede von Rasse, Volk und Staat als Schöpfungsordnungen Gottes dienen.↩
4
Traub erwähnt in seinem Brief an von Kirschbaum vom 28.9.1934 neben kirchenpolitischen Ereignissen auch seine persönliche Lage und seine Angst vor den Prüfungen. «Dazu beelendet mich auch das Leben im Hause ­- verzeihen Sie!» Nach einer von Nelly Barth geschaffenen «Ordnung» habe er mit ihr Mittag zu essen und dann Kaffee zu trinken. Bei dem, was er da zu hören bekomme, sei er «nicht immer der Lage gewachsen».↩