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Barth an v.K. in München
Gelt, nun ist es aber allerhöchste Zeit geworden, daß ich dir einen Brief
schreibe! Wenn dich das allzu lange Schweigen traurig gemacht hat, so bedenke
nur, daß ich in den letzten Tagen jede freie Stunde an den Grupper gewendet habe und wenden mußte, damit dieses
Werk endlich fertig werde, was nun bis auf das Vorwort auch
glücklich und vollständig geschehen ist. Und bedenke, daß ich wie du im Hause
meiner Mutter bin und Ansprüchen zu genügen habe, die denen der deinigen
wenn nicht an Quantität, so doch an Intensität sicher nicht unähnlich sind.
Bedenke schließlich das Gewicht des familiären Ereignisses, das sich hier
vollzogen hat und meine Teilnahme verlangte!
Davon muß ich dir wohl zuerst erzählen. Also Fränzeli hat sich vorgestern verlobt1. «Jetzt beginnt ein neuer
Lebensabschnitt!», sagte |384 sie, als sie hier vor dem Haus
zu ihm ins Auto stieg und mit ihm davon fuhr. Vorangegangen waren in
der Woche zuvor mehrere lange Tag- und Nachtgespräche zwischen ihr
und mir, in denen ich mir Alles noch einmal angehört und auch Alles, was mir an
Überlegungen zu Gebote stand, zur Sprache gebracht habe. Die Sache war so
gelaufen, daß sich ihr die Dinge nach ihrer Rückkehr vom Bergli insofern unter einem neuen Aspekt gezeigt hatten,
als auf einmal dieses Max gutes Herz, wie sie sagte, unzweideutig zu ihrem Herzen zu
sprechen begann, im Unterschied zu der größeren Interessantheit der bekannten
anderen männlichen Gestalten innerhalb ihres Horizontfeldes, aber auch im Vorzug
ihr gegenüber. Dagegen war und ist nun wohl – nachdem ich sie nochmals und nochmals zu ernstlicher Prüfung eingeladen – nicht
viel einzuwenden. Am Sonntag nachmittag zum Schwarzen Kaffee kam er denn solenn
angefahren, um auch meinem Auge noch vorgestellt zu werden. Und nun muß ich
sagen, daß ich einen guten, erfreulichen Eindruck gewonnen habe. Er erinnert im
Rohformat etwas an Herrn Landgrebe: ein schlankaufgeschossener Mensch mit dem
scharfgeschnittenen Gesicht älterer Familien, Hakennase, Brille, sehr
bescheidenen, äußerst höflichen, aufgeschlossenen und wenn nicht
hochintelligenten, so doch munteren und beweglichen Wesens. Was man nur so
nennen kann: zutrauenerweckend hinsichtlich Stetigkeit und Zuverlässigkeit
wahrscheinlich in allen möglichen Dimensionen. Ich brachte ihn zunächst
hinsichtlich der Dinge seines Fachs zum Reden: Organisation des internationalen
Handelsverkehrs in Chemikalien, speziell Farben, ist seine Spezialität und
Leitung eines entsprechenden Kartellbureaus seine Funktion. Na ja, das ließ ich
mir also etwas beschreiben und hatte schon den Eindruck, daß er etwas davon
versteht. Nachher kam man dann auf Eduard zu reden, den er hoch verehrt, dann auf noch Anderes,
endlich und zuletzt, als er mich einen Augenblick allein hatte, erklärte er mir
rührend unbeholfen, es sei ihm «sehr wertvoll» gewesen, meine Tochter
kennenzulernen und ob ich etwas gegen den weiteren Bestand dieser «Freundschaft»
einzuwenden habe? Nein, sagte ich, aber er solle ihr auf alle Fälle Zeit lassen,
denn nach meinen Lebenserfahrungen – ich kam mir ungemein alt und reif vor, wie
ich das sagte – dürfe man sich nur heiraten, wenn man sich in ganz entscheidender Weise lieb habe. Nun
ja, unterdessen hatte wohl mein Fränzeli seinen letzten Entschluß schon dahin gefaßt, |385 daß dies der Fall sei und daß man ihm nicht weiter Zeit
zu lassen brauche. Es kam zu jener Abfahrt, und am nächsten Morgen hatte ich
schon das Telephon, daß es nun so weit sei. Die nächste Folge ist nun die, daß ich morgen nach Basel fahre, um gefaßten
Herzens so etwas wie ein feierliches Mittagessen oder Nachtessen bei Frau Zellweger2 und einen entsprechenden Anlaß bei Thurneysens mitzumachen. Das
muß nun eben hoffentlich ohne allzu beschwerliche Übergriffe auf Grund des
Landesgebrauchs abrollen. Alles in Allem bin ich der Überzeugung, daß es für
Fränzeli – und darauf kommt es ja jetzt allein an – ziemlich genau
das Richtige ist und daß es keinen Sinn gehabt hätte, weitere Hemmungen
einzuschalten. Ich will dir dann später berichten, in welchem Grade mir die
dabei im Hintergrunde stehende Baslerei
bedrohlich erscheint. Es wird auf alle Fälle das Vernünftigste sein, ihr zum
vornherein mit Freiheit und Humor entgegenzutreten. Sie werden es ja schon auch
im schlimmsten Fall erleben, daß «dä lieb Bappe»3 sich nicht so ohne Weiteres einordnen läßt.
Vorläufig werde ich, umgeben von einer großen Respektswolke, dort meinen Einzug
halten.
Am Donnerstag fahre ich dann noch für ein paar Stunden nach Madiswil, um nach – wie es
scheint – vier Jahren4 die dortige Familie wieder
einmal zu begrüßen und auch um von Markus und Stöffeli Abschied5 zu nehmen, die sich z. Z. dort
befinden.
Von den Ereignissen der vorigen Woche ist noch Folgendes zu berichten: Ich habe
nun auch den von Fränzeli so hoch verehrten Serkin nicht nur spielen gehört - Beethovens Appassionata
in einer schon atemberaubenden Weise, aber auch Bach und Mozart
-, sondern auch persönlich kennen gelernt. Er ist ein ganz junger, sehr
schlichter Mensch, offenbar komm[unistisch] gerichtet!!, der mich irgendwie als eine Säule der deutschen
Freiheit zu betrachten und zu schätzen scheint. Würde dir wahrscheinlich sehr
einleuchten! An einem ande|386ren Abend hörte ich dann bei
Lindts auch Fränzeli vorspielen und konnte ihre Art jedenfalls billigen. Wieder
an einem anderen Abend hörte ich mit Fränzeli – ich war ihr eben in diesen Tagen sehr zugewandt – das
Buschquartett6. Noch an einem anderen Abend war ich bei Lindts mit Gilg, Oettli, Schädelin samt ihren Frauen zusammen und
mußte viel erzählen. Und gestern Montag endlich
habe ich am Vormittag und Nachmittag bei der bernischen «Arbeitsgemeinschaft»7 mitgetan, am
Vormittag als Hörer und Hauptdiskussionsredner bei einem Vortrag von Prof. Hoffmann8, der in
rührender Weise das «Humanitätsideal» in empfehlende Erinnerung bringen wollte, am
Nachmittag selber vortragend9, wonach ich mich
umgekehrt mit Hoffmann und
neben einigen Anderen besonders mit dem alten religiös-sozialen Vorkämpfer von
Greyerz10 auseinanderzusetzen hatte. Die Studenten
hätten nachher gesagt, ich sei «in Hochform» gewesen, berichtete Markus, der auch dabei war.
Was will man mehr?|
Im Übrigen habe ich dem Direktor des Freien Gymnasiums11 einen Besuch
gemacht und konnte vernehmen, daß man mit Stöffeli sehr zufrieden und daß
er definitiv in die Sekunda aufgenommen sei. Fer|387ner war
ich bei Dr. Bäschlins12 zum Mittagessen, gute, ruhige Leute, die eben im Begriff
waren, mit Freunden im Auto nach Rom zu reisen, und gerne meine Berichte und
Ratschläge entgegennahmen. Dies dürfte wohl in der Hauptsache Alles sein. Es
genügt wohl, wie ich befürchte, dir den Eindruck zu erwecken, daß ich allzusehr
in dem dir so wenig sympathischen Leben unserer Talschaft und Familie auf- und
untergegangen sei. Ich kann dir aber nur sagen, daß ich durch dies alles
hindurchwandle, wie man eben als Erdenpilger durch die verschiedensten Gegenden
kommt und doch nirgends zu Hause ist. Es hat keinen Sinn, sich über die
Fragwürdigkeiten dieses und jenes Ortes jeweilen noch im Besonderen aufzuregen.
Am Samstag werde ich dann noch im selben Sinn die bewußte Klassenzusammenkunft mitmachen und
nachsehen, was aus den alten Genossen geworden ist. Du kannst dir denken, daß
ich meine Zeit gut zusammenhalten mußte, um inmitten von alledem auch noch die
Sache mit Grupper13
gut und ordentlich zu machen. Aber ich glaube, daß sie jetzt im
Blei14 ist.
Das Vorwort wird mit einem bekannten Wort von dir anfangen15, das allen unseren Freunden an dieser Stelle Freude
bereiten wird.
Aus Bonn kam ein Brief von Nelly, der zu zeigen scheint, daß
auch dort Alles soweit in Ordnung geht. Nur daß Matthis offenbar in der Schule zunächst wieder bummelt und daß Goeters gekommen sei
mit dem Rat, ich solle noch so lange als möglich in der Schweiz bleiben. Den zu
befolgen habe ich nun aber nicht im Sinn. Es ist gar nicht abzusehen, warum ich
nun nicht am nächsten Montag zunächst nach München zu meiner lb. L. und dann mit ihr
an meinen Ort zurückkehren sollte. Es fällt uns
hier auf, daß seit etwa drei oder vier Tagen alle Zeitungsnachrichten über die
deutsche Kirchenfrage
ausbleiben. Bedeutet das wohl, daß es dort in besonderer Weise Katzen zu hageln
begonnen hat16? In diesem Fall müßte ich natürlich erst recht endlich wieder
dabei sein.
388 Denk, von Grupper
kam gestern ein ziemlich kläglicher Brief17. Er hat
offenbar gehört, daß ich am Laden der Kanonen sei, und schreibt nun, aus einer
Kollegnachschrift sehe er, daß ich ihn mißverstanden habe, und ich solle nach
Olten18 kommen, um seine Erklärungen19
entgegenzunehmen. Dies habe ich nun aber abgelehnt.20 «Natur u.
Gnade» liege auf
dem Tisch des Hauses und müsse zunächst tel quel beantwortet werden. Überhaupt
sei ich im Augenblick als Familienvater beschäftigt und unabkömmlich.
Du hast noch gar nichts davon gehört, wie gut es mir in Florenz
gefallen hat. Es war schon ein großes Loch, daß wir damals die Uffizien
nicht sehen konnten.21
Ich habe sie jetzt mit größter Erbauung nachgeholt und lege dir hier bei, was
mir am besten gefallen hat. Besonders Botticelli hat wohl durchgehend Lollo
gemeint. Die mediceische Venus
lege ich zum Vergleich mit der cyrenäischen bei. Sie ist viel weniger gut als
jene, aber doch auch beachtlich und jedenfalls besser als die von Milo in Paris.
Unser Gruppenbild22 von jenem letzten
italienischen Nachmittag habe ich im Gedanken an dich ein zweites Mal machen
lassen. Leider ist der kühne Turm der Signoria nicht mit auf den Hintergrund
gekommen. Diese Reise war wirklich eine gute Sache, von der noch viel zu
erzählen sein wird. Ich fühlte mich nachher ordentlich aufgebügelt. Ist der
Engel auf der Madonna von Lippi23 nicht ein
rechter Lausbub?
Aber nun habe ich seitenlang von mir und von hier erzählt. Denke ja nicht, daß
ich bei dem allem die drohende deutsche Wolkenwand auch nur einen Augenblick
vergessen habe und
noch viel weniger |389 mein Figürlein, das sich teils als Eva, teils als Maria24, aber immer leuchtend davon
abhebt und das endlich wiederzusehen ich mich doch so freue. Ich bin zu allem
bereit, wozu man mich in München haben will. Ach du, wenn du mich doch «irgendwie» so
empfangen könntest, wie etwa in Lichtenfels25 oder in Augsburg26 in längst vergangenen
Jahren. Aber ich werde auch so kommen wie ein vom Bogen abgeschossener Pfeil,
wenn nur erst hier Alles hinter mir liegt. Und dann wird das so inhaltsreiche,
wenn auch etwas gefährliche Leben in Deutschland wieder beginnen, dem wir
gemeinsam in aller Ruhe entgegengehen wollen. Es wird schon Form annehmen in
irgend einer Möglichkeit.
Deine beiden Briefe haben mich erreicht und waren mir sehr lieb. Wenn du mir auf
das Ende der Woche noch einmal ausführlich schreiben könntest, auch um mich aus
eigener Sicht auf Alles vorzubereiten, so wäre das sehr schön. Aber du mußt dich
auf keinen Fall plagen. Laß nichts zu nahe an dich herankommen. Du wirst deine
Nervenvorräte noch brauchen können diesen Winter. Nun, wenn wir erst wieder
beieinander sind, wird fürs Erste Alles gut sein. Ich schreibe dir dann noch den
Zug, mit dem ich in München eintreffe. Willst du es übernehmen, mich bei Lempps anzukündigen und ihm
zugleich zu sagen, daß ich mit seinen Vorschlägen für den Inseratenteil, die er
mir dieser Tage machte27, völlig einverstanden sei,
nicht dagegen mit der Streichung, die er einem meiner Vorworte angedeihen lassen
wollte28.
Und nun grüße alle guten Menschen – ob ich deiner Mutter diesmal
nicht ungefragt doch einen Besuch mache? ich wäre eigentlich in der Stimmung
dazu!! – und laß vor Allem, vor Allem, vor Allem dich selbst in der
umfassendsten und intensivsten Weise gegrüßt sein!
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Wer wird in ein paar Minuten bei uns zum Mittagessen
eintreffen? Dein alter Freund und Seelsorger Kroeker29, der hier eine «Licht im
Osten»-Konferenz hatte und diese Einladung unvermeidlich zu machen wußte.
Ich weiß wirklich nicht recht, was ich mit ihm anfangen soll.