Brief Nr. 187 · 21. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl!

Nun mußt du nicht erschrecken: der «andre Liebling» liegt im Bett. Ich habe mich in Oeynh. so gründlich erkältet, habe dann mit Husten und einem kleinen Fieber Barmen gerade noch geschafft und bin gestern nachmittag dann befreit ins Bett gestiegen, wo ich mich noch befinde. Es ist nicht schlimm und wird ganz bald wieder ganz gut sein. Schon aus der Tatsache, daß ich dir schreiben kann, siehst du ja, daß es |456 noch nicht lebensgefährlich ist!!! – Im Hause ist es herrlich still, niemand plagt mich mit Angeboten, so daß die Bedingungen zur Genesung außerordentlich günstige sind. Nur leider stockt die Arbeit. Ich wollte das Protokoll von Barmen ausschreiben, ich wollte die Briefe ordnen und einige Briefe schreiben, ich wollte Humburg die gewünschten Dokumente abschreiben und senden. Er will die Urteilsbegründung1, die Anklageschrift2 (die hast du bei dir), deinen Brief an den Minister wegen des Grußes3, das Protokoll mit den «Äußerungen»4. – Aus diesem Verlangen siehst du, daß die Bekennende Kirche sich jetzt nicht einfach desinteressiert. Darum auch F[iedler]s Wunsch nach Revision. Ich von mir aus würde es jetzt sehen wie du und den Schritt nicht tun. Aber die Bitte wurde am Abend in Ba. gerade von Hu. aufrecht erhalten, und damit bleibt die Situation dieselbe. Mißlich ist, daß das die praktischen Entscheidungen ungemein verzögern kann, u. U. bis Anfang April. Ich habe das mit Eduard und Ruedi erwogen, aber gerade die beiden hatten den Eindruck gewonnen in Ba., das müsse nun noch geleistet sein für die, die darum bitten: die Reformierten, Hu. und Fi. und hinter den Letzteren ja wohl auch unverändert der Bruderrat. Du kannst ja mit E. in Basel das alles durchsprechen. Wir waren uns in den Empfindungen und Eindrücken ganz einig. Aber ich erzähle dir davon auch lieber mündlich.

Du hast hier übrigens jederzeit die Möglichkeit, die Revision zurückzuziehen, wenn es dich doch anders ansehen sollte. –

Daß du die Vorlesungen in Utrecht5 annahmst, scheint mir je länger je besser. Dann wird doch diese Wartezeit sinnvoll gefüllt. –

Eben kam deine Karte. Gestern dachten wir daran. Eduard sagte plötzlich: «Jetzt läuten die Glocken in Grindelwald.» Es war gut mit E., und menschlich fühlte ich mich so eindeutig dorthin gehörig und nicht zu den Wu[ppertalern] mit ihrem gewaltigen geistlichen Pathos!! – Aber die Tatsache ihres Zu-dir-Stehens ist einfach etwas Gro|457ßes und Verpflichtendes. Ich wurde übrigens gefragt, ob ich auch Schweizerin sei, weil R. und E. mich in ihre Mitte nehmen wollten bei der Besprechung. Ich sagte: «Nein, aber Freundin von Schweizern»­-. Eduard las den Brief von den jungen Baselbietern vor, der ist sehr gut.6

Nach der Besprechung kam Hu. und Halstenb. auf mich zu: Sie hätten aus meiner Darstellung den Eindruck gewonnen, als beurteilest du das Verhältnis der B. K. zu dir zu pessimistisch. Es stünden Pfarrer hinter dir bis und mit in die Reihen der Vollblut-Lutheraner. Ich sagte ihnen, das müsse aber einmal einen etwas eindeutigeren Ausdruck finden dir gegenüber. Nach deinen Eindrücken könnest du dich von der Mar[ahrens] Kirche nur abgelehnt fühlen. – Ja, bei M. selbst sei es ja so, aber das besage nicht viel!! – – Ich will dir das nur weitergeben und schließlich als Wort mitgeben nach Bekanntgabe des bewußten Dokumentes7!! –

­Lieber Karl, ich muß jetzt doch aufhören. Der Kopf brummt mir etwas. ­- ­Die Synode Bonn8 hat gestern einstimmig beschlossen, an die Rheinische Synode9 weiterzugeben die Bitte, daß ein kirchlicher Ruf an dich geht. Träublein hat daran Verdienste. –

458 Die Feier des Sohnes Wolf mußte gestern abend wegen mir unterbleiben. Aber Wolf war mit Bl[eibtreu] mittags ganz aus eigner Initiative mit nach Köln gekommen, wo Ruedi uns allen ein herrliches Mittagsmahl spendete. Ich hatte übrigens in der Versammlung in Ba.10 ein rencontre11 mit de Quervain. Aber er bat mich, dir davon nur ganz authentisch zu berichten, da es sonst wieder Geschwätz gebe. Da ich aber annehme, daß Eduard dir doch davon erzählt, möchte ich dich eigentlich bitten, es als ungehört zu behandeln. Der arme de Qu. geriet in schreckliche Aufregung, und ich war ganz betroffen über das Wespennest, in das ich da gegriffen hatte.

Grüße Markus und deine Mutter und Stöffeli. Freitag in acht Tagen kommst du?? – Ach nein, Karl, ich will gern auch Briefe ordnen etc.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Siehe Prolingheuer, S. 286-296 📖.↩
2
Siehe Prolingheuer, S. 78 📖.↩
3
Der Brief an Reichsminister Rust vom 16.12.1933, in dem Barth seine Weigerung begründet, seine Vorlesungen mit dem Hitlergruß zu eröffnen, ist abgedruckt in:Briefe 1933, S. 577-579 📖; Prolingheuer, S. 240f 📖.↩
4
Siehe zum Protokoll mit den «Äußerungen» oben S. 422, Anm. 5.↩
5
Siehe oben S. 436, Anm. 5 sowie S. 436, Anm. 6.↩
6
Nicht ermittelt.↩
7
Am 14.1.1935 versandte der «Bund nationalsozialistischer Pastoren» die Nachschrift des auch in der BK umstrittenen Barth-Vortrages vom 1.12.1934 (abgedruckt bei Prolingheuer, S. 261-264 📖) an seine Mitglieder (a.a.O., S. 121). Dieser Versand wurde auch in der Geschäftsstelle der Bekenntnissynode der DEK bekannt (a.a.O., S. 125). Laut dieser Nachschrift hatte Barth sich kritisch zu A. Marahrens geäußert (s. a.a.O., S. 264; oben S. 408, Anm. 14). Vgl. zur Haltung A. Marahrens’ gegenüber Barth a.a.O., S. 39.107f.↩
8
Am Samstag, dem 19.1.1935 beschloß die Bekenntnissynode in Bonn, «der Bruderrat der Rheinischen Bekenntnissynode möge strikt auf Einhaltung der Barmer und Dahlemer Beschlüsse bedacht sein und sich im Fall Barth engagieren» (Prolingheuer, S. 124 📖). Mit der Erledigung dieses Auftrages beauftragte der Rat der Rheinischen Bekenntnissynode in seiner Sitzung am 22.1.1935 in Dortmund Präses P. Humburg (ebd., Anm. 34).↩
9
Die Rheinische Synode faßte auf ihrer vierten Tagung vom 28.-30.4.1935 u. a. den Beschluß: «Synode fordert den Bruderrat auf, in Verbindung mit dem Westfälischen Bruderrat beschleunigt dafür Sorge zu tragen, daß Professor D. K. Barth seine Arbeit als theologischer Lehrer der Kirche zum Segen sonderlich unserer kirchlichen Westprovinzen fortsetzen kann.» (Prolingheuer, S. 174 📖).↩
10
Bei der Versammlung am Samstag, 19.1.1935, im Hause des Kaufmannes W. Halstenbach in Wuppertal, an der auch A. de Quervain teilgenommen hatte (s. oben S. 452f.).↩
11
D. h. ein Zusammentreffen, hier: ein polemischer Zustammenstoß (vgl. Bw.Th. III, S. 826 📖).↩