Brief Nr. 208 · 30. Juni 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Lieber Karl!

Nun bin ich also hier im Krankenhaus. Warum hier? Gestern mittag, als ich vor Elendsein nicht mehr recht wußte wohin, trat wie ein Engel Schwester Helene in mein Zimmer. Als sie das große Ding am Halse sah, meinte sie, es müsse sofort geschnitten werden. Ich kannte ja nun in Bonn keinen Chirurgen, Kill schneidet nicht. So ließ ich mich denn von ihr ins Auto packen und zu Frl. Dr. Buch hier fahren, im Gedanken, daß ich nach ein paar Stunden abends wieder heimfahren könnte. Aber dem war nicht so. Die Ärztin brachte mich zum Chirurgen und dann gab es ein regelrechtes Operatiönchen mit totaler Betäubung und einem Loch am Kopf vier cm im Quadrat.1 So liege ich nun mit dickem Verband. Die erste Nacht war nicht schön. Aber die Gefahr ist nun vorüber und das Andere will ausgehalten sein. Ich muß wohl schon eine Zeit liegen. Der Umzug ist gut eingeleitet, das Packen der Bücher übernehmen Traub und Frau Schlomka. Und mein Zimmer muß ich nun eben N. überlassen, aber sie kommt gut durch, alles Kompliziertere ist ihr schon aus dem Wege geräumt, so daß du in dieser Hinsicht getrost sein kannst. – Daß ich nun – ungewollt ­- hier liege und nicht in Bonn, hat auch seine Lichtseiten. Es ist viel ruhiger, und die Ärztin ist eine ganz überzeugende Frau. Als ich noch im Halbschlummer war, bat ich sie, an dich zu telefonieren. – Du |502 mußt keine Sorge haben, lieber Karl. Jetzt ist es ja wesentlich vorbei. Zahlst du mir das Zimmer und den Arzt? Ich habe kein Geld mehr, und ich brauche ja im Juli und August kein Taschengeld. Sehr viel wird es nicht kosten. – Grüße Ruedi und Gerty. Vielleicht schreibe ich dir heute noch einmal. Ich bin nur noch sehr müde, und der Kopf tut weh .

Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Die Operation fand im St. Johanneskrankenhaus in Bad Honnef statt.↩