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Barth an v.K. in Bonn
Es kann sich nur um ein paar Begleitworte zu den Briefen handeln, die ich dir
hier zu lesen geben möchte.
O Lollo, ich bin gestern doch richtig erschrocken, als ich plötzlich hören
mußte, daß fremde Menschen nun so einfach an dir herumgeschnitten haben bzw. daß du
doch so übel dran warst, daß dies nötig wurde. Hoffentlich befindest du dich nun
in einer wirklichen und kräftigen Genesung! Wie traurig, daß ich sie nur von
Weitem miterleben kann! Überhaupt, wie traurig diese so unerwartet lange
Trennung, die sich ja nach dem, was mir Nelly eben am Telephon sagte, nun
noch einmal verlängern wird. Aber gelt, da du nun einmal krank bist und wieder gesund
werden mußt, willst und wirst du auch in jeder Hinsicht vernünftig sein, gar
nicht Schwester Elise, sondern
fügsam und willig gegenüber den Ratschlägen, die der Arzt dir gibt. Selbst
wenn du nun eben die Bücher nicht selber solltest packen können. Selbst wenn deine Rückkehr aufs
Bergli – wo jemand dich sehr sehnlich erwartet – dadurch
verzögert werden sollte. Entscheidend ist nun nur, daß du wieder ganz gesund
wirst. Und vergiß ja nicht, mich so oder so genau über deinen Zustand auf dem
Laufenden zu halten.
Die Bücher sind noch nicht eingetroffen. Infolgedessen verbringe ich einen guten
Teil meiner jetzigen Lebenszeit auf dem Rücken von Pferden! O du, ein ganzer kleiner Pferdehimmel hat sich
hier aufgetan, schöner als ich es mir je gedacht, und nur eben dies fehlt, daß
|503 Lollo auch mittut. Ich habe mich bereits genau mit
den Leuten verständigt, daß du dann den Schimmel besteigen wirst, den ich jetzt
reite, während für mich verschiedene andere Möglichkeiten bestehen. Du mußt
damit rechnen, daß das Tier, wenn es erst einmal munter geworden ist, viel mehr
Initiative entfaltet und also eine viel energischere Faust verlangt als unsere
Bonner Tierlein. Du hast aber irgendwelche Bosheiten oder Aufgeregtheiten von
diesem Schimmel schlechterdings nicht zu erwarten, sondern er wird tun, was du
willst, aber du mußt es ihm mit deinen Händlein und Beinlein deutlich zu
verstehen geben. Wir werden dann womöglich das erste Mal ganz allein reiten, damit du in keiner Weise
erschreckt wirst. Denn mit dem lieben Rudi ist es hinsichtlich
des plötzlichen Davonstürmens nun einmal immer noch so eine Sache! Denk an, am
Freitag nach dem großen theologischen Gespräch1 hat dann noch ein Ritt zu viert:
Rudi, Richard Karwehl, ich und … Emil stattgefunden, und diese Sache ist, wie es sich gehört, in
zahlreichen Aufnahmen verewigt
worden.2
Nachher brachten wir Emil im
Auto nach seinem Klusdörfli, und noch später sah man uns dann zu dritt in einem
dunklen Garten am See zwei Flaschen von dem vortrefflichen Dôle trinken zur Feier des Abschieds von Richard.
Die Diskussion mit Brunner war jedenfalls nicht ungut. Er hatte den
Pfr. Spörri3
mitgebracht, und ich setzte darauf den wackeren Richard neben mich als meinen Sekundanten. Das
Ganze spielte sich am Waldrand ab. Am Morgen wurde über den hl. Geist, am Nachmittag über Natur
und Gnade4 geredet, doch gingen die Dinge natürlich immer ineinander
über. Ob mir etwas gelungen ist? Jedenfalls eine gewisse Aufweichung seiner
persönlichen Haltung. Aber irgendwo spinnt er und wird er schwerlich ganz zu heilen
sein.
504 Aus dem beiliegenden Briefwechsel mit der Basler Fremdenpolizei
kannst du sehen, wie ich dich der Schweiz vorgestellt habe5 und daß du daselbst
jedenfalls «provisorisch» (die Fremdworte sind bei uns noch nicht ausgetilgt!)
willkommen bist6. Ich schrieb übrigens gleichzeitig an Hauser7, und nun wird die Sache sicher ins
Blei kommen.
505 Ja, und nun habe ich gestern den anderen, den großen Brief an Hesse8 geschrieben. Rudi und Gerty finden
ihn natürlich ausgezeichnet. Was aber wird m. L. dazu sagen? Wenn du ihn für
richtig und wichtig hältst, so zeigst du ihn vielleicht u. A. Wölflein und erstellst
auf seiner oder auf Träubleins Maschine einige Abzüge, um sie nach Gutfinden an deutsche
Freunde zu verschicken. Ich lasse von hier aus nur ein Exemplar an Eduard und eines an meinen
Bruder zum
Weitergeben an die Berner Familie ausgehen. Aus den Briefen etc., die du mir
nachgeschickt hast, sehe ich, daß doch auch in Deutschland die Meisten nach dem
Eingriff des Ministers9 instinktiv angenommen haben, daß eine andere Möglichkeit als
Basel faktisch nicht übrig bleibe.
Rudi ist
heute zu einer achttägigen Reise nach Istrien gestartet. Er wollte mich durchaus
mitnehmen, und du kannst dir denken, wie sehr es mich gelockt hätte,
Venedig wieder10 und ein
Stücklein
Balkan ganz neu zu sehen.
Aber der Gedanke, daß ich in dieser Woche doch im Zusammenhang mit dem Umzug irgendwie
angefordert werden könnte, und – und vor Allem! – der Gedanke, daß in dieser
Woche m. L. wiederzukehren gedenkt und unmöglich ein leeres Törli antreffen
darf, hielten mich ab. Du wirst mich also ganz treu hier vorfinden, in einem angesichts deines
Schadens gar nicht zu verantwortenden guten Gesundheitszustand, gebräunt, ohne
unstatthafte Leibesfülle und doch auch nicht abgemagert, sorgenvoll und
gedankenschwer und doch nicht ohne den dir bekannten so vorbildlichen Seelenfrieden. Ob es dich nicht
lockt und ruft, recht bald wieder zu kommen? |506 Aber nein,
du sollst unter allen Umständen tun, was der liebe Arzt von dir
haben will.
Heute morgen bin ich mit dem Architekten Peter Meyer11
geritten, und ich genoß es, die
Menschheit mit ihm nun einmal unter dem mir ja auch nicht fremden Gesichtspunkt
ihrer verschiedenen Bauweisen zu
betrachten. Er bestätigte mir übrigens von sich aus die Vermutung, daß in
Bayern tatsächlich schon der
Balkan bzw.
Rußland anfange, indem die bewußten Zwiebeltürme
unverkennbar nach Moskau wiesen! Ja, was sagst du nun?!
Nun sind es doch ein bißchen mehr als ein paar Begleitworte geworden. Wie sollte
es anders sein? Schreibe du mir auch oft und viel! «Sie gehört nun einmal
zu mir und meiner Tätigkeit» – wie es ja nun auch allen eidgenössischen Instanzen
feierlich kundgegeben ist.12
Grüße Träublein! Er wird sich freuen, nun noch so gründlich von dir Abschied nehmen
zu können.
L. L.,
es grüßt dich