Brief Nr. 209 · 30. Juni 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

502

209

Liebe Lollo!

Es kann sich nur um ein paar Begleitworte zu den Briefen handeln, die ich dir hier zu lesen geben möchte.

O Lollo, ich bin gestern doch richtig erschrocken, als ich plötzlich hören mußte, daß fremde Menschen nun so einfach an dir herumgeschnitten haben bzw. daß du doch so übel dran warst, daß dies nötig wurde. Hoffentlich befindest du dich nun in einer wirklichen und kräftigen Genesung! Wie traurig, daß ich sie nur von Weitem miterleben kann! Überhaupt, wie traurig diese so unerwartet lange Trennung, die sich ja nach dem, was mir Nelly eben am Telephon sagte, nun noch einmal verlängern wird. Aber gelt, da du nun einmal krank bist und wieder gesund werden mußt, willst und wirst du auch in jeder Hinsicht vernünftig sein, gar nicht Schwester Elise, sondern fügsam und willig gegenüber den Ratschlägen, die der Arzt dir gibt. Selbst wenn du nun eben die Bücher nicht selber solltest packen können. Selbst wenn deine Rückkehr aufs Bergli – wo jemand dich sehr sehnlich erwartet – dadurch verzögert werden sollte. Entscheidend ist nun nur, daß du wieder ganz gesund wirst. Und vergiß ja nicht, mich so oder so genau über deinen Zustand auf dem Laufenden zu halten.

Die Bücher sind noch nicht eingetroffen. Infolgedessen verbringe ich einen guten Teil meiner jetzigen Lebenszeit auf dem Rücken von Pferden! O du, ein ganzer kleiner Pferdehimmel hat sich hier aufgetan, schöner als ich es mir je gedacht, und nur eben dies fehlt, daß |503 Lollo auch mittut. Ich habe mich bereits genau mit den Leuten verständigt, daß du dann den Schimmel besteigen wirst, den ich jetzt reite, während für mich verschiedene andere Möglichkeiten bestehen. Du mußt damit rechnen, daß das Tier, wenn es erst einmal munter geworden ist, viel mehr Initiative entfaltet und also eine viel energischere Faust verlangt als unsere Bonner Tierlein. Du hast aber irgendwelche Bosheiten oder Aufgeregtheiten von diesem Schimmel schlechterdings nicht zu erwarten, sondern er wird tun, was du willst, aber du mußt es ihm mit deinen Händlein und Beinlein deutlich zu verstehen geben. Wir werden dann womöglich das erste Mal ganz allein reiten, damit du in keiner Weise erschreckt wirst. Denn mit dem lieben Rudi ist es hinsichtlich des plötzlichen Davonstürmens nun einmal immer noch so eine Sache! Denk an, am Freitag nach dem großen theologischen Gespräch1 hat dann noch ein Ritt zu viert: Rudi, Richard Karwehl, ich und … Emil stattgefunden, und diese Sache ist, wie es sich gehört, in zahlreichen Aufnahmen verewigt worden.2 Nachher brachten wir Emil im Auto nach seinem Klusdörfli, und noch später sah man uns dann zu dritt in einem dunklen Garten am See zwei Flaschen von dem vortrefflichen Dôle trinken zur Feier des Abschieds von Richard.

Die Diskussion mit Brunner war jedenfalls nicht ungut. Er hatte den Pfr. Spörri3 mitgebracht, und ich setzte darauf den wackeren Richard neben mich als meinen Sekundanten. Das Ganze spielte sich am Waldrand ab. Am Morgen wurde über den hl. Geist, am Nachmittag über Natur und Gnade4 geredet, doch gingen die Dinge natürlich immer ineinander über. Ob mir etwas gelungen ist? Jedenfalls eine gewisse Aufweichung seiner persönlichen Haltung. Aber irgendwo spinnt er und wird er schwerlich ganz zu heilen sein.

504 Aus dem beiliegenden Briefwechsel mit der Basler Fremdenpolizei kannst du sehen, wie ich dich der Schweiz vorgestellt habe5 und daß du daselbst jedenfalls «provisorisch» (die Fremdworte sind bei uns noch nicht ausgetilgt!) willkommen bist6. Ich schrieb übrigens gleichzeitig an Hauser7, und nun wird die Sache sicher ins Blei kommen.

505 Ja, und nun habe ich gestern den anderen, den großen Brief an Hesse8 geschrieben. Rudi und Gerty finden ihn natürlich ausgezeichnet. Was aber wird m. L. dazu sagen? Wenn du ihn für richtig und wichtig hältst, so zeigst du ihn vielleicht u. A. Wölflein und erstellst auf seiner oder auf Träubleins Maschine einige Abzüge, um sie nach Gutfinden an deutsche Freunde zu verschicken. Ich lasse von hier aus nur ein Exemplar an Eduard und eines an meinen Bruder zum Weitergeben an die Berner Familie ausgehen. Aus den Briefen etc., die du mir nachgeschickt hast, sehe ich, daß doch auch in Deutschland die Meisten nach dem Eingriff des Ministers9 instinktiv angenommen haben, daß eine andere Möglichkeit als Basel faktisch nicht übrig bleibe.

Rudi ist heute zu einer achttägigen Reise nach Istrien gestartet. Er wollte mich durchaus mitnehmen, und du kannst dir denken, wie sehr es mich gelockt hätte, Venedig wieder10 und ein Stücklein Balkan ganz neu zu sehen. Aber der Gedanke, daß ich in dieser Woche doch im Zusammenhang mit dem Umzug irgendwie angefordert werden könnte, und – und vor Allem! – der Gedanke, daß in dieser Woche m. L. wiederzukehren gedenkt und unmöglich ein leeres Törli antreffen darf, hielten mich ab. Du wirst mich also ganz treu hier vorfinden, in einem angesichts deines Schadens gar nicht zu verantwortenden guten Gesundheitszustand, gebräunt, ohne unstatthafte Leibesfülle und doch auch nicht abgemagert, sorgenvoll und gedankenschwer und doch nicht ohne den dir bekannten so vorbildlichen Seelenfrieden. Ob es dich nicht lockt und ruft, recht bald wieder zu kommen? |506 Aber nein, du sollst unter allen Umständen tun, was der liebe Arzt von dir haben will.

Heute morgen bin ich mit dem Architekten Peter Meyer11 geritten, und ich genoß es, die Menschheit mit ihm nun einmal unter dem mir ja auch nicht fremden Gesichtspunkt ihrer verschiedenen Bauweisen zu betrachten. Er bestätigte mir übrigens von sich aus die Vermutung, daß in Bayern tatsächlich schon der Balkan bzw. Rußland anfange, indem die bewußten Zwiebeltürme unverkennbar nach Moskau wiesen! Ja, was sagst du nun?!

Nun sind es doch ein bißchen mehr als ein paar Begleitworte geworden. Wie sollte es anders sein? Schreibe du mir auch oft und viel! «Sie gehört nun einmal zu mir und meiner Tätigkeit» – wie es ja nun auch allen eidgenössischen Instanzen feierlich kundgegeben ist.12

Grüße Träublein! Er wird sich freuen, nun noch so gründlich von dir Abschied nehmen zu können.

­L. L.,

es grüßt dich

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Gespräch mit E. Brunner, der sich am Freitag, 28.6.1935, zu einem Tagesbesuch auf dem Bergli aufhielt (s. Bw.Br., S. 283-288 📖).↩
2
Siehe Bw.Br., S. XXVII 📖.↩
3
Gottlob Spörri (1899–1990), Lic. theol., nach Pfarramt in Seengen (Kt. Aargau) 1929-1937 Kantonshelfer und Religionslehrer an den kantonalen Mittelschulen, 1941 Gründer und bis zu seinem Tod Leiter der Diakonischen Schwesternschaft Braunwald (Kt. Glarus).↩
4
Siehe oben S. 362, Anm. 3. ↩
5
Der Fremdenpolizei des Kantons Basel-Stadt teilte Barth in seinem Schreiben vom 27.6.1935 mit, daß er «am 25. 6. vom Regierungsrat des Kantons Baselstadt zum ordentlichen Professor der Theologie an der Universität Basel ernannt worden» sei und «im Laufe der nächsten Wochen» seinen Umzug nach Basel zu vollziehen gedenke. «In der Hausgemeinschaft meiner Familie lebt nun seit 6 Jahren Fräulein Charlotte von Kirschbaum», die, so erklärte Barth mit einigen biographischen Angaben zu ihrer Person, «im Frühjahr 1929 als persönliche Assistentin bei mir» eintrat. Sie habe sich «ein nachgerade längst über dem Durchschnitt auch der examinierten Theologen liegendes Wissen und Verstehen in den von mir vertretenen Disziplinen angeeignet». Zusammenfassend schilderte Barth die Tätigkeit von Kirschbaums: «Sie unterstützt mich in der notwendigen Lektüre von Büchern und Zeitschriften. Sie beaufsichtigt Bibliothek, Zeddelkasten und Korrespondenz, im Einzelnen weithin selbständig und mit Aufgaben ausgesprochen vertraulichen Charakters. Sie nimmt meine Diktate für Vorlesungen und Veröffentlichungen entgegen. Sie führt die für meinen Privatgebrauch und für meine Freunde bestimmten Protokolle über Seminarsitzungen, öffentliche und private Diskussionen u. dgl. mehr. Sie vermittelt in weitem Umfang meinen persönlichen Verkehr mit den aktiven und ehemaligen Studenten.» Zu ihrer Vergütung konnte Barth angeben, daß sie «bisher außer der freien Wohnung und Kost in einem Barbetrag von 100 M. monatlich» bestanden habe, der ihm «in Bonn zu 80% durch die Universität zurückerstattet» worden sei. Barth betonte die Dringlichkeit des Aufenthaltsgesuchs für von Kirschbaum, «da Fräulein von Kirschbaum sich in einer Art in meine Arbeit und Arbeitsweise und in die vielen Beziehungen, in denen ich stehe, eingelebt hat, die den Gedanken an einen auch nur von ferne gleichwertigen Ersatz völlig ausschließt». Und er wies darauf hin, daß von Kirschbaum «zugunsten der Arbeit bei mir eine ganz andersartige Lebenstätigkeit aufgegeben hat, so daß ich ihr in hohem Grade verpflichtet bin. Sie wäre heute mit 36 Jahren wohl nur unter den größten Schwierigkeiten und mit sehr wenig Aussichten in der Lage, sich im gegenwärtigen Deutschland einen ihrem Wissen und Können auch nur einigermaßen entsprechenden neuen Weg zu suchen. Sie gehört nun einmal zu mir und meiner Tätigkeit» (KBA 9235.161).↩
6
Am 1935-06-28 teilte die Kantonale Fremdenpolizei Basel-Stadt Barth mit, «dass wir bereit sind, Ihrer Assistentin, Fräulein Charlotte von Kirschbaum, bis zum Entscheid über das Aufenthaltsgesuch eine provisorische Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu erteilen» (KBA).↩
7
Barth bat am 27.6.1935 Regierungsrat Dr. Hauser mit dem beigelegten Durchschlag seines Briefes an die Basler Fremdenpolizei, «ein gutes Wort» für sein Gesuch, die deutsche Assistentin nach Basel mitnehmen zu dürfen, einzulegen. Zugleich konnte er mitteilen, «gestern sehr rasch eine geeignete Wohnung» am St. Albanring 186 gefunden zu haben, so daß sich sein «Umzug binnen 14 Tagen vollziehen» könne (KBA 9235.159).↩
8
Abgedruckt in: Offene Briefe 1909-1935, S. 336-353 📖; Prolingheuer, S. 345-350 📖. – Barth verabschiedet sich in diesem auf den 30.6.1935 datierten Brief von den Reformierten und der Bekenntniskirche mit einem herzlichen Dankeswort und versucht zugleich, «noch einmal Rechenschaft darüber abzulegen, wie es gekommen ist, daß ich mich schließlich so [scil. für den Basler Ruf] und nicht anders entschieden habe» (S. 337 bzw. S. 345).↩
9
Siehe oben S. 481, Anm. 1. ↩
10
Während der Italienfahrt 1929 waren Barth und von Kirschbaum mit dem Ehepaar Pestalozzi vom 10.-12.6. in Venedig gewesen.↩
11
Peter Meyer (1894–1984), 1930-1943 Redaktor der Architekturzeitschrift «Das Werk», 1935-1951 Privatdozent und 1951-1962 a. o. Professor für Systematik und Ästhetik der neueren Baukunst an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich, Doppelprofessur mit der Universität Zürich.↩
12
Siehe oben S. 504, Anm. 5. ↩