Brief Nr. 232 · 12. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

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232

Lieber Karl!

Nun kommt die letzte Karte, und am Sonntag nachmittag kommt «sie» dann selbst, und sie freut sich sehr auf dich. – Gelt, du bist jetzt in einer kleinen Engelschule? Ja, ja!! – Ich hingegen bin ganz fröhlich und voll jenes «inneren Seelenfriedens», den du mir sonst so vorbildlich vorlebst!! – Ach, lieber, lieber Karl. In acht Tagen wissen wir schon fast nicht mehr, daß wir solange getrennt waren. – Die Strapazen gestern habe ich gut überwunden. Hier wurde ich gleich aufgefangen von den liebevollen Händen von Schwester Helene mit einem Kaffee und – einem Fichtennadelbad!! – Dann am späten Abend ging’s noch zur Ärztin. Wir trennten uns mit einer plötzlichen ganz intimen Regung ihrerseits und der Bitte, ihr einmal zu schreiben. Sie riet mir sehr übrigens, mich doch noch an die Ortskrankenkasse Bonn zu wenden, ich hätte durchaus Ansprüche. Ich lasse, wenn ich das Geld bekomme, es via Traub an Lempp gehen. Hinsichtlich des Geldes, das ich dir für die Couch noch schulde, spreche ich dann mündlich mit dir. Ich muß davon hier etwas dem Studenten Heitmann1 geben, der einfach nicht weiß, wovon leben, wenn Wolfs jetzt auch fortgehen. Aber sage davon zu N. nichts. Wir einigen uns darin gewiß. – Das Andere geht auch zu Lempp. – Und 500 Mark bringe ich also mit. – Morgen, den letzten Abend, bin ich noch mit Fr. Schlomka bei Wolfs. Nachmittags kommen Schulzes, Landgrebes und Bleibtreu zu einem Abschied zu Fr. Schlomka, den ich auf deren Chaiselongue absolvieren darf. Dann ist auch das Letzte hier vorüber. – Hast du «Augsburg»2 gelesen? Ich unter Zornausbrüchen!! Alle sind auf den Leim gegangen. Auch H. Asmussen!!

559Es grüßt dich
deine
Lollo

«Wir»3 machen eine Predigt für Sonntag: «Ihr seid das Salz der Erde… ihr seid das Licht der Welt…» [Mt. 5,13f.]

Sachfußnoten

1
Vermutlich Günther Heidtmann (1912–1970), 1934/35 Student in Bonn, wo er ein Zimmer bei Wolfs hatte. 1935 Erste Theologische Prüfung in Wuppertal-Barmen, 1935-1936 Vikariat in Wuppertal-Barmen, 1938 Zweite Theologische Prüfung in Berlin, 1940-1945 Militärdienst, 1945-1951 Pfarrer (Verweser) in Potsdam, 1951-1954 Leiter des Seminars für kirchliche Dienste in Berlin, 1955-1967 Landespressepfarrer in Düsseldorf, 1967-1970 Chefredakteur der «Evangelischen Kommentare» in Stuttgart.↩
2
Anfang Juli war der Bericht über Augsburg 1935 (so der Umschlagtitel) erschienen: Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni 1935. Verhandlungen, Reden und Beschlüsse. Im Auftrage des Bruderrates herausgegeben von K. Immer, Wuppertal-Barmen o. J. (1935) 📖; von Kirschbaum hatte ihn am 8.7. von Ernst Wolf bekommen. Offensichtlich hatte sich ihr bei der Lektüre der Predigten, Andachten, Ansprachen und Berichte der schon durch die früher publizierten Beschlüsse der Synode erweckte Eindruck verstärkt, daß die Synode unter episkopalem und konfessionalistischem Einfluß die Linie Barmen ­- Dahlem nicht klar gehalten hatte. Auch Asmussens Ausführungen zum «Wort an die in ihrer Amtsführung behinderten Diener des Evangeliums» (S. 83-85, vgl. auch seine Schlußandacht S. 87–89) konnten dieses Urteil nicht korrigieren.↩
3
D. h. Ch. von Kirschbaum und H. Traub; s. oben S. 552.↩