Der dritte, wieder nur mit K. B. gezeichnete Bericht Barths für die Basler Nachrichten über die aargauische Synode hält und verschärft die Linie der vorangegangenen «Kriegserklärungen»1. Hatte der erste Artikel, soweit zu sehen, kein gedrucktes Echo gefunden und der zweite nur die Apostrophierung als ein «etwas temperamentvoller Bericht»2, erfuhr der dritte nun deutlichen Widerspruch. Das Zofinger Tagblatt3 zitierte mit der Spitzmarke «Die Spielbankinitiative in der Synode» den entsprechenden Passus aus Barths Artikel und kommentierte: Die Synode «hatte aber vollkommen recht». Sie «hat wichtigeres zu tun, als sich mit diesem Hornberger Schießen zu befassen». Mit der Spitzmarke «Die reformierte Kirchensynode auf der Anklagebank» druckten die Aargauer Nachrichten4 Barths Synoden-Bericht ab und schlossen die Vermutung an: «Es ist kaum zu erwarten, daß die Synode diese scharfen Hiebe auf sich sitzen läßt.» Das Aargauer Tagblatt5 gibt «einem außerkantonalen Aargauer» Gelegenheit, «nachdrücklich gegen diese Art der Berichterstattung zu reklamieren». Barths Artikel verdiene, «energisch zurückgewiesen zu werden. Schon frühere Berichte aus derselben Feder waren in einem nörgelnden Ton geschrieben, der letzte übersteigt alles bisher Dagewesene.» In den Basler Nachrichten erschien am 22. April 19146 eine mit F. gezeichnete «kurze Entgegnung», die unterstrich, «wie viele Fortschritte» im Aargau «in den letzten 15 Jahren erzielt worden sind auf kirchlichem Gebiet», und Barths «übertriebenen Pessimismus» kritisierte. Ebenfalls in den Basler Nachrichten replizierte am 24. April 19147 Pfarrer Richard Preiswerk aus Umiken im Aargau: Barths Bericht sei «so obenhin und einseitig, daß eine Richtigstellung nicht kann vermieden |4 werden». Eine «Behandlung der Spielbank-Angelegenheit» sei nur aus zeitlichen Gründen nicht möglich gewesen. «Die betreffende Synodalsitzung war eben eine sogenannte konstituierende Sitzung, das heißt für die vorzunehmenden Wahlen bestimmt». Preiswerk rügte insbesondere, dass Barth keine der Möglichkeiten wahrgenommen habe, im Vorfeld auf die Wahlen Einfluss zu nehmen, und erwähnt ausdrücklich, dass Barth in der «Vorversammlung» des «Synodalvereins der Rechten und der Mitte» «willkommen gewesen» wäre. «Aber leider, ‹null, null›, nichts von alledem; er ist nicht gekommen, er hat nichts getan, er hat nicht geredet, er hat dann nur seinen ungezügelten Bericht geschrieben.» «Herr K. B. sei versichert, für das Hohe und Gute und Rechte, das in ihm ist, und das er will, ist viel Sympathie und Verständnis und Empfänglichkeit vorhanden. Aber so lange er meint, ‹Händel› sei ‹Leben› und ‹Händelsucht› ‹Eifer für das Reich Gottes› und ein so jugendlich, fast studentenhaft vergnüglich ersehnter ‹großer grundsätzlicher Krach› bringe ‹Erlösung›, so lange wird er nicht ‹wirken›, sondern ‹rumoren› und nicht Erfolg, sondern Enttäuschung erleben, denn ‹Es wird niemand gekrönt, er kämpfe denn recht› [2.Tim. 2,5], und: ‹Ohne Mich könnt ihr nichts tun› [Joh. 15,5].» Die Aargauer Nachrichten8 verbuchten die von ihnen vorausgesehene «Antwort auf die Ausfälle eines K. B. in den ‹Basl. Nachr.›», indem sie einen größeren Teil der Replik Preiswerks, der «dem Heißsporn kaltes Wasser auf den Kopf» geschüttet habe, abdruckten und abschließend kommentierten: «Das nennt man eine sanfte biblische Abfuhr. In der Tat ist es schwer begreiflich, wie man sich über die reformierte Synode aufregen kann, welche nicht dazu angetan ist, den Zorn Jehovas auf sich herabzubeschwören, ist sie doch die personifizierte Harmlosigkeit. Des Eifers aber, den gewisse junge Elemente in sie hineintragen möchten, kann sie füglich entbehren. Darin hat Herr Pfarrer Preiswerk recht.»
Barths Mutter Anna Barth kommentierte auf einer Postkarte an ihren Sohn vom 24. April 19149: «Der KB hat überall kräftige Antworten erhalten. Ich kann nicht sagen dies sei unverdient. KB muß den Ton ändern, sonst wird er nicht mehr Ernst genommen u. das wäre |5 schade.» Und sie fügte besorgt an: «Gelt, aber in jedem Fall antwortest du in keiner Zeitung.» Eine Duplik in den Basler Nachrichten hielt Karl Barth jedoch für unerlässlich. Sie erschien am 28. April 191410: «Nochmals die letzte Sitzung der aargauischen Synode» (s. unten S. 33–35) und gab wiederum Anlass zu einer Zuschrift im Zofinger Tagblatt11: «Es muss gehetzt werden». Ein Gegner der «Glücksspiel-Initiative gegen die harmlosen Vergnügungen an den schweizerischen Fremdenorten» polemisiert gegen deren Verfechter, den «sozialistischen Pfarrherrn im Bezirk Zofingen»: «Da der betr. Nörgler, der auch in seiner Gemeinde wenig zum Frieden wirkt, in der Synode eine Abfuhr erlitten, fällt er in unberechtigten Kritiken in den frommen Basler Blättern über diese selbst her. Es ist merkwürdig, wie gering die Synode auf einmal im Ansehen dieses ‹bart›-losen Herrn steht. Er weist ihr nun ‹neue Wege›, welche dazu angetan sind, das ‹schöne Verhältnis in seiner Pfarrei› auch auf andere auszudehnen, welche bis jetzt sehr gut mit ihrem geistlichen Hirten ausgekommen.» «Also Krach an allen Enden wäre des Dieners Gottes liebste Unterhaltung.» Mit der Spitzmarke «Glücksspiel-Initiative u. Kirchensynode» erschien am 4. Mai 1914 im gleichen Blatt12 eine Entgegnung, die hervorhebt, dass es bei der Initiative «nicht um einen Polizeiparagraphen» gehe, «sondern um die Respektierung der Verfassung»13. «Wenn nun ein Pfarrer unseres Bezirks, gleichviel, ob er rötlich angehaucht sei, sich dieser Sache annimmt, so ist es durchaus nicht am Platz, ihn deshalb öffentlich herunterzuputzen.» Für und Wider abwägend, schrieb Barths Schulfreund Willy Spoendlin am 5. Mai 1914 an Barth14: «Deine Polemik betr. Synode habe ich mit Interesse verfolgt. Ich begreife Deinen Ärger über Deine Aargauischen Amtsbrüder sehr gut. Es war nur schade, daß Du in Deinem letzten Artikel gegen Pfr. Preiswerk auf den Schluß hin zu persönlich geworden bist. Man hat die persönliche Verstimmung zu gut herausgemerkt und das hat, wenigstens hatte ich den Eindruck, der Wirkung der Ausführungen am Anfang, die gewiß sehr gut waren, geschadet. Daß es zum aus der Haut fahren ist, bezweifle ich keinen Augenblick.»
6
Aargauische reformierte Kirchensynode
Auf den 16. April ist sie zusammenberufen worden, die neugewählte aargauische Synode, nachdem die alte, wie der freundliche Leser sich vielleicht erinnert, im Dezember ein unrühmliches Ende genommen hat15. Wird es nun anders gehen? Wird es auch in der aargauischen Kirche einmal Frühling werden, neues Leben blühn aus den Ruinen16? Solches zweifelhaft und doch hoffnungsvoll bedenkend, zogen wir in den Aarauer Großratssaal ein, in dem noch vor wenig Wochen der Geist Lhotzkys geweht hatte17. Sagen wir’s nur gleich: es war wieder nichts, gar nichts, Null! Noch fliegen die Raben um den Berg.18 Wie lange noch? Es ist mir wie ein böser Traum, wenn ich an diesen verlorenen Nachmittag in Aarau zurückdenke.
Zuerst Wahlen19: ins Bureau20, in den Kirchenrat, in die Geschäftsprüfungskommission. Dauer: über zwei Stunden! Resultat: Die Bisherigen, fast bis auf den letzten Sessel die Bisherigen! Die beiden dominierenden Coterien21, die «freisinnige» und die «der Rechten und der Mitte» hatten wieder alles vorher abgemacht, und die beiden Listen lauteten wörtlich gleich. So herrlich, friedlich und interessant sind die kirchlichen Verhältnisse im Aargau! Man schimpft zwar ein wenig aufeinander, wenn jeder Teil unter sich ist – ein «Druckfehler»22 |7 der freisinnigen Liste warf auf diese Tatsache ein heiteres Schlaglicht –, aber keine der beiden Parteien findet den moralischen Mut, zu tun, was sie im Herzensgrund eigentlich tun möchte, nämlich gewisse Kandidaten der Gegenpartei zu streichen. Und die rechten Leute, an denen es durchaus nicht fehlt, zeigen keine Lust, sich als Kampfkandidaten aufstellen zu lassen. Also nur immer weiter, ohne Fahne und ohne Grundsatz, hüben und drüben! Quieta non movere!23 über alles. Die Bisherigen, ach die kirchliche Eintracht! Die Bisherigen – Null, Null!
Dann der Antrag Epprecht24: Die Synode soll für die Spielbankinitiative ein Votum abgeben und der Kirchenrat ein ermunterndes Schreiben an die Pfarrämter und Kirchenpflegen ergehen lassen. Selbstverständlichkeiten im Grunde: in der Spielbankfrage können doch alle auch nur einigermaßen erfreulichen Leute nur einer Meinung sein. Vollends wird doch eine Versammlung von Pfarrern und anderer «kirchlich Interessierter», wie man so nett sagt, sich nicht lange fragen, was sie zu tun hat. Selbstverständlich in Neuenburg, in Zürich, im Berner Synodalrat25, nicht selbstverständlich im Aargau. Pfr. Widmer (freis.26): Der Kirchenrat hat die Sache noch nicht geprüft, ohne das können wir heute (die nächste Sitzung findet im Herbst statt!) noch keinen Beschluss fassen. Pfr. Buhofer (freis.): Das letzte Mal haben bei Behandlung dieser Frage viele den Saal verlassen, so dass die Synode beschlussunfähig wurde.27 Das war eine Blamage. Eine solche wollen wir diesmal vermeiden. Also wollen wir lieber auf den Antrag nicht eintreten. Pfr. Hassler (freis.): Ähnliches. Abstimmung28: 31 Stimmen für Eintreten, 65 dagegen. Schluss der Sitzung um ½ 5 Uhr. – Null, Null, Null!
8 Wann wird es anders werden? Wann werde ich keine solchen betrüblichen Berichte mehr nach Basel schicken müssen? Wenn wir einmal einen Krach bekommen, ich meine einen großen erlösenden grundsätzlichen Krach, mitten hinein in unsere Schlafmützigkeit, die alles Sensorium für wichtig und unwichtig verloren zu haben scheint. Dann wird’s anders, vorher nicht.