Christus und die Sozialdemokraten
CHRISTUS UND DIE SOZIALDEMOKRATEN
Christus und die Sozialdemokraten.
Jesus v. Naz[areth] am Kreuz gestorben. Handwerker. Wanderer, redet von Gott, Krankenheilungen. Umgeben von d. Masse, darin einsam. Wer war Jesus? Was bedeutet er für uns Soz[ial]dem[okraten]? Χρ [Christus] ist Antwort auf die Welträtsel, so auch Quelle u. Kraft unsrer Bewegung.
I
Χρ, was er war u. wollte.
Mißverständnisse, die zu vermeiden:
Jesus war nicht Politiker. Versuchung [
Jesus war nicht sozialer Reformator. Soz[iale] Not damals, sah sie, «tat nichts» dagegen. Wünschen wirs anders? Oder verstehen wir ihn[,] gerade als Soz.dem.? Er war nicht Reformer, sondern Revolutionär. Hier müssen wir ihn suchen.
Jesus war nicht Moralprediger. Die wenigsten seiner sittl[ichen] Forderungen sind originell. Gleichsam spielend erhebt er alle Gebote ins Unermeßliche[,] Unmögliche. Nicht leichten Unterrichtsstoff bietet er, sondern Gedanken, die in uns die Sehnsucht erwecken nach einem Leben ohne Moral[,] weil es Leben in d. Wahrheit ist. Wer d[iese] Sehnsucht kennt, versteht Jesus.
Und Jesus ist kein Religionsstifter. Er fordert nicht Zustimmung zu einer Lehre od. Teilnahme an einem Kultus (ein Chr[isten]t[um,] dem das wesentlich wäre, ist ihm fremd!!)[,] sondern mit Allem[,] was er sagt und tut, will er die Menschen durch den Schein hindurch zur Wirklichkeit d. Lebens führen. So kommen ihm Alle die nahe, die bewegt sind von der Frage: was soll d. Leben? was soll d. Welt? Das |133 Chrt. die «Religion» der ernsthaften Menschen. Wer aus der Wahrheit ist.... [
Jesus ist der Mensch, der dem Leben in einzigartiger Weise auf den Grund gegangen ist. Der Schein, die Vorläufigkeiten u. Unvollkommenheiten des Daseins verschwinden, werden bedeutungslos, die eigentliche Welt, die Wirklichkeit tritt hervor.
Die eigentliche Welt, der Grund aller Dinge, ist eine Welt unendlicher siegreicher Güte
Darum ist Not u. Elend u. Tod etwas Vorübergehendes, Angst u. Schrecken davor eine Einbildung, die rechte Haltung ein stilles festes Vertrauen.
Darum ist Selbstsucht u. Unrecht etwas in sich Unmögliches, Sündigen ein Atmenwollen in luftleerem Raum, die Überwindung des Bösen der selbstverständliche Weg
Darum ist die Schwachheit u. Thorheit d. Menschen eine Blindheit, unter der sie selbst am Meisten leiden, die Sünde ist ihnen vergeben, neues Leben wartet ihrer, sobald ihnen die Augen aufgehen
Darum ist eine Gerechtigkeit, die sich mit Beten, Almosen u. Moral zufrieden geben könnte, eine Heuchelei, an ihre Stelle tritt die Sehnsucht nach dem Sieg völliger Bruderschaft u. Barmherzigkeit unter den Menschen.
Darum treibt d. Mensch aus freier Einsicht das Werk, das er tun muß[,] u. alles: du sollst! u. du sollst nicht! ist aufgehoben u. beschlossen in dem einen Gebot d. Gehorsams
Darum giebt es unter den Menschen keine Gleichgültigkeit, keine Feindschaft, keine Anerkennung von Hindernissen mehr, über Alles triumphiert die Liebe, die so stark ist, weil sie auf der Wahrheit beruht.
Diese ewige Güte der andern Welt nennt Jesus den Vater im Himmel. Sein Dasein verbindet uns untereinander u. ordnet unser Leben.
Und wo er erkannt wird, wo die Menschen aus seinen Kräften leben u. ihr Leben u. die Welt gestalten[,] da ist das Himmelreich.
Und das Himmelreich kommt, wo wir glauben[.] Gl[auben] heißt auftun. Die Erkenntnis Gottes (Buße u. Gebet) schafft eine neue innere Stellung zum Leben, die mit Notwendigkeit (Samenkorn [
134 Diese andre Weltist der Inhalt des Lebens Jesu[.] Weil er sie erkannt hat u. in ihr steht, nennt er sich den Sohn des Vaters u. will mit uns nichts Anderes, als uns in sein Verhältnis zum Leben hineinziehen. Sein Leben u. Sterben2 ist Revolution im tiefsten Sinn. Eben darum kann er nicht Politiker etc. sein. Daß es Rev[olution] ist, daß unsre Welt in ihren tiefsten Kräften sich gegen die hereinbrechende Gotteswelt wehrt u. darum überwunden werden muß, das zeigt sich im Kreuze Χρ’i. Eben da aber auch die überlegene Wahrheit der erstern
II
Was hat Χρ mit der Sozialdemokratie zu thun?
Warum sind wir Soz.dem.? Weil wir in Sorge u. Not gemerkt haben, wie der Arbeiterklasse geholfen werden kann? Weil wir schlimme Erfahrungen gemacht mit den herrschenden Gesellschaftszuständen? Weil wir aufgeklärt worden sind über ihre Ursachen u. Wirkungen? Ja, das Alles auch, aber nicht nur das! Denn bei Vielen bestehen diese Gründe u. sie sind nicht Soz.dem. oder sie bleiben es nicht.
Warum bleiben wir Soz.dem.? Trotz aller leichtern Wege, die sich öffnen? Trotz aller raschen Vorteile[,] die anderswo zu gewinnen wären? Trotz dem Krieg, der uns wenigstens dem Anschein nach in unsern Hoffnungen weit zurück gebracht hat. – Weil uns in der soz[ialen] Bewegung ein Glaube entgegentritt, der das Tiefste in uns in Anspruch nimmt u. uns in seinen Dienst zwingt. Und sofort fühlen wir uns bei diesem Glauben an Χρ erinnert u. empfangen von ihm neue Kraft zum Glauben.
Denn was will der Sozialismus? Die Freiheit des Menschen vom Gelde. Nicht die Sachen sollen den Menschen beherrschen, sondern der Mensch soll leben. Seine Würde, die er in der Jagd nach Besitz verloren, soll ihm in gemeinsamer Arbeit zurückgegeben werden. Zweitens eine Neuordnung der Gesellschaft auf Grund der Gerechtigkeit. Durch Ersetzung der Macht durch das Recht und der Klassen- u. Völkergegensätze durch den Frieden[.] Weg dazu: der Glaube
135 Diesen Glauben an Freiheit u. Gerechtigkeit unter den Menschen vertritt die Soz.dem. gegenüber einer Welt, die auf das Geld u. die Macht aufgebaut ist, vertritt ihn als revolutionäre Partei[,] die nicht flicken, sondern neuschaffen will. Ist denn das etwas Anderes, als was Jesus wollte? Ja, Jesus wollte u. brachte noch unendlich viel mehr. Das soz[ialistische] Programm ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Jesu Programm: dein Reich komme! [
Weil wir an die andre Welt glauben, die Χρ uns eröffnet[,] müssen wir trotz Allem uns am Soz. freuen u. dafür arbeiten.
Und weil wir ernsthafte Soz.dem. sein möchten, können wir nicht anders, als in der Botschaft u. im Leben Χρ’i den eigentl[ichen] Kern u. Richtpunkt unsrer Hoffnung u. Arbeit sehen.
III
Was bedeutet dieser Zusammenhang für uns Soz.dem.?
Klarheitu. inneren Halt. Wer das weiß: ich stehe als Sozialist auf der Linie Jesu, der muß mit innerster Seele Soz[ialist] sein, er muß, er lebt im Soz. mit tiefstem Pflichtgefühl. Und mit ruhigem Gewissen u. Vertrauen gegenüber Anfechtungen u. Schwierigkeiten. Und mit einer Klarheit, die ihm nicht erlaubt, wegen Launen u. Vorteilen seinen Soz. aufzugeben. Er gehört zu ihm als eine göttl[iche] Aufgabe. Hat nicht der Krieg gezeigt, daß es zuviel oberflächliche, ängstliche, scheinbare Soz. gab? Die Erk[enntnis] Χρ’i wird uns Soz.dem. die Klarheit u. Sicherheit geben, die uns jetzt noch fehlen.
Kritiku. Wegweisung, die die Soz.dem. als eine menschl[iche] Sache trotz aller Programme etc. nötig hat. Der Krieg hat gezeigt, wie mitten auf dem «Wege z[ur] Macht» alles schief gehen kann, wenn nicht beständige Selbstbesinnung neben dem polit[ischen] Kampf.
136 Unser Ideal muß rein bleiben: nicht Wohlsein, sondern Gerechtigkeit auf Erden. Dann sind wir unsrer Sache sicher, dann begeistern wir nach außen.
Unser Kampfmittel ist die Wahrheit unsrer Sache. Auch polit., gewerkschaftl. Arb[eit] gewiß, aber Achtung, daß dabei der Soz. nicht verloren geht! Er bleibt uns, wenn wir einfach darauf abstellen, damit zu siegen, daß wir recht haben.
Unsere nächsten Ziele sind nicht Wahlerfolge[,] sondern sozialist. Persönlichkeiten. Zuerst wir selbst[,] dann die andern. Zuerst erlöste Menschen, durch diese dann erlöste Verhältnisse. Lieber Wenige[,] aber Echte!
Bürgschaft u. Hoffnung. Wird unsre Partei ihr Ziel erreichen? Unbedingt, denn unser Ziel zeigt[,] wie uns der Blick auf Χρ beweist, einfach [den] Ausdruck der tiefsten Lebenswirklichkeit. Nur wer überhaupt unentschieden am Leben zweifelt, hin u. her zwischen Recht u. Unrecht etc., kann am Soz. zweifeln. So sicher die Welt Gottes triumphiert, so sicher setzt sich die Wahrheit d. Soz. durch über alle Hindernisse hinweg.
Aber vielleicht in sehr andrer Weise als wir denken. Wir können nur der Stimme unsres Gewissens gehorchen u. mit Leib u. Seele Soz. sein. Wohin führt der Weg? Wo ist das Ziel erreicht? Sicher ist, daß es ohne Kreuz nicht gehen wird. Wundert euch nicht, wenn das kommt. Wenn wirs tragen u. festbleiben[,] ringt sich in unserm Leid die wirkl[iche] Welt an den Tag, die auch die Welt des Sozialismus sein wird.
Laßt mich schließen mit
Anhang: Presseberichte zum Vortrag
Anschließend an den Vortrag wickelte die Bezirkspartei […] die ordentlichen Geschäfte ab. […]