1915

Eindrücke aus Deutschland

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EINDRÜCKE AUS DEUTSCHLAND

1915

Am 6. April 1915 fuhr Barth mit seinem Freund Eduard Thurneysen für gut eine Woche in das im Krieg stehende Deutschland. Anlass der Reise war die Hochzeit von Barths Bruder Peter mit Martin Rades Tochter Helene in Marburg, welche am 9. April stattfand. Der zweite Teil der Reise (10.-15. April) führte nach Bad Boll, wo Thurneysen, von Jugend auf dort vertraut, Barth, der als Student schon dort gewesen war, die nähere persönliche Bekanntschaft Christoph Blumhardts vermittelte1. Zu Barths Vorträgen im Blauen Kreuz vgl. oben S. 101f.

Bl† [Blaukreuz] 26. IV 15

Eindrücke aus Deutschland

April 1915

Eindrücke! Nicht viel mehr als das. Aber ein Land im Kriegszustand ist gerade Erlebnis genug. Was man gesehen hat, berührt einen ganz anders!

Äußrer Verlauf. Hochzeit.2 Reise an sich wichtiger. Zürich. Singen. Stuttgart. – Frankfurt Marburg. – Boll Ulm Zürich. [Falscher Zug in Singen, Pfarrer Keller3, Frankfurter Dom. Schachspiel. Studenten|141stadt. Gute Gesellschaft]4

Ein Land im Krieg. «Alles wie sonst» Eisenbahnverkehr (Personen, ob Güter?!) Straßenleben (Flau, wenig Pferde u. Autos.) Stimmung ruhig u. gefaßt. Geschäfte.

Anzeichen.    In der Bahn: Gespräche, Soldaten, Warnung vor Spionen, Mahnung zum Sparen. «Fenster geschlossen». Gott str[afe] England5

                  Haltung geg[en] Fremde: Mißtrauen? Postvisitation
an d. Grenze u. in Marburg. Sprache! Fähnlein. Im Ganzen freundlich
Nahrung. K Brot. Brotkarten.6
Die Opfer.Ausziehende u. zurückkehrende Soldaten Verwundete
Gefangene
Die Zurückgebliebenen
Die Trauernden
Die Internierten.
Dies die äußere Seite der Vorgänge! Schwieriger hineinzusehen.

Die geistigen Vorgänge

Wenig Begeisterung (Soldaten!) Dafür umso mehr zähe selbstverständl. Vaterlandsliebe u. Miterleben[?]. Wenig Rede vom Sieg, dafür vom «Durchhalten»7

142 Aussichten? Man redet nicht davon, jedenfalls nicht vom Frieden. Man rechnet auf Ermüdung d. Feinde – und auf einen nächsten Krieg8

Nationalismus?! Auswüchse verschwinden, Sache bleibt.

Rades Schweigen!!9

Naumann.10 Über Belgien (weiß nicht, alle Pläne sichern.[)] Keine Neutral[itäts]vertr[äge] mehr!

Österreich schlechte Verwalt[ung]. Zollunion
Weltfriede: Mitteleuropa, Schweiz!11
143Marneschlacht12 Niederlage, Füh[run]g schlecht
Jaurès = Juarez = Germanen!!13

Aussichten: die deutsche Marine14[,] keine Kriegsentschädig[un]g.

Relig[iöse] Stell[un]g Eigentlich franziskanisch15 – bin froh über patriot[ische] Relig[ion]. Türkei! – man «braucht» sie16 – aber ich nicht!

Blumhardt Leben mit Jesus. Friede.17 Sündenvergebung. – Welt d. Satans.

144 Wählen zwischen zwei Welten. Dort die andre übermächtig[,] aber es wird schon anders kommen. Graf v. Finkenstein.18

Sachfußnoten

1
Vgl. Busch, S. 96f. 📖↩
2
Nämlich von Barths Bruder Peter, siehe oben die Einleitung. ↩
3
Adolf Keller (1872–1963), damals Pfarrer in Zürich, später (1920–1941) Sekretär des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und (1937–1948) Vizepräsident des Reformierten Weltbundes, einer der Initiatoren der ökumenischen Bewegung in Europa. Im September 1909 war Barth als Vikar Kellers kommissarischer Nachfolger in der Pfarrstelle an der Deutschen reformierten Gemeinde in Genf geworden. Barth traf Keller (laut Eintragungen in seinem Taschenkalender von 1915) am 6. April auf der Reise nach Marburg in Singen und besuchte ihn nochmals auf der Rückreise am 16. April in Zürich. Nach Briefen Kellers an Barth vom 21. und 23.4.1915 (KBA 9315.46 und KBA 9315.47) scheinen ihre Gespräche die theologische Beurteilung des Krieges betroffen zu haben und recht kontrovers verlaufen zu sein.↩
4
Eckige Klammern von Barth.↩
5
Die Wendung kam als Schlachtruf 1914 in Deutschland in Umlauf und wurde auch zu einer Begrüßungsformel: «Gott strafe England!» – «Er strafe es!»↩
6
Eine als Reiseandenken mitgebrachte Brotkarte aus Marburg (seit Februar 1915 in Deutschland eingeführt) befindet sich im Karl Barth-Archiv (KBA 12022). «K Brot» konnte als «Kriegsbrot» und als «Kartoffelbrot» verstanden werden; vgl. Fr. Naumann, Die Kriegsnahrungsrede, in: Die Hilfe, Jg. 21 (1915), Nr. 9 vom 4.3.1915 und Nr. 10 vom 11.3.1915, S. 141f.159f. 📖, der dort S. 159 unter dem Stichwort «Speisekarte» an oberster Stelle einer Liste anführt: «Roggen-Kartoffelmehlsystem. Kriegsbrot.» Zur zweiten Möglichkeit vgl. noch die Meldung in «Die Hilfe», a.a.O., Nr. 10, S. 152, wo berichtet wird, der englische Minister Lloyd George habe vor dem «Kartoffelbrotgeist» der Deutschen gewarnt, den er mehr fürchte als die Strategie Hindenburgs.↩
7
Vgl. Fr. Naumann, Durchhalten, in: Die Hilfe, Jg. 21, Nr. 15 vom 15.4.1915, S. 232f. 📖↩
8
Vgl. zu diesem Stichwort die Schrift Deutschland und der nächste Krieg des Generals Fr. von Bernhardi, Stuttgart 1912.19136 📖, die in England von 1912 bis 1914 14 Auflagen erlebte und dort große Empörung hervorrief (vgl. die Kriegschronik in: Die Hilfe, Jg. 21, Nr. 15 vom 15.4.1915, S. 229 📖).↩
9
Vgl. den Brief Barths an Martin Rade vom 31.8.1914 (Bw. R., S. 95–99, dort S. 96f. 📖): «Aber warum lassen Sie bei dieser ganzen weltlichen, sündigen Notwendigkeit [scil. der Kriegsführung Deutschlands] Gott nicht aus dem Spiele? Meinetwegen durch völliges Schweigen, wenn der ‹harten Realitäten› wegen das Protestieren nicht angeht; Schweigen mit allen religiösen Beziehungen auf das, was die Deutschen jetzt tun müssen, wäre auch ein Protest.» Rade antwortet in seinem Brief vom 5.9. bzw. 5.10.1914 (a.a.O., S. 105–113, dort S. 108): «Zum Schweigen habe ich mich nun auch bekannt (Nr. 34). Aber freilich nicht zu diesem. Alles Schreiben, alles Reden und Schwätzen kam mir in jenem Momente so nichtig vor. Insbesondere dieses reflektierende Wesen, das sich in der ‹Christlichen Welt›, das sich unter uns Theologen so breit macht.» Rade bezieht sich hier auf seinen am 20.8.1914 erschienenen Artikel Von der Lage unsrer Zeitung, in: ChW, Jg. 28 (1914), Sp. 785–787 📖.↩
10
Friedrich Naumann war als Schwager Martin Rades bei der Marburger Hochzeit anwesend; vgl. Busch, S. 96f. 📖↩
11
Die Aussagen über Belgien, Österreich und den Weltfrieden sind Teile der sofort nach Kriegsbeginn einsetzenden «Kriegszieldiskussion», zu der auch das in seiner Bedeutung umstrittene sogenannte Septemberprogramm des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg gehört. Ein mitteleuropäischer Zollverband, der die wirtschaftliche Vorrangstellung Deutschlands in Europa sichern und zu dem auch die Schweiz gehören sollte, wurde besonders vom späteren Außenminister Walter Rathenau gefordert. Über deutsche Annexionen von belgischem Industriegebiet und die Erniedrigung Belgiens zu einem deutschen Vasallenstaat waren sich in dieser Diskussion viele einig (vgl. zur Kriegszieldebatte 1914–1915 Mommsen, a.a.O. [s. oben S. 64, Anm. 22], S. 618–628 📖). Th. Heuss (Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit [Siebenstern-Taschenbuch 121/123], München und Hamburg 19683, S. 361 📖) berichtet: «Ein Gespräch im Januar 1915. Naumann lehnt es ab, in die Unterhaltung über Belgien einzugreifen.» Kurz danach beginnt Naumann die Arbeit an seinem Buch Mitteleuropa, das noch 1915 erscheint. Hier wird eine Kriegszielkonzeption entwickelt, die Deutschland und Österreich-Ungarn mit ihren Nachbarn in einem «mitteleuropäischen Heeresstatut» und in einem Wirtschaftsverband vereint; vgl. Heuss, a.a.O., S. 361–370.↩
12
Nach dem sog. Schlieffenplan überrannten deutsche Truppen in wenigen Tagen Belgien und Nordfrankreich und standen Anfang September 1914 an der Marne, etwa 100 km vor Paris. In einer Schlacht zwischen dem 5. und 9. September wurde der deutsche Vorstoß zum Stillstand gebracht.↩
13
Jean Jaurès (vgl. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 388, Anm. 12 📖) wurde unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 31.7.1914 von einem nationalistischen Fanatiker ermordet. Naumann schrieb in einem Nachruf über ihn (Die Hilfe, Jg. 20, Nr. 32 vom 6.8.1914, S. 510 📖): «Obwohl spanischer Herkunft (Juarez) war er mit Leib und Seele französischer Staatsmann, und zwar in Richtung auf deutsch-französische Annäherung.» – Zum Stichwort «Germanen» im Zusammenhang mit der politischen Sicht Naumanns vgl. unten S. 537 Barths Wiedergabe von Naumanns Vision «germanischer Weltbeherrschung».↩
14
In «Die Hilfe 📖» hat Naumann immer wieder große Hoffnungen auf die Möglichkeiten der deutschen Marine gesetzt, den englischen Handel empfindlich zu treffen; vgl. Heuss, a.a.O. (s. oben Anm. 11), S. 370–379 📖.↩
15
Naumann hatte sich schon vorher mit Vorbild und Grenzen des Franz von Assisi auseinandergesetzt und eine besondere Bedeutung des franziskanischen Geistes für das Verständnis des Menschen im Kapitalismus behauptet; vgl. oben S. 51, Anm. 13; S. 56, Anm. 27, und unten S. 535, Anm. 24.↩
16
Vgl. unten S. 537 aus dem Bericht Barths über sein Marburger Gespräch mit Naumann: «‹Alle Religion ist uns jetzt recht›, sagte er uns damals wörtlich, ‹heiße sie Heilsarmee oder Islam, wenn sie nur dazu taugt, uns den Krieg durchhalten zu helfen›.»↩
17
In Bad Boll hörte Barth (nach seinem Taschenkalender) am 10. und 11. April je eine Predigt Chr. Blumhardts: über «Leben und Sterben mit Christus» und über «Friede sei mit euch!» – Am 21.4.1915 schrieb er aus Safenwil an seinen Lehrer Wilhelm Herrmann in Marburg (Bw. R., S. 130f. 📖; vgl. oben S. 61f.): «Es tat mir herzlich leid, Sie bei meinem Besuch in Marburg nicht zu treffen. [...] Wir sind mit starken Eindrücken aus Deutschland zurückgekommen. Meine stärksten waren die, die ich hatte von der Frömmigkeit Friedrich Naumanns und Christoph Blumhardts in Boll.»↩
18
Anscheinend traf Barth in Bad Boll Günther Graf Finck von Finckenstein (1852–1923), der zum Blumhardt-Kreis gehörte (vgl. J. Dyck, Gottfried Benn. Einführung in Leben und Werk, Berlin/New York 2009, S. 3 📖).↩