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Friede

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FRIEDE

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Der Aufsatz in der «Glocke», dem «Monatlichen Organ des Christl. Vereins junger Männer» in Zürich, in dem Barth bereits 1912 publiziert hatte1, geht zurück auf einen nicht erhaltenen Vortrag, den Barth in Seon am 17. Februar 1915 zum Abschluss einer «Art Evangelisation»2 hielt. Rudolf Pestalozzi lud Barth am 27. April 1915 ein, seine Darlegungen «zu einem Leitartikel für die nächste ‹Glocke›» zu «verarbeiten».3 In Seon hatte am ersten Abend der Ortspfarrer Max Dietschi über «Unser Gottesglaube und der Krieg» gesprochen, am zweiten Eduard Thurneysen über «Jesus und der Krieg»4 und am dritten Pfarrer Fritz La Roche aus Kulm über «Weltkrieg und Weltmission». Nach der Skizze seiner Ausführungen, die Dietschi am 6. Februar 1915 an Barth schickte, war ihre Pointe: «auch der Krieg ist in seiner [scil. Gottes] Hand, wie jedes Übel, ein Erziehungsmittel zu seinem Reich, das über den Völkern und Nationen steht». Barths Gedanken, wie sie dann im Druck erschienen, wurden offensichtlich als Ausdruck einer genau entgegengesetzten Betrachtungsweise verstanden. So schreibt ihm Paul Wernle am 2. Juni 1915: «Ich las soeben mit Bewegung Ihren Artikel vom Unfrieden in der Glocke.» «In aller Freundschaft» dürfe er sagen, «dass diese Art, wie Sie nun einfach Gott zum ganzen Weltgeschehen in ausschliesslichen Gegensatz stellen & damit wieder die Losung vertreten, man müsse Gott nur jenseits der Weltwirklichkeit suchen, für mich sehr unbefriedigend ist.» «Die reine Entgegensetzung Gottes zu diesem furchtbaren Krieg» scheine ihm immer auf «Ausschaltung» Gottes «hinauszulaufen». Ähnlich schreibt Fritz Zulauf am 15. Juni 1915, dass in Barths Betrachtung der Friede «etwas gar zu sehr in den Wolken zu schweben» scheine. Wie ernst Barth den in dieser Kritik zum Ausdruck kommenden Gegensatz nimmt, wird in seiner Antwort an Wernle vom 9. Juni 1915 deutlich: «Darin sind wir einig, |146 daß nun nichts hilft, als zu warten, und unterdessen jeder auf seine Weise fortzufahren. Nehmen Sie es mir darum bitte nicht übel, verehrter Herr Professor, wenn ich auf Ihre Bedenken gegen meinen Glocke-Artikel nicht eintrete, aber ich bin jetzt nach Allem zu fest überzeugt, daß nur neue und ärgere Missverständnisse u. Zerwürfnisse entstehen würden.»

Aus Deutschland schreibt Martin Rade am 8. Juni 1915, am wenigsten sei er einverstanden mit dem, «was Du über Gott schreibst». «Es ist wirklich um Gott nicht eine so einfache Sache.»5 Und Wilhelm Heitmüller wirft Barth in einer langen «Epistel» vom 13. Juni 1915 vor, er habe in seiner Betrachtung einseitig das genannt, «was nach Ihrer Meinung unser Schuld-Conto belastet». «Diese neutrale Unparteilichkeit aber, – ja sie verfehlt ihres Eindrucks.»6

Außer den theologischen und politischen Diskussionen, die Barths Aufsatz auslöste, ist noch die Rolle bemerkenswert, die er in den Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern Karl, Peter und Heinrich Barth über die Rolle der Schweiz in dieser Zeit spielte.7 Nach dem Eintritt Karl Barths in die Sozialdemokratische Partei am 26. Januar 1915 und dem im Frühjahr 1915 erfolgten Eintritt Peter Barths in die 1914 zur Förderung der Eigenständigkeit der Schweiz und des innerschweizerischen Zusammenhalts gegründete «Neuen Helvetische Gesellschaft»8 waren die Gegensätze deutlich geworden. In seinem Brief vom 8. Juni 19159 verweist Peter Barth seinen Bruder Karl auf seinen demnächst erscheinenden Artikel im Zofinger Centralblatt und bittet ihn, sich bei der Lektüre nicht zum Zorn hinreißen zu lassen: «Deinen und Thurneysens Artikel in der Glocke haben wir mit Beifall gelesen. Also rieche du auch nicht mehr Zornkraut als nötig.» Heinrich Barth markiert den Gegensatz zwischen den Brüdern, wenn er am 23. Juni 1915 an Karl Barth schreibt: «Heute ist bei mir der Centralblattartikel von Peter eingetroffen, kurz nachdem auch dein Glockenartikel in meine Hände gelangt war. Daß ich deine Haltung ablehne und derjenigen von Peter zustimme, weißt du.» Es sind wohl vor allem zwei |147 Punkte, an denen die Meinungen auseinandergingen: Peter Barth warnt wie vor dem Einfluss des Auslandes auf die Schweizer Politik und Wirtschaft, so auch vor der «gegensätzliche[n] kurzsichtige[n] Parteinahme für die entgegengesetzten Kriegsparteien»: «Endlich wird aber auch durch den geschichtslosen Internationalismus, der den Blick verloren hat für die wahrhaftig nicht gleichgültigen besondern Werte unseres schweizerischen Staates, schließlich nur diesen imperialistischen Tendenzen des Auslandes in unverantwortlicher Weise Tür und Tor geöffnet.»10 Auch eine zweite Forderung dürfte Widerspruch geweckt haben: «Die Aufgabe, unsere Demokratie als Verfassung noch weiter auszubauen, muß uns klar in zweiter Linie stehen hinter der Aufgabe, auf den bis dahin erreichten demokratischen Voraussetzungen und mit ihren Mitteln gemeinsam eine sittlich hochstehende, gesunde Volkskultur zu schaffen.»11 Am 5. Juli 1915 zieht Peter Barth auf einer Briefkarte an Karl Barth12 ironisch ein vorläufiges Fazit: «Wernle hat meinen Aufsatz im C-Bl. ebenso von Grund aus abgelehnt wie du und Thurneysen. Er schrieb mir einen sehr eifrigen zornmütigen Brief […]. Immerhin wäre diese Einigkeit in der Ablehnung vielleicht ein Grund neuer Annäherung zwischen dir und ihm.»

Friede

Friede? Der Friede ist weit weg! Der Frühling, den wir anzusingen gewohnt waren: «Nun, armes Herz, vergiss der Qual, nun muss sich Alles, Alles wenden!»13, hat die «Operationen» im Osten und Westen aufs neue in Fluss gebracht, hat dem furchtbaren «Durchhalten» hüben und drüben neuen Sinn und Schwung gegeben, hat Europa und uns Schweizer damit in das unheimliche Hangen und Bangen wegen der Haltung Italiens14 versetzt. Friede? Wir können die militärische |148 und politische Seite der Frage ganz beiseite lassen: auch die innere Annäherung und Verständigung zwischen den Völkern scheint ferner als je. Das einzige Wort «Lusitania»15 bedeutet eine Unzahl von endgültig zerrissenen Fäden von Vertrauen, Achtung und Sympathie, eine ganze Wolke von neuem Gift und Hass. Und in die immer tiefer und schwerer werdende Entzweiung der Geister sind wir alle hineingerissen, auch die von uns, die von Anfang an nicht mithassen, sondern mitlieben16 wollten. O, unser Wollen! Fragt unsere reichsdeutschen Freunde, fragt unsere welschen Miteidgenossen, fragt die Andersdenkenden unter uns selbst, als was sie uns ansehen. Als Partei unter Parteien, als Streiter unter Streitern! Dass es noch etwas Anderes geben könne als Angreifer und Verteidiger, als Rechthaber und Unrechthaber, das scheint ihnen eine ganz fremde Möglichkeit, und wir werden wohl nicht unschuldig sein daran. Und nun schweigen wir, weil alles Andere zur Verlegenheit wird, und sagen damit deutlicher als durch irgend etwas Anderes, dass wir auch keinen Weg mehr wissen zu Gedankenaustausch und Verständnis und Gesinnungsgemeinschaft, und bekennen, dass wir in der Welt des Unfriedens selber mitten drin sind. Wir und ihr! Wir müssen alle Zornkraut riechen17. Erstaunlich viele Bande der Freundschaft, der Verehrung, der gemeinsamen Arbeit haben sich gelockert in dieser Zeit. Wir sind uns wohl alle unseres Eigenen bewusster geworden als früher und darum auch unserer Grenzen gegen die Andern, und so sind wir mit Manchem unter lauten Reden und Explosionen oder in aller Stille auseinander gegangen, von dem wir bis jetzt harmlos meinten, man verstehe sich und gehöre zusammen. Eine höhere Notwendigkeit scheint in dem allem zu walten, dem sich kein Einzelner entziehen kann. Wir müssen. Aber das ist klar, dass dies persönliche und geistige Auseinandergehen |149 Unfriede ist, so gut wie die Rassen- und Interessenkämpfe der Völker, die jetzt draußen mit den Waffen, mit spitzen, bösen Federn und zornigen Gedanken-, Gefühls- und Wortfluten ausgefochten werden. Nicht der Krieg ist der Unfriede. Er ist auch nicht des Unfriedens Ursache. Er hat es nur an den Tag gebracht, dass wir alle auf dem Boden des Unfriedens leben, dass wirkliche Gemeinschaft unter uns etwas Seltsames, Ausnahmsweises ist. Eines Hand war wider die andere [vgl. Gen. 16,12] und ein Jeglicher sah auf seinen Weg [Jes. 53,6; vgl. 56,11].

Auf dem Boden des Unfriedens kann es keinen Frieden geben. Der Krieg da draußen wird ja eines Tages mit einem «Frieden» endigen. Wir werden aufatmen. Die Menschheit hat Pause. Die Gegensätze äußern sich auf eine Weile in höflicherer Weise als durch Torpedos und Fliegerbomben. Aus dem Aufruhr der Kräfte wird wieder Gleichgewicht wie zuvor. Handel und Wandel kommen in Gang und auch die internationalen Komitees der Christen und der Heiden haben wieder das Wort. Alles bis zum «nächsten Krieg»18, von dem auch die Friedfertigsten draußen jetzt schon reden als von etwas Selbstverständlichem! Auf dem Boden des Unfriedens gibt es keinen Frieden. – Auch die geistigen und persönlichen Spannungen werden nachlassen. Und wir werden unseren Welschen wieder in die Augen blicken, wir werden – du liebe Zeit, man kann ja nicht ewig grollen – vergessen, dass wir so uneinig als möglich waren, und der Weizen der jetzt so ängstlichen und eifrigen helvetischen Patrioten wird herrlich blühen. Und wir werden die Bücher und Zeitungen unserer ausländischen Freunde wieder getrost und mit Gewinn lesen, ihre Briefe und sie selber werden wieder zu uns kommen, wir werden über das Peinliche gerne schweigen und uns all des Gemeinsamen freuen, das uns früher mit ihnen verband und das uns dann auch wieder wichtiger sein wird als das, was uns jetzt trennt. Und aus der Verwirrung und Zersplitterung der Geister werden wieder Gruppen und Zusammenhänge und Verständigungen hervorgehen, und es wird überall nach Leim und Kleister riechen, mit dem die Ritzen und Spalten und Klüfte, die das Erdbeben verursacht, freundlich verstrichen werden. Bis das nächste Erdbeben es an den Tag bringt, dass wir noch immer ein jeglicher auf |150 seinen Weg sehen. «Hüter, ist die Nacht schier hin?» – «Es kommt der Morgen, aber auch die Nacht. Wenn ihr schon fragt, so werdet ihr doch wieder kommen und wieder fragen!» [Jes. 21,11]. Auf dem Boden des Unfriedens gibt es keinen Frieden. Auf diesem Boden ist Eigenwille und Gegensatz, Protest und Diskussion und verlegenes Schweigen, Kopfschütteln und Auseinandergehen, Krieg und Kriegsgeschrei, Belgien19 und Lusitania und die Politik der Italiener – höhere Notwendigkeit und alle Predigten, Überzeugungsausbrüche und fromme Wünsche werden daran nichts ändern.

Bis über die höhere eine höchste Notwendigkeit kommt. Gott ist der Friede [vgl. Eph. 2,14]. Gott ist keine Partei. Er sondert sich nicht ab und er diskutiert nicht. Er hat keinen Standpunkt, und er will nicht recht behalten. Obwohl er doch das alles auch hat, und in ganz anderer Fülle als wir Menschlein, das, dem wir unsern Unfrieden schuld geben: Eigenart, Einsicht, Willen, Kraft. Gott liebt nur. Gott ist nur Vater, «von altersher ist das sein Name» [vgl. Jes. 63,16]. Umsonst, dass wir uns auf seine Naturordnung berufen, wenn wir seine schönste Gabe, das «höchste Glück der Erdenkinder»20: dass ich ich sein darf und du du, der Deutsche Deutscher und der Engländer Engländer, Paulus Paulus und Petrus Petrus – zum Anlass des Zankens, Bellens und Schießens machen. Er ist nicht dabei, wir machen’s ohne ihn. Denn in Gott ist die Harmonie aller seiner Geschöpfe und Kinder. Und die Harmonie unserer Verschiedenheiten ist die höchste Notwendigkeit über den Völkern und über den Köpfen und Herzen allzumal. Diese höchste Notwendigkeit wartet eigentlich in einem Jeden von uns, wartet seit 2000 Jahren im Evangelium Jesu auf unsere Anerkennung. Der Friede ist die Wahrheit des Lebens, weil Gott der Friede ist. Aber wir können doch von unsern Standpunkten und Gegensätzen nicht lassen, wir können doch nicht Frieden halten?! Ja, wir können es freilich nicht, und tun gut, es uns ganz klar einzugestehen: darum nicht, weil die Notwendigkeit des Vaters nicht so stark ist in |151 uns, dass wir zum Frieden einfach gezwungen sind, dass es uns so selbstverständlich ist, wie jetzt «der nächste Krieg». Gott wartet auf uns – und wir müssen wohl auch warten – nicht auf den «Frieden», nicht auf Verständigungen und Konferenzen zwischen uns, denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – aber darauf, dass jene höchste Lebensnotwendigkeit in uns allen ganz anders drängend und klar werde, darauf, dass Gott wahrhaftig seinen Geist des Lebens und der Gemeinschaft ausgieße über alles Fleisch [vgl. Joel 3,1; Act. 2,17] und wir in ihm den Vater und in einander die Brüder erkennen, darauf, dass wir atmen lernen in der Luft Gottes. Der Boden des Friedens muss gelegt werden, auf dem der Friede wachsen kann: der Völkerfriede, der Friede zwischen den Rechthabern und Unrechthabern, der Friede zwischen dem Licht in dir und dem Licht in mir, der Friede im Schweizerhaus und über die Grenzen, der Friede in Safenwil und der Friede in Zürich. Durch was werden wir noch alles hindurch müssen, bis dieser Friede wachsen kann?

Sachfußnoten

1
Vgl. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 480–484 📖.↩
2
So Pfarrer Max Dietschi in seiner Einladung vom 20.1.1915 (KBA 9315.9). Vgl. auch Bw.Th. I, S. 27, Anm. 3 📖.↩
3
Brief von R. Pestalozzi an K. Barth vom 27.4.1915 (KBA 9315.49).↩
4
Auszüge aus diesem Vortrag in einer Zürcher Fassung wurden in der gleichen Nummer der «Glocke» (Jg. 23 [1914/15], Nr. 9, S. 56f.) 📖 abgedruckt.↩
5
Bw. R., S. 131 📖.↩
6
KBA 9315.79.↩
7
Vgl. Busch, S. 94f. 📖↩
8
Vgl. oben S. 113, Anm. 30.↩
9
KBA 9315.75.↩
10
P. Barth, Unsere vaterländische Aufgabe, in: Centralblatt des Zofinger-Vereins, Jg. 25 (1914/15), S. 671–687, dort S. 674 📖.↩
11
A.a.O., S. 682 📖.↩
12
KBA 9315.89.↩
13
Schlusszeilen des Gedichts «Frühlingsglaube» von L. Uhland 📖.↩
14
Italien war sowohl den Mittelmächten als auch der Entente vertraglich verpflichtet. Die darum zunächst aufrecht erhaltene Neutralität endete schließlich mit der Entscheidung zur Kriegserklärung an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 und an das Deutsche Reich am 28. August 1915.↩
15
Die Versenkung des großen englischen Passagierdampfers «Lusitania» durch ein deutsches U-Boot am 7. Mai 1915 war «eine Katastrophe für die deutsche Sache»: sie «wurde in den neutralen Staaten, vor allem in den USA, als handgreiflicher Beweis für den barbarischen Charakter der deutschen Kriegführung angesehen» (Mommsen, a.a.O. [s. oben S. 64, Anm. 22], S. 651 📖).↩
16
Vgl. Sophokles, Antigone, V. 521 📖 (vgl. Büchmann, S. 312 📖).↩
17
Im Austausch der Brüder Karl, Peter und Heinrich Barth kommt die Wendung im Sinne von «sich zum Zorn motivieren lassen» öfter vor.↩
18
Vgl. oben S. 142, Anm. 8.↩
19
Die Verletzung der Neutralität Belgiens und die Vorgänge nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 3. August 1914 «kompromittierten die deutsche Kriegführung in verhängnisvoller Weise» (Mommsen, a.a.O. [s. oben S. 64, Anm. 22], S. 587, vgl. S. 584–587 📖).↩
20
Vgl. J. W. von Goethe, West-östlicher Divan, Buch Suleika, «Volk und Knecht und Überwinder» 📖.↩