Die innere Zukunft der Sozialdemokratie
DIE INNERE ZUKUNFT DER SOZIALDEMOKRATIE
In seinem Pfarrerkalender hat
Dem Manuskript liegen Exzerpte bei, die Barth aus verschiedenen Publikationen ausgezogen hat. Er hat von ihnen offensichtlich in seinem Referat Gebrauch gemacht. Sie werden daher im Anschluss an den Text wiedergegeben. Soweit die Anmerkungen sich auf diese Exzerpte beziehen, werden diese als «Exz.I», «Exz.II» etc. zitiert.
Die innere Zukunft der Sozialdemokratie.
Die Soz[ial]dem[okratie] hat, weniger äußerlich als innerlich, versagt.
Ob äußere Programmänderung nötig sein wird im Sinn des Syndikalismus u. Anarchismus, sei dahingestellt.6 Ebenso taktische Fragen!
Wir richten unsre Aufmerksamkeit auf die innere Zukunft[,] auf den sozialistischen Geist, der kommen muß, wenn es anders werden soll.
Ist es (im Sinn der Väter des Sozialismus) bürgerliche Ideologie, überhaupt vom Geist in den Menschen zu reden[?]7
Die neue sozialistische Gesinnung
Die alten seelischen Voraussetzungen des Soz[ialismus] müssen von den Einzelnen ganz anders ernst genommen werden u. zum Leuchten kommen.
a) Der Inhalt des Sozialismus ist Gerechtigkeit für die Menschheit, nicht blos Verbesserung des Loses der Arb[eiter]klasse. Mit der ersten stellt sich die letzte ein. Ein egoistischer Sozialismus in13 Widerspruch in sich selbst u. wird solche Konzessionen machen müssen wie jetzt in
b) Der Weg des Sozialismus ist die Siegeskraft seiner Wahrheit.14 Der Kampf um die polit. u. wirtschaftl[iche] Macht stellt ihn äußerlich dar, aber notwendig nur unvollkommen. Der Soz[ialismus] vertritt die absolute Gerechtigkeit, sein äußeres Thun wird immer nur relativ gut sein, seine Schlagkraft muß er aus andern Tiefen nehmen, sonst ist er zankende[,] übel riechende, kompromisselnde Partei unter andern. Das Vertrauen auf jene Tiefen macht den Kampf möglich u. veredelt ihn.
c) Das Ziel des Sozialismus ist die freie[,] reine Persönlichkeit. Der Zukunftsstaat ist dabei nur Mittel zum Zweck. Darum kommt es schon jetzt nicht darauf an[,] Mitglieder, sondern Sozialisten zu gewinnen u. zu werden, die solche P[ersönlichkeiten] sind u. werden möchten: Erlöst vom Egoismus des Bürgertums, erlöst von seinem |155 falschen Idealismus, erlöst von einem halbernsten Christentum, erfaßt von der transzendenten Kraft der sozialistischen Wahrheit. Nur Erlöste können erlösen. Der neue Mensch muß geschaffen werden15
Was thun? Sektierer abseits von der Partei? Anarchist N. W. S. 235
Pflege des persönl[ichen] Lebens. Familie. Kleine freie Kreise, Bruderschaften zur Stärkung der Gesinnung u. des Geistes, der lebendig macht [
Beilagen: Exzerpte
Zu wenig persönl. Sozialismus, zuviel polit. Machtstreben unter Aufpeitschung antisozialer Triebe. Sozialismus siegt durch sich selbst. Vertrauen in die Sache. Person in den Dienst der Idee
Persönlichkeit möglich in der Partei, weil richtige Orientierung des Ganzen trotz Verdorrung im Einzelnen[.] Partei stärken, aber nicht als Partei[,] sondern als Inhalt. Nicht Sektierer, sondern mittragen als «Salz der Erde» [
Kein engelhafter Charakter vorausgesetzt:
Nötig blos: Intelligenz, Disziplin, Organisationstalent[.] Diese wurden von der kapitalist[ischen] Gesellschaft geschaffen!! Und vom Kampf des Proletariats! Alles schon da[.] Proletarier brauchen sich nicht zu ändern!!
Die angebliche Vorbedingung ist Ergebnis des Sozialismus.
| Die Anklagen: | Der ökonom[ische] Faktor in d. Geschichte |
| Die Relativität des Rechtes Die Inaktivität des Chr[isten]t[um]s |
Die Besitzfrage: soll aus d. Welt geschafft werden durch endgiltige Lösung. Unbehilflichkeit beweist ihre Größe.
Der Reformismus bedeutet Preisgabe des Besten in der Soz[ial]dem[okratie]!
Der angebl[iche] Materialismus rückt gerade den lebendigen Menschen in den Mittelpunkt, gegenüber dem Egoismus des Einzelnen, dem Privatinteresse
157 Das Realste vom Realen sind wir selbst. Unser Menschentum muß zu Ehren kommen. Die Persönlichkeit ist das Prinzip des Kommunismus, der Komm[unismus] das Reich der Persönlichkeit. Individuelle u. soziale Besonderheit mag bleiben, aber der Besitz darf nicht mehr aller Werte Maßstab sein.
Die innere Welt muß eine andre werden, von außen her allein kommt das Heil nicht.
Andre Menschen! S. 190!!24
N. W. Juli 191525
Marxismus als Weltanschauung verschwunden [Selbstwirkendes ökonom. Gesetz, das den Klassenkampf erzeugt. Polit. Kampf kann nur die Katastrophe beschleunigen]26
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Der neue Mensch muß geschaffen werden. Sozialistische Lebensformen schon innerhalb d. bürgerl[ichen] Welt (Genossenschaften u. Gewerkschaften mit syndikalist[ischer] Tendenz!)30 Neues Menschheitsbewusstsein31, nicht Nur-Kämpfer: Kulturmenschen. Durch andre M[enschen] zu andern Verhältnissen[.] Jetzt schon Sprung in das R[eich] der Freiheit, heute noch!32
Das gesellschaftl[iche] Sein bestimmt d. Bewußtsein. Die Produktion des unmittelbaren Lebens ist d. bestimmende Moment in d. Geschichte.
Verneint den Willen nicht, zeigt die Ursachen seiner Entstehung.
159 Wir machen unsre Geschichte selbst, aber (leider!) bis jetzt nicht mit Gesamtwillen nach Gesamtplan sondern in Unordnung. Darum herrscht die wirtschaftl[iche] Notwendigkeit
Darum gewerkschaftl[iche] Selbsttätigkeit
Nur Supposition od. Hypothese[,] nicht letztes Wort der Wissenschaft
Dieser Krieg ist Konsequenz d. Kapitalismus. In diesem Augenblick wird der Soz[ialismus] national! Z. T. zum Profitsozialismus. Warum?
Er konnte nicht anders
Gegen die Entfaltung des reinern Lebenswillens wirkt die Lähmung: Zielherabsetzung u. Vertretungssystem
Sozialismus: Histor[ische] Lage + Ideal
a) Die histor. Lage wird mechanisch gedeutet. Daher Optimismus u. Opportunismus
b) Das Proletariat verliert den Glauben, seine Aktion wird mechanisch
Entstell[un]g d. Marxismus: histor. Fatalismus u. enge Auffassung vom Klassenkampf (infolgedessen Nationalismus u. Pakt mit d. Industrialismus)
Revisionismus, Anarchismus, Syndikalismus als Gegengewichte.
Die Internationale als geistige Potenz war nur auf dem Papier, wie das Chrt. Vgl.
| Also: | nicht Reformarbeit nicht «unechte» Revolution |
| Sondern: | Kollektivangriff von neuem Geist beseelt |
Anarchismus hat praktisch versagt. –
Anarch[ismus] ist eine hohe menschl[iche] Ordnung. Inkonsequenz: Ungerechte Mittel zu ihrer Herbeiführung.
Sozialistisch leben ist d. Weg zur sozialist[ischen] Gesellschaftsordnung[.] Wir können nicht warten bis nach der Revol[ution]. Die Schuld ist nicht beim Staat u. der Kapit[alisten-]Klasse allein, sondern im Persönlichen.
Moral[isch-]relig[iöse] Aufrüttelung der Arb[eiter] ist die nächste Aufgabe.
Ist das möglich in der Soz[ial]dem[okratie]? Nein, das Vertretungssystem ist der Tod.
Jeder Einzelne gehe seinen Weg als Vollstrecker des Gotteswillens.