1915

Was heißt: Sozialist sein?

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WAS HEISST: SOZIALIST SEIN?

1915

Barth berichtet am 18. August 1915 Thurneysen über seine Darlegungen im engeren Kreis der Mitglieder des Arbeitervereins Safenwil: «Am Montag hielt ich im Arbeiterverein eine Rede über: ‹Wer ist Sozialist?› (Antwort: wer es im Herzen ist) unter Seitenblicken auf den Krieg und auf die Prügelei am 1. August. Ich fand ganz geduldige freundliche Zuhörer. Sie wollen dich diesen Winter oder Herbst auch einmal kommen lassen und werden wohl bald schreiben. Vielleicht redest du auch lieber so in einer Mitgliederversammlung? Ich finde wir können unsere Sache dabei besser sagen als bei den großen Betrieben mit Männerchor, öffentlichen Inseraten etc.»1

Was heißt: Sozialist sein?

Arb[eiter-]Ver[ein] Safenwil 16. VIII 15
  • Die Gegner sagen: die Unzufriedenen, Nörgler, Schimpfer
  • Die trägen Mitglieder sagen: die Beiträge zahlen, Zeitung halten u. in d. Versammlung gehen.
  • Der Vorstand sagt: die fleißig in die Vers[ammlung] gehen, u. bereit sind zum Agitieren etc.
  • Die eifrigen Sozialisten: die von der Wahrheit u. Geltung des Programms überzeugt sind u. danach thun.

Das ist Alles wahr, aber das genügt nicht. Es gab am 1. VIII 1914 genug Sozialisten in diesem Sinn in allen Ländern. Aber wo blieb das[,] was im ersten u. letzten Satz des Programms geschildert ist?2

162 Die bisherige gesellschaftl. u. staatl. Ordnung konnte ihre schrecklichste Folge zeitigen: den Weltkrieg

Die Sozialisten konnten nichts dagegen thun!┐   ganz wie
Die Sozialisten mußten mitmachen! ├   beim
Die Sozialisten wollten mitmachen!!┘   Christentum!

Es zeigte sich auf einmal: sie sind gar nicht so gefährlich, sie lassen im Grunde schon mit sich markten.

Wir möchten aber diesen Ordnungen gefährlich werden, sonst wollen wir zusammenpacken.

Wo fehlts u. wie solls anders werden?

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Es braucht innerliche Sozialisten, einen Seelen-[,] Gemüts- u. Gewissenssozialismus, der standhält

3 Sterne müssen uns dazu leuchten:

1. Sozialismus bedeutet Gerechtigkeit

Der jetzige Weltzustand bedeutet Ungerechtigkeit, weil willkürliche Herrschaft der unpersönlichen Kapitalsmacht. Unter ihr leiden die «Armen»[,] aber auch die «Reichen». Von ihr muß der Mensch befreit werden, alle Menschen! Sozialismus ist also nicht blos Arbeitersache. Nicht eine Frage des Egoismus. Mit der Gerechtigkeit stellt sich das bessere Los von selbst ein. Am schlimmen Los der Arbeiterklasse mag uns die Not zum Bewußtsein kommen, aber der |163 Stern[,] der uns führt im «Klassenkampf»[,] heißt Menschlichkeit u. nicht bessere Arbeiterverhältnisse.

2. Der Sozialismus siegt durch seine Wahrheit.

Und der politische etc. Kampf? Verhält sich zur soz[ialistischen] Wahrh[eit] wie der Körper zum Geist. «Die Soz[ial]dem[okratie] tritt aus dem Rahmen einer polit[ischen] Partei weit heraus.»3 Die Macht zu gewinnen ist nicht das Wesentliche, nicht ihre Stärke. Sie darf nicht um jeden Preis Macht gewinnen wollen. Sie gewinnt auf die Dauer auch nur dann Macht, wenn sie von jenem tiefern Wollen getragen ist.

3. Der Sozialismus zielt auf den freien Menschen[,] die Persönlichkeit.4 Die soll im «Zukunftsstaat» möglich werden. Dann muß sie aber schon jetzt Hauptsache werden. Menschen, die erlöst sind a) vom Egoismus, b) von den falschen Idealen[,] c) von der Genußsucht des Bürgertums. Nur Erlöste können erlösen.

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Die polit.[,] wirtschaftl. etc. Bemühungen müssen damit Hand in Hand gehen.

  • Nicht: zuerst bessere Menschen, dann bessere Zustände
  • Nicht: zuerst bessere Zustände, dann bessere Menschen
  • Beides mit[-­] u. ineinander.

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Was thun? Alles thun, was ein Parteimitglied thun muß um der Erfüll[un]g des Programms zuzustreben. Also nicht anarchistische Sektiererei!

Aber wissen[,] daß es darauf nicht ankommt. Der Inhalt des Sozialismus, der sozialist. Mensch muß stark werden, weniger wichtig ist die Macht.

Pflege des persönlichen Lebens durch Selbstbetrachtung! Lektüre! Natur! Kinder! Kirche! Familienleben. Grundsätze predigen u. anwenden! Freundeskreise. Ohne zu schimpfen u. zu politisieren, sich bestärken u. vertiefen in der Gemeinschaft des inneren Sozialismus.

Sachfußnoten

1
Bw.Th. I, S. 71 📖. Die Bemerkung über den lokalen Zwischenfall einer Prügelei am Schweizer Nationalfeiertag ist dort weggelassen. Zum Arbeiterverein Safenwil vgl. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 361f. 📖↩
2
Programm der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (1904), abgedruckt als Anhang in: Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Schweizerischen sozialdemokratischen Partei, abgehalten in der Tonhalle in Zürich am 20. und 21. November 1904, Zürich 1905 📖. Der erste Satz der einleitenden «Prinzipienerklärung» lautet (S. 77): «Das Endziel der Sozialdemokratie bildet eine Gesellschaftsordnung, die durch die Beseitigung jeder Art von Ausbeutung das Volk von Elend und Sorge befreit, Wohlstand und Unabhängigkeit sichert, und damit die Grundlage schafft, auf der die Persönlichkeit sich frei und harmonisch entfalten und das ganze Volk zu höhern Kulturstufen aufsteigen kann.» – Der letzte Satz steht in einem durch Sperrdruck hervorgehobenen Schlussabschnitt über die «Weltgeschichtliche Bedeutung des Sozialismus» (S. 84; s. auch unten S. 357, Anm. 22): «Indem die schweizerische Sozialdemokratie in Gemeinschaft mit den sozialistischen Parteien aller Kulturländer durch das Mittel des Klassenkampfes für die Aufhebung der Klassen und der Klassengegensätze kämpft, um an deren Stelle die Solidarität aller Volksgenossen zu setzen, wird sie mit ihrem Siege auch die nationalen Gegensätze beseitigen und die Solidarität aller Völker herstellen. – Damit erlöst die internationale Sozialdemokratie die Nationen vom Fluche des Militarismus und des Krieges und bringt ihnen mit der Erlösung aus Elend und Sorge auch den Frieden und die Verbrüderung zu gemeinsamer Bebauung und Kultivierung des ganzen Erdballs.»↩
3
Aus dem Schlussabschnitt des SPS-Programms (a.a.O., S. 84) 📖: «Die sozialdemokratische Partei tritt also aus dem Rahmen einer reinpolitischen Partei weit heraus.»↩
4
Vgl. oben S. 161, Anm. 2.↩