Was heißt: Sozialist sein?
WAS HEISST: SOZIALIST SEIN?
Was heißt: Sozialist sein?
- Die Gegner sagen: die Unzufriedenen, Nörgler, Schimpfer
- Die trägen Mitglieder sagen: die Beiträge zahlen, Zeitung halten u. in d. Versammlung gehen.
- Der Vorstand sagt: die fleißig in die Vers[ammlung] gehen, u. bereit sind zum Agitieren etc.
- Die eifrigen Sozialisten: die von der Wahrheit u. Geltung des Programms überzeugt sind u. danach thun.
Das ist Alles wahr, aber das genügt nicht. Es gab am 1. VIII 1914 genug Sozialisten in diesem Sinn in allen Ländern. Aber wo blieb das[,] was im ersten u. letzten Satz des Programms geschildert ist?2
162 Die bisherige gesellschaftl. u. staatl. Ordnung konnte ihre schrecklichste Folge zeitigen: den Weltkrieg
| Die Sozialisten konnten nichts dagegen thun! | ┐ ganz wie |
| Die Sozialisten mußten mitmachen! | ├ beim |
| Die Sozialisten wollten mitmachen!! | ┘ Christentum! |
Es zeigte sich auf einmal: sie sind gar nicht so gefährlich, sie lassen im Grunde schon mit sich markten.
Wir möchten aber diesen Ordnungen gefährlich werden, sonst wollen wir zusammenpacken.
Wo fehlts u. wie solls anders werden?
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Es braucht innerliche Sozialisten, einen Seelen-[,] Gemüts- u. Gewissenssozialismus, der standhält
3 Sterne müssen uns dazu leuchten:
1. Sozialismus bedeutet Gerechtigkeit
Der jetzige Weltzustand bedeutet Ungerechtigkeit, weil willkürliche Herrschaft der unpersönlichen Kapitalsmacht. Unter ihr leiden die «Armen»[,] aber auch die «Reichen». Von ihr muß der Mensch befreit werden, alle Menschen! Sozialismus ist also nicht blos Arbeitersache. Nicht eine Frage des Egoismus. Mit der Gerechtigkeit stellt sich das bessere Los von selbst ein. Am schlimmen Los der Arbeiterklasse mag uns die Not zum Bewußtsein kommen, aber der |163 Stern[,] der uns führt im «Klassenkampf»[,] heißt Menschlichkeit u. nicht bessere Arbeiterverhältnisse.
2. Der Sozialismus siegt durch seine Wahrheit.
Und der politische etc. Kampf? Verhält sich zur soz[ialistischen] Wahrh[eit] wie der Körper zum Geist. «Die Soz[ial]dem[okratie] tritt aus dem Rahmen einer polit[ischen] Partei weit heraus.»3 Die Macht zu gewinnen ist nicht das Wesentliche, nicht ihre Stärke. Sie darf nicht um jeden Preis Macht gewinnen wollen. Sie gewinnt auf die Dauer auch nur dann Macht, wenn sie von jenem tiefern Wollen getragen ist.
3. Der Sozialismus zielt auf den freien Menschen[,] die Persönlichkeit.4 Die soll im «Zukunftsstaat» möglich werden. Dann muß sie aber schon jetzt Hauptsache werden. Menschen, die erlöst sind a) vom Egoismus, b) von den falschen Idealen[,] c) von der Genußsucht des Bürgertums. Nur Erlöste können erlösen.
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Die polit.[,] wirtschaftl. etc. Bemühungen müssen damit Hand in Hand gehen.
- Nicht: zuerst bessere Menschen, dann bessere Zustände
- Nicht: zuerst bessere Zustände, dann bessere Menschen
- Beides mit[-] u. ineinander.
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Was thun? Alles thun, was ein Parteimitglied thun muß um der Erfüll[un]g des Programms zuzustreben. Also nicht anarchistische Sektiererei!
Aber wissen[,] daß es darauf nicht ankommt. Der Inhalt des Sozialismus, der sozialist. Mensch muß stark werden, weniger wichtig ist die Macht.
Pflege des persönlichen Lebens durch Selbstbetrachtung! Lektüre! Natur! Kinder! Kirche! Familienleben. Grundsätze predigen u. anwenden! Freundeskreise. Ohne zu schimpfen u. zu politisieren, sich bestärken u. vertiefen in der Gemeinschaft des inneren Sozialismus.