Religion und Sozialismus
RELIGION UND SOZIALISMUS
Die 1915 etwa 8500 Einwohner zählende Stadt
Die Geschäftsleitung hat für den Winter 1915/16 ein Bildungsprogramm herausgegeben, das 36 Vorträge mit 14 Referenten umfaßt. Es war das erste Mal, daß so vorgegangen wurde, es hat Anklang gefunden, wie aus verschiedenen Zuschriften zu entnehmen war.3
Auf dem Vortragsprogramm ist Barths Name sechsmal aufgeführt, und zwar bei den - dann freilich von ihm nur teilweise behandelten - Themen «Wir Sozialisten und die Andern». «Der Wille Gottes und der Krieg»4, «Was heißt: Ein Christ sein?»5, «Jesus und die Sozialisten»6, «Was hat uns Jesu Bergpredigt zu sagen?», «Das Kreuz Christi und der Sozialismus». Der Vortrag über Religion und Sozialismus wurde angekündigt unter dem Titel «Ist Religion und Sozialismus vereinbar?» und sollte eigentlich von Pfarrer
Religion u[nd] Sozialismus
Vielleicht dient es am Besten zur Einführung in die grosse Sache, die uns heute beschäftigen soll, wenn ich es einfach versuche, Ihnen zu sagen, wie ich dazu komme[,] mich als Pfarrer zum Sozialismus u. zur Sozialdemokratie zu bekennen[,] u. wie ich es meine, wenn ich das thue. Ich lasse dabei alles blos Lokale u. Persönliche bei Seite u. rede nur von dem[,] was sachlich u. innerlich wichtig ist.
Ich bin mit Freuden Pfarrer. Es fällt mir zwar mit jedem Jahr schwerer[,] Pfarrer zu sein, weil ich immer deutlicher einsehe, wieviel Unvollkommenheiten u. wieviel Gefahren dem Pfarrer- u. Kirchenwesen als solchem[,] dem Pfarrer- u. Kirchenwesen aller Bekenntnisse anhaften. Und doch bin ich mit jedem Jahr lieber Pfarrer und wollte u. könnte mit keinem andern Berufe tauschen. Wenn mir das Pfarramt manchmal sauer fällt und wenn ich ihm in gewissen Stunden schon hätte entrinnen mögen, so war u. ist es nicht, weil mir die Sache[,] für die ich mich einsetzen darf, je verleiden oder nebensächlich werden könnte, sondern umgekehrt, weil diese Sache eigentlich viel zu gross u. zu heilig u. schön ist für einen Menschen u. ein menschlich begründetes u. geordnetes Amt, weil es mir eigentlich wie eine Art Anmassung vorkommt, Pfarrer sein zu wollen. Aber das Gleiche, was mir manchmal fast Angst macht vor meinem Beruf, giebt mir dann auch immer wieder Freude daran. Es ist eine grosse, die grösste Sache, für die ich leben darf. Und weil ich mit Freuden Pfarrer bin u. nicht etwa mit offenem od. geheimem Überdruss, bin ich Sozialist u. Sozialdemokrat geworden.8 Ich bin Sozialist geworden aus der Notwendigkeit der grossen Sache heraus, für die ich leben möchte[,] u. nicht etwa, weil ich innerlich irgendwie von dieser Sache, die mir die Hauptsache ist u. bleibt, innerlich ab- u. auf ein Nebengeleise gekommen wäre.
Ich nenne diese Sache nicht gerne «Religion». Die Formulierung des Themas meines heutigen Vortrags: «Rel. u. Soz.» oder: Ist Rel. u. Soz. vereinbar? stammt nicht von mir. «Religion» ist ein sehr schwa|213ches u. noch dazu sehr zweideutiges Wort. Religion ist das fromme Gefühl im einzelnen Menschen, samt der besondern Moral u. dem besondern Gottesdienst, die aus diesem Gefühl hervorgehen, das fromme Gefühl in der Reinheit u. Erhabenheit, die es da u. dort u. zu gewissen Zeiten in jedem von uns erreicht, aber auch in den Schwachheiten u. Träumereien u. offenen Verirrungen, denen es immer wieder u. denen es in uns Allen ausgesetzt ist. Die Sache, um die es sich mir handelt, u. auf die uns die Religion als Gefühl allerdings hinweist, ist etwas Grösseres u. Klareres. Sie ist nicht nur ein Gefühl, mit all den Schwankungen u. Unsicherheiten, denen alle Gefühle ausgesetzt sind, sie ist eine Tatsache. Sie ist die Tatsache, die eigentlich allein diesen Namen verdient, sie ist das einzig Sichere u. Haltbare, das es überhaupt giebt, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht9, sie ist die Tatsache, von der wir Alle im Grunde leben. Die ganze Menschheit lebt von ihr, trotz all der schmerzlichen Irrwege, die sie immer wieder u. immer noch geht. Es leben von ihr die Blumen[,] der Wald u. die Vögel und die fernen Gestirnswelten[,] die über uns ihre wunderbaren Bahnen gehen. Alles Leben strömt aus ihr.10 Wir können sie anerkennen oder wir können sie verleugnen; wir können sie anbeten oder wir können sie in tollem Wahn mit Füssen treten; wir können ihr die Herrschaft über unser Leben einräumen oder wir können es längere oder kürzere Zeit probieren, es ohne sie zu machen. Sie ist u. bleibt, sie geht ihren ruhigen ewigen Gang mit uns oder ohne uns. Sie lebt nicht von uns, aber wir leben von ihr. Was wir Religion nennen, ist nur ein Symptom, ein Anzeichen dieser Tatsache, eine ihrer Spiegelungen in dem sehr unvollkommenen Spiegel der menschlichen Seele, menschlicher Einrichtungen u. Bräuche. Nur ein Symptom unter andern. Das Leben der Natur vor Allem ist überquellend reich an solchen Symptomen. Denken Sie an das Allereinfachste, das schon dem Urmenschen den tiefsten Eindruck machte, an die Sonne, die der hl.
Dieses Grössere ist das Reich Gottes – das R. G.[,] das ist u. kommt. Das ist die klare sichere u. unaustilgbare Tatsache. Für das Reich Gottes möchte ich Pfarrer sein, nicht für die Religion, und im Dienste des Reiches Gottes, nicht im Dienste der Gesellschaft, der Kirche u. des Staates, die die Pflege der Religion wünschen. Das Wort «Gott» giebt vielleicht dem einen oder Andern von Ihnen Anstoss. Aber wir wollen jetzt nicht um Worte streiten, auch um dieses höchste Wort nicht, |215 gerade um dieses nicht. Gott wohnt nicht in Häusern, die von Händen gemacht sind [vgl.
Und doch bin ich Sozialist u. Sozialdemokrat, gerade darum. Gerade darum, weil es mir nicht um die Religion in erster Linie, sondern um Gottes Reich zu thun ist. Ich bin auf eine sehr einfache Weise Sozialist geworden u. ich bin es auf eine sehr einfache Weise. Weil ich an Gott u. sein Reich glauben möchte, stelle ich mich dahin[,] wo ich etwas von Gottes Reich zum Durchbruch kommen sehe. Glauben Sie nicht, dass ich mir dabei vom Sozialismus ein Idealbild zurechtgemacht habe. Ich meine die Fehler des Sozialismus u. seiner Bekenner sehr deutlich zu sehen. Aber noch deutlicher sehe ich in den Grundgedanken, in den wesentlichen Bestrebungen des Sozialismus eine Offenbarung Gottes, die ich vor Allem anerkennen u. an der ich mich freuen muss. Die neue Gesellschaft, die auf den Grundlagen der Gemeinschaft u. der Gerechtigkeit ruht, statt auf den Grundlagen des Faustrechts u. der Willkür, die neue Ordnung der Arbeit im Sinne einer gemeinsamen Tätigkeit Aller u. für Alle statt im Sinne der Ausbeutung durch die Selbstsucht der Einzelnen, die neue Verbindung der Menschen als Menschen über die Schranken der Klassen u. Nationen hinweg statt der Gegensätze[,] die uns jetzt notwendig immer wieder auseinanderreissen – schliesslich der Weg zu diesen Zielen: die |219 einfache Brüderlichkeit oder Solidarität zunächst einmal unter den Armen u. Entrechteten aller Länder – all dieses Neue, das der Sozialismus in das politische u. wirtschaftliche Leben hineinbringt, muss ich als ein Neues von Gott her anerkennen. Ich sehe in diesen Gedanken u. Bestrebungen etwas zum Vorschein kommen von dem Ursprünglichen, Unmittelbaren[,] das wir verloren haben u. nach dem wir uns sehnen, etwas von der eigentlichen Heimat des Menschen, etwas vom Reiche Gottes. Der Sozialismus ist mir trotz seiner Unvollkommenheiten, über die man ganz ruhig u. offen reden kann, eines der erfreulichsten Anzeichen dafür, dass Gottes Reich nicht stille steht, dass Gott an der Arbeit ist. Und darum darf u. kann ich ihm nicht gleichgiltig gegenüberstehen. Darum kann ich die Sozialisten nicht einfach ihrer Wege gehen lassen, sondern ich muss mich zu ihnen stellen, so gut wie ich mich z.B. auch zu den Abstinenten stellen muss aus dem Pflichtgefühl, das mir sagt: dahin gehörst du, wenn es dir mit Gott ernst ist. Durch meine Mitgliedschaft in der
L[iebe] Fr[eunde] Nun habe ich Ihnen eigentlich nicht einen Vortrag gehalten, sondern ein persönliches Bekenntnis abgelegt. Vielleicht haben Sie gemerkt, warum das nicht anders zu machen war u. dass man gerade über diese Frage keine kühl objektiven Referate halten kann. Ich müsste es nun eigentlich Ihnen überlassen, ob Sie sich aus dem[,] was ich Ihnen von mir erzählt habe, einen Vers auf sich selber machen können. Aber vielleicht zürnen Sie mir nicht, wenn ich mich, nachdem ich nun offen von mir geredet, nun auch ebenso offen persönlich an Sie wende, obwohl ich fast niemand von Ihnen kenne. Ich nehme an, es werden unter meinen heutigen Zuhörern im Ganzen 2 Gruppen sein: solche[,] denen ihre Religion etwas wert ist, die aber geneigt sind[,] über den Sozialismus stärker oder schwächer den Kopf zu schütteln[,] u. solche[,] die mit mehr oder weniger Begeisterung im Sozialismus drin stehen[,] deren Kopfschütteln u. Misstrauen dafür der Religion gilt. Ich möchte mir erlauben, jeder dieser beiden Gruppen zum Schluss noch eine Frage mit auf den Weg zu geben.
Zuerst allen denen, denen die Religion, gleichviel in welcher Form[,] teuer ist u. die hieher gekommen sind mit der missbilligenden Verwunderung darüber, dass ein Pfarrer u. überhaupt ein relig[iöser] Mensch unter die Sozialisten gehen könne. Sie möchte ich fragen, wie Sie es nur aushalten können in einer Welt, in der die Herrschaft des Mammon, der Gegensatz der Klassen, der Hass der Nationen, das materielle u. geistige Elend von Millionen u. Abermillionen in Frieden u. Krieg so furchtbare Tatsachen sind? Seht ihr sie nicht oder wollt ihr sie nicht sehen? U[nd] wenn ihr sie seht, was gedenkt ihr dagegen zu thun mit eurer Religion? Ihr antwortet mir: dazu eben haben wir unsre Religion, dass wir den Glauben an Gott haben, der uns tröstet u. uns eine bessere Welt verheisst? Wohl[,] da habt ihr recht, aber nicht |222 wahr, es ist euch ernst damit? nichtwahr[,] ihr versteckt euch nicht hinter dem Glauben? nichtwahr, ihr traut es Gott zu[,] dass er nun wirklich trösten will, dass durch seine Güte wirklich die finstern Mächte[,] die jetzt noch das Leben regieren, gebrochen werden sollen, dass die bessere Welt[,] auf die ihr hofft, nicht auf einem fernen Stern, sondern hier auf der Erde anbrechen soll? Wenn es euch ernst ist mit eurem Glauben, dann dürft ihr die Sozialisten nicht mehr von der Seite ansehen. Dann müsst ihr den Sozialismus verstehen als einen gewaltigen, wenn auch menschlich unvollkommenen Versuch[,] für diese bessere Welt zu arbeiten, einen Versuch, den ihr vor Allem viel mehr achten[,] für den ihr Gott viel mehr danken solltet. Fühlt ihr nichts von der Notwendigkeit, die gerade von der Religion her, wenn sie echt ist, zum Sozialismus hinführt. Warum treten nicht viel mehr fromme Menschen, mit ihrem Glauben, mit ihrem Gebet, mit ihren Hoffnungen hinein in die Reihen der Sozialdemokraten? Warum ist unter uns Christen nicht wenigstens ein bischen mehr Verständnis u. Liebe u. Achtung für das[,] was die Soz[ialisten] wollen, zu finden? Oder sollte am Ende unsre Rel[igion] leiden an dem Mangel an wirklichem Ernst, der Jesus einst zu dem bittern Wort veranlasst hat: Es werden nicht Alle[,] die zu mir Herr, Herr! sagen[,] ins Himmelreich kommen[,] sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel! [
Die andre Frage an meine sozialistischen Freunde, die für intellektuelle Aufklärung, für sozialdemokr[atische] Politik in Gemeinde u. Kanton, für gewerkschaftl[iche] u. genossenschaftl[iche] Arbeit von Herzen u. mit Begeisterung zu haben sind, die aber das[,] was sie als Religion zu kennen meinen, ignorieren oder gar verabscheuen. Sie möchte ich fragen: Wie könnt ihr es nur aushalten in der ungeheuer schweren Arbeit[,] die ihr als Sozialisten zu thun habt für eure Sache, ohne euch um den tiefsten Grund, die tiefste Wahrheit, das tiefste Recht eurer Arbeit u. eurer Sache überhaupt zu kümmern? Ein rechter Sozialist sein[,] das erfordert soviel Charakter, soviel Treue u. Ausdauer, soviel Geduld u. Aufopferungsfähigkeit, dass man es doch eigentlich gar nicht sein kann ohne bewussten innern Anschluss an die grosse Lebenstatsache des Gottesreiches[,] an die ich euch heute erinnert habe. Ich sagte euch vorhin, dass ihr als Sozialisten ohne es zu wissen ein Stück des Werkes Gottes treibt, dass ihr mit eurer Arbeit im |223 höchsten Dienste steht, den es überhaupt giebt. Aber solange ihr das nicht wisst u. nicht wissen wollt, solange raubt ihr euch selbst die beste Freude, die ihr an eurer Sache haben könntet[,] u. die beste Kraft, die ihr dazu so bitter nötig habt. Warum geht es mit dem Sozialismus nicht ganz anders vorwärts? Warum haben wir beim Kriegsausbruch diese offene schwere Niederlage des Soz. erleben müssen? Warum empfinden eure Gegner u. die Parteilosen so wenig von der befreienden herrlichen Wahrheit, die doch in eurem Programm liegt? Warum erscheint so vielen auch ernsthaften Menschen der Soz. nur als ein Gebilde der Selbstsucht u. des Hasses? Warum ist soviel öde Zänkerei u. Stänkerei in unsrer Partei wie in jeder andren? Warum ist das Familienleben u. die Kindererziehung so vieler vieler Sozialdem. genau so schlecht wie in den Häusern der Andern? Warum machen so viele Soz.Dem. die oberflächl[iche] Genusssucht des Bürgertums einfach mit? Warum giebt es nicht mehr ernsthafte, innerlich überzeugte[,] energische[,] unbedingt zuverlässige Kämpfer für den Soz.? Wollt ihr die Schuld an alledem nur euren Gegnern u. den Verhältnissen zuschieben? Oder merkt ihr, dass hier ein Manko vorliegt, ein Manko nicht im Parteiprogramm, nicht in der Organisation, nicht in der Presse, nicht in der Taktik16[,] aber ein Manko an innerem realem Leben, an einem haltbaren geistigen Grund und Boden bei unzähligen einzelnen Genossen, ein Manko[,] das auf die Länge weder bei uns noch bei den Andern ungestraft bleiben kann. Empfindet ihr dieses Manko? Das ists[,] was ich euch mit meinem Bekenntnis fragen wollte. Es war im Grunde nicht das Bekenntnis eines Pfarrers[,] sondern das Bekenntnis eines Menschen. Nicht als Pfarrer[,] sondern als Mensch sage ich auch zu euch, wie zu den Andern: es fehlt euch etwas!
Ich kann nur fragen nach beiden Seiten. Ich kann u. will nach keiner Seite zu Entscheidungen drängen. Man kann sich auf beiden Seiten die Antwort leicht machen. Ich wünsche Ihnen[,] dass Ihnen die Antwort auf beiden Seiten schwer falle. Sie fällt mir auch schwer.