1917

Die Friedensaussichten

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DIE FRIEDENSAUSSICHTEN

1917

Zum Jahreswechsel 1916/17 gab es begründete Hoffnung auf ein baldiges Ende des Weltkrieges. Im Dezember 1916 hatten die Mittelmächte in einer gemeinsamen Note ihren Willen zum Frieden erklärt. Gleichzeitig brachte der amerikanische Präsident Wilson die Friedensdiskussion in Gang, indem er die kriegführenden Nationengruppen aufforderte, ihre Kriegsziele bekanntzugeben. Es zeigte sich jedoch, dass die Zeit für einen Frieden noch nicht reif war; der Krieg nahm im Januar sogar deutlich schärfere Formen an. In dieser Situation hielt Barth vor dem Arbeiterverein Safenwil seine Vorträge über «Die Friedensaussichten» und «Die politische Lage» (s. unten S. 344–348). – Aus einem Brief Barths an seine Mutter vom 25.2.19171:

Alle Dienstage habe ich Arbeitervereins-Sitzung, wo ich den Mannen wunderbare politische Reden halte, Bethmann-Hollweg und Lloyd George samt Wilson weit überblickend. Alle Mittwoche ist jetzt wieder Bibelstunde über Gleichnisse Jesu, die Thurneysen und ich neu ‹verstanden› haben!! Dafür habe ich nur noch alle 14 Tage Blaues Kreuz, und diese Sache droht, mit der Zeit ganz einzuschlafen. Die Leute haben einfach kein rechtes Interesse dafür u. ich im Grunde auch nicht.

Die Friedensaussichten

A[rbeiter-]V[erein] 30. I 17

a) Die Friedensangebote

Das deutsche. Guter Wille. Notwendigkeit. Politik. Böse Form2

311 Das amerikanische[.]3 Interesse. Humanität. Böse Verbindung

Das schweizerische gut, aber zu sehr politisch klug in der Wahl des Moments u. in Anlehnung an Amerika4

b) Friedensaussichten. Volksstimmung in Österreich5 und Italien6!

312 Sozialisten in Frankreich.7 Stellung der deutschen Presse zur schweiz[erischen] Note.8 Langes Schweigen der Ententeregierungen |313 (3 Wochen an Deutschland, 3 Wochen an Wilson).9 Opposition 352:41 in Italien10

c) Symptome der Verschärfung

Der siegreiche Feldzug in Rumänien.11 Königreich Polen.12

Haltung der Ententepresse u. Regierungen (in Deutschland nur die rechtsstehende Opposition)13

Innere Vorkehren (Lloyd George u. s[ein] Kriegsrat14, Ermordung |314 Rasputins15, Konferenz in Rom16, Anleihen, Zivildienstpflicht in D[eutschland]17)

Äußere Maßnahmen[.] General Nivelle18, Angriff auf Griechenland19, Verdunoffensive 15.XII.20, Schweizerneutralität21, Mobilisation22

315 Haltung d. Neutralen (Schweiz – Spanien, Holland)23

Moralisches. Sozialisten in engl. Minist[erium]24, Empfindungen d. Entente gegenüber Wilson25, französ. u. deutsche Sozialisten26, Lloyd |316 George. B. N. 64927

d) Ergebnis[.] Nur guter Wille u. Demut, nur der Wille der Völker könnte retten!

Sachfußnoten

1
KBA 9217.6.↩
2
Gemeint ist das Friedensangebot der Mittelmächte vom 12.12.1916. Es wurde in der Presse der neutralen Länder, z.B. der Schweiz, allgemein als Zeichen des guten Willens gewertet, auch wenn es inhaltlich zum Teil scharf kritisiert wurde. Die «böse Form» beruhte auf General Ludendorffs Forderung, in der Note jeden Eindruck einer Schwäche auszuschließen. So enthält die Note Sätze wie: «Österreich-Ungarn und seine Verbündeten: Deutschland, Bulgarien und die Türkei, haben in diesem Kampfe ihre unüberwindliche Kraft erwiesen. Sie haben über ihre an Zahl und Kriegsmaterial überlegenen Gegner gewaltige Erfolge errungen. Unerschütterlich halten ihre Linien den immer wiederholten Angriffen der Heere ihrer Feinde stand» (BN, Jg. 72, Nr. 634 vom 13.12.1916 [2. Blatt], S. [1] 📖). Gleichzeitig mit dieser Note erließ Kaiser Wilhelm II. einen Tagesbefehl an die deutsche Armee, in dem er erklärte, dass das Friedensangebot «im Gefühle des Sieges» der deutschen Truppen und ihrer Verbündeten unterbreitet worden sei (ebd.); kurz zuvor war Rumänien unterworfen worden (vgl. unten S. 313, Anm. 11).↩
3
Gemeint sind die Friedensbemühungen des amerikanischen Präsidenten Wilson vom 21.12.1916. Zu den folgenden Stichworten Barths vgl. unten Politische Lage, S. 344–348.↩
4
Gemeint ist eine Note des Schweizerischen Bundesrates vom 22.12.1916, die mit dem Satz schließt: «Der schweizerische Bundesrat ergreift daher freudig die Gelegenheit, die Bestrebungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu unterstützen; er würde sich glücklich schätzen, wenn er in irgend einer auch noch so bescheidenen Weise für die Annäherung der im Kampfe stehenden Völker und die Errichtung eines dauerhaften Friedens tätig sein könnte» (BN, Jg. 72, Nr. 655 vom 24.12.1916 [2. Blatt], S. [2] 📖).↩
5
In der österreichischen Bevölkerung machte sich seit dem Winter 1916/17 eine vor allem von ungenügender Lebensmittelversorgung bedingte Kriegsmüdigkeit bemerkbar. Sogar die Armee an der Isonzofront gegen Italien litt unter Hunger. In Wien fand am 30.12.1916 eine große sozialdemokratische Friedensversammlung statt, der im Lauf des Januar 1917 mehrere andere, auch bürgerliche Friedensdemonstrationen in der österreichischen Hauptstadt folgten. Auf der Versammlung am 30.12.1916 hielt der Sozialdemokrat Victor Adler eine Rede, in der er u. a. sagte (Basler Vorwärts, Jg. 20, Nr. 3 vom 4.1.1917, S. 2 📖): «Europa ist ausgeblutet und es ist beinahe wie bei einem Brand, der ausgetobt hat und kein Objekt mehr findet, um weiter zu wüten. Europa ist zu Rande, der Krieg brennt ab, erlischt, weil nichts Brennbares mehr da ist. [...] Die Sehnsucht nach dem Frieden war ja immer da, aber etwas anderes ist es, aus der Sehnsucht einen Willen zu machen, aus dem Wunsche eine bewegende Kraft.»↩
6
Italien war 1915 von Großbritannien zum Kriegseintritt bewegt worden und hegte große Erwartungen hinsichtlich Gebietsgewinnen gegenüber Österreich. Der Kriegsverlauf hatte diese Erwartungen eher enttäuscht. Im Dezember 1916 / Januar 1917 kam es zur Rationierung von Kohlen, Brot und Fleisch. Die Volksstimmung gab vielleicht am treffendsten der sozialistische Abgeordnete Lucci wieder, der in einer parlamentarischen Rede gegen Außenminister Sonnino u. a. sagte (Basler Vorwärts, Jg. 19, Nr. 296 vom 17.12.1916, S. 3 📖): «Die Menge Ihrer diplomatischen Mißerfolge, die den militärischen Mißerfolgen die Hand reichen, lassen das Volk über die Gründe unseres Kriegseintritts nachdenken. [...] Mit welch trügerischen Worten haben Sie Italien in den Krieg hineingelockt. Wie falsch stellten Sie die Lage Österreichs dar, das nach Ihnen bereits dem Untergange geweiht war. Wissen Sie, was Italien heute droht? Daß es zwischen die beiden Kolosse Deutschland und Rußland gerät und zerrieben wird. Wie dachte sich die Regierung eigentlich die Folgen unseres Kriegseintrittes? Wehe, wenn die Soldaten in den Schützengräben draußen die Dinge erfahren werden. Für uns reihte sich Enttäuschung an Enttäuschung. So kann es nicht fortgehen.»↩
7
Ende Dezember 1916 hatte ein fünftägiger Kongress der französischen Sozialisten stattgefunden. Wichtigstes Ergebnis neben dem Beschluss, die internationalen Beziehungen zu den sozialistischen Parteien der feindlichen Staaten nicht wiederaufzunehmen, war eine Stellungnahme zum Friedensangebot der Zentralmächte, in der es hieß (Basler Vorwärts, Jg. 19, Nr. 305 vom 29.12.1916, S. 1 📖): «Die Partei stellt fest, daß die Note der Zentralmächte keinen wahrhaften Friedensvorschlag darstellt. Sie enthält keine genauen Angaben für einen Gesamtfrieden, die allein erlauben würden, über die Bedeutung zu urteilen, die der feindlichen Initiative beigemessen werden muß. [...] Die Alliierten müssen für ihre eigenen Friedensbedingungen eine einheitliche Auffassung festlegen, die nicht weniger unerläßlich ist, als die Einheit in der militärischen Aktion. Diese einheitliche Auffassung können sie in ihren Antworten auf die Noten der Schweiz und der Vereinigten Staaten [...] bekunden. [...] Als Antwort müssen die Alliierten den eklatanten Beweis erbringen, daß sie im Jahre 1914 die Katastrophe vermeiden wollten, indem sie Vermittlungs- und Schiedsgerichts-Verhandlungen vorschlugen, die aber abgewiesen wurden, [und] nun bereit sind, den Krieg unter der Bedingung zu beenden, daß von den Zentralmächten richtige Entschädigungen gewährt werden und daß Garantien für einen organisierten und dauerhaften Frieden geschaffen werden.» Und in einer anderen Stellungnahme hieß es (Basler Vorwärts, Jg. 19, Nr. 306 vom 30.12.1916, S. 2): «Der Kongreß verlangt [...] von der Regierung eine energischere Politik in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht, damit bei Aufbietung aller nationalen Kräfte das Ende des Krieges so nahe als möglich herangerückt werde.» – Der Basler Vorwärts kommentierte in seiner Ausgabe vom 29.12. (Jg. 19, Nr. 305, S. 1) die Voten des Kongresses mit dem Satz: «Die französischen Sozialisten [...] haben vor der öffentlichen Meinung Frankreichs kapituliert.»↩
8
Die Note wurde begrüßt. So schrieb z.B. die Vossische Zeitung am 27.12.1916: «Wenn die weiter zu erwartenden neutralen Noten in einer ähnlichen Tonart abgefaßt sind wie die schweizerische, so werden sie bei uns einem sympathischen Verständnis begegnen. Die Schweizernote atmet die Ehrlichkeit jener wahren Neutralität, die die Schweiz während des ganzen Krieges ausgezeichnet hat» (BN, Jg. 72, Nr. 659 vom 28.12.1916 [1. Blatt], S. [2] 📖).↩
9
Auf die Friedensnote der Zentralmächte vom 12.12.1916 hatte die Entente erst am 30.12.1916 geantwortet (BN, Jg. 72, Nr. 666 vom 31.12.1916 [2. Blatt], S. [1] 📖). Auf das Wilsonsche Vermittlungsangebot vom 21.12.1916 antworteten die Mächte der Entente gemeinsam am 10.1.1917.↩
10
Das italienische Parlament billigte am 19.12.1916 mit 352 zu 41 Stimmen den Vorschlag von Außenminister Sonnino, das Friedensangebot der Zentralmächte nicht zu akzeptieren. Sonnino hatte zuvor in einer Rede vor dem Parlament den «prahlerische[n] Ton» und den «Mangel an Ernst» in der Note gerügt (Basler Vorwärts, Jg. 19, Nr. 298 vom 20.12.1916, S. 2 📖).↩
11
Rumänien war am 23.8.1916 in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn eingetreten und wurde bereits im Spätherbst von der deutschen Armee besetzt; am 6.12.1916 fiel Bukarest.↩
12
Die Mittelmächte dachten Polen für die Zukunft die Rolle eines Pufferstaates zwischen sich und Russland zu. Am 5.11.1916 wurde von Deutschland und Österreich, ohne polnische Mitwirkung, ein «Königreich Polen» proklamiert (BN, Jg. 72, Nr. 564 vom 5.11.1916 [2. Blatt], S. [1] 📖; Nr. 565 vom 6.11.1916 [1. Blatt], S. [1]).↩
13
Die Wilson-Initiative hatte die Kriegszieldiskussion in Gang gesetzt. Durch das Scheitern der Friedensbemühungen im Januar 1917 verhärtete sie sich bei allen kriegführenden Parteien; überall setzten sich die Kräfte durch, die den militärischen Sieg über den Gegner forderten.↩
14
Lloyd George hatte am 7.12.1916 die englische Regierung übernommen. Er baute das von seinem Vorgänger Lord Asquith übernommene Doppelsystem, dem zufolge innerhalb des Kabinetts ein besonderes War Council tätig wurde, zu einem fünfköpfigen War Cabinet aus, das unter den erhöhten Anforderungen der letzten beiden Kriegsjahre zum entscheidenden Instrument der britischen Regierung wurde.↩
15
Grigorij Rasputin (1871–1916), ein aus dem sibirischen Bauerntum stammender, als Mönch auftretender Wundertäter, war seit 1907 Berater der Zarin und erhielt so einen bedeutenden politischen Einfluß. Er galt als Gegner der herrschenden Militärpartei. Seinem Einfluss wurde es zugeschrieben, dass Russland im Balkankonflikt Österreich nicht den Krieg erklärt hatte. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges war er ausgeschaltet gewesen, weil er sich in Sibirien von den Folgen eines Attentates erholte. Seine Ermordung am 17.(30.)12.1916 galt als Hinweis darauf, dass sich Russland den einsetzenden Friedensbemühungen der Zentralmächte und der Neutralen verweigern würde. ↩
16
Vom 4. bis 7. Januar 1917 trafen die Regierungschefs Italiens, Englands und Frankreichs in Rom zusammen, um einen gemeinsamen Oberbefehl für ihre Streitkräfte einzurichten, ihre Versorgungsprobleme zu diskutieren, auch um eine gemeinsame Antwort auf die Wilson-Botschaft zu formulieren.↩
17
Am 7.4.1916 war in Deutschland eine vierte, am 8.10.1916 eine fünfte Kriegsanleihe aufgenommen worden. Am 2.12.1916 wurde im Reichstag ein Dienstpflichtgesetz verabschiedet, dem zufolge alle männlichen Personen vom 15. bis zum 60. Lebensjahr zum öffentlichen Dienst und zu jeder Organisation der Kriegswirtschaft herangezogen werden konnten. Gleichzeitig sollten alle Fünfzehnjährigen zu einer vormilitärischen Ausbildung eingezogen werden können.↩
18
Am 12.12.1916 wurde General R. Nivelle zum Oberkommandanten der französischen Nord- und Nordostarmee ernannt (BN, Jg. 72, Nr. 634 vom 13.12.1916 [2. Blatt], S. [3] 📖; Nr. 638 vom 15.12.1916 [2. Blatt], S. [3]).↩
19
Griechenland war offiziell neutral, neigte aber den Zentralmächten zu. Am 1.12.1916 kam es zu Übergriffen griechischer Armeeeinheiten gegenüber Marineeinheiten der Entente, die in Athen stationiert waren. England verhängte darauf eine Seeblockade über Griechenland, und Frankreich setzte Marineeinheiten zu Land in Bewegung. Griechenland wurde gezwungen, seine Armee auf die Peloponnes zurückzuziehen, um auf dem Balkan nicht in den Krieg auf Seiten Bulgariens eingreifen zu können (BN, Jg. 72, Nr. 640 vom 16.12.1919 [2. Blatt], S. [3] 📖; Jg. 73, Nr. 16 vom 10.1.1917 [2. Blatt], S. [2f.]).↩
20
Die große Schlacht um die Festung Verdun tobte vom 21.2. bis zum 11.7.1916. Am 24.10. wurde ein erster lokaler französischer Gegenangriff bei Verdun geführt, bei dem die Forts von Douaumont und Vaux zurückerobert werden konnten. Am 15.12.1916 wurde ein zweiter Gegenangriff begonnen.↩
21
In der Presse der Entente wurde im Januar 1917 über Wochen hinweg die Möglichkeit eines deutschen Neutralitätsbruchs der Schweiz gegenüber diskutiert.↩
22
Am 16.1.1917 hatte der Schweizerische Bundesrat für den 24.1. eine Teilmobilisation der Armee angeordnet.↩
23
Die Schweiz, Spanien und die Niederlande besaßen besonderes Ansehen als neutrale Staaten. Ein Teil der Friedensnoten, die im Dezember 1916 und Januar 1917 ausgetauscht wurden, wurden nicht nur über die diplomatischen Vertretungen der USA, sondern auch über die der drei genannten Länder gewechselt. Die Friedensinitiative Wilsons traf in der Schweiz auf freudige Zustimmung (s. oben S. 311, Anm. 4); Spanien und die Niederlande verhielten sich demgegenüber ablehnend, sie konnten eine aktive Vermittlerrolle nicht mit ihrer strikten Neutralität vereinbaren.↩
24
Der Führer der gemäßigten Labour Party, Arthur Henderson, wurde ins engere Kriegskabinett berufen, als Lloyd George 1916 Premierminister wurde. Am 11.12.1916 erklärte er in einer Rede in London, daß er wünsche, «der ganzen Welt die Gefahr eines verfrühten Friedens darlegen zu können. [...] Mögen die Amerikaner und andern Neutralen alle ihre Anstrengungen vereinigen um eine Liga für das Schiedsgerichtsprinzip zu schaffen: ich unterstütze sie gerne, aber nicht jetzt. Wir sind im Kriege. Vergebliche Diskussionen über den Frieden bei einem wenig skrupelvollen Feinde geraten in Gefahr, eine Erneuerung des ganzen Kampfes hervorzurufen. Wir wollen keinen Frieden mit dem Zustande in dem sich gegenwärtig Belgien, Frankreich, Serbien und Rumänien befinden. Wir wollen keinen unehrenhaften Frieden, aber einen dauerhaften, starken Frieden, der gegründet ist auf das Recht und die Ehre der Nationen» (BN, Jg. 72, Nr. 634 vom 13.12.1916 [2. Blatt], S. [3] 📖).↩
25
Erste Reaktionen in der Entente-Presse wiesen die moralische Gleichstellung mit den Zentralmächten, die in den Peace-without-Victory-Vorstellungen des Präsidenten lag, energisch zurück (BN, Jg. 72, Nr. 655 vom 24.12.1916 [2. Blatt], S. [1f.] 📖).↩
26
Die deutschen und französischen Sozialisten waren mit Ausbruch des Krieges mehrheitlich von Kriegsgegnern zu Kriegsbefürwortern geworden. Die Kriegszieldiskussion der Jahreswende 1916/17 zeigte die Größe der Kluft, die zwischen den beiden Schwesterparteien entstanden war. Während die französischen Sozialisten sich auf einem Kongress für die energische Fortsetzung des Krieges einsetzten (s. oben S. 312, Anm. 7) und die Wiederaufnahme der Beziehungen zur SPD ablehnten, bis die Haltung der deutschen Sozialisten bei Kriegsausbruch geklärt sei, sagte der deutsche Sozialistenführer Philipp Scheidemann in einer Rede am 4.1.1917 (Basler Vorwärts, Jg. 20, Nr. 4 vom 5.1.1917, S. 2f. 📖): «Die Entente fordert in ihrer Antwort [auf die Friedensnote der Zentralmächte] die Räumung der besetzten Länder, erst dann könnten Verhandlungen stattfinden. Wir könnten demgegenüber auch erst die Räumung unserer Kolonien fordern und die freie Bahn für unsere Schiffe im Weltverkehr. Die Antwort der Entente ist daher so deutlich ablehnend wie nur möglich. Die deutschen Sozialisten haben es daran nicht fehlen lassen, ihre Regierung in der Bereitschaft, Frieden zu schließen, vorwärts zu treiben. Mögen nun die französischen und anderen Sozialisten auch ihre Schuldigkeit tun. Wir wollen uns gewiß nicht unter preußisch-junkerliche Vormundschaft stellen, aber noch weniger unter englisch-russische Knechtschaft. Wenn die anderen den Kampf durchaus wollen, so müssen wir ihn durchkämpfen bis zum äußersten. Nur so kommen wir vom Weltkrieg zum Weltfrieden.»↩
27
Die BN druckten am 21.12.1916 (Jg. 72, Nr. 648, 1. Blatt, [S. 1–3]; Nr. 649, 2. Blatt, S. [2f.] 📖) eine Rede Lloyd Georges vor dem Unterhaus ab, in welcher dieser die «moralischen» Motive seiner Politik ansprach: «Dieser Krieg ist ein Kampf für das Völkerrecht, für die Ehre, für die internationale bona fides.» Ein Triumph Preußens wäre ein Triumph der Gier und eine Zerstörung des internationalen Gewissens und der Gerechtigkeit in der Welt. «Deshalb habe ich seit Beginn des Krieges ein einziges politisches Ideal gekannt [...]: Die Rettung der Menschheit von der fürchterlichsten Katastrophe, die sie jemals in ihrem Wohlergehen bedroht hat» (a.a.O., Nr. 649, S. [3]).↩