1917

Politische Lage

344

POLITISCHE LAGE

1917

Der Bericht zählt zu den Referaten, von denen Barth im Blick auf seine Beteiligung im Arbeiterverein am 25. März 1917 an Thurneysen schreibt1: «Bei allem Mangel an Umsicht und Klugheit, der bei diesen Leuten herrscht, ist da doch, nicht durch ihr Verdienst, aber sachlich ein ‹Geruch des Lebens zum Leben› [vgl. 2.Kor. 2,16], sodaß ich immer wieder gern meine Beiträglein bringe, so gut das unsereins kann.» Ein besonderes Echo zu diesem einzelnen Vortrag liegt nicht vor.

Politische Lage

23. I - 13. II 17

Botschaft Wilsons an den Senat 23. I2

Bericht über den Erfolg der Aktion vom Dezember.3 – Die Menschheit muß beim kommenden Frieden mitzureden haben, vor Allem Amerika!

345 Der Friede muß dauernd werden. Nicht Gleichgewicht, sondern Gemeinsamkeit, nicht Rivalität sondern Friede.

Garantien für die Rechte kleiner Staaten. Selbstbestimmungsrecht der Völker. Freier Zugang zum offenen Meer. Beschränkung der maritimen Rüstung. Jedem Volk seine Politik, aber nicht mehr! Keine Bündnispolitik mehr

Darum Friede ohne Sieg

Glaubt im Namen von Amerika u. d. ganzen Menschheit zu sprechen!

Das Echo darauf     a) italien. u. französ. Sozialisten im Parlament!4

b) So meinen wirs auch und der Gegner soll sich betroffen fühlen

c) Aber Friede ohne Sieg? nein Züchtigung des Feindes im Namen der Gerechtigkeit. Überwindung des Militarismus auf dem Schlachtfeld. – Wunderschön[,] aber was thun die Andern, bis dahin das Schwert!

346 d) Idealismus für Europa, Realismus für Amerika. Amerikas Haltung in eigenen [?] Kriegen! Warum bei Belgien stumm? Lösung nicht durch transatlantische Philosophie zu erwarten. Wir verbitten uns die Einmischung. Amerika sucht seinen Vorteil u. will Europa bevormunden.5

Der verschärfte deutsche U-bootkrieg

Neutrale sollen sich englische Blockade gefallen lassen.6 Deutschland baute Gegenmittel nicht aus, mußte mit stärkerm Widerstand rechnen, eventuell mit der Feindschaft der Neutralen. Deshalb Zurückhaltung der Reichsleitung bis jetzt.7

Frage: Hielt die Reichsleitung zurück, um den Frieden nicht zu verunmöglichen u. gab jetzt widerwillig nach? Oder waren die Friedensangebote berechnet zur Rechtfertigung dieses Schrittes?

347 Ein Zusammenhang besteht sicher. Im Übrigen: Mittel jetzt bereit8, wirtschaftl. Lage im Ausland kritisch9, die Front steht

Der Bruch zwischen Deutschland u. Amerika

Das Vorspiel Im April 16 der Sussexfall. Drohende amerik. Note vom 20. IV 16[.] Deutsche Konzessionen u. Gegenbedingung vom 4. V 16[.] Ablehnung der letztern am 10. V 16

Die Tatsachen Die deutsche Erklärung vom 1. II 17[.] Abbruch von Seiten Amerikas 4. II 1710

348 Amerikanische Aktion bei den Neutralen 5. II

Aufforderung zum Bruch mit Deutschland im Interesse des Friedens.11 Seltsame Fortsetzung der transatlantischen Philosophie – u. wiederum bequeme Politik

Zustimmung nur bei Brasilien u. Bolivien! Protesterklärung von Spanien, Holland, Schweiz, Schweden, Norwegen.12 Aber überall schweigende od. ausdrückl. Ablehnung des Mitgehens.

B[undes-]R[at]:   Neutralitätsvertrag von 1815

«Überzeugung»

Geograph. Lage13

War Wilsons Vorgehen ein mißlungener Versuch, Andre die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen?

Oder eine Abtastung der Möglichkeiten, die der Krieg verhindern wird?

Sachfußnoten

1
Bw.Th.I, S. 186 📖.↩
2
Es handelt sich um die berühmte Peace-without-Victory-Rede vom 22.1.1917 vor dem Senat der USA. Sie erschien am 23.1.1917 im Wortlaut in den BN, Jg. 73, Nr. 40 vom 23.1.1917 (2. Blatt), S. [2] 📖. Barth fasst im folgenden einige der wichtigsten Überlegungen Wilsons für eine Welt-Friedensordnung zusammen.↩
3
Am 12.12.1916 hatten die Zentralmächte ihre Verhandlungsbereitschaft zur Herstellung eines Friedens erklärt, die Note aber ohne nähere Vorschläge gelassen, so dass sie bei den Ententemächten ohne Widerhall blieb. Am 18.12.1916 bot sich Präsident Wilson als «ehrlicher Makler» zwischen den Kriegsgegnern an. Er forderte die kriegführenden Staaten auf, ihre jeweiligen Kriegsziele öffentlich bekanntzugeben, um so eine zwischen allen Parteien zu führende Diskussion zu eröffnen. Die alliierten Mächte nahmen in ihrer Antwort vom 10.1.1917 Wilsons Vorschlag vom 18.12. hinsichtlich der Erklärung der Kriegsziele auf, lehnten allerdings die Konzeption eines Friedens ohne Sieg und die darin enthaltene moralische Gleichstellung von Entente- und Zentralmächten ab. In der Antwortnote der Zentralmächte wurde der Vorschlag Wilsons vom 18.12., als Vermittler zu wirken, begrüßt, Kriegsziele wurden aber nicht genannt. In seiner Rede vom 22.1.1917 entwickelte Wilson dann Gedanken für eine künftige Friedensordnung und kündigte zugleich die Absicht des Volkes der USA an, «daß es seine Autorität und seine Macht der Autorität und der Macht der andern Nationen beifügt, um einen Frieden der Gerechtigkeit in der Welt zu gewährleisten» (BN, ebd. 📖) ↩
4
Am 27.1.1917 berichteten die BN über die französischen Sozialisten (Jg. 73, Nr. 48 [2. Blatt], S. [3] 📖): «Die Kammergruppe der geeinigten Sozialisten, die 89 Mitglieder zählt, nahm vormittags eine Tagesordnung an, die die Botschaft Wilsons freudig begrüßt und erklärt, daß die Auffassung von einem nicht auf die Macht der Waffen, sondern auf dem freien Willen der Völker, dem Erbe der französischen Revolution, gegründeten Frieden das Grundgesetz der zivilisierten Welt werden müsse. Die Tagesordnung protestiert gegen die imperialistischen Bestrebungen und fordert die französische Regierung auf, ihr Einverständnis mit den Worten Wilsons klar auszusprechen. Sie fordert zum Schlusse die Vertreter aller kriegführenden Nationen auf, zur Sicherung der Zukunft einer friedlichen Zivilisation einen Druck auf die führenden Persönlichkeiten auszuüben, damit versucht werde, den edlen Vorschlag Wilsons in gutem Glauben zu verwirklichen.» – Am 2.2.1917 meldeten die BN, Jg. 73, Nr. 58 (1. Blatt), S. [3], über «eine neue Friedensmotion der parlamentarischen Sozialisten» Italiens: «Die Motion erblickt in Wilsons Botschaft an den Senat die Grundlagen, auf denen der Friede angeknüpft werden sollte.»↩
5
Die Punkte b und c geben das Echo der kriegführenden Parteien auf die Rede Wilsons vom 23.1. wieder, soweit es sich um ein positives Echo handelte, und zwar b und c1 die Reaktion der Ententemächte, b und c2 die Reaktion der Zentralmächte. Der Punkt d) gibt das negative Echo der kriegführenden Parteien wieder; bis zu den Worten «Warum bei Belgien stumm?» dürfte es sich um das negative Echo von Seiten der Ententemächte handeln; das Folgende lässt sich aus deutschen Tageszeitungen belegen, die der Basler Vorwärts am 25.1.1917, Jg. 20, Nr. 21, S. 1f. 📖, zitiert: «Die Frage der Rüstungsbeschränkungen kann nicht durch philosophische Ideen gelöst werden, sie wird immer eine rechnerische Frage bleiben» (Berliner Tageblatt); «Das Philosophieren in diesem Augenblicke überlassen wir dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, der nicht in einem Kampf auf Leben und Tod steht, und wir hoffen, daß der deutsche Siegeswillen sich nirgends von der Blässe transatlantischer Gedanken ankränkeln läßt» (Deutsche Tageszeitung); «wir müssen es entschieden zurückweisen, den amerikanischen Präsidenten als Gestalter der europäischen Karte anzuerkennen und uns vorschreiben zu lassen, daß wir diesen Krieg ohne Sieg zu beendigen haben» (Vossische Zeitung).↩
6
England hatte bei Kriegsausbruch 1914 die Nordsee zum Kriegsgebiet erklärt und damit über Deutschland die Blockade verhängt. Seit 1916 wurden auch neutrale Schiffe von England kontrolliert, für die Mittelmächte bestimmte Waren wurden beschlagnahmt, ohne Widerspruch der neutralen Mächte.↩
7
Die deutsche Marine war in den ersten Kriegsjahren eher zögernd eingesetzt worden. 1915 hatte schon einmal ein U-Bootkrieg begonnen; dieser wurde aber nach der Versenkung des englischen Passagierdampfers «Lusitania» am 7.5.1915, der sowohl Munition als auch etwa 1200 Passagiere, darunter 139 Amerikaner, an Bord hatte, auf den Einspruch der USA hin eingestellt.↩
8
Der fortgesetzte deutsche U-Bootbau erweckte bei der Marineführung große Hoffnungen auf eine deutsche militärische Überlegenheit. Schon im Winter 1916 sprach die Marineleitung gegenüber der politischen Führung des Deutschen Reiches die Garantie aus, dass England innerhalb von sechs Monaten friedenswillig gemacht werden könne, wenn die politische Führung einen unbeschränkten U-Booteinsatz gestatte. Reichskanzler Th. von Bethmann Hollweg zögerte jedoch, um seinen Versuch, einen Verständigungsfrieden zwischen den Mächten zu erreichen, fortführen zu können. Vgl. auch zum folgenden Mommsen, a.a.O. (s. oben S. 64, Anm. 22), S. 646–664 📖.↩
9
Der U-Boot-Handelskrieg hatte wirtschaftliche Folgen außer für die Neutralen auch für England und Frankreich gezeitigt. In Russland war die wirtschaftliche Situation aufs äußerste angespannt: eine der Voraussetzungen für die Februarrevolution 1917. Aber auch Deutschland erlebte den «Steckrübenwinter» 1916/17.↩
10
Am 24.3.1916 wurde das französische Handelsschiff «Sussex» mit Privatpassagieren verschiedener Nationalität von einem deutschen U-Boot versenkt. Präsident Wilson stellte daraufhin ein Ultimatum an die deutsche Regierung. Am 20.4.1916 erklärte er vor dem Kongress, der von Deutschland geführte U-Boot-Krieg missachte alle internationalen Grundsätze in Bezug auf unbewaffnete Handelsschiffe; versenkt wurde ohne Warnung und ohne Möglichkeit der Rettung von Passagieren. Damit würden auch alle Grundsätze der Menschlichkeit verletzt. Die deutsche Reichsregierung erklärte daraufhin ihre Bereitschaft, die U-Bootfrage dem Schiedsspruch des Königs von Spanien, als Instanz einer neutralen Macht, zu unterbreiten und künftig die völkerrechtlichen Normen einzuhalten, sofern die USA auch England zur Einhaltung der Regeln veranlassten. Am 10.5.1916 wies Wilson diese deutschen Vorschläge zurück und erklärte, das Deutsche Reich künftig haftbar machen zu wollen für ähnliche Vorkommnisse. Am 23.1.1917 hatte er in seiner Peace-without-Victory-Rede darauf hingewiesen, dass die Freiheit der Meere der Grundstein des Friedens werden müsse. Als am 1.2.1917 Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber den USA und den neutralen Staaten die Verschärfung des U-Boot-Krieges verkündeten, brachen am 3.2.1917 die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab.↩
11
Am 4.2.1917 lud Präsident Wilson die Regierungen aller neutralen Staaten ein, sich dem Schritt der USA anzuschließen und die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland abzubrechen. Dem schweizerischen Bundesrat ging die amerikanische Note ebenfalls zu (BN, Jg. 73, Nr. 65 vom 6.2.1917 [1. Blatt], S. [3] 📖).↩
12
Die Ablehnung der amerikanischen Note durch die genannten Staaten schloss den Protest gegen die von Deutschland erklärte Verschärfung des U-Boot-Krieges ein; vgl. BN, Jg. 73, Nr. 70 vom 8.2.1917 (2. Blatt), S. [2f.] 📖; Nr. 71 vom 9.2.1917 (1. Blatt), S. [2]; Nr. 72 vom 9.2.1917 (2. Blatt), S. [2]; Nr. 75 vom 11.2.1917 (1. Blatt), S. [3].↩
13
Mit Verweis auf das auf dem Wiener Kongress am 20.3.1815 deklarierte Prinzip immerwährender schweizerischer Neutralität antwortete der Bundesrat: «Die Ereignisse während des gegenwärtigen Krieges haben den Bundesrat in seiner Überzeugung von der Notwendigkeit der Einhaltung einer strikten und loyalen Neutralität bestärkt und den Beweis geleistet, daß heute wie im Jahre 1815 die Unverletzlichkeit und Unabhängigkeit der Schweiz im wahren Interesse der Politik Europas liegen. [...] Der Bundesrat darf auch die Aufmerksamkeit von Präsident Wilson auf die einzigartige geographische Lage der Schweiz lenken, die von allen Seiten von kriegführenden Staaten eingeschlossen ist und mit Sicherheit zum allgemeinen Kriegsschauplatz werden müßte, sobald sie aus ihrer Neutralität heraustreten würde» (BN, Jg. 73, Nr. 75 vom 11.2.1917 [1. Blatt], S. [3] 📖).↩